Wunden – Franziska Hauser „Die Gewitterschwimmerin“

„Was nicht erzählt wird, ist nicht aus der Welt.“

Familiengeschichten führen ihr Eigenleben. Je nach dem subjektiven Blickwinkel verändern sich ihre Bedeutungen, Facetten und Schattierungen. Ereignisse oder Familienmitglieder erscheinen anders, als sie womöglich in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Und Helden sind nicht immer nur Helden. Die Berliner Autorin Franziska Hauser erzählt in ihrem nunmehr zweiten Roman „Die Gewitterschwimmerin“ eine spezielle Familiengeschichte: Es ist teils ihre eigene, die ihr als Grundlage für die Handlung gedient hat. Anderes hat sie hingegen erfunden, wie sie dem Leser vor dem Beginn des Romans in einem kurzen Vorwort erklärt. 

Parallelen in der Biografie

Wer die Biografie der Schriftstellerin und Fotografin liest, die mit dem Roman „Sommerdreieck“ 2015 ihr Debüt gab und dafür den Debütanten-Preis des Kölner Literaturfestivals lit.COLOGNE erhielt, wird bereits zwei Parallelen entdecken: die Mutter wirkt als Puppenspielerin, der Großvater ist Schriftsteller. Im Roman heißen sie Tamara und Alfred Hirsch. Erstere ist zugleich Ich-Erzählerin, die in einem Strang der Handlung von ihrem Leben berichtet – von den ersten Kindheitsjahren in den 1950er-Jahren bis ins Jahr 2011, als ihre Mutter Adele stirbt, zu der sie nie ein zärtliches, warmes Tochter-Mutter-Verhältnis besaß.  Nicht nur, weil Adele und Alfred als Eltern mehr in der Welt unterwegs sind, als sich ihren beiden Töchtern zu widmen. Die Kühle ihres Wesens zeichnet die Mutter bereits als junge Frau aus, die im Krieg ihre Brüder verlor, harte Jahre als Krankenschwester erlebte.

IMG_20180530_081832_413

Allgemein ist die Familie mit jüdischen Wurzeln gezeichnet von der dunklen Zeit: Großvater Friedrich erlebt und überlebt die Schrecken im KZ Dachau, kann in den Westen fliehen. England wird so zu seiner zweiten Heimat, wo er als Professor für Mathematik unterrichtet, geschätzt von Schülern wie Kollegen, aber getrennt ist von seiner Frau Ilse und den beiden Söhnen Erwin und Alfred. Seine Familie lebt derweil ebenfalls im Exil, so ist Sohn Alfred für den russischen Geheimdienst und die französische Résistance tätig. All das, auch die spätere Wiedervereinigung der Familie mit  Kriegsende, wird in einem zweiten Erzählstrang ab dem Jahr 1889 geschildert. In der DDR gilt Alfred als Held, er gehört der politischen wie kulturellen Elite an. Wenn die Töchter Tamara und Dascha in  Schwierigkeiten stecken, braucht er nur seinen Einfluss gelten zu machen. Doch nicht jedes Problem lässt sich regeln, nicht die Alkohol- und Tablettensucht der jüngeren Tochter, nicht das innerliche „Unwohlsein“ Tamaras, in einem beengten Land – räumlich wie ideologisch – zu leben. Oft eckt sie an mit Vorgesetzten, so wird sie in ihrem Ensemble von einem Engagement im Ausland ausgeschlossen, erlebt sie in ihrem Wirken als Puppenspielerin – obwohl aus einer sogenannten „Bonzenfamilie“ stammend – herbe Enttäuschungen und Erniedrigungen.

Von Gewalt geprägt

Die oftmals schnoddrige und herbe Sprache Tamaras lässt auf ihr Inneres schließen, das von Wunden und Seelenschmerz durchzogen ist. Die Ursachen dafür liegen nicht nur im kühlen Wesen der Mutter und der nahezu stetigen Abwesenheit der Eltern, die nur von der warmherzigen, aus Ostpreußen stammenden Haushälterin Irmgard, die Tamara als kleines Mädchen Imda nennt, sowie von der engen schwesterlichen Beziehung gemildert werden kann. Ein Schatten liegt über den zwei Generationen, die sich fremd bleiben, obwohl beide Opfer unterschiedlicher Gewalt wurden: Die ältere überlebt einen verheerenden Krieg, die jüngere erlebt sexuellen Missbrauch. Szenen, die schmerzen, bei denen man schreien möchte, die zeigen, dass nicht jeder Held in der Öffentlichkeit einer im wirklichen Leben ist.

„Der Text handelt von meinem Leben und davon, dass ich mich unvermeidbar in Staub auflösen werde, wenn ich weiter rückwärtsgehe. Die Straße wird irgendwann zu Ende sein. Im Aufwachen wird mir klar, die Geschichte könnte in der Zukunft unendlich weitergehen. Zu Ende ist sie am Anfang, bevor es sie gab. Dahin will ich nicht zurück. Dahin werde ich gezogen.“

So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Schwestern von einer gewissen Todessehnsucht umgeben sind. Dascha entflieht in den Rausch, Tamara stürzt sich bei Gewitter in den geliebten See, der sie seit der Jugend prägt, als die Eltern ein Grundstück am See erwarben. In dieser Hingebung zum Wasser, allgemein zur Natur, sowie in ihren sexuellen Ausschweifungen (er)lebt Tamara, die Mutter von zwei Töchtern von unterschiedlichen Männern ist, ihre persönliche Art der Freiheit.

Klug konstruiert

Mit Fortlaufen der episodenhaften Handlung verschränken sich die beiden Erzählebenen, die sich in Jahressprüngen aufeinander zubewegen und sich schließlich überlagern, auch gegenseitig inhaltliche Lücken füllen. Überaus klug konstruiert, verlangt diese Form indes zu Beginn etwas Einsatz und Geduld vom Leser ab. Auch ich brauchte etwas Zeit, um mich einzulesen, mich auch an die kühle, resolute Stimme der eigensinnigen Ich-Erzählerin zu gewöhnen. Hat man diesen gewissen Punkt erreicht, vereinnahmt diese Familiengeschichte, die zugleich deutsch-deutsche Geschichte abbildet und in der sich reale Persönlichkeiten wie Konrad Adenauer, Margot Honecker und Manfred von Ardenne finden, den Leser auf eindrückliche Weise.

So hält der Roman neben Schockmomenten voller Gewalt auch Szenen der Zärtlichkeit bereit. Am Ende ist der Leser geprägt von dieser herausragend erzählten Familiengeschichte, die von sowohl hellen, menschlichen als auch von schockierenden, düsteren Kapiteln zu berichten weiß. Ein herausragender Roman, der in Kopf und Herz Spuren hinterlässt, und die nunmehr dritte literarische Perle aus dem Eichborn Verlag ist, die ich nach „wir leben hier, seit wir geboren sind“ von Andreas Moster und „Die Stadt aus Rauch“ von Svealena Kutschke binnen eines Jahres kennen- und schätzenlernen durfte.


Franziska Hauser: „Die Gewitterschwimmerin“, erschienen im Eichborn Verlag; 431 Seiten, 22 Euro

Foto: pixabay