Im Duett #4: Florian Knöppler „Kronsnest“ & „Habichtland“

„Man musste größer werden, wenn man nicht untergehen wollte, wachsen oder weichen.“

Nest – das Wort sagt es eigentlich schon. Kronsnest ist ein kleiner Ort. Nur wenige Menschen leben hier. Hinter dem Deich in der Elbmarsch. Man schreibt das Ende der 20er-Jahre, die gar nicht so golden sind. Billige Importe und die Inflation machen es den Bauern zunehmend schwer. In der Gesellschaft brodelt es, Unzufriedenheit herrscht. Die Nazis suchen und finden eifrige Mitläufer. Keine einfache Zeit für Hannes und seine Eltern, die einen Hof betreiben. Florian Knöppler erzählt in seinen beiden Romanen „Kronsnest“ und „Habichtland“ von Hannes, der im zweiten Band mittlerweile in die Fußstapfen seines Vaters getreten ist, selbst eine Familie hat und sich entscheiden muss, auf welcher Seite er steht.

Entbehrungsreiches Leben

Gefühlt setzt Knöppler den Leser in eine andere Zeit, die den Menschen vieles abverlangt. Das Leben ist entbehrungsreich, die tägliche Arbeit auf den Feldern und in den Ställen mühsam. Noch haben moderne Maschinen selbst Traktoren das Dorf nicht erreicht. Man spannt das Pferd fuhr das Fuhrwerk, Wege werden mit dem Rad oder zu Fuß genommen. Der 15-jährige Hannes besucht zwar die Schule, aber sein Einsatz wird vor allem auf dem Hof gebraucht – und auch verlangt. Der Jugendliche steht seinen Eltern zur Seite und rackert, was nicht immer von dem strengen und mitunter zornigen Vater gesehen und honoriert wird, der schnell aus der Haut fährt und dabei Mensch wie Tier nicht verschont. Es kommt zu familiären Spannungen, weil Hannes sich beweisen will, seinen eigenen Weg geht und zunehmend Kontakt zum Großbauern von Heesen und dessen Tochter Mara sucht und pflegt. Eine leise Liebe nimmt ihren Lauf, die jedoch nie wirklich und in aller Öffentlichkeit gelebt werden wird. Mara zieht es schließlich nach Lübeck, um Lehrerin zu werden. Der Abschied kommt für Hannes genauso plötzlich wie der Tod seines Vaters sowie der Weggang von Thies, der zur See fahren will, nachdem Hannes dessen Freundin Lisa näher gekommen ist. Und Hannes und seine Mutter sind fortan auf dem Hof auf sich allein gestellt.

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Der zweite Roman „Habichtland“ macht einen zeitlichen Sprung. Mehr als zehn Jahre später, man schreibt das Jahr 1941: Hannes und Lisa sind verheiratet und führen den Hof. Ihre Kinder Niklas und Marie gehen bereits zur Schule. Die Kriegsfront ist noch in weiter Ferne, die Erfolge der Wehrmacht in West und Ost werden gefeiert, Grausamkeiten und menschliche Kälte sind im Dorf deutlich zu spüren. Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene kommen auf den Höfen zum Einsatz. Eine Magd, die ein Verhältnis mit einem Polen beginnt, gerät in Gefahr. Der Judenhass ist längst nicht mehr verborgen, man hört von Transporten in den Osten, von Menschen mit Behinderungen, die in den Einrichtungen plötzlich versterben. Während Thies Soldat an der Front ist, wurde Hannes wehruntauglich erklärt. Als stellvertretender Ortsbauernführer hält er sich bei politischen Diskussionen meist zurück. Dass er keine deutliche Haltung gegen die Nazis einnimmt und zeigt, um vor allem auch seine Familie zu beschützen, lässt Lisa zunehmend verzweifeln, die sich im Widerstand engagiert und sich von ihrem Mann entfremdet fühlt. Doch als Mara aus Lübeck zurückkehrt, bittet sie Hannes um einen Gefallen: Ein junger Jude muss versteckt werden.

„Man musste nur stillhalten, dann zeigte sich ein Zipfel des geheimen Lebens um sie herum, manchmal wenigstens.“

Beide Romane schildern, wie große Politik das Leben der Menschen auf dem Land beeinflusst, wie schwer es fällt, sich für eine Seite zu entscheiden oder eben nur den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, wie politische Konflikte die privaten Zerwürfnisse überlagern. Während der erste Band über mehrere Jahre die Entwicklung des jungen Helden schildert, konzentriert sich das zweite Buch voll und ganz auf die Geschehnisse eines denkwürdigen Jahres. Knöppler gelingt es dabei in Hinblick auf die Charaktere, Schwarz-Weiß-Färbungen zu vermeiden. Es gibt Figuren, die mit ihrem Verhalten für Überraschungen sorgen: Walter Govinski, Kriegsveteran aus Ostpreußen, charismatischer Lehrer und Mentor von Hannes, später Arbeiter auf dessen Hof und Partner der Mutter, wird große Schuld auf sich laden, während die Lehrerin Maries auf den ersten Blick sich als glühende Hitler-Anhängerin gibt, letztlich jedoch das Mädchen mit Nachhilfe unterstützt, damit es sein Stottern verliert.

Auch Hannes wird in all seine Stärken und Schwächen, mit seinen verschiedenen Empfindungen und Gedanken dargestellt. Er hat Angst, so zu werden wie sein gewalttätiger Vater, steht darüber hinaus zwischen zwei Frauen, denn nach der Rückkehr von Mara entfacht seine Liebe von neuem. Mit ihm und seiner Familie hat der Autor Protagonisten geschaffen, die unweigerlich den Weg ins Herz des Lesers finden. Hannes ist ein Träumer, ein Tierversteher, ein Vielleser, der sich mit seinem Lehrer und auch Mara über Bücher austauscht. Schon seine Mutter hat viel gelesen, zum Ärger des Vaters. Bekannte Namen tauchen auf wie etwa Heine, Hebbel, Remarque, Lagerlöf und Rilke. Der Panther aus dem weltberühmten Gedicht wird zum Symbol für all jene, die sich eingesperrt, beobachtet fühlen. Im Gegensatz dazu steht der Habicht, ein Raubvogel, der mehrfach auftaucht, plötzlich zuschlägt, um seine Beute zu ergreifen.

Vom Glück der kleinen Dinge

Knöppler, Jahrgang 1966, studierte Romanistik, Germanistik und Philosophie in Bonn und Bologna. Er arbeitete später als Redakteur für verschiedene Rundfunksender und verfasste Reportagen für Zeitungen. Er ist mittlerweile dort heimisch, wo auch seine beiden Romane angesiedelt sind: Mit seiner Familie lebt er auf einem Hof in Schleswig-Holstein.

So besteht ein großer Zauber der beiden Bücher darin, wie der Autor den herben Landstrich, mit dem er sehr vertraut ist, Flora und Fauna, das Wetter und den stetigen Ablauf der Jahreszeiten beschreibt – stets sinnlich und bildhaft. Das Land erdet, auch dann wenn der Weltenlauf aus den Fugen gerät. Knöpplers Sprache ist klar und eingängig. Sein Erzählen entfaltet einen Sog, der es vermag, viele Leser mit unterschiedlichen Interessen schlichtweg einzufangen. Gerade in der Einfachheit und Klarheit liegt eine Schönheit, die jedoch dabei die Dramatik des Geschehens und die schockierende Tragödien und Verluste, die die Personen erleiden müssen, nicht verschleiert. „Kronsnest“ und „Habichtland“ sind darüber hinaus Bücher, die eine gewisse Demut lehren und Hoffnung in dunklen Zeiten geben, weil sie auch Menschlichkeit und das Glück, die kleine Dinge erwecken können, thematisieren: Das kann der Hund, der auf den Füßen liegt und wärmt, eine Vogelfeder, ein Gedicht oder eben ein starker Kaffee mit süßen Rosinenstuten sein.

Weitere Besprechungen zu „Kronsnest“ auf den Blogs „Schreiblust Leselust“ und „Leseschatz“, dort ist schon eine Rezension zu „Habichtland“ erschienen. Auch „Fräulein Julia“ hat über diesen Roman geschrieben.


Florian Knöppler: „Kronsnest“ und „Habichtland“, erschienen im Pendragon Verlag; 448 Seiten, 24 Euro beziehungsweise 320 Seiten, 24 Euro

Foto: FotoArt-Treu/pixabay

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