„Alles schien klamm in diesem Land zu sein, selbst das Essen.“
Lausitz: Ganz im Osten, das ist Kohleabbau, Riesenbagger und verschwundene Dörfer, Spreewald und Zittauer Gebirge. Mittendrin: Sanditz, eine fiktive Kleinstadt nahe der deutsch-polnischen Grenze, wobei im neuen, gleichnamigen Roman von Lukas Rietzschel nicht ein hübsches Zentrum, sondern die Siedlung am Rande und ihre Menschen im Mittelpunkt stehen.
Drei Generationen einer Familie
Hier leben in einer Bungalowsiedlung die Wenzels, drei Generationen: Oma Erika, Tochter Marion und Sohn Dirk sowie Marions Tochter Maria. Es ist Weihnachten. Sohn Tom wird von der Familienfeier kurzerhand ausgeschlossen. Er ist nicht geimpft. Es ist Pandemie. Das zweite Jahr nun schon. Während Maria als Journalistin tätig ist, hängt ihr Zwillingsbruder in der Luft. Aus dem Polizeidienst unrühmlich entlassen, sucht er nach dem Sinn des Lebens, wird ihn für sich später in einer Reise in die Ukraine finden, wo ein fruchtbarer Krieg tobt.

Die Jahre 2021 und 2022 bilden eine Zeitebene. Die zweite führt in etwas weniger als die Hälfte der Jahre der DDR – von den 70ern bis zur Wende. Mit jedem Kapitel weitet sich die Geschichte, verästelt sich diese wie bei einem Stammbaum, um auch noch von weiteren Personen zu erzählen: von einem Syrer, der in die DDR gekommen ist, um in einer Kaserne festgehalten zu werden, von den Geschwistern Haufe, die vom Orgelbauer Norbert Wenzel ins Land geschmuggelte und ungeliebte Bücher – von Kafka bis Biermann – abschreiben. Mit der Zeit ist eine Bibliothek entstanden, die von der Kirchengemeinde rege genutzt wird. Hier spielt Erika die Orgel, engagiert sich Roland, der sich beim Plündern der verlassenen Häuser in Achim verliebt, aber eine Scheinbeziehung mit Monika eingeht, die ein Kind erwartet, wobei es schließlich sogar zwei sind.
„Das alte Dorf lag unmittelbar an der Abbruchkante. In der Ferne die Bagger und die Förderbrücke, grauer Stahl vor grauem Himmel, als hätten die Franzosen ihren Eiffelturm zerlegt und in die Kohlegrube entsorgt.“
Der Leser springt zwischen den Zeiten, zwischen den Leben der Figuren. Es braucht einige Kapitel, um sich in das rietzschelsche System einzulesen, in dem sich allerdings alles – auch nach der einen oder anderen Überraschung – schließlich zusammenfügt. Die mal engen, mal losen Verbindungen zwischen den Menschen, ihre Vorgeschichten. Wie die von Erika, die aus Schlesien geflüchtet war, mit dem raum- und dörferverschlingenden Braunkohletagebau ein zweites Mal ihre Heimat verlor, oder von Dirk, der nicht in der NVA den Dienst an der Waffe leisten wollte, als Bausoldat zwangsverpflichtet wurde. Maria und Tom fehlt nicht nur der richtige Vater, sondern auch der vermeintliche, der nach der Wende auf Baustellen im Westen malocht und seiner großen Liebe Achim hinterhertrauert. Neben dem Politischen nimmt das Private reichlich Raum ein.
„Hätte ihr vorher jemand gesagt, dass Ost und West in ihrem Leben eine Rolle spielen würden, gelacht hätte sie, nie im Leben! Das waren Geschichten ihrer Eltern aus einem verlorenen Land und einer verlorenen Zeit, die nicht selten rosig im Rückblick wirkte, aber ab einem gewissen Punkt nur noch Schweigen hervorrief.“
„Sanditz“ ist nach „Mit der Faust in die Welt schlagen“ und „Raumfahrer“ Rietzschels dritter Roman. Der Autor und Dramatiker, selbst in der Oberlausitz geboren und aufgewachsen, wird gern herangezogen, wenn es um Fragen zum Osten geht, wenngleich er die DDR nicht selbst erlebt hat, fünf Jahre nach der friedlichen Revolution zur Welt kam. Es braucht allerdings dieses Wissen und dieses erlebte Lebensgefühl nicht, um einen beeindruckenden Roman darüber zu schreiben. Und „Sanditz“, in dessen wunderlicher Prolog die in der Lausitz angesiedelte Krabat-Sage aufgegriffen wird, ist ein solcher.
Tragisches Ende für Figuren
Sprachlich herausragend, ob in den Szenen-Beschreibungen oder Dialogen, überzeugt der multiperspektivische Roman vor allem durch die Hingabe des Autors für seine Figuren, auch wenn Rietzschel einigen seiner Protagonisten ein tragisches Ende ins Leben schreibt, das im Fall von Tom beklemmend, mit Blick auf Achim herzergreifend ist. Und manche Szenen bleiben im Kopf: wie Dirk sich in den letzten Minuten im Leben seiner Mutter in all seiner Hilflosigkeit ihr zur Seite steht, ein Müllauto bei der Besetzung der Stasi-Zentrale eine entscheidende Rolle spielt.
„Sanditz“ vermittelt ein großes facettenreiches Panorama eines Ortes und zwei unterschiedlicher Kapitel deutscher Geschichte, das keine Erklärung für das Gestrige und Heutige, sondern vor allem eine Beschreibung der Zeit und ihrer Menschen liefert. Rietzschels neues Werk ist randvoll mit Themen von Stasi und Mangelwirtschaft bis hin zu Corona und Ukrainekrieg. Doch letztlich geht es um ein großes Thema: Mensch und Gesellschaft, Individuum und Staat – dem Lauf der Welt immer ausgesetzt.
Weitere Besprechungen finden sich auf den Blogs „Poesierausch“, „Buch-Haltung“, „Schreiblust – Leselust“ und „Kommunikatives Lesen“.
Lukas Rietzschel: „Sanditz“, erschienen in der dtv Verlagsgesellschaft; 480 Seiten, 26 Euro
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