Was uns der Herbst so bringt – Einblick in die Vorschauen

Während der Mai sich als heißer Frühsommer offenbarte, wird bereits im Juli der Herbst eingeläutet – der Leseherbst. Denn zahlreiche Verlage bringen die ersten neuen Titel ihres kommenden Programms auf den Markt. Obwohl auch ich noch nicht das Frühjahrsprogramm „abgearbeitet“ habe und mir zudem vornehme, weiterhin mehr Titel aus den Backlisten zu lesen, konnte ich es mir nicht verkneifen, in die Vorschauen der kleinen und großen Vorlage zu lunschen. In den letzten Tagen und Wochen ist eine ansehnliche Liste aus Titeln entstanden, die ich sicherlich nicht gänzlich alle lesen kann und werde. Aber kein Buchnerd kann bekanntlich ohne seine Wunschliste leben, und vielleicht findet Ihr auch das eine oder andere Buch für Euch selbst.

Hein trifft Hansen – Deutschsprachige Gegenwartsliteratur

„Ein ganzes Leben“ hat mich einst vollauf begeistert. Nun ist Robert Seethaler zurück mit seinem Roman „Das Feld“ (Hanser, Juli). Vermutlich zähle ich zu den ganz wenigen, die den Bestseller „Altes Land“ von Dörte Hansen bisher noch nicht gelesen hat. Ihr neuester Roman trägt den Titel „Mittagsstunde“ (Penguin, Oktober). Zu den persönlichen Höhepunkten zählt regelmäßig ein neuer Roman von Christoph Hein. Den gibt es auch in diesem Herbst: „Verwirrnis“ (Suhrkamp, August). Und auch Juli Zeh ist wieder in den Neuerscheinungen vertreten: mit ihrem Roman „Neujahr“, der wie ihr Buch „Nullzeit“ auf Lanzarote führt (Luchterhand, September). Als gebürtige Sächsin ist der in der Provinz des Freistaates spielende Roman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ von Lukas Rietzschel wohl Pflicht (Ullstein, September).

Aufmerksam wurde ich auch auf den Roman „Der Platz an der Sonne“ von Christian Torkler (Klett-Cotta, August). Er dreht die heutigen Verhältnisse vom reichen Westen und dem armen Afrika einfach um und legt seine Story in die Vergangenheit, in die 1970er-Jahre. In seinem Roman „Aurora“ erzählt Sascha Reh vom Winter auf Bornholm, über einen Reporter einer Lokalzeitung und eine etwas andere Weihnachtsgeschichte (Schöffling, September). Vor einigen Jahren habe ich das Buch „Jacobs Leiter“ von Steffen Mensching mit Begeisterung gelesen. Nun erscheint sein neuer Roman „Schermanns Augen“ (Wallstein, Juli), der in die Abgründe des Gulag führt. Über das harte Leben auf dem Land schreibt Claudia Schreiber in „Goldregenrausch“ (Kein & Aber, September). Apropos Provinz: Mich hatte damals während der Preisverleihung des ersten Blogbluster-Preises in Hamburg der Auszug aus dem Roman „Amerika“ von Kai Wieland sehr gut gefallen. Nun kann er von jedermann gelesen werden (Klett-Cotta, August).

Ab in den hohen Norden

Obwohl erst 2019 Norwegen das Gastland der Frankfurter Buchmesse sein wird, kündigt sich der literarische Auftritt des skandinavischen Landes in dem einen oder anderen Verlagsprogramm bereits an. Fans von Tomas Espedal können sich über seine Liebeserklärung an die Stadt Bergen mit dem Titel „Bergeners“ freuen (Matthes & Seitz, September). In die Reihe autobiografisch schreibender Autoren wie eben Espedal und sein Freund Karl Ove Knausgård reiht sich nun auch der Schriftsteller und Jazz-Pianist Kjetil Bjørnstad mit dem ersten Band „Die Welt die meine war. Die sechziger Jahre“ ein (Osburg Verlag, September). Neu ist für mich der Name von Merethe Lindstrøm, deren Roman „Aus den Winterarchiven“ erscheint (Matthes & Seitz, August). Nach seinem wundervollen Band „Stille – Ein Wegweiser“ gibt es von Autor und Weltenbummler Erling Kagge mit „Gehen. Weiter gehen“ ein neues Werk (Insel, September). Nach der Erscheinung des wundervollen Buches „Liebe“ erscheint von Hanna Ørstavik der Roman „So wahr wie ich wirklich bin“ (Karl Rauch Verlag, August).

Von Kagges Landsmann Matias Faldbakken kann der Roman „The Hills“ gelesen werden (Heyne Encore, September). Aus Norwegens Nachbarland Schweden stammt Majgull Axelsson – von ihr erscheint ihr Roman „Dein Leben und meins“ (List, August). Der 2015 verstorbene Literaturnobelpreisträger Tomas Tranströmer bleibt unvergessen: „Randgebiete der Arbeit“ versammelt seine persönlichen Notizen sowie Zeitdokumente wie Zeitungsartikel und Fotos  (Hanser, September). Mit der Zeit habe ich die Literatur Finnlands sehr schätzen gelernt. Von Minna Rytisalo gibt es „Lempi, das heißt Liebe“ (Hanser, Juli).

Über den großen Teich

Es gibt wohl kein Frühjahr oder Herbst, in denen nicht der eine oder andere berühmte und geschätzte amerikanische Schriftsteller mit einem neuen Roman im Gespräch ist. Ich freue mich ganz besonders auf ein neues Werk von Richard Powers: „Die Wurzeln des Lebens“ (Fischer, Oktober). Auch von Jonathan Lethem gibt es etwas Neues. Sein Roman heißt „Der wilde Detektiv“ (Tropen, Januar). Einen Riesenerfolg in seiner Heimat feierte Gabriel Tallent mit  seinem Debüt-Roman, der nun mit dem Titel „Mein Ein und alles“ in deutscher Übersetzung erscheint (Penguin, September).

Jennifer Egans Roman „Manhattan Beach“ entführt in das pulsierende New York der 30er- und 40er-Jahre (Fischer, August). Auch Joshua Ferris ist zurück – mit „Männer, die sich schlecht benehmen“ (Luchterhand, September). Ebenso die große Autorin Siri Hustvedt – mit ihrem neuen Roman „Damals“ (Rowohlt, März). Ich mag es, über den weißen Planeten, das ewige Eis, zu lesen: In „Eine wildere Zeit“ erzählt der amerikanische Geologe William E. Glassley über seine Reisen nach Grönland (Kunstmann, September). Alle Freunde der südamerikanischen Literatur können sich über einen neuen Roman von Juan Gabriel Vásquez mit dem Titel „Die Gestalt der Ruinen“ freuen (Schöffling, September).

Spannung und fremde Welten – Krimi und Sci-Fi

Die große Dame der norwegischen Krimiliteratur, Anne Holt, ist wieder da. Sie lässt in ihrem neuen Werk „In Staub und Asche“ Kommissarin Hanne Wilhelmsen ermitteln (Piper, Oktober). Ihr Kollege Jo Nesbø beteiligt sich mit „Macbeth. Blut wird mit Blut bezahlt“ an der bekannten Shakespeare-Reihe (Penguin, August). Eine Autorin, die ich sehr gern lese, ist die Französin Fred Vargas. Von ihr erscheint „Der Zorn der Einsiedlerin“ (Limes, Oktober). Ihr Kollege Pierre Lemaitre hat sich mit „Drei Tage und ein Leben“ in das Krimi-Genre gewagt. Mit seinem Roman „Opfer“ legt der Franzose nun nach (Tropen, August). Für sein Werk „Dodgers“ ist der Amerikaner Bill Beverly mehrfach ausgezeichnet worden. Nun gibt es den Roman in deutscher Übersetzung (Diogenes, September). Mit „Darktown“ von Thomas Mullen kommt ein Krimi in die Buchläden, der im Atlanta der 40er-Jahre spielt (Dumont, November).

Ihren Roman „Freie Geister“ habe ich mit Begeisterung gelesen: Nun erscheinen alle „Erdsee“-Romane und -Erzählungen der im Januar verstorbenen großen amerikanischen Autorin Ursula K. Le Guin in einer illustrierten Prachtausgabe vereint (Fischer Tor, September). Eine ähnliche Geschichte über zwei Welten, die in Kontakt treten, wie in „Freie Geister“ erzählt Hao Jingfang in „Wandernde Himmel“ (Rowohlt Polaris, September). Für ihren Roman „Peking falten“ erhielt sie den renommierten Hugo Award.  Als Fan von Dystopien musste der Roman „In Liebe, dein Vaterland“ des Japaners Ryu Murakami unbedingt auf meine Wunschliste (Septime, September).

Ost und West

Auch nach der Kultreihe von Elena Ferrante hat die italienische Literatur viel zu bieten. Mit „Die katholische Schule“ von Edoardo Albinati (Berlin Verlag, November) erscheint einer der erfolgreichsten und sicherlich auch einer der umfangreichsten Titel. Die preisgekrönte italienische Autorin Donatella Di Pietrantonio hat mit „Arminuta“ ein neues Werk geschrieben (Kunstmann, September). Seinen Roman „Die Einsamkeit der Primzahlen“ schätze ich sehr. Nun kommt mit „Den Himmel stürmen“ ein neues Werk von Paolo Giordano heraus (Rowohlt, Oktober). Eine Familiengeschichte erzählt Francesca Melandri in ihrem Roman „Alle, außer wir“ (Wagenbach, Juli).

Ein verwunschenes Haus mitten in Frankreich und ein Bündel alter Briefe stehen im Mittelpunkt des Romans „Der Duft des Waldes“ der Französin Hélène Gestern (Fischer, Juli). Ihre Landsmännin Sylvie Schenk, dessen Roman “ Schnell, dein Leben“ ich sehr gern gelesen habe, hat mit „Eine gewöhnliche Familie“ einen neuen Roman geschrieben (Hanser, Juli). Aus dem Nachbarland stammt auch „Das Verschwinden des Josef Mengele“, der erfolgsgekrönte Tatsachenroman von Olivier Guez (Aufbau, August). Vor einiger Zeit las ich „Der Feind meines Vaters“ der spanischen Schriftstellerin Almudena Grandes. Nun erscheint ihr neuer Roman „Kleine Helden“ (Hanser, Juli). Nicht erst mit der Frankfurter Buchmesse 2016, auf der die Niederlande nebst Flandern sich als Gastländer präsentieren durften, war klar, dass der Nachbar mit besonderen Romanen aufwartet. Von Jeroen Olyslaegers erscheint der Roman  „Weil der Mensch erbärmlich ist“ (Dumont, Juli). Der preisgekrönte niederländische Schriftsteller Jan Brokken erzählt in seinem Roman „Sibirischer Sommer mit Dostojewski“ von der großen Freundschaft des berühmten Russen (Kiepenheuer & Witsch, August). Von dem bereits 2015 verstorbenen Schriftsteller Joost Zwagermann erscheint „Gimmick“, der in den Niederlanden zu den meist gelesenen Romanen zählt (Weidle, November). In „Tage ohne Ende“ des Iren Sebastian Barry stehen ein 17-Jähriger als Held und die Ereignisse des amerikanischen Bürgerkriegs im Mittelpunkt (Steidl, September). Der Engländer Tom Rachman ist zurück: mit seinem Roman „Die Gesichter“ über Kunst und eine Vater-Sohn-Beziehung (dtv, August). Gespannt bin ich auf den Roman „Die Getriebenen“ der jungen französischen Autorin Frederika Amalia Finkelstein (Suhrkamp, September).

Blicken wir gen Ost: Da rückt in diesem Jahr Georgien als Gastland der Frankfurter Buchmesse in das Interesse der Öffentlichkeit. Mit „Das erste Gewand“ von Guran Dotschanaschwili erscheint ein Klassiker des Landes (Hanser, September). Der neu gegründete Kampa Verlag kündigt den Roman „Das Licht der Frauen“ von Żanna Słoniowska an (Oktober). Und noch weiter nach Osten: Mit „Der nasse Tod“ erscheint ein neuer Roman des japanischen Literaturnobelpreisträgers Kenzaburô Ôe (Fischer, September).

Wiederentdeckungen und Neuübersetzungen

Große Namen bleiben auch dadurch im Gedächtnis, wenn ihre bekannten Werken in Neuübersetzungen erscheinen. Von John Steinbeck (1902 – 1968) gibt es den Roman „Der Winter unseres Missvergnügens“ (Manesse, Oktober), von Ernest Hemingway (1899 – 1961) „In einem anderen Land“ (Rowohlt, November) zu lesen. In letztgenanntem Werk steht der Erste Weltkrieg im Mittelpunkt. Auch der Rumäne Liviu Rebreanu (1885 – 1944) erzählt in seinem wiederentdeckten Buch „Der Wald, der Gehenkten“ über diese dunkle Zeit (Zsolnay, August). Der Kulturoman „Generation X“ von Douglas Coupland wird in einer Neuausgabe veröffentlicht (Blumenbar, Oktober). Als Wiederentdeckung wird „Nur einmal“ der früh verstorbenen Amerikanerin Kathleen Collins (1942 – 1988) gefeiert (Kampa Verlag, Oktober). Bekannt für seine literarischen Perlen ist der Guggolz-Verlag: Hier erscheint der Band „Hier wird getanzt!“ mit Erzählungen des Dänen William Heinesen (1900 – 1991), die auf die Färöer Inseln entführen (August).

Das Meer steht auch im Mittelpunkt des Romans „Das Haus am Rand der Welt“ von Henry Beston (1888 – 1968), der erstmals in deutscher Sprache herausgegeben wird (mare, September). Ein Klassiker der feministischen Literatur, der auch die entsetzlichen Geschehnisse des Ersten Weltkriegs in den Fokus rückt, erscheint mit „Vermächtnis einer Jugend“ von Vera Brittain (1893 – 1970; Matthes & Seitz, September). Schon seit längerem steht der Nachkriegsroman „Frühling 45. Chronik einer Familie“ von Karl Friedrich Borée (1886 – 1964) auf meiner Leselist. Jetzt erscheint ein weiterer Roman des Publizisten und Autors mit dem Titel „Dor und der September“ (Lilienfeld Verlag, September). In einer Neuausgabe erscheint auch der Nachkriegsroman „Die Galeere“  des Publizisten und Germanisten Bruno E. Werner (1896 – 1964; Suhrkamp, Dezember).

Vielleicht hat der eine oder andere einen Titel für sich entdecken können. Auf welches Buch freut Ihr Euch besonders? Was wollte Ihr in den kommenden Wochen und Monaten unbedingt lesen? Ich bin gespannt auf Eure Vorschläge!