Von der Vergänglichkeit – Daniel Galera „So enden wir“

„Es war die diffuse Angst vor dem unabwendbaren langsamen Ersticken, nach dem nichts mehr übrig blieb.“

Was bleibt, wenn wir gegangen sind? Eine Frage, der sich wohl nur die wenigsten von uns stellen. Das Leben erfüllt uns, umgibt uns. Der Tod ist gefühlt und gedacht in weiter Ferne – glauben wir. Völlig überraschend und noch jung an Jahren stirbt Andrei Dukelsky, von allen nur Duke genannt, ein Nachfahre jüdischer Einwanderer. Er wird das Opfer eines Raubüberfalls in Porto Allegre. Seine Fangemeinde und seine drei Freunde Aurora, Emiliano und Antero trauern, die sozialen Netzwerke sind überfüllt mit floskelhaften Beileidsbekundungen. Denn Duke galt als Schriftstellertalent, auf dem die Hoffnungen vieler Generationen lagen. Der Star, der mit dem Internet berühmt geworden ist, und eine vergangene Zeit stehen im Mittelpunkt des neuen Romans „So enden wir“ von Daniel Galera.    Von der Vergänglichkeit – Daniel Galera „So enden wir“ weiterlesen

Bilder – Attila Bartis „Das Ende“

„Im Grunde gibt es nichts, das dem Tode näher wäre als das Fotografieren.“

Wir versuchen, uns der Welt nicht nur in Worten, sondern auch in Bildern zu nähern. Ein für uns bedeutenden Moment gilt es festzuhalten – mit dem Smartphone, der Kamera, dem Gedächtnis. Obwohl man sich sicherlich fragen kann und sollte, welche Beziehung die Fotografie und das Gedächtnis zueinander eingehen. András Szabad, Held und Ich-Erzähler in dem neuen Roman von Attila Bartis, ist Fotograf und zugleich Chronist seines eigenen Lebens, der von seinen vielen Leidenschaften, seinen Erlebnissen und seinen Schicksalsschlägen berichtet.  Bilder – Attila Bartis „Das Ende“ weiterlesen

Backlist #1 – Carmen Laforet „Nada“

„So sehr man sich auch drehte und wendete, man bewegte sich doch immer nur im Kreis derselben Menschen.“

Die Entscheidung, in sehr jungen Jahren das vertraute Zuhause zu verlassen und in eine fremde Stadt zu kommen, in der das Leben pulsiert, ist oftmals verbunden mit Hoffnungen, Wünschen, Träumen. Die neue Umgebung soll Veränderungen bringen. Nicht anders ergeht es der 18-jährigen Andrea, die ihre Eltern verloren hat und es wenige Jahre nach dem spanischen Bürgerkrieg nach Barcelona verschlägt. Sie will studieren, das Leben genießen, vielleicht die große Liebe entdecken. Die spanische Autorin Carmen Laforet (1921 – 2004) erzählt in ihrem Erstling „Nada“ von den Hoffnungen ihrer jungen Heldin und den Herausforderungen, denen sie sich stellen muss.  Backlist #1 – Carmen Laforet „Nada“ weiterlesen

Zwei Welten – Elena Ferrante „Die Geschichte der getrennten Wege“

„Mein Etwas-Werden hatte sich in ihrem Fahrwasser vollzogen.“

Zweifellos: Die Neapolitanische Saga um die beiden Mädchen und späteren Frauen Elena und Lila ist ein literarisches Phänomen,  über das man noch in einigen Jahren reden wird. Und sicherlich werden die vier Bücher über deren Freundschaft über die Kindheit hinaus weiterhin gelesen werden. Da spielt es wohl kaum mehr eine Rolle, dass ein ehrgeiziger Journalist die wahre Identität hinter dem Pseudonym Elena Ferrante nach ausgiebiger Recherche herausgefunden hat. Im Mittelpunkt steht das Werk. Punkt! Das wird allzu sehr deutlich, als der nunmehr dritte Band sogleich nach seinem Erscheinen Rang eins der Spiegel-Bestsellerliste belegte, während die Erinnerung an die Schlagzeilen nahezu verblasst sind. Eine Erscheinung, für die ich persönlich Genugtuung empfinde, denn aller journalistischer Eifer in Ehren, ein schützendes Pseudonym sollte ein Pseudonym bleiben.  Zwei Welten – Elena Ferrante „Die Geschichte der getrennten Wege“ weiterlesen

Begleiter – Gerbrand Bakker „Jasper und sein Knecht“

„Am schönsten ist das Gefühl, dass ich etwas zurückbekomme, das zerstört zu sein schien.“

Die aktuelle Literatur scheint einen neuen Trend zu pflegen: Schriftsteller schreiben über sich, ihr kreatives Leben und den Literaturbetrieb, ihre Bewährungsproben im Alltag, ihr Innerstes. Den Namen Karl Ove Knausgård braucht man an dieser Stelle wohl nicht zu erklären. Sowohl Fans als auch Kritiker werden sich in jenem Punkt einig sein, dass er mit seiner sechsbändigen „Min kamp“-Reihe – der letzte Teil soll im kommenden Jahr im Luchterhand Verlag erscheinen – die Form des autobiografischen Schreibens wieder in das Bewusstsein gebracht hat. Thomas Melles Buch „Die Welt im Rücken“ (Rowohlt) steht ein weiteres Werk mit autobiografischen Zügen auf der Shortlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises. Nun Gerbrand Bakker, der sich in diese kurze Aufzählung einreiht und der in seinem neuesten Band „Jasper und sein Knecht“ ebenfalls über seine Depression schreibt. Begleiter – Gerbrand Bakker „Jasper und sein Knecht“ weiterlesen

Erschütterungen – Callan Wink „Der letzte beste Ort“

„Aber man darf dabei nicht vergessen, dass es direkt unter der äußeren Schale immer noch die Strömung gibt.“

Das Land ist weit, von entrückender Schönheit, doch manch einer scheint, verloren, entwurzelt zu sein. Überraschende, meist tragische Ereignisse werfen das Leben für einen kurzen Moment aus der Bahn. Dann geht es weiter – das Leben; in seiner alltäglichen Konsequenz. Der Amerikaner Callan Wink schreibt davon. Für seinen in diesem Jahr veröffentlichten Debüt-Band mit Stories – jüngst bei Suhrkamp mit dem Titel „Der letzte beste Ort“ erschienen – hat der 32-Jährige in seinem Heimatland bereits viel Lob erhalten. Vergleiche werden gezogen – mit großen und bekannten Namen wie Richard Ford oder Philipp Meyer. Sicher ist, dem jungen Autor ist so einiges zuzutrauen.  Erschütterungen – Callan Wink „Der letzte beste Ort“ weiterlesen

Vater und Sohn – Gerbrand Bakker „Oben ist es still“

„Wenn man etwas nicht anders kennt, weiß man nicht, was einem fehlt.“

Helmer van Wonderen ist kein Freund von Veränderungen. Doch von einen Tag auf den nächsten  krempelt der Bauer das Haus um. Vor allem sein kranker und bettlägriger Vater trifft es schwer. Denn er findet sich in einem Zimmer im Obergeschoss unter dem Dach wieder – samt all jener Erinnerungen an das bescheidene Familienleben. Helmer zieht hingegen nach unten und verändert die dortigen Räume von Grund auf. Die Wände werden gestrichen, neue Möbel gekauft. Für Krimskrams und schmückendes Beiwerk ist kein Platz mehr. Doch die Veränderungen im Hause sind nicht die einzigen, die das Leben von Vater und Sohn beeinflussen werden. Eines Tages meldet sich eine Frau aus der Vergangenheit und sorgt im Leben der Männer, die im Debütroman „Oben ist es still“ des Niederländers Gerbrand Bakker im Mittelpunkt stehen, für weitere Turbulenzen. Vater und Sohn – Gerbrand Bakker „Oben ist es still“ weiterlesen

Rückkehr – Alexander Ilitschewski „Der Perser“

„Es gibt keinen besseren Nährboden für die Phantasie als eine karge Realität.“

Für die geografische Suche nach einigen Ländern braucht es einen Atlas oder den Globus. Die Welt hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt, Grenzen verlaufen anders, Staaten sind unabhängig geworden. Vor allem im Osten. Die Literatur spielt eine wichtige Rolle, Länder und ihre Historie darzustellen, bekannt zu machen. Der Amerikaner Anthony Marra und seine Bücher „Die niedrigen Himmel“ und „Letztes Lied einer vergangenen Welt“ erzählen von Tschetschenien. Der mächtige Roman „Der Perser“ des Autors Alexander Ilitschewski rückt Aserbaidshan in den Mittelpunkt.

42499Das Buch erzählt viele Geschichten, allen voran jene von Ilja und Hasem. Sie wachsen auf in der Nähe von Baku auf der Insel Artjom. Damals zählte die Region am Kaspischen Meer zum großen Reich der Sowjetunion. Die beiden Jungen verbindet eine enge Freundschaft, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein können. Ilja ist Russe, Hasem stammt aus dem angrenzenden Iran, gemeinsam mit der Mutter war er nach dem Mord an seinem Vater während eines Pogroms über die Grenze geflohen. Ein Kinderbuch über einen Tulpenkönig gibt den beiden Jungen die Möglichkeit, in ihren Spielen auf Fantasie-Reisen zu gehen – in Zeit und Raum.  Während Ilja sich für die Naturwissenschaft, speziell die Geologie begeistert, widmet sich Hasem der Poesie und dem Theater. Ihre Wegen trennen sich indes, als Iljas‘ Familie die Sowjetunion in Richtung USA verlässt.  Nach 17 Jahren kehrt Ilja in die Heimat zurück, die nun den Namen Aserbaidshan trägt – als ruheloser Weltenbummler, Geologe und Erdölexperte, der auf der Suche nach dem Ursprung des Lebens ist und seine deutschstämmige Ex-Frau Therese verfolgt und beschattet, die mit ihrem aktuellen Partner nach Baku gegangen ist und mit der er einen gemeinsamen Sohn hat. Auch seinen amerikanischen Freund Kerry, ein Abenteurer und Programmierer in den Diensten der Armee, hat es nach Aserbaidshan geschlagen. Denn dort wird das schwarze Gold in großen Mengen geborgen, was natürlich westliche Unternehmen anlockt, die sich vom Reichtum ein großes Stück versprechen.

„Der Perser“ erzählt deshalb auch die Geschichte der Ölindustrie des Landes. Bekannte Namen tauchen da sehr überraschend auf, die der Leser wohl kaum in einer Historie Aserbaidshans vermutet hättet. Alfred Nobel, schwedischer Chemiker und Erfinder des Dynamits, hat hier genauso gewirkt wie die bis heute legendäre jüdische Familie Rothschild. Sie zog es in die Region rund um Baku, jener Stadt, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Paris des Ostens galt, zur selben Zeit wie San Francisco den Aufstieg erlebte. 1848 wurde die Stadt im Westen der USA durch Gold, Baku durch die erste Öl-Bohrung bekannt. Iljas Vater hat als Ingenieur auf den Bohrtürmen gearbeitet.

Im Laufe der Zeit ist das Land von Fremden besiedelt worden; ob wegen des schwarzen Goldes und wirtschaftlichen Interessen oder wegen Krieg und Vertreibung. Auch davon berichtet dieses Buch, das zahlreiche bedeutende Kapitel aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts in sich vereint und mit seiner unvergleichlichen Dichte an Informationen und erhellenden Zusammenhängen ungemein beeindruckt. Ein wichtiges Thema verbindet indes das 20. Jahrhundert mit der jüngsten Vergangenheit und aktuellen Entwicklungen: Durch die Nähe zum Iran trifft in Aserbaidshan Europa auf Asien, das Christentum auf den Islam, die Region ist ein Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen und Ethnien.

„Das Bedürfnis, das jeder irgendwann einmal den Flüssen seiner Heimat zur Mündung folgen und so ans Ende der Welt, den Eingang zur Ewigkeit gelangen will, wie eine gängige Hypothese lautete, war ihm, der Ockhams ‚Rasiermesser‘-Prinzip verfocht, als Begründung zu elaboriert. Plausibler schien ihm, dass diese Metaphysik sich aus dem bloßen Wunsch fortzugehen herleiten ließ. Sich dem Zugriff des Staates und seiner Gesetze entziehen  – in ein freies, sattes Leben.“

Die Rückkehr in die Heimat weckt in Ilja, der die Gabe hat, in die Tiefe hören zu können, nicht nur die Erinnerungen an die Kindheit, vor allem an die beiden charismatischen Mentoren Stoljarow und Stein. Er erlebt Hasem als Hüter des Naturparks Sirvan und als religiösen Führer einer Kommune, die sich nach dem russischen Dichter Chlebnikov, den Hasem sehr verehrt, benannt hat. Ilja, jedes Detail fotografierend, wird nicht nur Teil dieser Gruppe der sogenannten Heger, gemeinsam mit seinem Jugendfreund, der sich in die eindrucksvolle Steppen- und Berglandschaft zurückgezogen hat, Falken trainiert und verkauft sowie eine besondere Trappen-Art beschützt, führt er lange Gespräche: über Religion, Gott und das Paradies sowie Poesie, die Endlichkeit und den Sinn des Lebens. Auf das eingangs erwähnte Zitat und seine Varianten stößt man im Laufe der Lektüre im Übrigen mehrfach. So wie der Roman reich an Lebensläufen, Episoden und geschichtlichen Zusammenhängen ist, so vermittelt er zudem einen Schatz an Gedanken und Ideen. Hasem, der Biologie studiert hatte und sich damit wie Ilja der Wissenschaft verbunden fühlt, ist dabei keineswegs ein religöser Fanatiker, obwohl er als Derwisch Praktiken des Islams ausübt und pflegt. Vielmehr kritisiert er Glaubensregeln und -grundsätze verschiedener Religionen, was mit Argwohn betrachtet und bestraft wird, so wird auf Hasem ein Bannfluch gelegt, die Kommune als Sekte betrachtet. Mit der Ankunft saudisch-arabischer Scheichs, die im Naturpark rücksichtslos auf Falkenjagd gehen, nimmt das Ende des Naturparks und der Kommune ihren Lauf. Hasem erinnert sich dabei an eine frühere Begegnung mit Osama bin Laden, der nur der „Prinz“ genannt wird.

Der Roman berichtet von dramatischen Geschehnissen recht unvermittelt und beiläufig, so dass die Tragödien am Schluss den Leser wohl sehr schockieren und ergreifen. Der Hoffnung und der Utopie auf ein selbstbestimmtes Leben in der Natur, im Einklang mit eigenen Lebens- und Glaubensvorstellungen, wird ein gewalttätiges Ende gesetzt. Dieses vom sowohl Umfang als auch vom Inhalt mächtige Werk klappt man mit sehr viel Melancholie zu. Nicht nur des tragischen Schlusses wegen. Vielmehr geht eine bereichernde Lese-Erfahrung zu Ende, auf die man sehr selten trifft. „Der Perser“ ist ein monumentales Buch für all jene, die sowohl Herausforderungen, Entdeckungen und Überraschungen als auch Sprachkunst in ihrer höchsten Form lieben. Ohne Frage – die Lektüre benötigt Zeit, und dieses Werk hat es vor allem verdient, mehrmals gelesen zu werden. Zumal alle Verweise und Zusammenhänge wohl nicht sogleich verarbeitet werden können. Auch wird das Geschehen aus verschiedenen Perspektiven, sehr detail-, personen und bildreich, gezeichnet von Ort- und Zeitwechsel, erzählt. Weitere Textformen wie Gedichte, Märchen und Bühnenstück werden in den Roman eingebettet. Es erinnert an einen großen prächtigen Teppich, in dem verschiedenen Formen und Farben zusammenwirken. Ein großer Respekt gilt neben dem Autor, der, aus Aserbaidshan stammend, nach Auslandsaufenthalten in Israel und den USA heute in Tel Aviv lebt, vor allem auch Übersetzer Andreas Tretner für seine herausragende Arbeit an diesem einzigartigen Mammut-Werk.

Weitere Blog-Besprechungen auf „Leseschatz“, „Muromez“ und „Bücherrezension“. Einen Eindruck der facettenreichen Welten des Romans vermittelt auch die Seite „Der Perser.Bilder eines Romans – Aus dem Arbeitsjournal des Übersetzers Andreas Tretner“.

 

Der Roman „Der Perser“ von Alexander Ilitschewski erschien im Suhrkamp Verlag, in der Übersetzung aus dem Russischen Andreas Tretner; 750 Seiten, 36 Euro

 

 

Metamorphose – Anna Katharina Hahn „Das Kleid meiner Mutter“

„Das gesamte Anderssein war ein Versprechen.“

Gut ausgebildet, aber chancenlos: Spaniens Jugend steht im Abseits. Die Eurokrise hat das Land tief getroffen. Wer kann und will, wandert  aus. Wer zurückbleibt, hat meist keine Arbeit oder einen schlecht bezahlten Job. Statt in einer eigenen Wohnung leben viele bei den Eltern. Auch Ana María Martínez Madrugada, kurz Anita Nanita genannt, trifft dieses harte wie ernüchternde Los einer vergessenen Generation.    Metamorphose – Anna Katharina Hahn „Das Kleid meiner Mutter“ weiterlesen

Eine Wiederbegegnung mit Ketil Bjørnstad

Neulich fiel sie mir wieder in die Hände: die CD mit dem kurzen wie prägnanten Titel „Grace“ und dem zarten und elfenbeinfarbenen Gesicht einer Frauen-Plastik auf dem Cover. Das Album von Ketil Bjørnstad enthält nicht nur eines meiner Lieblingslieder: „Lovers Infiniteness“.  Darüber hinaus begleitet mich der Norweger mit seinen Werken schon seit einigen Jahren – sowohl mit seinen Romanen als auch mit seiner Musik. Grund genug, ihm nun einen Beitrag zu widmen – zusammen mit der wunderbaren Nachricht als Anlass, dass Norwegen das Gastland auf der Frankfurter Buchmesse 2019 sein wird. Eine Wiederbegegnung mit Ketil Bjørnstad weiterlesen

Rückblende – Anthony Marra „Letztes Lied einer vergangenen Welt“

„Es gibt mehr Möglichkeiten, sich an einen Menschen zu erinnern, als es Menschen auf der Welt gibt.“

In einem meiner Lieblingsbuchläden fiel er mir auf: der Roman von Anthony Marra mit dem Titel „Die niedrigen Himmel“. Mit diesem meisterhaften Buch erlebte ich meine erste literarische Begegnung mit Tschetschenien – ein Land, das in den vergangenen Jahren vor allem durch die Berichte zweier Kriege regelmäßig in die Schlagzeilen gekommen war. Mit seinem neuesten Werk „Letztes Lied einer vergangenen Welt“ kehrt der Amerikaner zurück in dieses traditionsreiche wie einst zerrüttete Land und spannt den Bogen indes zeitlich und geografisch weiter.   Rückblende – Anthony Marra „Letztes Lied einer vergangenen Welt“ weiterlesen

Geschärfte Sinne – Andreas Pflüger „Endgültig“

„Jeder hat sein Leben, hält es fest, nimmt es für selbstverständlich. Die Wenigsten wissen, dass es das nicht ist.“

Als ein Einsatz verheerend endet, ahnt sie nicht, dass dies erst der Beginn eines Kampfes auf Leben und Tod ist. Der Fall rund um ein gestohlenes Gemälde von Marc Chagall führt Jenny Aaron und Niko Kvist, zwei verdeckte Ermittler einer deutschen Polizei-Eliteeinheit, nach Barcelona. Während der vereinbarten Übergabe werden beide lebensbedrohlich verletzt. Seitdem hat Aaron ihr Augenlicht verloren. Trotzdem bleibt sie der Polizei als Vernehmungsspezialistin erhalten und gerät fünf Jahre nach dem Fiasko in der katalanischen Metropole erneut in einen gefährlichen Strudel der Gewalt.  Geschärfte Sinne – Andreas Pflüger „Endgültig“ weiterlesen

Schatten – Christoph Hein „Glückskind mit Vater“

„Mit unseren Erinnerungen versuchen wir, ein missglücktes Leben zu korrigieren, nur darum erinnern wir uns. Es sind die Erinnerungen, mit denen wir uns gegen Ende des Lebens beruhigen.“

Der folgende Gedanke macht zugegeben recht traurig: Der Wunsch auf ein selbstbestimmtes Leben bleibt meist unerfüllt, erweist sich als Trugschluss, als Fantasie. Selbst wenn wir hoffen, wenn wir tapfer, wenn wir ehrgeizig sind. Unser Lebensweg wird oft in andere, nicht gewollte und erwünschte Richtungen gelenkt. Christoph Heins neuer Roman „Glückskind mit Vater“ erzählt davon und weckt ein melancholisches Gefühl wie er wiederum glücklich macht, einen besonderen Helden kennengelernt zu haben.  Schatten – Christoph Hein „Glückskind mit Vater“ weiterlesen

Abschied – Milena Busquets „Auch das wird vergehen“

„Ich glaube, dass wir ein paar Dinge für immer verlieren. Ich glaube, sogar, dass wir mehr das sind, was wir verloren haben, als das, was wir besitzen.“

Nahezu jeder spürt die Furcht vor dem eigenen Tod sowie dem  Verlust eines geliebten Menschen. Wie wir mit dem unwiederbringlichen Ende umgehen, wird verschieden sein. Manchmal weigern wir uns, uns der Trauer zu stellen. Bis auch sie sich einstellt. Wenige Wochen nach dem Tod ihrer Mutter ist Blanca hin und hergerissen. Auf der einen Seite fühlt sie den Schmerz, auf der anderen Seite ist da das pure Leben mit Freundinnen, Männern und den beiden Söhnen. Der Sommersitz der Familie in dem beschaulichen Fischerdorf Cadaqués an der spanischen Mittelmeer-Küste verspricht Rückzug und Ablenkung zugleich.  Abschied – Milena Busquets „Auch das wird vergehen“ weiterlesen

Überleben – Anthony Marra „Die niedrigen Himmel“

„Unter der Wolkendecke sahen ferne Städte und Dörfer winzig aus. Angreifer wie Angegriffene klammerten sich an ihre Handvoll Erde, aber am Ende lebte die Erde länger als die Hände, die sie umschlossen.“

Nahezu abseits unserer Gedankenwelt gab es einen Krieg, dem wenig später ein weiterer folgte. Bis heute erfährt Tschetschenien wenig Aufmerksamkeit – wie wohl eine Vielzahl jener Staaten, die nach dem Zerfall der Sowjetunion ihre Selbstständigkeit errungen haben.  Die Republik im Nordkaukasus wurde gleich zweimal von Krieg und Elend (1994 – 1996/1999 – 2009) getroffen. In seinem Debüt-Roman „Die niedrigen Himmel“ erzählt der Amerikaner Anthony Marra vom Leid der Bevölkerung und ihrem Kampf ums Überleben.  Überleben – Anthony Marra „Die niedrigen Himmel“ weiterlesen

Von Ost nach Ost – Christa Wolf „Moskauer Tagebücher“

„Vielleicht leben wir zwischen diesen Bergen, beginnen zu ahnen, daß wir immer im Tal sein werden, beginnen darunter zu leiden, können uns aber aus eigener Kraft nicht aufschwingen.“

Das  Land und ihre Menschen ließen sie zeitlebens nicht los. Zehnmal reiste Christa Wolf (1929 – 2011) in die Sowjetunion; zuerst 1957 als junge Journalistin und Autorin, zuletzt 1989 als die Wende dem Sozialismus ein Ende setzte. Über ihre Reisen geben ihre Tagebücher Auskunft, die mehr sind als nur Einträge ihres eigenen Tuns. In ihren Texten, die sie nie als literarisch empfand und nun  von ihrem Mann Gerhard Wolf herausgegeben wurden, beschreibt sie das Land und das Leben, die Sorgen und Nöte der Menschen.  Von Ost nach Ost – Christa Wolf „Moskauer Tagebücher“ weiterlesen

Gezeichnet – György Dragomán „Der Scheiterhaufen“

„Die schmerzvollsten Geschichten könne man nur so erzählen, dass der, der zuhört, das Gefühl hat, dass sie ihm selbst widerfahren, dass es seine eigenen Geschichten sind.“

Den Menschen zeichnen Erfahrungen und Erlebnisse, Gedanken und Gefühle und nicht minder politische und gesellschaftliche Ereignisse, die später zu Geschichte werden. Wir sind immer das, was wir einst waren. Ein Teil von allem. Kinder und Jugendliche wie Emma machen ebenfalls diese Erfahrung, wenn sie auch erst später wirklich bewusst wird. In Emmas Heimatland Rumänien hat der Sozialismus sein Ende gefunden. Auf dem Hof ihres Internates werden die Überreste des diktatorischen Regimes unter Nicolae Ceaușescu auf einem großen Scheiterhaufen verbrannt. Eine neue Zeit bricht an: nicht nur gesellschaftlich, sondern für Emma auch privat. Ihre ihr bis dato unbekannte Großmutter holt sie aus dem Internat. Fortan soll das Mädchen, das beide Eltern durch einen Autounfall verloren hat, bei ihr leben.  Gezeichnet – György Dragomán „Der Scheiterhaufen“ weiterlesen

Tage danach – Heinz Helle „Eigentlich müssten wir tanzen“

„Ich stelle mir vor, wenn nach uns jemand die Welt wieder aufbaut, wird es eine schweigsame Welt.“

Am Anfang ist die Kälte: Fünf Männer stehen im Kreis dicht aneinander. Sie frieren und wärmen sich. Am Anfang gibt es auch eine unkontrollierte Gewalt: Fünf Männer vergehen sich nacheinander an einer wehrlosen Frau, die im Gebüsch liegt. Man schreibt den Monat April. Eine Katastrophe ist geschehen. Die bekannte Welt existiert nicht mehr. Dörfer sind verwüstet, die Menschen tot. Am Anfang einer neuen Zeit nach dem Ende streifen fünf Männer durch das Land. Ziellos, hungrig, frierend.  Tage danach – Heinz Helle „Eigentlich müssten wir tanzen“ weiterlesen