Richard Ovenden – „Bedrohte Bücher“

„Bei der Bewahrung von Wissen geht es nicht um die Vergangenheit, sondern um die Zukunft.“ 

Es gibt wohl keinen von uns, der nicht persönliche, womöglich auch prägende Erinnerungen an den Besuch in Bibliotheken besitzt. Gefühlt spannen sie sich wie ein Netz über das Land. Was nicht selbstverständlich ist. Über all die Jahrzehnte und Jahrhunderte waren Bibliotheken und Archive aus den unterschiedlichsten Gründen bedroht.  Richard Ovenden steht seit 2014 der berühmten Bodleian Library in Oxford und damit einer der ältesten Bibliotheken Europas vor. In seinem Buch „Bedrohte Bücher“ verbindet er die Vergangenheit mit der Gegenwart und Zukunft. Er berichtet von furchtbaren Ereignissen im Laufe der Geschichte und fordert, Bibliotheken und Archive zu unterstützen und zu bewahren.

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Stephan Thome – „Pflaumenregen“

„Der Vergangenheit ist es egal, aus welchem Grund sie uns nicht loslässt.“

Formosa, „schöne Insel“, nannten portugiesische Seefahrer das asiatische Eiland im Westpazifik nach dessen Entdeckung. Heute heißt es Taiwan oder auch Republik China. Bezeichnungen, die auf eine wechselvolle Geschichte hindeuten. In der Inselhauptstadt Taipeh, seiner zweiten Heimat, lebt zeitweise der deutsche Schriftsteller und Sinologe Stephan Thome. In seinem aktuellen und bereits fünften Roman „Pflaumenregen“ erzählt er von einer taiwanesischen Familie und den Wirren des 20. Jahrhunderts – auf eine meisterhafte und einnehmende Weise.

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Erika Fatland – „Hoch oben“

„Hier, scheinbar direkt vor meinen Augen, nahm der höchste Berg der Welt viel Raum ein: ein gewaltiger dreieckiger Stein.“

Das Dach der Welt ist ein Ort voller Extreme und Kontraste, das Ziel von Pilgern, Weltenbummlern, wagemutigen Bergsteigern und Grenzgängern. Wer hierhin reist, lässt seine eigene Welt zurück und erlebt eine andere, fremd, eindrücklich und unvergesslich. Der Himalaya mit dem höchsten Berg der Welt, dem Mount Everest, war das Ziel der norwegischen Sozialanthropologin Erika Fatland. Sie bereiste 2018 und 2019 das asiatische Hochgebirge – von Pakistan im Westen über Indien, Bhutan und Nepal bis nach China im Osten. Ihr umfangreicher Reisebericht „Hoch oben“ erzählt nicht nur von der gewaltigen Kulisse und den atemberaubenden Landschaften, sondern viel über die dort lebenden Menschen – zwischen Tradition und Moderne.

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Svenja Leiber – „Kazimira“

„Der Stein hat einen Wert, und der Mensch hat einen Wert. Aber der Stein ist was anderes.“

Bernstein  –  das Gold des Meeres, ist Schmuck wie Heilstein.  Eingeschlossene Fossilien erzählen darüber hinaus Geschichten aus Urzeiten. Strandläufer halten auf ihren Touren oft danach Ausschau, den Blick konzentriert zum sandigen Boden gesenkt. Der Historie des weltweit einzigen Bernstein-Tagebaus an der Küste des Baltischen Meeres widmet sich die Berliner Autorin Svenja Leiber in ihrem neuesten Roman „Kazimira“, der zeitlich einen weiten Bogen spannt und von zwei Familien erzählt.  „Svenja Leiber – „Kazimira““ weiterlesen

Friedrich Ani – „Letzte Ehre“

„Der Zufall ist ein unterschätzter Magier.“

Verhämmerung: Das Wort lässt sich nicht im Duden finden und ist wohl nur all jenen bekannt, die sich fachlich mit Medizin oder Materialkunde beschäftigen. Verhämmerung: Man denkt unweigerlich an Kraft und Gewalt, Verformung und Zerstörung. Mehrfach und an einer Stelle zudem in Versalien geschrieben taucht dieses Wort in dem neuen Roman „Letzte Ehre“ von Friedrich Ani auf. Darin erzählt der mehrfach preisgekrönte Schriftsteller und Drehbuch-Autor von kalter, unerbittlicher und brutaler Gewalt von Männern an Frauen.    „Friedrich Ani – „Letzte Ehre““ weiterlesen

Callan Wink – „Big Sky Country“

„Hast du darüber schon einmal nachgedacht? Dass der schwärzeste Himmel den weißesten Schnee machen kann?“

Nordamerika bedeutet Weite. Der riesige Kontinent zwischen Atlantik und Pazifik vereint viele verschiedene Klima- und Vegetationszonen, viele verschiedene Landschaften. Landschaften, die das Leben der Menschen prägen. Die Beziehung zwischen Mensch und Landschaft spielt in dem Debüt des amerikanischen Autors Callan Wink eine wesentliche Rolle. Sein eindrücklicher Coming-of-Age-Roman erweckt widerstreitende Gefühle und erzählt über die Suche nach dem eigenen Lebensweg. „Callan Wink – „Big Sky Country““ weiterlesen

Samantha Schweblin – „Hundert Augen“

„Was für eine Art Leben führte Mister wohl auf der anderen Seite?“

Sie schnurren, surren, quieken. Sie haben eine tierische Gestalt angenommen, sind Krähe, Maulwurf, Kaninchen oder auch Drache. Sie bewegen sich auf Rollen und beobachten mit Hilfe einer Kamera ihre Besitzer. Wenn ihr Akku leer ist, „sterben“ sie. Kentukis, die auch über Mikrofon, Lautsprecher und ein Übersetzungsprogramm verfügen, verbreiten sich nach und nach auf der ganzen Erde. In ihrem Roman „Hundert Augen“ erzählt Samantha Schweblin von einem zuerst faszinierenden, schließlich jedoch erschreckenden Phänomen, das unserer technisierten und virtuellen Gegenwart sehr nah ist.  „Samantha Schweblin – „Hundert Augen““ weiterlesen

Lutz Seiler – „Stern 111“

„Es ging darum, dass wir es sind, die entscheiden.“

Unbegreiflich, unfassbar: Die Wende, von manchen auch friedliche Revolution genannt, wird im Rückblick mit verschiedenen Wörtern beschrieben, die alle allerdings eine Gemeinsamkeit vereint: Sie tragen ein Staunen in sich. Ich war 12 als die Mauer fiel, sich die Grenzen zwischen West und Ost öffneten, an den Grenzübergängen Tausende Hände auf die Motorhauben von Trabi, Wartburg und Lada schlugen. Ich erinnere mich an jenen Abend im November 1989, als meine Eltern auf der Couch saßen und die Nachrichten schauten, die so unglaublich erschienen. Wir lebten in einem Dorf im damaligen Bezirk Dresden, das für sein Rohrwerk und als NVA-Standort bekannt war. Geflissentlich wurde die Region im heutigen Landkreis Meißen als Tal der Ahnungslosen bezeichnet, weil der Westrundfunk schlecht zu empfangen war. Ich wuchs also ohne „Pumuckl“ oder „Sesamstraße“ auf. „Lutz Seiler – „Stern 111““ weiterlesen

Backlist #14 – Maylis de Kerangal „Die Lebenden reparieren“

„Wo er sich befindet, existiert die Zeit nicht mehr.“

Simon ist 19 und ein leidenschaftlicher Surfer, der das Meer, die Wellen, den Wind liebt. Nach einem Surfausflug mit seinen Freunden stirbt er bei einem tragischen Unfall. Von einer Sekunde auf die andere wird er aus dem Leben gerissen, sein noch kurzes Dasein auf Erden beendet. Die Ärzte stellen seinen Hirntod fest. Wenige Stunden später fassen seine Eltern eine folgenreiche Entscheidung: Sie geben Simon zur Organspende frei. In ihrem meisterhaften Roman beschreibt die französische Autorin Maylis de Kerangal den vielschichtigen Prozess eines solchen Ereignisses – vom tragischen Unfall bis zur Implantation der Spenderorgane in den Körper eines sehr kranken Menschen. „Backlist #14 – Maylis de Kerangal „Die Lebenden reparieren““ weiterlesen

Marieke Lucas Rijneveld – „Was man sät“

„Taff sein beginnt mit dem Unterdrücken der Tränen.“

Ihr kindlicher Wunsch erfüllt sich. Eine Tragödie bricht über die Familie herein, nach der nichts mehr ist, wie es einst war. Statt des kuschligen Kaninchens Dieuwertje, das vom Vater gemästet wird, stirbt der große Bruder. Kurz vor dem Weihnachtsfest. Das Eis, auf dem er unbekümmert Schlittschuh läuft, trägt Matthies nicht. Aus sechs werden fünf, bleiben fortan ein Stuhl am Esstisch und ein Kinderzimmer für immer leer. Wie die junge niederländische Autorin Marieke Lucas Rijneveld über Trauer, Schmerz und Schuld, über die Kehrseiten der Religion sowie über menschliche Kälte und Gewalt in ihrem Roman „Was man sät“ schreibt, ist imponierend, wenn nicht sogar unvergesslich. „Marieke Lucas Rijneveld – „Was man sät““ weiterlesen