Christoffer Carlsson – „Hinter dem Nebel“

„Es gibt Wahrheiten, die man nur durch Fiktion vermitteln kann.“

Im Speisesaal einer Pension wird der Schriftsteller Johan Oskarsson erhängt aufgefunden. Die Polizei geht von Selbstmord aus, nur ein einstiger Freund, ebenfalls Autor, glaubt nicht daran und zweifelt an der Theorie. Er bekommt einen Anruf des Ermittlers Vidar Jörgensson, denn er war der letzte, den Oskarsson vor seinem Tod kontaktiert hatte. Der Autor macht seine eigenen Recherchen über seinen Freund, der zuletzt an einer Biografie der bekannten Schriftstellerin Ingrid Klinga gearbeitet hat.

Vierter Band der Halland-Reihe

Der mehrfach preisgekrönte Schwede Christoffer Carlsson ist ein Meister im Schreiben von außergewöhnlichen und komplexen Plots, die mit Überraschungen und ungeahnten Wendungen aufwarten. Immer wieder setzt er den Fokus auf das Psychologische und das Zwischenmenschliche, auf die vielen verschiedenen Facetten der Beziehungen zwischen den Protagonisten. In seinem mittlerweile vierten Band „Hinter dem Nebel“ seiner Halland-Reihe führt er auch in die 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Nahe Uppsala wurde damals ein toter Mann aus einem See gefischt. In den Akten zu den damaligen Ermittlungen taucht der Name der berühmten Verfasserin auf.

Die Schriftstellerin hatte in jenen Jahren in der Stadt studiert. Unruhige Zeiten herrschten, der Kalte Krieg hatte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Teilung Deutschlands begonnen. Ost und West, zwei verschiedene politische Systeme, standen sich feindlich gegenüber. In Uppsala wird eine kommunistische Studentengruppe von der „Polizeigruppe für besondere Aufgaben“ beschattet. Mittendrin Ingrid Klinga, deren wirkliche Rolle und das ganze Ausmaß ihres Handelns der Leser erst am Ende des Romans erfährt. Und auch wer Johan Oskarsson wirklich war. Die Handlung springt zwischen den Zeiten, reich ist der Roman zudem an Kapiteln, wobei die in den 50er-Jahren angesiedelten Passagen Längen aufweisen, und man zeitweise gefühlt etwas auf der Stelle tritt.

„Was, wenn alle Menschen, die im Leben von Bedeutung sind, im Laufe der Zeit mit einem einzigen Augenblick verknüpft sind?“

Carlsson, Jahrgang 1986, wuchs an der Westküste Schwedens auf, dort, wo auch seine Romane angesiedelt sind. Er promovierte in Kriminologie an der Universität Stockholm. In seinen wissenschaftlichen Publikationen widmete sich der Schwede der Entwicklungskriminologie. 2012 wurde er mit dem Young Criminologist Award der International European Society of Criminology, ausgezeichnet. Für seinen Debütroman „Der Turm der toten Seelen“ erhielt er 2013 als jüngster Preisträger mit 27 Jahren den Schwedischen Krimipreis, den er mit „Wenn die Nacht endet“ zum zweiten Mal bekam. Darüber hinaus wurde er für diesen Krimi – nach „Unter dem Sturm“ und „Was ans Licht kommt“ Band drei der Reihe um den Polizisten Vidar Jörgensson – mit dem Skandinavischen Krimipreis geehrt.

„Wenn sich alles, was man für wahr und wirklich gehalten hat, in Rauch auflöst, bleibt nur noch der eigene Ursprung. Er ist eine Art Nullpunkt, der einem das Gefühl gibt, dass es im Dasein trotz allem etwas Unveränderliches, Ewiges gibt.“

Mit „Hinter dem Nebel“ hat Carlsson keinen klassischen Kriminalroman geschrieben, obwohl die Polizei und ihre Ermittlungsarbeit in beiden zeitlichen Ebenen eine gewisse Rolle spielen und unter anderem auch eine berührende tragische Geschichte eines Polizisten erzählt wird. Im Zentrum steht vielmehr der namenlose Autor als Ich-Erzähler, der den Grund für den Tod seines einstigen Vertrauten herausfinden will und dabei auch seine eigene Vergangenheit Stück für Stück aufarbeitet. Er entscheidet sich, das Werk von Oskarsson fortsetzen, an der Klinga-Biografie weiter zu schreiben. Auch über deren Tod hinaus. Noch kann er nicht ahnen, dass er dabei selbst ins Fadenkreuz gerät und von einer Frau fatal aufs Glatteis geführt wird.

Von Täuschung und Betrug

Neben den erstaunlichen und gar erschreckenden Auswüchsen des Geheimdienstes setzt sich Carlssons Roman mit der Rolle Schwedens im Zweiten Weltkrieg sowie den damaligen Plänen für ein Kernwaffenprogramm auseinander. Da haben wir sie wieder – die thematische Tiefe in den Büchern des Schweden, der diesmal ein Ende geschrieben hat, das den Leser lange umtreiben wird. Sein neuester Streich ist ein tiefgründiger und anspruchsvoller Roman über Täuschung, Betrug sowie folgenreiche Lügen und die faszinierenden Frage, was ist wahr und was ist falsch und welche Rolle fällt der Literatur in Zeiten politisch hoch brisanter Geheimnisse zu.


Christoffer Carlsson: „Hinter dem Nebel“, erschienen im Rowohlt Verlag, in der Übersetzung aus dem Schwedischen von Ulla Ackermann; 464 Seiten, 25 Euro

Foto von Robert Bahn auf Unsplash