Parallelwelten – Florian Scheibe „Kollisionen“

„Denn die eigentlichen Missverständnisse im Leben fingen bei dem Versuch, einem anderen ein Gefühl zu beschreiben, überhaupt erst an.“

Was geschieht, wenn im normalen Lebenspfad ein Abschnitt fehlt, wie die nötige Brücke über den Fluss, weil eine der größten Hoffnungen nur eine Hoffnung bleibt? Sucht man sich eine andere Möglichkeit des Übersetzens wie ein Boot oder läuft man den Strom entlang, bis man eine nächste Brücke erreicht? Für Tom und Carina, er Redakteur für ein Stadtmagazin, sie Architektin, könnte es nicht besser laufen. Sie lieben sich, sie haben eine wunderschöne Wohnung in Berlin-Kreuzberg mit Dachterrasse und sensationellem Blick auf die Stadt, sie sind im Beruf erfolgreich, verdienen gutes Geld. Doch etwas fehlt für das große Glück: ein gemeinsames Kind. Nach einer Zeit der Versuche, auf natürlichem Wege ein Kind zu zeugen, legen sie all ihre Hoffnungen in die Möglichkeiten der modernen Medizin. Währenddessen macht Carina die zufällige Begegnung mit einem jungen Mädchen: Mona ist gerade mal 16, Junkie und schwanger. 

Florian Scheibes zweiter Roman „Kollisionen“ beginnt mit einem Zusammenstoß. Carina fährt Mona mit dem Fahrrad regelrecht über den Haufen. Sie erkennt dabei den besonderen Zustand des Mädchens, reagiert zuerst mit Verblüffung, um später eine gewisse Eifersucht auf das ungeborene Kind zu spüren. Fortan wird ihre beiden unterschiedlichen Leben durch weitere mehr oder weniger zufällige Begegnungen bestimmt werden. Doch weniger diese Szenen sorgen für Trubel und Dramatik. Vielmehr wird die Beziehung des Paares komplett auf den Kopf gestellt. Denn in dem Versuch, auf unnatürliche Weise ein eigenes Kind entstehen zu lassen, zeigen beide Nerven und legen reichlich Frust an den Tag, der letztlich zu Untreue und Gewalt führen wird. Währenddessen begleitet der Leser parallel auch Mona, die nach einem verzweifelten Selbstmordversuch in ein Krankenhaus für schwangere süchtige Frauen gebracht wird. Ihre Eltern sind ihr kaum eine Hilfe: Die Mutter rät zur Abtreibung und zu einer zwielichtigen Therapie, Monas Vater jetet meist geschäftlich um die Welt. Der Erzeuger des Kindes ist Rumäne und ebenfalls obdachlos.

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Der Autor, gebürtiger Münchner und heute in Berlin lebend, bringt in seinem Buch zwei interessante, aktuelle wie brisante Themen zusammen: der soziale Abstieg eines Menschen infolge Sucht und Obdachlosigkeit und jene Szene der Vergessenen in Berlin-Kreuzberg sowie der unerfüllte Kinderwunsch eines Paares. Beides mit dem Hintergrund, dass sich der Stadtteil wandelt, die Vermögenden das Revier beziehen und die anderen sozialen Schichten mehr und mehr verdrängen. Durch Demonstrationen, durch die Schaffung von Wohnraum im obersten Preissegment. Den Umbau einer einstigen Brauerei in luxuriöse Lofts, die Carina als Maklerin vermitteln soll, ist ein Sinnbild dafür.

„Kollisionen“ ist ein Buch, das den Leser an sich bindet, ihn reinzieht in die Lebensgeschichten der völlig verschiedenen Protagonisten. Scheibe sorgt für Spannung durch plastisch ausgestaltete Orte, überraschende Wendungen und kluge Übergänge zwischen den Kapiteln. Manche Szenen lässt er aus zwei verschiedenen Blickwinkeln erzählen. Interessant zu lesen sind auch die Kolumnen, die Tom für ein Stadtmagazin verfasst, sowie die Beschreibungen der Kinderwunsch-Klinik, ihre vermeintliche Idylle in einer doch kalten, klinischen Welt. Eine künstliche Befruchtung ist im Gegensatz zur Zeugung eines Wunsch-Babys alles andere als liebevoll und natürlich, sondern kühl, technisch und manchmal auch grotesk, obwohl dies womöglich auch für die unzähligen gescheiterten natürlichen Versuche teilweise zutreffen könnte.

„Wie ferngesteuert lief Mona durch die Farben, Bewegungen und Geräusche hindurch. War in sich und zugleich neben sich, über sich und unter sich, überall und nirgendwo, während alles um sie herum warm und weich pulsierte.“

Doch in einigen Passagen erscheint Scheibes Sprache etwas zu bemüht, zu artifiziell, um Effekt heischend, vor allem am Anfang und zum Abschluss. Dabei ist der Erzählstrom dann besonders packend, wenn in kurzen Sätzen die Handlung beschleunigt, aber zugleich alles gesagt wird, was im Hinblick auf die Personen und die Atmosphäre nötig ist. Großartig bringt er indes die Gefühlswelten der Protagonisten, vor allem die der beiden Frauen zur Geltung. Wie sie mit sich ringen, an sich zweifeln, aber trotzdem irgendwie wieder auf die Beine kommen. Sie beweisen neben einer gewissen Portion an Trotz vor allem innere Stärke, die es für große Entscheidungen braucht. Tom bleibt dagegen ein Getriebener, der vieles auf das Spiel setzt, mit Aggression und Gewalt auf die vergeblichen Mühen reagiert und die er am Schluss sogar gegen seine Frau richtet. Manche Szenen erscheinen etwas überzogen – wenn Carinas Hund, eine riesige Dogge, plötzlich wie von der Tarantel gestochen aus einem Gebüsch springt und wenig später verstirbt, wenn Tom wie eine Furie einen Mitarbeiter einer Filmcrew während ihrer Dreharbeiten im Kiez niederschlägt -, doch all dies wird im Laufe der Handlung erklärbar.

Für seinen Roman findet Scheibe einen trotz aller Dramatik teils versöhnlichen, aber auch diskussionswürdigen Abschluss.  Und wenn über ein Buch und seine Themen rege gesprochen wird, kann ihm wohl nichts besseres widerfahren.

Eine weitere Besprechung hat Tobias Nazemi auf seinem Blog „Buchrevier“ verfasst.


Florian Scheibe: „Kollisionen“, erschienen im Verlag Klett-Cotta, 377 Seiten, 19,95 Euro

Foto: Ermerspik/pixabay

4 Comments

  1. Danke für die Besprechung. Ich hatte den Roman im Auge und dachte, ich warte erst mal, was andere dazu sagen, weil die Leseprobe mir nicht ganz behagt hat. Das mit der Sprache ist mir auch aufgefallen. Mal sehen, ob ich es dennoch lese.
    Das Foto scheint mir im Viktoriapark, Kreuzberg aufgenommen …
    Viele Grüße!

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  2. In diesem Buch fand ich viele tolle Ansätze, der Autor muss aber meiner Ansicht nach noch etwas reifen. Einige Handlungsverläufe wirkten auf mich etwas zu konstruiert, sprachlich hatte ich die gleichen Eindrücke wie du. Trotzdem gefiel mir sehr gut, wie die unterschiedlichen Kollisionen immer wieder zum Thema gemacht wurden. Ich habe das Buch gerne gelesen und bin auf die Entwicklung von Scheibe gespannt.
    Für Grossstadtbewohner schon empfehlenswert, denn diese Stadtentwicklungen kann man nicht nur in Berlin beobachten.

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