Esi Edugyan – „Washington Black“

„Das Unmögliche begegnet uns in dieser Welt selten (…).“

Er ist nach dem ersten amerikanischen Präsidenten benannt – und nach seiner Hautfarbe. George Washington Black wächst als Sklave auf einer Zuckerrohr-Plantage auf der Karibik-Insel Barbados auf. Bereits als Kleinkind weiß er, was Armut und Ausbeutung, Gewalt und Unterdrückung bedeuten, dass das Leben der Sklaven für deren Besitzer nicht viel wert ist. Doch eine Begegnung wird das Leben des Zehnjährigen eine andere Wendung geben. Der nach dem Helden benannte Roman der kanadischen Autorin Esi Edugyan führt nahezu rund um die Welt und erzählt von einer besonderen Befreiung. 
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Liz Moore – „Long Bright River“

„Die Welt verdunkelt sich an den Rändern.“ 

Philadelphia: Die für nordamerikanische Verhältnisse recht alte Stadt, die liebevoll Philly genannt wird, haben einst Bruce Springsteen und Elton John besungen. 1,6 Millionen Menschen leben in der Ostküsten-Metropole, die auch vom Wasser des breiten Delaware River geprägt wird. Doch wie es jeder Großstadt eigen ist – hinter glänzenden Hochhaus-Fassaden wartet das Dunkle, Armut, Schmutz und Kriminalität. Die amerikanische Autorin Liz Moore hat mit „Long Bright River“ einen eindrucksvollen weil komplexen Roman geschrieben, der sich verschiedenen Thematiken annimmt.

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Benjamin Labatut – „Das blinde Licht“

„Wann haben wir aufgehört, die Welt zu verstehen.“

Genie: Überragende schöpferische Begabung, Geisteskraft. So erklärt der Duden das Wort, mit dem neben Künstler oft auch hochrangige und einflussreiche Wissenschaftler beschrieben werden. Mit dem Titel verbunden ist auch die Wahrnehmung, die schier übermenschliche Leistung der Hochbegabten nicht beschreiben oder gar erklären zu können. Sie scheinen aus der Welt gefallen zu sein und haben doch die Welt verändert. Vier der herausragenden Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts stellt der chilenische Autor Benjamin Labatut in seinem nicht minder herausragenden Debütroman „Das blinde Licht“ vor. Der Leser lernt darin Fritz Haber, Karl Schwarzschild, Alexander Grothendieck und Werner Heisenberg und ihre ganze eigene Welt kennen.  

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Katie Hale – „Mein Name ist Monster“

„Das Überleben ist eine zeitaufwendige Sache.“ 

Die Welt ist eine andere geworden. Die Menschheit hat sich nahezu vollständig ausgelöscht. Krieg und eine Seuche, deren Erreger mittels Bomben verstreut wurde, haben Länder, Städte, Dörfer und ihre Einwohner vernichtet. Monster hat die Katastrophe jedoch überlebt. Im Eis, auf Spitzbergen, wo sie in einem Saatgut-Tresor arbeitete. Mit einem Boot macht sie sich auf die beschwerliche Reise über das Meer nach Schottland, in ihre Heimat. Mit „Mein Name ist Monster“ legt die preisgekrönte britische Autorin Katie Hale ihren Debüt-Roman vor. Ein Buch über düstere Zeiten, aber auch helle Momente, das sich einreihen könnte in eine Liste bekannter Titel.

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Dacia Maraini – „Die stumme Herzogin“

„Die Träume sind gewissermaßen wirklicher als die Wirklichkeit, wenn sie zu einem zweiten Leben werden (…).“

Was können uns historische Romane über ihre Einblicke in eine vergangene Zeit hinaus heute noch erzählen? Sind es nicht gerade besondere Persönlichkeiten und der Vergleich von Geschichte und Gegenwart, die dieses Genre so besonders reizvoll machen? Bereits 1990 erschien der Roman „Die stumme Herzogin“ der italienischen Schriftstellerin Dacia Maraini über eine besondere Frau, die im 18. Jahrhundert gesellschaftliche Tabus bricht – trotz ihres Geschlechts und ihrer Behinderung. Ein meisterhaftes Werk, das dank einer Neuausgabe nun wiederentdeckt werden kann.

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Dervla McTiernan – „Todesstrom“

„Es sind nicht die Toten, vor denen man Angst haben muss.“

Cormac Reilly ist noch ein Greenhorn, als er als junger Polizist kurz nach seiner Ausbildung an der Akademie zu einem Einsatz gerufen wird. In einem völlig verwahrlosten Haus entdeckt der Detective eine tote, an einer Überdosis verstorbenen Frau – und ihre beiden Kinder Maude und Jack. Der Junge ist verletzt und wird von Cormac mit seiner Schwester in ein Krankenhaus gebracht, aus dem das Mädchen jedoch spurlos verschwindet. Gut 20 Jahre später wird Reilly erneut mit dem einstigen, düsteren Fall konfrontiert. Denn Jack, nunmehr ein erwachsener Mann, wird tot im Fluss gefunden.  Dervla McTiernan – „Todesstrom“ weiterlesen

Tim Flannery – „Europa“

„Ernst Haeckels Name für unsere Neandertaler-Vorfahren, Homo stupidus, mag immer noch einige Gültigkeit besitzen – und zwar für uns.“

Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, erinnere ich mich an einen Film, der mich damals begeistert hat und noch immer fasziniert. „Reise in die Urzeit“ erzählt die Geschichte von vier Jungen, die sich nach dem Fund eines versteinerten Trilobiten mit einem Boot auf eine Reise in die Vergangenheit begeben. In jeder Epoche entdecken sie die darin typischen Pflanzen und Tiere. Für seinen Streifen erhielt der tschechische Regisseur Karel Zeman (1910 – 1989) bei den Filmfestspielen in Venedig 1955 den Preis für den besten Kinderfilm. Eine Art Zeitmaschine in die prähistorische Ära hält auch der australische Zoologe und Biologe Tim Flannery mit seinem herausragenden Band „Europa. Die ersten 100 Millionen Jahre“ bereit.

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Reinhard Stöckel – „Kupfersonne“

„Du findest, was du suchst.“

Enzthal ist eingeschlossen. Ein nahezu undurchdringlicher Nebel umhüllt das Dorf, im Osten Deutschlands, genauer gesagt im Mansfelder Land, gelegen. Unweigerlich fällt einem das derzeit oft genutzte Wort „Lockdown“ ein. Wenngleich der Nebel noch weitere Folgen mit sich bringt: Kein Radio funktioniert, die Kinder kommen nicht mehr mit dem Bus in die Schule, dem Gasthof geht langsam das Bier aus. Nicht einmal Walter Ulbricht, der zu dieser Zeit als Vorsitzender des Staatsrates der DDR die Macht in den Händen hält, kann daran etwas ändern. Die Bewohner nehmen ihr Schicksal auf ganz eigene Weise in die Hände. Dieser Ort nahe des Kyffhäusers ist Ausgangspunkt von großer Geschichte und individuellen Lebensgeschichten, die im neuen Roman von Reinhard Stöckel vom bewegenden wie dunklen Kapiteln des 20. Jahrhunderts erzählen und dabei auch nach Spanien führen.

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Stig Sæterbakken – „Durch die Nacht“

„Menschen, die am Rand eines Abgrunds stehen, kennen sich nicht.“

Es liegen nur wenige Monate zwischen der Veröffentlichung seines Romans „Gjennom natten“ und seiner letzten Entscheidung. Am 24. Januar 2012 nahm sich der norwegische Schriftsteller Stig Sæterbakken das Leben. Er zählte in seinem Heimatland zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart, Karl Ove Knausgård schätzte ihn. Sein literarisches Schaffen weist eine große Bandbreite auf, es reicht von Romanen über Lyrik bis zu Essays und Erzählungen. Zudem übersetzte er erfolgreich aus dem Englischen. Mit acht Jahren Zeitunterschied erschien mit „Durch die Nacht“ nun Sæterbakkens letztes Werk in deutscher Übersetung. Ein erschütternder und beklemmender Roman, der lange nachhallt.

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Ann Petry – „The Street“

„Was würde die Straße aus ihr machen?“

Diese Stadt gilt als Inbegriff des amerikanischen Traums. In New York prallen die harschen Gegensätze wie in vielen anderen Metropolen, die zudem den Hauch eines Molochs verströmen, aufeinander, aber womöglich weitaus drastischer. Da ist das Finanzkapital in Form der Wall Street, dort sind die heruntergekommenen Armenviertel, wo der Aufstieg meist nur Fantasie bleibt, Gewalt und Kriminalität an der Tagesordnung sind. Mit „The Street“ hat die afroamerikanische Autorin Ann Petry (1908 – 1997) einen Roman geschrieben, der die verzweifelten Bemühungen einer jungen ehrgeizigen Frau schildert, die für ein besseres Leben für sich und ihren kleinen Sohn kämpft. Das Besondere: Dieses Buch ist bereits 1946 erschienen und es war das bis dato erfolgreichste Buch einer Afroamerikanerin. Es kann und sollte nun wiederentdeckt werden dank der deutschen Übersetzung.

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Steven Price – „Die Frau in der Themse“

„Geister kann man nicht einfangen.“

Was sie sich wohl erzählt hätten, wenn sie sich damals in London begegnet wären? Der berühmte Detektiv Sherlock Holmes und sein Kollege William Pinkerton. Hätten sie sich über das schlechte Wetter, die neblige und stets im Dunst liegende Stadt oder über die modernen Möglichkeiten, Kriminelle dingfest zu machen, unterhalten? Leider fand diese Begegnung niemals statt. Bekanntlich ist und bleibt Holmes eine Kunstfigur und Schöpfung des legendären Autors Arthur Conan Doyle. Doch Pinkerton hat es wirklich gegeben. Er ist einer der beiden Hauptfiguren im Roman „Die Frau in der Themse“ des Kanadiers Steve Price – ein spannender vielschichtiger Schmöker at its best!

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Tommi Kinnunen – „Das Licht in deinen Augen“

„Jeder Mensch muss entscheiden, ob er sich vor der Welt fürchten will oder nicht.“ 

Von einem Dorf im Norden Finnlands hat das Leben sie in die Stadt geführt. Schon in der Jugend verlassen Helena und ihr Neffe Tuomas ihren Heimatort. Sie wird bereits als Kind von ihren Eltern auf die Blindenschule geschickt, er entflieht der Familie als Student. Lange hat Tuomas seine Homosexualität verheimlicht. Beide gehen ihre Lebenswege – nicht ohne Schicksalsschläge zu erfahren. Beide sind mit ihrer Familie verbunden – mehr oder minder. Nach „Wege, die sich kreuzen“ hat der Finne Tommi Kinnunen einen zweiten, ebenfalls beeindruckenden Band über die Familie Löytövaara geschrieben – erneut mit Geschichten und Personen aus der eigenen Familie als Grundlage.

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Blogbuster: 11 Fragen an Franziska Gänsler

Vor einigen Wochen stellte ich hier auf meinem Blog meine Entscheidung vor, wen ich in puncto Blogbuster in die nächste Runde schicke. Zwei Manuskripte, die ich sehr gern gelesen habe, hatten es mir nicht leicht gemacht, eine alles entscheidende Auswahl zu treffen: Sören Heim mit „Lenz“ sowie Franziska Gänsler mit „Kahn“.  Ihr –  meiner Kandidatin im Wettbewerb um den Preis der Literaturblogger – stellte ich nun für ein Interview einige Fragen. Blogbuster: 11 Fragen an Franziska Gänsler weiterlesen

Simon Stålenhag – „The Electric State“

„Wann hat es eigentlich begonnen?“  

Die Zeiten sind derzeit schwer und unsicher. Dabei mutet es nahezu ein wenig befremdlich an, dass gerade in Hard-Times wie diesen die Literatur über Krisen, wie Kriege und Katastrophen jeglicher Art, wieder mehr in der Öffentlichkeit steht. Ja, es werden sogar ganze Listen mit Titeln empfohlen. Dabei lohnt sich der Blick in diese düstere Literatur sehr wohl, weil sie uns zeigt, wie sich die Menschen in schweren Zeiten verhalten (können) und worin die Ursachen für den plötzlichen oder allmählichen Niedergang liegen. Schon seit einigen Jahren beschäftigen mich dystopische Bücher. Nun habe ich zu einem wohl einzigartigen gegriffen: zu Simon Stålenhags illustrierten Roman „The Electric State“.

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Katya Apekina – „Je tiefer das Wasser“

„Warum uns wieder da hineinziehen? Wir waren Kinder.“ 

Was will uns dieses Cover sagen? Mir erschien es etwas rätselhaft und mysteriös. Dieses Weiß unter den blauen Lettern des Titels, diese Augen. Doch wer das Debüt der russisch-amerikanischen Schriftstellerin Katyna Apekina bis zum Ende liest, wird den Sinn erkennen und erneut erschauern. Ihr großartiger, indes auch teils verstörender Roman erzählt von einer außergewöhnlichen Familie – die außergewöhnliche Beziehungen und Emotionen pflegen, die schließlich zu tragischen Ereignissen führen. Katya Apekina – „Je tiefer das Wasser“ weiterlesen

Jan Costin Wagner – „Sommer bei Nacht“

„Wie lange braucht der böse Mann, um das Böse zu tun.“

Es sind oftmals nur wenige Momente, um ein Leben und das weiterer Menschen von Grund auf zu verändern. Es sind nur wenige Sekunden, als der kleine Jannis während eines Flohmarktes einer Wiesbadener Grundschule verschwindet. Sekunden, in denen Mutter und Schwester nicht auf das Kind achten. Die Polizei nimmt die Ermittlungen auf. Doch Christian Sandner und Ben Neven müssen schnell erkennen, dass die Suche nach dem Jungen mehr als schwierig ist. Jan Costin Wagners neuer Roman ist ein bedrückendes dunkles Meisterwerk über tragische Verluste.

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Im Kokon – Gedanken zur Zeit

Es ist eine besondere, eine besonders schwere Zeit. Das kulturelle und soziale Leben steht still, eingefroren für den Tag X. Keine Treffen, keine Lesungen, keine Konzerte. Veranstaltungen werden abgesagt. Keiner weiß, wann dieses System wieder allmählich hochgefahren werden kann. Gerade diese Ungewissheit bereitet vielen von uns extreme Sorgen. Die Existenzangst von Buchhändlern, Verlagen, Künstlern aller Couleur geht um – trotz der Versprechungen aus der Politik.  Es beginnt die Zeit für Hilfe, die auch im Kleinen liegen kann. Wir müssen lernen von anderen und lernen, neue Wege zu gehen. In Erfahrungen anderer und auch in spontanen Ideen, mit denen jeder Einzelne seine ganz besondere Premiere feiert, liegt viel Potenzial. Im Kokon – Gedanken zur Zeit weiterlesen

Meine Blogbuster-Kandidatin oder Von zwei, die es verdient hätten

Eine Qual ist diese Wahl nicht. Eher schleicht sich ein Gefühl der Betrübtheit ein, nachdem ich mich entschieden hab, wen ich im Blogbuster, den Preis der Literaturblogger, in die nächste Runde entsende.  Nach der Premiere 2017 nahm ich nun zum zweiten Mal als Bloggerin an dem Wettbewerb teil. Von fünf der insgesamt sieben Kandidaten, die an meine Blog-Tür geklopft haben, ließ ich mir das jeweilige Manuskript zusenden. Eines las ich mit Spannung sogar zweimal, gleich im Anschluss widmete ich mich einem zweiten Text komplett, der mich nicht minder fasziniert. Beide sind thematisch sehr verschieden. Doch beiden würde ich viele Leser wünschen. Also, was nun? Für den alles entscheidenden Entschluss ließ ich mir einige Tage Zeit, entschied jedoch, dass ich beide Verfasser in meinem Text würdige. Meine Blogbuster-Kandidatin oder Von zwei, die es verdient hätten weiterlesen