Christiane Hoffmann – „Alles, was wir nicht erinnern“

„Ich gehe den Weg Deiner Entwurzelung, unser aller Entwurzelung.“

Zu Fuß. Allein. 558 Kilometer weit. Begleitet von Erinnerungen und der Familiengeschichte. Am 22. Januar 2020 begibt sich die Journalistin und Autorin Christiane Hoffmann auf eine monatelange Tour. Der Startpunkt: der kleine schlesische Ort Rózyna, der früher Rosenthal hieß. Hier wuchs ihr Vater auf, der noch Kind war, als seine Familie die Flucht antrat – an einem 22. Januar 1945. Mit „Alles, was wir nicht erinnern“ erzählt sie ihre Erlebnisse auf den Spuren ihres Vaters und der Familie, die wenige Monate vor Kriegsende ihre Heimat verloren hat und nie wirklich angekommen ist. Ein Buch, das über die berührende Familiengeschichte hinaus auch auf die Folgen von Krieg und Flucht hinweist.

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Helen Wolff – „Hintergrund für Liebe“

„Das Leben fängt uns immer wieder ein.“

Er will ins Hotel, sie ein Häuschen. Beziehungen sind schon an kleineren Unstimmigkeiten gescheitert. Ihre wird halten, sogar dunkle Zeiten überstehen – und eben diese Meinungsverschiedenheit. Helen und Kurt Wolff haben sich in die Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts eingeschrieben – als eines der angesehensten Verlegerpaare. Gemeinsam haben sie zahlreichen europäischen Autoren den verlegerischen Weg nach Amerika geebnet, nachdem sie selbst ihre Heimat verlassen haben, nach Hitlers Machtergreifung geflohen waren. Doch Helen Wolff, 1906 als Helene Mosel im mazedonischen Skopje geboren, hat auch geschrieben, was zu ihren Lebzeiten nur wenige wussten. Denn sie selbst hatte ihre eigenen Werke für kaum beachtenswert gehalten. Ihre Großnichte Marion Detjen, Historikerin und Publizistin, hat Wolffs autobiografisch geprägten Roman „Hintergrund für Liebe“ im Weidle Verlag herausgegeben und mit einem ausführlichen Essay versehen. Und das ist ein großes Glück und zugleich eine besondere Leseerfahrung.

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Marica Bodrožić – „Die Arbeit der Vögel“

„In Träumen, Büchern und in den Bergen waltet eine archaische Stille.“

Ein Geisteswissenschaftler wie Freund der Literatur und Philosophie kommt an seinem Namen und seinem Werk nicht vorbei. Er war ein Schreibender, ein Denker, ein Linker und ein ruheloser Reisender. Walter Benjamin zählt (1892 – 1940) wohl zu den tragischen Lichtgestalten des 20. Jahrhunderts. In seiner Besprechung über eine neu erschienene Biografie nennt Jörg Später ihn eine Jahrhunderterscheinung. Marica Bodrožić ist mehr als sieben Jahrzehnte später seinen letzten Weg gegangen – von Frankreich aus über die Pyrenäen ins spanische Port Bou, wo Benjamin am 27. September 1940 an einer Überdosis Morphium starb. In ihrem eindrücklichen Band „Die Arbeit der Vögel“ schreibt sie über ihre Tour – und über noch viel mehr. „Marica Bodrožić – „Die Arbeit der Vögel““ weiterlesen

Nadia Bozak – „Der Junge“

„Wenn sie stehenbleibt, verbrennt sie.“

Verdorrtes, trockenes, leeres Land, wo die Hitze erbarmungslos brennt. Wer in der Wüste überleben will, braucht wie im ewigen Eis besondere Fähigkeiten, besonderes Wissen. Manch einer bezahlt seinen freiwilligen wie unfreiwilligen Ausflug mit dem Leben. Im Roman „Der Junge“ der kanadischen Schriftstellerin Nadia Bozak gibt es nicht nur Überlebende. Doch nicht nur die Wüste mit ihren Extremen fordert Opfer. Im Grenzland zwischen Mexiko und den USA herrschen weitere Gefahren – vor allem für die Einwanderer und deren Schleuser.

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Ulrike Draesner – „Schwitters“

„Es gibt keinen Ort, der ein Zuhause ist. Man musste ein Zuhause immer erfinden.“

Wenn die Heimat das eigene Leben bedroht, wird die fremde Ferne zum rettenden Land. Doch Kurt will nicht gehen. Hier sind seine Heimat, seine Frau, seine Kunst. Doch sie reden auf ihn ein: Freunde, Kollegen, sogar Helma. In den ersten Tagen des Jahres 1937 setzt er seinen Zweifeln ein Ende. Der Mann, der Künstler, verlässt Frau und Haus und reist dem Sohn Ernst gen Norden hinterher. Es sollte eine Reise ohne Wiederkehr werden. Ulrike Draesner widmet sich in ihrem meisterhaften Roman Kurt Schwitters (1887 – 1948), dem eigenwilligen Künstler der Moderne und Mitbegründer der internationalen Dada-Bewegung, sowie seinen letzten elf Lebensjahren. Ein Buch, das weit mehr erzählt als von einem berühmten Mann, der die Kunst zur Lebensform erhoben hat.

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Francesca Melandri – „Alle, außer mir“

„Für das, was hier geschah, hatte selbst Gott keine Worte.“

Drei Worte, eine Formel des Glücks, ein Mantra, das Attilio Profeti sein ganzes, nunmehr über 90 Jahre währendes Leben begleitet. Ein Leben, das Krieg und Kolonialismus – und Lügen kennt. Lügen über seine unrühmliche Vergangenheit, über seine Frauen, über die Anzahl seiner Kinder. „Alle, außer mir“ heißt diese Glücksformel, die sich im Titel des eindrucksvollen wie ergreifenden Romans der italienischen Schriftstellerin Francesca Melandri wiederfindet, der die Geschichte einer Familie über drei Generationen hinweg mit der Historie der beiden Länder Italien und Äthiopien verbindet.

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Alice Zeniter „Die Kunst zu verlieren“

„(…), dass ein Land nie nur einziges ist.“

1962 – Algerien erlangt die Unabhängigkeit von Frankreich. Nach acht Jahren Krieg, der Menschen das Leben nahm, Familien zerriss. Weil die einen in den Untergrund gingen und sich der Befreiungsarmee angeschlossen haben, weil die anderen auf der Seite der Besatzer standen, oder weil einige zwischen den Fronten zerrieben wurden. 1962 flieht Ali, der einst an der Seite der Franzosen im Zweiten Weltkrieg gekämpft hat und als „Harki“, als Kolloraboteur, gilt,  mit seinem ältesten Sohn Hamid über das Mittelmeer nach Frankreich, seine Frau Yema und die weiteren Kinder kommen später nach. Diese Zerrissenheit zwischen den Kulturen und der Verlust der Heimat spiegelt sich in der Familie wider. Sie führt zu Ängsten und Traumata, zu Konflikten zwischen den Generationen. Die Französin Alice Zeniter hat darüber mit „Die Kunst zu verlieren“ einen herausragenden Roman geschrieben.

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Einfach nur weg – Christian Torkler „Der Platz an der Sonne“

„Was ist so falsch daran, wenn einer rauswill aus’m Dreck?“

Dieser letzte Satz. Nur sechs Wörter. Fassungslosigkeit macht sich breit. Ich schlage das Buch zu und fühle mich wie erstarrt. Ich schaue, ohne etwas zu fokussieren. Der Blick geht nach innen. Ich  möchte die letzten Seiten vergessen, die Geschichte anders schreiben. Für Josua, für diesen Helden! Doch nein! Dann würde Christian Torklers Roman „Der Platz an der Sonne“ seine Wirkung, seine Botschaft verlieren. Sein mutiges Debüt führt uns deutlich vor Augen, dass die Geschichte und damit unser Leben auch anders verlaufen hätten können, und das haben die meisten von uns (scheinbar) schon vergessen. „Einfach nur weg – Christian Torkler „Der Platz an der Sonne““ weiterlesen

Ein Mann auf der Flucht – Antonin Varenne „Äquator“

„Ich habe den Eindruck, wohin auch immer du gehst, sie folgen dir, Billy.“

Der Western ist nicht totzukriegen. Noch immer erscheinen Filme aus diesem Genre, noch immer widmet sich auch die Literatur diesem Kapitel amerikanischer Geschichte – der Besiedlung des Kontinents, der kriegerischen Auseinandersetzungen und der Vertreibung der Ureinwohner, der Auslöschung der gigantischen Büffel-Herden. Mehr und mehr geschieht diese Beschäftigung mit dieser Historie und den einstigen Geschehnissen in einer anspruchsvollen Weise. Der Roman „Butcher’s Crossing“  des Amerikaners John Williams (1922 – 1994), dessen wunderbare Werke wie „Stoner“ man hierzulande wieder neu entdeckte hatte, hat vor einigen Jahren mein Interesse an diesem Thema entfacht. Doch auch europäische Autoren verlegen die Handlung ihrer Romane scheinbar gern nach Übersee und in eine längst vergangene Zeit. Mit „Äquator“ hat der Franzose Antonin Varenne einen eindrucksvollen Western geschrieben, der allerdings den geografischen Rahmen der Handlung weiter gen Süden spannt. „Ein Mann auf der Flucht – Antonin Varenne „Äquator““ weiterlesen

Flucht – Ulrich Alexander Boschwitz „Der Reisende“

„Das Leben ist uns verboten.“

Es gibt nur sehr wenige Bücher, die sich auf zweifache Weise in uns graben, an uns rütteln, uns aufwühlen, uns innerlich in Bewegung setzen: mit ihrer Handlung sowie der komplexen Geschichte, die sich um die Entstehung, ihren Autor und ihre Veröffentlichung ranken. Der Roman „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz (1915 – 1942) ist eines dieser wertvollen und eindrücklichen Bücher. Als ich dessen Lektüre samt Nachwort beendet habe, ging mir eine Frage immer wieder durch den Kopf: Welche Bücher hätte Boschwitz noch schreiben können, hätte er diesen furchtbaren Krieg überlebt? Welchen Platz in der Literaturgeschichte hätte er eingenommen? Doch diese Sätze im Konjunktiv bleiben unbeantwortet. Es gibt nur die Hoffnung, dass Boschwitz und sein Werk nie mehr vergessen und bekannter werden.

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