Attica Locke – „Heaven, My Home“

„Hopetown ist eine Erinnerung, eine Fantasie von etwas, das längst verschwunden ist.“ 

Nie waren die USA so gespalten wie in den vier Jahren, als Donald Trump Präsident des Landes war. Der tiefe Riss durch die Bevölkerung, die Unruhen und die gewalttätigen Konflikte zwischen Weißen und Schwarzen sowie die Diskriminierung Andersfarbiger haben zuletzt immer wieder die Nachrichten und politischen Diskussionen, zuletzt sogar die Vereidigung des aktuellen Präsidenten Joe Biden bestimmt. Der meisterhafte Roman „Heaven, My Home“ der preisgekrönten Schriftstellerin und Drehbuchautorin Attica Locke führt in die Tage, kurz nachdem Trump die Wahl gewonnen hat. Attica Locke – „Heaven, My Home“ weiterlesen

Im Duett #2: Janet Lewis – „Verhängnis“ & „Der Mann, der seinem Gewissen folgte“

„Er dachte: die Vergangenheit ist nie tot.“

In der Literaturgeschichte stößt man häufiger auf den interessanten Fall, dass ein Buch zur Entstehung eines anderen führte. Im Fall des Bandes „Famous Cases of Circumstantial Evidence“ aus der Feder des britischen Staatssekretärs Samuel March Philippe (1780 – 1862) sind es sogar drei Werke. Der US-amerikanische Lyriker und Literaturkritiker Yvor Winters schenkte jenen Band einst seiner Frau. Mit ihren meisterhaften historischen Romanen, die auf historischen Kriminalfällen und Indizienprozessen beruhen und in Philippes Band geschildert werden, kann und sollte die Lyrikerin Janet Lewis nun auch in deutscher Übersetzung wiederentdeckt werden.  Im Duett #2: Janet Lewis – „Verhängnis“ & „Der Mann, der seinem Gewissen folgte“ weiterlesen

Volker Kutscher – „Olympia“

„Berlin war auf eine ekelerregende Weise von sich selbst besoffen.“ 

Die Welt ist zu Gast in Berlin. Sportler aus aller Herren Länder kämpfen um Medaillen und den Sprung aufs Treppchen. Neben den Olympia-Flaggen hängen an unzähligen Orten Hakenkreuz-Fahnen. Das Dritte Reich ist Gastgeber der 11. Olympischen Spiele. Doch die Idylle trügt, mehrere Morde geschehen. Volker Kutschers achter Band der Reihe über Kriminalkommissar Gereon Rath, die als Vorlage für die beliebte Fernsehserie „Babylon Berlin“ dient, führt in das Jahr 1936 und in eine sehr bedrückende Zeit, die Rath, seiner Frau und seinem einstigen Pflegesohn zusetzt und zunehmend gefährlich wird. Volker Kutscher – „Olympia“ weiterlesen

Frühlingserwachen – ein Blick in die Vorschauen

Das neue Jahr hat begonnen. Statt eines Rückblicks gibt es an dieser Stelle von mir einen Ausblick – auf die kommenden Bücher in der ersten Hälfte des Jahres 2021. An den vergangenen Tagen habe ich in den Frühjahrsvorschauen – ob digital oder gedruckt – großer und kleiner Verlage geblättert und gelesen. Hier ein Überblick über interessante Titel – von von mir geschätzten wie auch noch zu entdeckenden Autoren. Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und wird mit jeder weiteren Entdeckung ergänzt.

Frühlingserwachen – ein Blick in die Vorschauen weiterlesen

Jurica Pavičić – „Blut und Wasser“

„In diesem Krieg gibt es keinen Sieg, nur aufgeschobene Niederlagen.“

In den 90er-Jahren tobten mehrere Kriege auf dem Balkan. Sie brachten den Menschen unermessliches Leid. Ein Land zerfiel. Trotz der Entsendung von UN-Truppen, unzähliger Flüchtlingsschicksale und späterer Verfahren am Internationalen Strafgerichtshof  in Den Haag blieb das Interesse des überwiegenden Teils der Europäer eher gering. Diese Kriege nahezu vor unserer „Haustür“ haben mittlerweile Eingang in die Literatur gefunden, die an die einstigen Geschehnisse und Folgen erinnert. In seinem Roman „Blut und Wasser“ verbindet der kroatische Schriftsteller Jurica Pavičić einen Kriminalfall mit der Geschichte seines Landes auf beeindruckende Weise. Jurica Pavičić – „Blut und Wasser“ weiterlesen

Regina Nössler – „Die Putzhilfe“

„Die alte und die neue Arbeit. Von der geistigen Elite zum Putzen.“

Es ist ein Mittwochabend im November. Sie packt drei Koffer, schließt die Tür hinter sich zu, fährt mit dem Bus zum Bahnhof und steigt in den Zug nach Berlin. Franziska Oswald verlässt das Haus, die Stadt, ihren Mann. Ohne eine einzige Nachricht zu hinterlassen. Aus der Wissenschaftlerin mit einer vielversprechenden Zukunft wird eine Putzhilfe, die ihr Leben hinter sich lässt, den schicken Hosenanzug gegen robuste Kleidung tauscht und ein dunkles Geheimnis verbergen muss. Doch damit ist sie im preisgekrönten Thriller von Regina Nössler nicht allein. Denn nichts ist, wie es scheint, bis ein furioser Showdown alles für den faszinierten Leser aufklärt und die Teile der ganzen Story zusammenführt. Regina Nössler – „Die Putzhilfe“ weiterlesen

Joachim B. Schmidt – „Kalmann“

„Unter einem Eisbären ist es dunkel. Und es ist still.“ 

Kalmann trägt Cowboy-Hut, Sheriffstern und eine Pistole – und das im tiefsten Island, das zu den am dünnbesiedelsten Regionen auf der Welt zählt und trotz der allseits beliebten Kriminal-Literatur eine Kriminalitätsrate hat, über die sich andere Länder wohl freuen würden. Doch auch ein kleiner Ort wie Raufarhöfn braucht seinen Helden, einen Beschützer. Selbst wenn er nicht zu den hellsten Köpfen gehört und eher Grönland-Haie jagt als Verbrecher. In seinem neuesten Werk erzählt der Schweizer und auf Island lebende Schriftsteller Joachim B. Schmidt mit Humor, aber auch Melancholie von einem Außenseiter, der über seine Fähigkeiten hinauswächst und ungewollt viel Aufmerksamkeit erhält. Joachim B. Schmidt – „Kalmann“ weiterlesen

Ragnar Jónasson – „Dunkel“

„Der Vorteil von Dunkelheit ist, dass es keine Schatten gibt.“

Dass Bücher aus Skandinavien mit Verspätung auf den deutschen Buchmarkt landen, ist bekannt. Keine Seltenheit ist dies bei der Belletristik. Dass allerdings auch nordische Kriminalromane betroffen sind, die vor allem hierzulande ein großes Fan-Publikum haben und schon im Voraus in anderen Ländern erfolgreich waren, ist wohl weniger der Fall. Bereits 2015 erschien in Island „Dimma“, der Beginn der sogenannten Hulda-Trilogie von Ragnar Jónasson.  Die britische Tageszeitung „The Times“ kürte den Roman als einer der 100 besten Krimis und Thriller seit 1945. Mit fünf Jahren Zeitverzug ist er endlich in Deutschland erschienen – welch ein großes Glück. Ragnar Jónasson – „Dunkel“ weiterlesen

Olga Tokarczuk – „Gesang der Fledermäuse“

„Das Loblied auf das Töten ist das Böse.“

Preisverleihungen können erstaunen und für Lektionen sorgen. Im Fall des Literaturnobelpreises ist das wohl nicht anders. Als im vergangenen Jahr die Schwedische Akademie gleich zwei Namen verkündete ob des bekannten Ausfalls der Verleihung 2018 infolge eines ebenfalls bekannten Skandals sorgte der eine Name für heftige Diskussionen, der andere indes für ein Lesefieber. Während über Peter Handke ausgiebig debattiert wurde, wurde Olga Tokarczuk gelesen.  Ihre früheren Bücher erschienen vermehrt in deutscher Übersetzung, so auch ihr bereits im Jahr 2009 veröffentlichter Roman „Gesang der Fledermäuse“, der sogar eingefleischte Krimi-Nicht-Leser überzeugen wird. Olga Tokarczuk – „Gesang der Fledermäuse“ weiterlesen

Anne Holt – „In Staub und Asche“

„Eine Gesellschaft ist verletzlich. Sie ist auf Vertrauen aufgebaut.“ 

Sie hießen Ida, Maria, Espen, Andreas. Vier der insgesamt 77 Menschen, die am 22. Juli 2011 während des Anschlags des rechtsextremen Terroristen Anders Behring Breivik in Oslo und auf der Insel Utøya getötet wurden. Unter den Opfern befanden sich zahlreiche Kinder und Jugendliche eines Zeltlagers der sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Das Attentat hat eine Wunde in die Seele des Landes gerissen. Des Landes, das so sicher und friedvoll galt, dessen Einwohner glücklich und zufrieden schienen. Der Anschlag hat gezeigt, dass Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit ein Teil der Gesellschaft sind. Mittlerweile sind dieser Tag und seine Folgen auch in der norwegischen Literatur angekommen. In ihrem Roman „In Staub und Asche“ widmet sich die Krimi-Autorin Anne Holt diesem anspruchsvollen Thema – und das meisterhaft. Anne Holt – „In Staub und Asche“ weiterlesen

Herbstlese(n) – Blick in die Vorschauen

Mit Blick in die im Frühjahr nach und nach veröffentlichten Vorschauen der verschiedenen Verlage ist ja schon seit einigen Wochen gefühlt wieder Herbst. Was uns die bunte Jahreszeit so bringt, stelle ich nach dem Durchstöbern der künftigen Programme an dieser Stelle vor. Welche kommenden Titel mein Interesse geweckt haben? Ich kann nur soviel sagen, es sind nicht wenige. Besonders auffällig: die Vielzahl an historischen Stoffen. Allgemein sollte nicht vergessen werden, dass durch die Absage der Leipziger Buchmesse und wegen einer Vielzahl fehlender Lesungen, die Frühjahrsbücher weniger Aufmerksamkeit erhalten haben, die sie allerdings vollauf verdient hätten. Deshalb lohnt sich ein bewusster Blick in die Vorschauen gleich doppelt.

Herbstlese(n) – Blick in die Vorschauen weiterlesen

Liz Moore – „Long Bright River“

„Die Welt verdunkelt sich an den Rändern.“ 

Philadelphia: Die für nordamerikanische Verhältnisse recht alte Stadt, die liebevoll Philly genannt wird, haben einst Bruce Springsteen und Elton John besungen. 1,6 Millionen Menschen leben in der Ostküsten-Metropole, die auch vom Wasser des breiten Delaware River geprägt wird. Doch wie es jeder Großstadt eigen ist – hinter glänzenden Hochhaus-Fassaden wartet das Dunkle, Armut, Schmutz und Kriminalität. Die amerikanische Autorin Liz Moore hat mit „Long Bright River“ einen eindrucksvollen weil komplexen Roman geschrieben, der sich verschiedenen Thematiken annimmt.

Liz Moore – „Long Bright River“ weiterlesen

Dervla McTiernan – „Todesstrom“

„Es sind nicht die Toten, vor denen man Angst haben muss.“

Cormac Reilly ist noch ein Greenhorn, als er als junger Polizist kurz nach seiner Ausbildung an der Akademie zu einem Einsatz gerufen wird. In einem völlig verwahrlosten Haus entdeckt der Detective eine tote, an einer Überdosis verstorbenen Frau – und ihre beiden Kinder Maude und Jack. Der Junge ist verletzt und wird von Cormac mit seiner Schwester in ein Krankenhaus gebracht, aus dem das Mädchen jedoch spurlos verschwindet. Gut 20 Jahre später wird Reilly erneut mit dem einstigen, düsteren Fall konfrontiert. Denn Jack, nunmehr ein erwachsener Mann, wird tot im Fluss gefunden.  Dervla McTiernan – „Todesstrom“ weiterlesen

Steven Price – „Die Frau in der Themse“

„Geister kann man nicht einfangen.“

Was sie sich wohl erzählt hätten, wenn sie sich damals in London begegnet wären? Der berühmte Detektiv Sherlock Holmes und sein Kollege William Pinkerton. Hätten sie sich über das schlechte Wetter, die neblige und stets im Dunst liegende Stadt oder über die modernen Möglichkeiten, Kriminelle dingfest zu machen, unterhalten? Leider fand diese Begegnung niemals statt. Bekanntlich ist und bleibt Holmes eine Kunstfigur und Schöpfung des legendären Autors Arthur Conan Doyle. Doch Pinkerton hat es wirklich gegeben. Er ist einer der beiden Hauptfiguren im Roman „Die Frau in der Themse“ des Kanadiers Steve Price – ein spannender vielschichtiger Schmöker at its best!

Steven Price – „Die Frau in der Themse“ weiterlesen

Jan Costin Wagner – „Sommer bei Nacht“

„Wie lange braucht der böse Mann, um das Böse zu tun.“

Es sind oftmals nur wenige Momente, um ein Leben und das weiterer Menschen von Grund auf zu verändern. Es sind nur wenige Sekunden, als der kleine Jannis während eines Flohmarktes einer Wiesbadener Grundschule verschwindet. Sekunden, in denen Mutter und Schwester nicht auf das Kind achten. Die Polizei nimmt die Ermittlungen auf. Doch Christian Sandner und Ben Neven müssen schnell erkennen, dass die Suche nach dem Jungen mehr als schwierig ist. Jan Costin Wagners neuer Roman ist ein bedrückendes dunkles Meisterwerk über tragische Verluste.

Jan Costin Wagner – „Sommer bei Nacht“ weiterlesen

Jørn Lier Horst – „Wisting und der Tag der Vermissten“

„Wir sind nicht entweder-oder, sondern sowohl-als-auch.“

Zwei Frauen sind verschwunden. Nie wurden ihre Leichen gefunden, nie ein Tatort ermittelt. Noch immer ist unklar, ob sie tot sind oder mittlerweile an einem unbekannten Ort leben, ob ein Zusammenhang zwischen ihnen besteht. Mehr als 20 Jahre sind ins Land gegangen. Vor allem der Fall um Katharina Haugen beschäftigt William Wisting noch immer. Regelmäßig holt der erfahrene Ermittler die Fallakten aus seinem Schrank und liest darin. Jedes Jahr am Tag ihres Verschwindens besucht er deren Ehemann Martin. Schließlich nimmt Adam Stiller von der Einheit für ungeklärte Fälle Kontakt zu Wisting auf. Der Grund: Neue Erkenntnisse im Zusammenhang mit der vermissten 17-jährigen Nadia Krogh, die bereits zwei Jahre vor Katharina spurlos verschwunden war, machen Martin Haugen zum Verdächtigen. Jørn Lier Horst – „Wisting und der Tag der Vermissten“ weiterlesen

Øistein Borge – „Kreuzschnitt“

„Wieso sollten auch Werke von einigen der anerkanntesten Künstlern Europas an der Wand dieses unansehnlichen Bauernhauses hängen?“

Geld schützt nicht vor Mord. Der Immobilienmogul Axel Krogh, einer der reichsten Männer Norwegens, wird in seiner Villa an der Côte d’Azur tot aufgefunden. Sein Leichnam wurde geschändet, im Rücken des bereits betagten Mannes hat der Mörder ein blutiges Kreuz hinterlassen. Kroghs Tochter Ella und Erik Jacobsen, Konzernchef der Krogh-Gruppe, finden den Toten und entdecken, dass auch ein Gemälde eines unbekannten Künstlers aus dem Anwesen gestohlen wurde. Der Osloer Kommissar Bogart Bull wird für die Ermittlungen nach Frankreich entsendet, wo er auf ein dunkles Geheimnis der Familie stößt und dass der Maler des Bildes nicht wirklich unbekannt ist. Øistein Borge – „Kreuzschnitt“ weiterlesen

Gunnar Staalesen – „Todesmörder“

„Unter all dem ahnte ich ein Muster, eine schwache Skizze von etwas Ungesagtem und Ungesehenen, das langsam an die Oberfläche stieg.“

Jedes Jahr erscheinen neue aufsteigende Sterne am Krimihimmel Skandinaviens. Beim Stöbern durch die Krimiregale und -tische diverser Buchhandlungen gibt es regelmäßig spannende Entdeckungen zu machen. Doch im Jahr der Frankfurter Buchmesse mit Norwegen als Gastland machte ich einen ganz anderen Fund: Im Polar Verlag erschien mit „Todesmörder“ der bereits 15. Roman um den charismatischen Privatermittler Varg Veum aus der Feder des wohl dienstältesten und mehrfach preisgekrönten norwegischen Krimiautoren Gunnar Staalesen. Eine besondere Entdeckung für mich! Gunnar Staalesen – „Todesmörder“ weiterlesen