Unnur Jökulsdóttir „Vom Flügelschlag des Sterntauchers“

„Falke, Merlin und Kolkrabe, das sind die Panzerknacker von Entenhausen am Mývatn.“

Naturparadiese können viele Geschichten erzählen. Die interessantesten scheinen indes verborgen zu sein, versteckt hinter ihrer äußeren, hochglanzreisebroschüreträchtigen Schönheit. Ein Naturparadies ist auch der See Mývatnim Nordosten Islands gelegen. Dass dieser Mückensee – so die freie deutsche Übersetzung seines Namens – mehr als nur stechfreudige Insekten aufzuweisen hat und sich viele Geschichten um ihn kreisen, beweist der wundersame Band „Vom Flügelschlag des Sterntauchers“ der isländischen Journalistin und Autorin Unnur Jökuldóttir, die von den Schätzen, aber auch von den Gefahren, die diese einzigartige Natur und Landschaft bedrohen, berichtet. 

Unnur Jökulsdóttir „Vom Flügelschlag des Sterntauchers“ weiterlesen

Jan Němec – „Die Geschichte des Lichts“

„Werden Sie gute Hirten des Lichts.“

Wie in anderen Kunstbereichen geraten mittlerweile auch in der Fotografie große Künstler in Vergessenheit. Einst, meist zu Lebzeiten bekannt, sind ihre Namen kaum mehr einer breiten Öffentlichkeit bewusst. František Drtikol (1883 – 1961) zählt zu den bedeutendsten tschechischen Fotografen. Seine Werke wurden in namhaften Ausstellungen weltweit präsentiert. In seinem Prager Atelier gaben sich die Prominenten aus Politik, Wirtschaft und Kultur die Klinke in die Hand. Heute kennen  wohl nur die wenigsten ihn und seine Aufnahmen. Doch mit dem wundervollen Roman des tschechischen Autors Jan Němec lernt man Drtikol, sein Wesen und die Zeit, in der er lebte, kennen.

Jan Němec – „Die Geschichte des Lichts“ weiterlesen

Johanna Holmström – „Die Frauen von Själö“

„Erzähl mir … von der Welt da draußen.“ 

In einer kalten dunklen Oktobernacht rudert Kristina Andersson von der schweren Arbeit auf einem Gehöft nach Hause. Im Boot: ihre Tochter und ihr Sohn. Wie in Trance wirft die Mutter ihre beiden Kinder in das Wasser. Wenig später werden die kleinen Körper tot geborgen. Nach einem schweren Fieber und ihrer Genesung wird die junge Frau in die Nervenheilanstalt auf der Insel Själö inmitten eines Schärengartens an der finnischen Küste gebracht. Man schreibt das Jahr 1891, und diese Anstalt hat es wirklich gegeben. In ihrem Roman „Die Frauen von Själö“ erzählt die finnlandschwedische Autorin Johanna Holmström vom Leiden der Frauen auf dem von der Außenwelt nahezu abgeschnittenen Eiland – aber auch von Momenten der Freude und Menschlichkeit. Johanna Holmström – „Die Frauen von Själö“ weiterlesen

Backlist #11 – James Hanley „Ozean“

„Wie erbärmlich unzulänglich wir doch sind.“ 

Es sind nur wenige Minuten, die zwischen einer vermeintlich sicheren Schiffsfahrt und ihrem tragischen Ende, zwischen Leben und Tod entscheiden. Mit einem Torpedoschuss versenkt  ein deutsches U-Boot das Passagierschiff „Aurora“, das unterwegs nach Amerika ist. Eine Handvoll Männer findet sich schließlich auf einem Rettungsboot wieder. Über sich den Himmel, um sich die unermessliche Weite des Meeres. Mit seinem 1941 erschienenen Roman „Ozean“ hat der Engländer James Hanley eine eindrückliche und psychologisch spannende Parabel über die Nichtigkeit des Menschen und über dessen Stärken wie Schwächen geschrieben. 

Backlist #11 – James Hanley „Ozean“ weiterlesen

Rachel Kushner „Ich bin ein Schicksal“

„Nach und nach wurde mir das Leben ausgesaugt.“

W314159. Romy Leslie Hall ist nicht mehr als eine Nummer im Frauengefängnis von Stanville, eine Fallakte im amerikanischen Justiz-System. Sie war Stripperin in einer Bar, kannte sich mit Drogen aus, sie ist Mutter eines Sohnes und sitzt nun ein: zweimal lebenslänglich. Sie wird hinter Gittern sterben, weil sie ihren Stalker getötet hat. Die Amerikanerin Rachel Kushner, die für ihren 2015 in deutscher Übersetzung erschienenen Roman „Flammenwerfer“ gefeiert und gelobt wurde, rückt mit ihrem neuesten Werk „Ich bin ein Schicksal“ nicht nur eine einzelne Frau in den Mittelpunkt. Es ist ein eindrückliches Buch über Amerikas verlorenen Ruf, das längst nicht mehr als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten erscheint.

Rachel Kushner „Ich bin ein Schicksal“ weiterlesen

Michail Ossorgin „Eine Straße in Moskau“

„Das Weltengebäude war erschüttert, die Vögel verjagt vom Dröhnen der Waffen!“

Bücher erzählen Geschichten. Doch auch um sie selbst ranken sich spannende, oft auch tragische Geschichten. Sie berichten von ihrem Schöpfer und von seinem Erfolg. Manche sind allerdings auch Beispiele, wie einst Vergessenes wieder in die Öffentlichkeit geholt wird. Es ist für mich immer wieder erstaunlich und spannend, wie Autoren und ihre Werke nach Jahren und Jahrzehnten wieder entdeckt werden. Wohl nur wenige kennen den Namen des russischen Schriftstellers Michail Ossorgin (1878 – 1942). Mit der Veröffentlichung des Romans „Eine Straße in Moskau“ erinnert die Buchreihe „Die Andere Bibliothek“ an den Autor, der in dessen Heimatland vergessen werden sollte.  Michail Ossorgin „Eine Straße in Moskau“ weiterlesen

Friedrich Ani „All die unbewohnten Zimmer“

„Wir sind alle Geiseln unserer Erinnerung.“

In TV-Serien ist das sogenannte Crossover – das Zusammentreffen von Ermittlern beziehungsweise Kommissaren verschiedener Reihen – ein beliebtes Mittel, das meist für gute Einschaltquoten sorgt. In der Kriminalliteratur ist diese Besonderheit leider noch recht selten anzutreffen. Der neue Roman von Friedrich Ani bildet da eine interessante Ausnahme: Denn mit Jakob Franck, Polonius Fischer, Tabor Süden und Fariza Nasri kommen gleich vier, aus zahlreichen Büchern und Bänden bekannte Kommissare beziehungsweise Ex-Ermittler zusammen, und jeder hat seine eigene Geschichte, seinen eigenen Charakter. Es gilt zwei knifflige Fälle zu lösen, in denen Vergangenheit und Gegenwart auf beunruhigende Weise aufeinandertreffen.  Friedrich Ani „All die unbewohnten Zimmer“ weiterlesen

Sue Hubbell „Leben auf dem Land“

„In der Stadt nennt man mich die Bienenfrau. Was könnte ich anders sein.“

Unser Leben wird zunehmend technisierter und hektischer. Es scheint sich von der Natur und ihren Regeln zu entfernen, ja abzuwenden. Wir scheinen die Verbindung zu ihr zu verlieren. Die Urbanisierung schreitet fort: Die Menschen ziehen in die Stadt, ganze Landstriche veröden. Doch seit einiger Zeit ist ein Gegentrend zu spüren. Familien entscheiden sich wieder für ein Leben auf dem Land. In Städten entstehen zahlreiche Gärten, die liebevoll gepflegt werden, findet auch die Imkerei mehr und mehr Zuspruch. Man kann es als Rückbesinnung bezeichnen, die schon einige Zeit vor dem aktuellen Diskurs zum Umweltschutz ihren erfreulichen Lauf nahm. Nicht nur Ratgeber jeglicher Art feiern weiterhin eine Hochkonjunktur. Die literarische Gattung des Nature Writing und die Werke ihrer Vertreter werden zunehmend wiederentdeckt. Wer sich mit diesen beschäftigen will, kommt an dem wundervollen Buch „Leben auf dem Land“ der Amerikanerin Sue Hubbell einfach nicht vorbei.

Sue Hubbell „Leben auf dem Land“ weiterlesen

Monica Kristensen „Amundsens letzte Reise“

„Man nannte es scherzhaft die Polarkrankheit, aber sie glich eher einer Besessenheit.“

Sein Name verbindet jeder unweigerlich mit der weißen Welt, dem Ewigen Eis. Seine Entdeckungsreisen haben seinen Weltruhm begründet. Er durchfuhr als erster Mensch die Nordwestpassage, erreichte als erster den Südpol, er war auch einer der ersten, die zum geografischen Nordpol kamen. Der Norweger Roald Amundsen (1872 – 1928), nach dem das neueste Schiff der legendären Hurtigruten-Flotte benannt ist, ist bis heute verbunden mit Entdeckermut und Wagnis, aber auch einem ungeheuren Wissensschatz rund um die Polargebiete. Die Norwegerin Monica Kristensen hat über Amundsens letzte Reise, von der er nicht mehr zurückgekommen ist, einen Band geschrieben, der Maßstäbe setzt.

Monica Kristensen „Amundsens letzte Reise“ weiterlesen

Blätterrascheln – Blick in die Vorschauen II

Nach dem ersten Streich mit einem Ausblick auf den „norsk-„Herbst mit kommenden Titeln rund um die Frankfurter Buchmesse und Norwegen als Gastland kommt an dieser Stelle nun Teil zwei und die gewohnte Mischung. Ich freue mich auf neue Titel von schon mir liebgewonnenen Autoren sowie die eine oder andere Neu- oder Wiederentdeckung. Blätterrascheln – Blick in die Vorschauen II weiterlesen

Der Herbst wird norsk – Blick in die Vorschauen I

Leser meines Blogs wissen, dass ich zweimal im Jahr einen Überblick über kommende Neuerscheinungen gebe. Einmal für das Frühjahr, einmal für den Herbst. Dieses Jahr wird es ein klein wenig anders sein. Denn für Freunde norwegischer Literatur ist 2019 bekanntlich ein großes Fest. Das skandinavische Land ist unter dem Motto „Der Traum in uns“ Gastland auf der Frankfurter Buchmesse vom 16. bis 20. Oktober. Mit Blick auf die Fülle an Veröffentlichungen und Veranstaltungen ziehe ich an dieser Stelle erst einmal mit großem Respekt vor allen den Hut, die dazu beitragen. Verlage, Autoren, Übersetzer, Buchhandlungen und den Mitarbeitern von Norla (Norwegian Literature Abroad), die den Gastauftritt initiieren und organisieren. Der Herbst wird norsk – Blick in die Vorschauen I weiterlesen

Annelies Verbeke „Dreißig Tage“

„Es gibt immer Licht, immer Schatten.“

Alphonse ist ein dufter Typ. Mit ihm ist gut Kirschen essen, womöglich auch Pferde stehlen. Er ist einer, den man sich als Nachbarn wünscht, mit dem man gern ein Bierchen, Weinchen oder ein großes Glas Fassbrause trinken würde. Doch es gibt auch Menschen, die ihn scheel anschauen würden – mit einem Blick der Verachtung, des Hasses. Denn Alphonses Haut ist dunkel, er stammt aus dem Senegal. Dass er in der tiefsten Provinz Flanders lebt, empfindet er als Glück, doch das ist nur von kurzer Dauer. Die flämische Schriftstellerin Annelies Verbeke hat mit „Dreißig Tage“ einen Roman geschrieben, der das Herz des Lesers bricht.

Annelies Verbeke „Dreißig Tage“ weiterlesen

Heine Bakkeid „Triff mich im Paradies“

„Alle brauchen einen Ausweg.“

In der Kriminal- und Thrillerliteratur gibt es in der jüngsten Vergangenheit wohl kaum einen so kaputten Ermittler wie Thorkild Aske. Er ist ein Wrack, von körperlichen wie seelischen Wunden und Narben gezeichnet. Mit „Und morgen werde ich dich vermissen“ aus der Feder des Norwegers Heine Bakkeid hat er vor wenigen Jahren die Bühne der Spannungsliteratur betreten. Der erste Fall führte den Ermittler in den hohen, unwirtlichen Norden Norwegens, und auch im zweiten Fall kommt Aske nicht herum, den von ihm ungeliebten Teil des Landes erneut aufzusuchen. Denn ein Serienkiller treibt sein Unwesen, und es gilt, eine junge Frau aufzuspüren, die verschwunden ist. Heine Bakkeid „Triff mich im Paradies“ weiterlesen

Backlist #11 – Richard Flanagan „Der schmale Pfad ins Hinterland“

„Denn wenn die Lebenden die Toten loslassen, zählt das Leben nichts mehr.“

Viel ist über den Zweiten Weltkrieg geschrieben worden, unzählige Bücher sind erschienen; Romane, Zeitzeugenberichte und wissenschaftliche Literatur. Doch immer wieder stößt man als Leser auf Ereignisse, von denen man wenig oder noch nichts weiß. War mir persönlich die Brücke am Kwai zwar vom Namen bekannt, auch durch den gleichnamigen Film, wurden mir die Geschehnisse beim Bau der sogenannten Todeseisenbahn in Thailand und Burma erst mit dem Roman „Der schmale Pfad durchs Hinterland“ umfassend nahe gebracht. Für sein Werk erhielt der Australier Richard Flanagan im Jahr 2014 den renommierten Man Booker PrizeBacklist #11 – Richard Flanagan „Der schmale Pfad ins Hinterland“ weiterlesen

Tom Rachman „Die Gesichter“

„Ein Künstler, Charlie, sieht die Welt anders als normale Menschen (…).“

Der Vater – ein berühmter und gefeierter Künstler, die Mutter – nicht minder begabt, aber erfolglos. Mittendrin – der Sohn. Charles, von allen meist nur Pinch genannt, steht zwischen beiden, blickt zu seinem Vater hinauf, während er seiner Mutter, die ihm die meiste Liebe gibt, weitaus weniger Beachtung schenkt. Tom Rachman hat mit seinem neuen Roman „Die Gesichter“ ein bewegendes und kluges Buch geschrieben, in dem jeder Leser seine Geschichte findet und eine besondere Seite mögen wird.

Tom Rachman „Die Gesichter“ weiterlesen

Romain Gary „Die Jagd nach dem Blau“

„Im Leben bleiben die Dinge selten heil.“

Sie tragen große Namen: DON QUICHOTE und MONTAIGNE. Manche heißen auch „nur“ WELTFRIEDEN und DICKERCHEN. Über die Grenzen seines Dorfes in der Normandie hinaus ist Ambroise Fleury, ein einfacher Landbriefträger, bekannt für seine selbst gebauten prächtigen Papier-Drachen. Für ihn wird sogar später ein Museum eingerichtet, das von seiner besonderen Leidenschaft erzählt. Über sein Leben berichtet auch sein Neffe Ludo. Im Roman „Die Jagd nach dem Blau“, dem letzten Buch des französischen Schriftstellers Romain Gary (1914 – 1980), ist er Ich-Erzähler und zugleich Held einer berührenden Geschichte über Geradlinigkeit, Hoffnung und eine große Liebe in einer düsteren Zeit. Romain Gary „Die Jagd nach dem Blau“ weiterlesen

Dagny Juel – „Flügel in Flammen“

„In der Seele großem dunklem Saal (…).“

Dagny Juel – Autorin, Femme fatale, Ehefrau, Mutter zweier Kinder. Viele Rollen hat die 1867 in Kongsvinger geborene Norwegerin in ihrem kurzen, durch einen tragischen Todesfall endenden Leben übernommen. Ihr Wirken und Schaffen als schreibend schöpferische Frau hat indes bis vor kurzem hinter ihrer Bedeutung in der berühmten skandinavisch-slawischen Berliner Boheme im ausgehenden 19. Jahrhundert gestanden. Nun versammelt der Band „Flügel in Flammen“ erstmals ihre gesammelten Werke in deutscher Übertragung und gibt auch dank eines Essays des Filmemachers und Autors Lars Brandt Einblicke in das Leben einer faszinierenden Persönlichkeit.

Dagny Juel – „Flügel in Flammen“ weiterlesen

Mathijs Deen „Über alte Wege“

„Veränderung beginnt damit, dass man einen neuen Weg geht, selbst wenn es nur eine Spur ist.“

Europastraßen: Sie bilden ein dichtes Netz, das sich über Europa und weite Teile Asiens legt. Sie führen von Norden nach Süden, von Westen nach Osten und machen nicht an Grenzen halt. Rund 250 von ihnen gibt es, mal mehr, mal weniger gut gekennzeichnet und ausgebaut. Diese Pisten für Fernfahrer und Touristen sind jedoch keine Erfindung der letzten Jahrzehnte. Ihre Geschichte reicht vielmehr sehr weit zurück. Und immer hatten sie eine besondere Bedeutung. Auf eine wundersame Reise in Raum und Zeit lädt der Niederländer Mathijs Deen mit seinem faszinierenden Buch „Über alte Wege“ ein. Mathijs Deen „Über alte Wege“ weiterlesen