Begleiter – Gerbrand Bakker „Jasper und sein Knecht“

„Am schönsten ist das Gefühl, dass ich etwas zurückbekomme, das zerstört zu sein schien.“

Die aktuelle Literatur scheint einen neuen Trend zu pflegen: Schriftsteller schreiben über sich, ihr kreatives Leben und den Literaturbetrieb, ihre Bewährungsproben im Alltag, ihr Innerstes. Den Namen Karl Ove Knausgård braucht man an dieser Stelle wohl nicht zu erklären. Sowohl Fans als auch Kritiker werden sich in jenem Punkt einig sein, dass er mit seiner sechsbändigen „Min kamp“-Reihe – der letzte Teil soll im kommenden Jahr im Luchterhand Verlag erscheinen – die Form des autobiografischen Schreibens wieder in das Bewusstsein gebracht hat. Thomas Melles Buch „Die Welt im Rücken“ (Rowohlt) steht ein weiteres Werk mit autobiografischen Zügen auf der Shortlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises. Nun Gerbrand Bakker, der sich in diese kurze Aufzählung einreiht und der in seinem neuesten Band „Jasper und sein Knecht“ ebenfalls über seine Depression schreibt.

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Nach seinen teils auch preisgekrönten Romanen widmet sich der Niederländer der Form des Tagesbuchs, das in diesem Fall mit dem 3. Dezember 2014 beginnt. Es ist ein kalter Tag. Der erste Schnee ist gefallen. Bakker lebt in der Eifel, in dem kleinen Ort Schwarzbach, wo er ein Haus gekauft, sich „in einer übersichtlichen, behüteten Welt“ niedergelassen hat – samt seinem Hund Jasper, eine Mischung aus Windhund und English Pointer, der zuvor als Straßenhund in Griechenland gelebt hat. Bakker berichtet von den langen Ausflügen, bei denen Jasper auch oftmals ausbüxt und das Weite sucht, allgemein über das Zusammenleben, das vor allem der Vierbeiner bestimmt. Nicht umsonst bezeichnet sich Bakker als „Knecht“ des Tieres.  Es ist eine sehr innige Beziehung, da beide ihre Macken haben, aber so auch zueinanderfinden.

Schonungslos offen erzählt Bakker von seinen Eigenheiten und für Außenstehende wohl merkwürdigen Verhaltensweisen: die stetige Suche nach Einsamkeit, die Übersensibilität. Er bekommt spät die Diagnose „Depression“ gestellt, obwohl er im persönlichen Rückblick bereits als junger Mann Anzeichen der Krankheit gezeigt hatte, wie er meint. Der tragische Tod eines Bruders prägten ihn wie später auch die Suizide zweier Freunde. Den Namen Leonard deutet er in den ersten Teilen nur kurz an, um gleichzeitig darauf zu verweisen, dass er später von seinem Schicksal berichten wird. Auch seine Homosexualität spricht Bakken offen an, die wechselnden Partner, die Suche nach dem Mann fürs Leben.

Es zeigt sich, dass Menschen, die ihm viel bedeuten und die er schätzt, mehrfach erwähnt werden: die Familie, Freunde, die helfenden Nachbarn in der Eifel. Auch Kollegen aus dem Literaturbetrieb zählen dazu, Autoren, Lektoren, Übersetzer, auf die er bei Veranstaltungen oder Preisverleihungen trifft, obwohl er selbst sich in der Literaturszene eher unwohl zu fühlen scheint, sich schwer tut, sich selbst als Autor anzusehen. Diese interessanten Einblicke in das Leben eines bekannten Schriftstellers, auch in die Schwierigkeiten des Schreibprozesses, sind interessant zu lesen, allerdings nicht frei von Seitenhieben, denn der Niederländer lässt an einigen Stellen gehörig Dampf ab, wenn ihm etwas missfällt, er enttäuscht wurde, er Schriftsteller-Kollegen nicht leiden kann. Das kann humorvoll und erheiternd sein, während im Gegensatz dazu die Gedanken über seine Krankheit sehr nachdenklich stimmen.

„Niemand sah oder merkte mir etwas an. Vielleicht ist das ja auch ganz schlimm: Wenn einem niemand etwas ansieht oder anmerkt, verstärkt das nur das Gefühl grenzenloser Einsamkeit.“

In doppelter Hinsicht stimmungsvoll – sowohl auf die Umgebung und die Landschaft als auch auf das Seelenleben bezogen – breitet Bakker seine Erinnerungen, seine Gedanken und seine Erlebnisse aus, sein weiteres Wirken als Theaterschauspieler, als Eisschnellläufer und passionierter Gärtner in all den Jahren von der vergangenen Jugendzeit bis in die Gegenwart. Es gibt keinen roten Faden, keine chronische Abfolge, trotz der eigentlich strengen Tagebuch-Form. Auch Texte, die er für andere Medien geschrieben hat, bettet er mit ein. Was da auf den ersten Blick wie ein Tagebuch erscheint, das in Bakkers Fall bis in das Frühjahr 2015 reicht, ist mit all seinen Informationen und Hinweisen nicht mehr und nicht weniger eine Autobiografie des Niederländers, die entscheidende Kapitel, Wendepunkte und prägende Gestalten seines Lebens genauso ausleuchtet wie den Alltag als Schriftsteller und als Mann mit Haus, Garten und Hund.

Am Ende steht ein trauriger Abschied, wie ihn das Leben immer wieder bereitet. Wer sich in Vorbereitung auf die diesjährige Frankfurter Buchmesse und darüber hinaus mit der Literatur der Niederlande und Flanderns beschäftigen will, kommt an den Namen Gerbrand Bakker und seinem aktuellen Band, der zudem zahlreiche Verweise auf die Literatur seines Heimatlandes gibt, nicht vorbei. Er hat erneut bewiesen, dass er ein Meister von kluger und zutiefst menschlicher Literatur ist, die sich sowohl an den Kopf als auch an das Herz richtet.

Eine weitere Besprechung hat Marina Büttner auf ihrem Blog „literaturleuchtet“ geschrieben.


Gerbrand Bakker: „Jasper und sein Knecht“, erschienen im Suhrkamp Verlag, in der Übersetzung aus dem Niederländischen von Andreas Ecke;  445 Seiten, 24 Euro

Foto: Snufkin/pixabay