Katya Apekina – „Je tiefer das Wasser“

„Warum uns wieder da hineinziehen? Wir waren Kinder.“ 

Was will uns dieses Cover sagen? Mir erschien es etwas rätselhaft und mysteriös. Dieses Weiß unter den blauen Lettern des Titels, diese Augen. Doch wer das Debüt der russisch-amerikanischen Schriftstellerin Katyna Apekina bis zum Ende liest, wird den Sinn erkennen und erneut erschauern. Ihr großartiger, indes auch teils verstörender Roman erzählt von einer außergewöhnlichen Familie – die außergewöhnliche Beziehungen und Emotionen pflegen, die schließlich zu tragischen Ereignissen führen. Katya Apekina – „Je tiefer das Wasser“ weiterlesen

Roy Jacobsen – „Die Unsichtbaren“

„Der Gegensatz zwischen Meer und Land war immer schon da, in Gestalt einer Unruhe oder einer Sehnsucht.“

Barrøy – eine kleine Insel, die auf keiner realen Karte Norwegens eingezeichnet, sondern „nur“ auf einer literarischen Karte des nordischen Landes zu finden ist. Das von Wind und Meer umtoste, abgelegene wie karge Eiland, einige Ruderstunden vom Festland entfernt, ist Schauplatz der beeindruckenden Romantrilogie „Die Unsichtbaren“ des norwegischen Schriftstellers Roy Jacobsen – und die Heimat von Ingrid, die auf der Insel geboren wird und hier aufwächst, die hier die Zeit des Krieges erlebt, um später ihr Zuhause zu verlassen und sich auf die Spuren eines Mannes zu begeben.

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Claire Lombardo – „Der größte Spaß, den wir je hatten“

„Man ist nicht der Grund für das Glück der Eltern, sondern dafür zuständig, dass sie trotzdem glücklich sind.“

Ein gesundes Bauchgefühl kann uns vor schlechten Entscheidungen bewahren. Unser Instinkt schützt uns davor, in gewissen Situationen etwas Falsches zu machen und unter anderem auch davor – der Leseerfahrung sei dank – ein Buch in die Hand zu nehmen, Zeit mit ihm zu verbringen und zu vergeuden, das uns nicht gefallen wird. Da war dieser dicke Roman. Ein Debüt, das Buch einer jungen Amerikanerin. Auf dem Umschlag lobende Worte, sogar von dem mir sehr geschätzten Pulitzer-Preisträger Richard Russo. Ich war skeptisch! Schob die Lektüre vor mir her. Bis ich „Der größte Spaß, den wir je hatten“ von Claire Lombardo schließlich doch las und die Erfahrung machte, dass das Bauchgefühl manchmal auch komplett daneben liegen kann. Claire Lombardo – „Der größte Spaß, den wir je hatten“ weiterlesen

Jón Kalman Stefánsson – „Ástas Geschichte“

„Und das Leben kann ein so schrecklich kurzer Atemzug sein.“

Was ist ein Leben anderes als ein Wollknäuel aus Fäden verschiedener Farben, die sowohl für die eigenen Erlebnisse, Gedanken und Erinnerungen als auch für die Gedanken und Erinnerungen anderer, die uns all die Jahre über begleiten, stehen. An ein solches Wollknäuel erinnert der neue Roman des Isländers Jón Kalman Stefánsson, denn in „Ástas Geschichte“ findet sich ein Chor aus Stimmen, die zusammengefügt ein eindrückliches Bild einer besonderen Frau erschaffen.

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Mathijs Deen – „Unter den Menschen“

„Ich bin nicht verrückt. Oder muss man verrückt sein, um unglücklich zu sein.“ 

Hinter oder kurz vor dem Deich – der Blickwinkel ist bekanntlich oft entscheidend –  scheint die Welt eine andere zu sein. Das Meer ist zum Greifen nah, das Hinterland ein weites und überaus flaches, über das in regelmäßigen Abständen eine steife Brise huscht oder ein Sturm pfeift. Es ist die Heimat von Jan. Nach dem tragischen Tod seiner Eltern lebt er allein auf dem Bauernhof der Familie. Der Briefkasten ist einen Kilometer vom Haus entfernt, die Nachbarn noch ein „Stückchen“ weiter. Die Einsamkeit und die Sehnsucht nach einer Frau treiben ihn um. Eines Wintertages, die Arbeit ist für das Jahr geschafft,  inseriert er in der Zeitung. Seine Kontaktanzeige bildet den Auftakt des Romans „Unter den Menschen“ des Niederländers Mathijs Deen, der allerhand herrliche Irrungen und Wirrungen bereitet. Mathijs Deen – „Unter den Menschen“ weiterlesen

Johan Harstad „Max, Mischa & die Tet-Offensive“

„Und wer waren wir geworden? Erinnerten wir uns überhaupt noch an uns selbst? Und wenn ja, wie lange noch?“ 

Schon als ich die norwegische Originalausgabe während einer der früheren Frankfurter Buchmessen in der Hand gehalten habe, war da dieses Gefühl, ein besonderes Buch vor sich zu haben. Dieser Name, dieses Gewicht, dieser Umfang… Sechs Jahre hat der Norweger Johan Harstad an seinem bereits 2015 in seinem Heimatland erschienenen Roman mit dem ungewöhnlichen Titel „Max, Mischa & die Tet-Offensive“ geschrieben. Johan Harstad „Max, Mischa & die Tet-Offensive“ weiterlesen

Tom Rachman „Die Gesichter“

„Ein Künstler, Charlie, sieht die Welt anders als normale Menschen (…).“

Der Vater – ein berühmter und gefeierter Künstler, die Mutter – nicht minder begabt, aber erfolglos. Mittendrin – der Sohn. Charles, von allen meist nur Pinch genannt, steht zwischen beiden, blickt zu seinem Vater hinauf, während er seiner Mutter, die ihm die meiste Liebe gibt, weitaus weniger Beachtung schenkt. Tom Rachman hat mit seinem neuen Roman „Die Gesichter“ ein bewegendes und kluges Buch geschrieben, in dem jeder Leser seine Geschichte findet und eine besondere Seite mögen wird.

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Vom Suchen und Finden – Reinhard Stöckel „Der Mongole“

„Wo Vergehen ist, ist auch Beginn.“

Irgendwann in naher Zukunft. Drohnen bringen die Post und liefern die bestellten Einkäufe aus dem Supermarkt bequem nach Hause. Künstliche Intelligenz hat Einzug gehalten in Verwaltungen. Die Wölfe stehen nicht mehr unter Schutz. Der Wissenschaftler Radik kommt in die Lausitz, um im Auftrag seines Vorgesetzten die Raubtiere zu beobachten. Dabei richtet sich die Aufmerksamkeit des Biologen auf ein ganz anderes Geschöpf: auf den stark gefährdeten Sonnentau, eine fleischfressende Pflanze. Doch Radik ahnt nicht, dass seine Forschungsreise auch eine Reise in die Geschichte seiner Familie bedeutet.  Vom Suchen und Finden – Reinhard Stöckel „Der Mongole“ weiterlesen

Liebe mit Grenzen – Christoph Hein „Verwirrnis“

„Er musste schweigen, musste verschweigen, was keiner wissen durfte.“

So innerlich eingegraben, verkantet, nahezu festgesaugt haben sich bei mir in der letzten Zeit nur wenige Bücher. Christoph Heins neuer Roman „Verwirrnis“ hat dies geschafft. Dass so eine besondere, besonders auch traurige Geschichte zugleich so viel Begeisterung entfachen kann, lässt mich indes auch etwas ratlos zurück. Woran liegt es, dass wir die tragischen Romane oftmals mehr schätzen, als die unaufgeregteren mit dem Happy End? Ohne den Ausgang vorwegnehmen, ihn nur anzudeuten:  Etwas Hoffnung bleibt,  von der der Held der Geschichte nur eine, aber dafür umso bedeutende Entscheidung entfernt ist.  Liebe mit Grenzen – Christoph Hein „Verwirrnis“ weiterlesen

Die Verwandlung – Daniela Emminger „Kafka mit Flügeln“

„Den Beginn einer Metamorphose entschied man nicht, er wurde entschieden.“

Es gibt Länder, die sind hierzulande kaum im Bewusstsein verankert, sie sind nicht Teil einer inneren Landkarte – weil sie kein beliebtes Touristenziel sind und kaum in den Schlagzeilen der Medien auftauchen. Man weiß, dass es sie gibt, aber auf die simplen Fragen, wie die Hauptstadt heißt, welche anderen Staaten angrenzen oder welche Traditionen gepflegt werden, werden wohl viele nichtwissend mit den Schultern zucken. Kirgistan ist so ein weißer Fleck. In das zentralasiatische Land, das bis 1991 zur Sowjetunion gezählt hat, entführt die österreichische Autorin Daniela Emminger in ihrem Roman „Kafka mit Flügeln“, der nicht nur geografische Grenzen, sondern auch Genre-Grenzen aufhebt. Dies ist mein Beitrag zur Indiebookchallenge 2018-2019, in der es in den kommenden Tagen um das Thema Roadtrip geht.

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Das ganze Leben – Robert Seethaler „Das Feld“

„Du gewinnst ein paarmal. Dann verlierst du. Aber du machst weiter. Du machst immer weiter.“

Er sitzt auf einer Bank, über ihm der Himmel und die Krone einer Birke. Es könnte ein Park sein, vielleicht der große Garten eines Altersheims. Doch es ist ein Friedhof, zu den es den alten Mann immer wieder zieht. Es ist der Friedhof der kleinen Stadt Paulstädt, kurz das Feld genannt. Hier finden die verstorbenen Einwohner ihre letzte Ruhe. Was sie im Rückblick auf ihr Leben zu berichten haben, treibt den alten Mann um und bildet zugleich das Geschehen des neuen Romans von Robert Seethaler, der sich nach seinem vielgelobten Werk „Das ganze Leben“ wieder den großen Fragen des menschlichen Daseins stellt, aber auch den vielen kleinen.   Das ganze Leben – Robert Seethaler „Das Feld“ weiterlesen

Allein – Emily Fridlund „Eine Geschichte der Wölfe“

„Was ist der Unterschied zwischen dem, woran man glauben will, und dem, was man tut?“

Ein Wald in Minnesota. Eine Hütte, eine Familie. Die nächste Stadt ist einige Kilometer entfernt, die nächste Familie wohnt am anderen Ufer des Sees. Linda sieht sie, die Zugezogenen, die Neuen im Wald. Frau und Kind, später kommt der Vater noch hinzu. Schnell findet die 14-Jährige Kontakt zu dem kleinen Paul und seinen Eltern, gewinnt ihr Vertrauen, wird die Babysitterin des kleinen Jungen. Doch genauso schnell bemerkt sie, dass mit der Familie etwas nichts stimmt, obwohl sie selbst nicht unbedingt „normal“ ist, in der Schule auch Freak genannt wird. Die Amerikanerin Emily Fridlund breitet in ihrem eindrucksvollen Debüt „Eine Geschichte der Wölfe“ eine Story aus, deren Inhalt noch immer brisant ist und psychologisch beklemmend erzählt wird.  Allein – Emily Fridlund „Eine Geschichte der Wölfe“ weiterlesen

Vom Leben und Tod – Madame Nielsen „Der endlose Sommer“

„(…) dass nicht das Leben ein Traum ist, nein, die Sprache ist es, die Erzählung, diese ganze Geschichte (…).“

Der Mensch braucht die Dinge der Welt mit klaren Konturen, voneinander abgegrenzt. Unschärfe erschwert das Betrachten, das Verstehen. Ein verschwommenes Flimmern und Flirren hat etwas Faszinierendes, aber zugleich auch etwas Rätselhaftes an sich. Der schmale wie einzigartige Roman „Ein endloser Sommer“ der dänischen Künstlerin und Autorin Madame Nielsen verlangt Zeit für die Lektüre und Offenheit für Experimente. Wer dies geben kann, wird reich belohnt. Vom Leben und Tod – Madame Nielsen „Der endlose Sommer“ weiterlesen

Fast Familie – Tommi Kinnunen „Wege, die sich kreuzen“

„Möchtest du anders sein?  Oder möchtest du genau so sein, wie du bist, nur irgendwo anders?“

Finnland – das sind der hohe Norden, Seen, Wälder, zwischen den Bäumen vielleicht ein Elch, die trolligen wie legendären Figuren der Mumins. Finnland – das sind aber auch eine gelebte Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau sowie eine Literatur, die immer wieder die Rolle der Frau beziehungsweise starke Frauenfiguren in den Fokus rückt und von besonderen Familiengeschichten, geprägt von der wechselvollen Geschichte des Landes und der Europas, zu erzählen weiß. Ich denke da an die Romane von Sofi Oksanen und Katja Kettu. Mit Tommi Kinnunen betritt nun ein Mann die literarische Bühne, der in seinem Debüt „Wege, die sich kreuzen“ sich ebenfalls jenem Thema verschreibt. Und das auf beeindruckende Weise.  Fast Familie – Tommi Kinnunen „Wege, die sich kreuzen“ weiterlesen

Jesmyn Ward „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“

„Hier ist von Glück keine Spur.“

Ein Blick auf die Liste der Gewinner des National Book Awards macht eines deutlich: Es gibt nicht viele Schriftsteller, die diese neben dem Pulitzerpreis renommierteste literarische Auszeichnung in den USA gleich mehrfach erhalten haben. Dazu zählen Autoren mit Rang und Namen wie William Faulkner, Philip Roth, John Updike oder Saul Bellow, deren Werke heute zu den Klassikern der amerikanischen Literatur zählen. Doch nur eine Frau ist dies ebenfalls gelungen: Jesmyn Ward. Nach ihrem Roman „Vor dem Sturm“ (Verlag Antje Kunstmann)  bekam sie für ihr aktuelles Werk „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ erneut den Award. Und das zu Recht. Jesmyn Ward „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ weiterlesen

Kunst des Lebens – Anne Reinecke „Leinsee“

„Es dauerte noch zweieinhalb Jahre, bis sie sich zum ersten Mal küssten.“

Das Erwachsensein ist schon ein recht merkwürdiger Zustand, er schwebt gefühlt zwischen den Zeiten, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Während wir für die Zukunft hoffen, bangen, träumen, was kommen wird, gilt die Rückschau der Kindheit und Jugend, den Erinnerungen – an witzige und fiese Schulstreiche, untrennbare Freundschaften, den ersten Kuss und doofen wie tollen Lehrern. Und eben auch den Eltern, die uns prägen – über Kindheit und Jugend hinaus, auch ganz unbewusst, ob wir es wollen oder nicht. Über die Verbindung von Eltern und Kind und über noch viel mehr erzählt die Berlinerin Anne Reinecke in ihrem Debüt „Leinsee“.  Kunst des Lebens – Anne Reinecke „Leinsee“ weiterlesen

Bilder – Attila Bartis „Das Ende“

„Im Grunde gibt es nichts, das dem Tode näher wäre als das Fotografieren.“

Wir versuchen, uns der Welt nicht nur in Worten, sondern auch in Bildern zu nähern. Ein für uns bedeutenden Moment gilt es festzuhalten – mit dem Smartphone, der Kamera, dem Gedächtnis. Obwohl man sich sicherlich fragen kann und sollte, welche Beziehung die Fotografie und das Gedächtnis zueinander eingehen. András Szabad, Held und Ich-Erzähler in dem neuen Roman von Attila Bartis, ist Fotograf und zugleich Chronist seines eigenen Lebens, der von seinen vielen Leidenschaften, seinen Erlebnissen und seinen Schicksalsschlägen berichtet.  Bilder – Attila Bartis „Das Ende“ weiterlesen

Getrennt – Gert Loschütz „Ein schönes Paar“

„Auch an wirklich hellen Tagen gibt es Stellen, die im Halbdunkel liegen.“

Die deutsche Teilung hat Familien entzweit, seelische Wunden gerissen, von denen Narben weiter existieren. Selbst nahezu 29 Jahre nach der friedlichen Revolution sind die Auswirkungen zu sehen und zu spüren. Gerade in diesen Tagen wird der Fall der Mauer in den Medien und in den sozialen Netzwerken wieder thematisiert, ist sie doch nun nach der Wende mittlerweile länger Geschichte, als dass sie existiert hat. Schon immer begleitet hat dieses Kapitel deutscher Geschichte die Literatur. Die Reihe der Titel ist mit der Zeit angewachsen und lang. Mit seinem aktuell erschienenen Werk „Ein schönes Paar“ kann sich nun auch Gert Loschütz einreihen. Doch sein Roman erscheint anders als die vielen anderen Bücher über dieses Thema.

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