Fabrice Humbert – „Der Ursprung der Gewalt“

„Die Gewalt hat mich nie verlassen.“

Ein Foto verändert das Leben von Nathan Fabre. Der junge Lehrer für Literatur besucht mit Schülern die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Buchenwald bei Weimar; keine deutsche Stadt vereint in seiner Geschichte Hochkultur und tiefste dunkle Grausamkeit. Ein Mann auf jener Aufnahme sieht seinem Vater unglaublich ähnlich. Fabre begibt sich auf Spurensuche und lüftet ein Familiengeheimnis, das unter dem Schweigen seiner Vorfahren für ihn verborgen geblieben war. Der Schriftsteller Fabrice Humbert verbindet in seinem preisgekrönten autobiografisch geprägten Roman auf beeindruckende Art und Weise französische mit deutscher Geschichte, Facetten seiner eigenen Familienhistorie mit Fiktion.

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Im Duett #4: Florian Knöppler „Kronsnest“ & „Habichtland“

„Man musste größer werden, wenn man nicht untergehen wollte, wachsen oder weichen.“

Nest – das Wort sagt es eigentlich schon. Kronsnest ist ein kleiner Ort. Nur wenige Menschen leben hier. Hinter dem Deich in der Elbmarsch. Man schreibt das Ende der 20er-Jahre, die gar nicht so golden sind. Billige Importe und die Inflation machen es den Bauern zunehmend schwer. In der Gesellschaft brodelt es, Unzufriedenheit herrscht. Die Nazis suchen und finden eifrige Mitläufer. Keine einfache Zeit für Hannes und seine Eltern, die einen Hof betreiben. Florian Knöppler erzählt in seinen beiden Romanen „Kronsnest“ und „Habichtland“ von Hannes, der im zweiten Band mittlerweile in die Fußstapfen seines Vaters getreten ist, selbst eine Familie hat und sich entscheiden muss, auf welcher Seite er steht.

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Edgar Rai – „Ascona“

„Mensch bleiben. In Zeiten wie diesen war das schon eine politische Aussage.“

Nur mit einem Koffer, dem Manuskript seines aktuellen Romans und einer tragbaren Remington Modell 5 verlässt Erich Maria Remarque (1898 – 1970) in seinem Lancia Berlin. Erst auf Bitten seiner Geliebten Ruth ergreift er die Flucht. Eine eisige Nacht herrscht. Einen Tag später wird Adolf Hitler zum Reichskanzler gewählt. Wenige Monate später werden auf dem Berliner Opernplatz die Bücher des Schriftstellers und Verfassers des bis heute weltbekannten und einflussreichen Antikriegsromans „Im Westen nichts Neues“ (1929) verbrannt. Mehrere Jahre lebt Remarque fortan im Exil in der Schweiz, in seiner Villa im beschaulichen Ascona, am Lago Maggiore gelegen, ehe er schließlich 1938 die Queen Mary gen Übersee besteigen wird. Über diese Zeit, jene fünf Jahre, hat Edgar Rai einen Roman geschrieben, der eindrücklich die bedrohliche Lage der Exilanten beschreibt und einen Einblick in das Seelenleben des Schriftstellers gibt. „Edgar Rai – „Ascona““ weiterlesen

Volker Kutscher – „Olympia“

„Berlin war auf eine ekelerregende Weise von sich selbst besoffen.“ 

Die Welt ist zu Gast in Berlin. Sportler aus aller Herren Länder kämpfen um Medaillen und den Sprung aufs Treppchen. Neben den Olympia-Flaggen hängen an unzähligen Orten Hakenkreuz-Fahnen. Das Dritte Reich ist Gastgeber der 11. Olympischen Spiele. Doch die Idylle trügt, mehrere Morde geschehen. Volker Kutschers achter Band der Reihe über Kriminalkommissar Gereon Rath, die als Vorlage für die beliebte Fernsehserie „Babylon Berlin“ dient, führt in das Jahr 1936 und in eine sehr bedrückende Zeit, die Rath, seiner Frau und seinem einstigen Pflegesohn zusetzt und zunehmend gefährlich wird. „Volker Kutscher – „Olympia““ weiterlesen

Reinhard Stöckel – „Kupfersonne“

„Du findest, was du suchst.“

Enzthal ist eingeschlossen. Ein nahezu undurchdringlicher Nebel umhüllt das Dorf, im Osten Deutschlands, genauer gesagt im Mansfelder Land, gelegen. Unweigerlich fällt einem das derzeit oft genutzte Wort „Lockdown“ ein. Wenngleich der Nebel noch weitere Folgen mit sich bringt: Kein Radio funktioniert, die Kinder kommen nicht mehr mit dem Bus in die Schule, dem Gasthof geht langsam das Bier aus. Nicht einmal Walter Ulbricht, der zu dieser Zeit als Vorsitzender des Staatsrates der DDR die Macht in den Händen hält, kann daran etwas ändern. Die Bewohner nehmen ihr Schicksal auf ganz eigene Weise in die Hände. Dieser Ort nahe des Kyffhäusers ist Ausgangspunkt von großer Geschichte und individuellen Lebensgeschichten, die im neuen Roman von Reinhard Stöckel vom bewegenden wie dunklen Kapiteln des 20. Jahrhunderts erzählen und dabei auch nach Spanien führen.

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Backlist #7 – John Wray „Die rechte Hand des Schlafes“

„Wie konnte das alles passieren?“

Obwohl ich allgemein sehr viel und sehr oft Literatur aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts oder Bücher über jene Zeit lese, ist es Zufall, dass ich für diese Reihe „Backlist lesen“ nach Robert Seethealers Werk „Der Trafikant“ erneut zu einem Roman gegriffen habe, der sich mit dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich beschäftigt (ich werde in den kommenden Folgen wieder für etwas Abwechslung sorgen). Doch mit John Wray und seinem Debüt „Die rechte Hand des Schlafs“ verhält es sich dann doch etwas anders, als es auf den ersten Blick erscheint. „Backlist #7 – John Wray „Die rechte Hand des Schlafes““ weiterlesen

Backlist #6 – Robert Seethaler „Der Trafikant“

„Es sind komische Zeiten gerade. Oder vielleicht waren die Zeiten immer schon so komisch.“

Die Zeit ist schon eine merkwürdige Erscheinung. Sie rast dahin, man möchte sie festhalten. Manchmal lässt sie Wunden in Narben verwandeln. Manchmal glaubt man,  meint man, hat es sie schon einmal gegeben.  In diesen Wochen, Monaten denkt man oft an eine Zeit zurück, die schließlich die Schwärze und das Grauen gebracht hat. Damals begann sich der Horizont dunkel zu verfärben. Wer den vierten Roman Robert Seethalers mit dem recht unscheinbaren Titel „Der Trafikant“ in die Hand nimmt und ihn liest, wird Parallelen zwischen dem historischen Geschehen, das dem Österreicher als Vorlage diente, und aktuellen Erscheinungen feststellen. Doch nicht nur deshalb sollte man dieses großartige Werk lesen und immer wieder weiter empfehlen. „Backlist #6 – Robert Seethaler „Der Trafikant““ weiterlesen

Fratze des Krieges – Ralf Rothmann „Der Gott jenes Sommers“

„Die ahnen nicht, wofür man lebt! Wo andere Leute Träume haben, hängen bei denen Würste oder Ritterkreuze.“

Wie nur beginnen, wenn bereits so vieles geschrieben und gesprochen wurde – über jene Zeit, über jenes Buch, das einen bereits bekannten Zwilling kennt. Schrieb Ralf Rothmann in seinem erfolgreichen Roman „Im Frühling sterben“ über die Fronterfahrungen zweier Jugendlicher während des Zweiten Weltkriegs, rückt in seinem neuesten Werk „Der Gott jenes Sommers“ das Leben und Leid der Zivilbevökerung in den letzten Wochen und Monaten vor Kriegsende in den Mittelpunkt, wobei es mit dem jungen Melker Walter eine Wiederbegegnung mit einem Helden aus dem 2015 erschienenen Buch gibt. „Fratze des Krieges – Ralf Rothmann „Der Gott jenes Sommers““ weiterlesen

Wunden – Franziska Hauser „Die Gewitterschwimmerin“

„Was nicht erzählt wird, ist nicht aus der Welt.“

Familiengeschichten führen ihr Eigenleben. Je nach dem subjektiven Blickwinkel verändern sich ihre Bedeutungen, Facetten und Schattierungen. Ereignisse oder Familienmitglieder erscheinen anders, als sie womöglich in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Und Helden sind nicht immer nur Helden. Die Berliner Autorin Franziska Hauser erzählt in ihrem nunmehr zweiten Roman „Die Gewitterschwimmerin“ eine spezielle Familiengeschichte: Es ist teils ihre eigene, die ihr als Grundlage für die Handlung gedient hat. Anderes hat sie hingegen erfunden, wie sie dem Leser vor dem Beginn des Romans in einem kurzen Vorwort erklärt.  „Wunden – Franziska Hauser „Die Gewitterschwimmerin““ weiterlesen

Flucht – Ulrich Alexander Boschwitz „Der Reisende“

„Das Leben ist uns verboten.“

Es gibt nur sehr wenige Bücher, die sich auf zweifache Weise in uns graben, an uns rütteln, uns aufwühlen, uns innerlich in Bewegung setzen: mit ihrer Handlung sowie der komplexen Geschichte, die sich um die Entstehung, ihren Autor und ihre Veröffentlichung ranken. Der Roman „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz (1915 – 1942) ist eines dieser wertvollen und eindrücklichen Bücher. Als ich dessen Lektüre samt Nachwort beendet habe, ging mir eine Frage immer wieder durch den Kopf: Welche Bücher hätte Boschwitz noch schreiben können, hätte er diesen furchtbaren Krieg überlebt? Welchen Platz in der Literaturgeschichte hätte er eingenommen? Doch diese Sätze im Konjunktiv bleiben unbeantwortet. Es gibt nur die Hoffnung, dass Boschwitz und sein Werk nie mehr vergessen und bekannter werden.

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