Erling Kagge – „Mein Nordpol“

„Bei minus fünfzig Grad gibt es nur einen Gedanken: Es ist kalt.“

Manch große Geschichte beginnt mit einem Geschenk. Erling Kagge ist sieben, als er von seinen Eltern einen Globus zum Geburtstag erhält. Mehr als die Ozeane, Meere und Kontinente faszinierte ihn ein winziger Punkt auf der Weltkugel: der Nordpol. 20 Jahre später erreichte der Norweger mit seinem Landsmann, dem Polarforscher Børge Ousland, den nördlichsten Punkt der Erde. Über seine Reise, aber auch die Geschichte früherer Polarexpeditionen und die Faszination des „ewigen“ Eises hat er ein großartiges Buch geschrieben.

Erster Mensch an allen drei Polen

Es ist die erste Pol-Fahrt ohne Unterstützung. Mit Start auf Ellesmere Island in der kanadischen Arktis erreichte das norwegische Duo nach 58 Tagen auf Skiern und mit 120 Kilogramm schweren Schlitten am 4. Mai 1990 den Nordpol. Kagge, 1963 in Oslo geboren, ist eine Art Tausendsassa. Er ist der erste und bisher einzige Mensch, der alle drei Pole – Nordpol, Südpol und den Mount Everest – erreicht beziehungsweise bestiegen hat. Er ist Jurist, Verleger, und er sammelt Kunst. In seinen Büchern geht es immer um spezielle Erkenntnisse und Grenzerfahrungen. Nun der Nordpol, der ihn geprägt hat, dessen Geschichte(n) er recherchiert hat.


Bevor er zu einer Zeitreise aufbricht, erklärt er zu Beginn seines Buches die Unterschiede zwischen himmlischem, magnetischem und geografischem Nordpol und erzählt vom imaginären Nordpol. Der Blick in die Vergangenheit geht weit. Bereits in alten indischen Schriften wird der Nordpol erwähnt. Im antiken Ägypten werden die Grundlagen der Kartografie gelegt. Auch in den Religionen spielt dieser geografische Punkt eine wichtige Rolle. Doch die Geschichte der Erforschung und der zahlreichen Expeditionen beweist auch, dass die jahrhundertelange Annäherung an den Pol und die Auseinandersetzung mit ihm von Irrtümern begleitet wurde. Der größte Irrglaube: Die Arktis bestehe wie die Antarktis aus Festland. Dabei ist der Nordpol seit Millionen von Jahren von Eis bedeckt – darunter liegt das Meer.

„Zu Hause führen wir ein ausgeglichenes Leben, die Dinge sind mal gut, mal weniger gut, aber auf dem Eis gibt es kein Dazwischen. Es geht immer nur um Hunger, Kälte und Plackerei oder um Sattsein, Wärme und Ruhe.“

Der Leser begleitet verschiedene legendäre Abenteurer und Polfahrer, deren Namen heute auf Landkarten zu lesen sind wie Bering und Barents. Viele Expeditionsteilnehmer haben für ihren Wagemut und ihren Entdeckerdrang mit dem Leben bezahlt.

Kagge widmet sich ausgiebig dem Streit zwischen Robert Peary und Frederick Cook, die nahezu zeitgleich behaupteten, am Pol gewesen zu sein, sowie seinen berühmten Landsleuten Fridtjof Nansen und Roald Amundsen; letzterer erreichte am 14. Dezember 1911 als erster den Südpol, überlebte allerdings eine Rettungsreise auf der Suche nach dem Italiener Umberto Nobile nicht. Zugleich erzählt Kagge von der Rolle der Inuit, die für den Erfolg von Expeditionen oft entscheidend waren, allerdings von vielen belächelt und herabgesetzt wurden. Viele der Reisen scheitern, weil sie ungenügend vorbereitet und die Teilnehmer schlecht ausgerüstet waren.

Reiches vielfältiges Wissen

Kagge verbindet auf unnachahmliche Art und Weise seine eigenen Erfahrungen mit seinem angesammelten Wissen, das umfangreich ist und mehrere Gebiete einschließt wie die Geografie, Geschichte und die Astronomie. Es geht auch um Religionen und Wirtschaft, vor allem auch um diese beeindruckende Natur, die heute gefährdet ist. An einer Stelle gegen Ende des Buches heißt es: „Dort, in diesem Augenblick, dachte ich, dass das Eis uns nicht braucht. Wir brauchen das Eis – jetzt mehr denn je.“

„Zu den großen Erlebnissen einer Expedition gehört für mich, dass Vergangenheit und Zukunft nichts bedeuten, dass ich aufhöre zu denken und nur im Augenblick bin. Ein Zustand, den die meisten Polfahrer vermissen, wenn sie wieder zu Hause sind.“

„Mein Nordpol“ ist zugleich ein sehr persönliches Buch. Der Norweger gibt nicht nur Einblicke in die Gedanken und Gefühle im Hinblick auf seine Polfahrt und beschreibt die Eigenschaften der Abenteurer, die vielfältige Grenzen, äußere wie innere, überwinden. Er äußert frank und frei seine Meinung und plädiert für einen anderen Blick auf das Leben. Ihm es geht vor allem um Demut und um persönliche Herausforderungen, kritisch setzt er sich mit einem bequemen und von Technik übersättigten Leben auseinander. Mittlerweile lässt sich mit sehr viel Geld der Nordpol ohne großen körperlichen Einsatz in einem Hubschrauber oder einem nuklearbetriebenen Eisbrecher erreichen.

Kagges Werk führt nicht nur mit Worten in Form von eindrücklichen Schilderungen, geschichtlichen Abrissen und der Auseinandersetzung mit der Erforschung des Pols und wagemutigen Expeditionen an einen der extremsten und lebensfeindlichsten Orte der Welt. Dieser literarische Schatz beinhaltet eine wunderbare weil umfangreiche wie vortrefflich ausgewählte Sammlung an Zeitzeugnissen wie Karten, Zeichnungen und Fotografien. „Mein Nordpol“ ist ein großes Geschenk – nicht nur für Fans des weißen Planeten.


Erling Kagge: „Mein Nordpol. Eine Biografie“, erschienen im Insel Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Ebba D. Drolshagen; 494 Seiten, 28 Euro

Foto von Daniel Fatnes auf Unsplash

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