Rachel Kushner „Ich bin ein Schicksal“

„Nach und nach wurde mir das Leben ausgesaugt.“

W314159. Romy Leslie Hall ist nicht mehr als eine Nummer im Frauengefängnis von Stanville, eine Fallakte im amerikanischen Justiz-System. Sie war Stripperin in einer Bar, kannte sich mit Drogen aus, sie ist Mutter eines Sohnes und sitzt nun ein: zweimal lebenslänglich. Sie wird hinter Gittern sterben, weil sie ihren Stalker getötet hat. Die Amerikanerin Rachel Kushner, die für ihren 2015 in deutscher Übersetzung erschienenen Roman „Flammenwerfer“ gefeiert und gelobt wurde, rückt mit ihrem neuesten Werk „Ich bin ein Schicksal“ nicht nur eine einzelne Frau in den Mittelpunkt. Es ist ein eindrückliches Buch über Amerikas verlorenen Ruf, das längst nicht mehr als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten erscheint.

Stalker erschlagen, verurteilt

Denn wer einmal unten ist, kommt nicht mehr hoch. Nicht eine einzige Stufe auf der gesellschaftlichen Leiter, von der der Karriere ganz zu schweigen. Dabei wurde Romy von ihrer Mutter nach einer deutschen Schauspielerin benannt, vielleicht mit der Hoffnung, dass aus ihrer Tochter mehr wird. Doch bereits die Kindheit und Jugend in San Francisco sind von Kriminalität, Drogen und Gewalt geprägt. Sie klaut, kifft, zieht mit ihrer besten Freundin um die Häuser. Was wird aus solch einem Leben, wenn keine Person Halt gibt, ein Anker ist. Als junge Frau landet sie im spitteligen Strip-Lokal Mars Room, wo sie schließlich auch auf ihren Kunden und späteren Stalker Kurt trifft. Während des Gerichtsprozesses hat sie ebenfalls nie eine Chance. Der Pflichtverteidiger kann seine Mandantin nicht rauspauken. Dass sie selbst Opfer eines Stalkers ist, jener Hintergrund, der ein Strohhalm hätte sein können, bringt er vor Gericht nicht zur Sprache. Romy findet sich mit anderen Frauen auf dem Weg von der Untersuchungshaft in das Gefängnis Stanville, wo Tausende Frauen inhaftiert sind, es auch einen Trakt mit Todeskandidatinnen gibt. Ihr Sohn – der Vater ein Türsteher – wird von Romys Mutter aufgenommen.

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Romy steht indes nicht allein im Mittelpunkt des Geschehens. Eindrucksvoll werden verschiedene Leben und Schicksale verwoben. Da ist Doc, ein korrupter Polizist, der in New Folsom einsitzt und ständig an Sex denkt. Er hat für Betty, deren Zuhause mittlerweile die Todeszelle ist, einen brutalen Auftragsmord erledigt. Auch von Kurt wird berichtet, Stalker und späteres Opfer. Doch eine Figur ragt neben Romy besonders heraus: Gordon Hauser. Er hat Literatur studiert, arbeitet als Betreuer. Bücher werden zu einer besonderen Verbindung zwischen ihm und der Gefängnisinsassin. Mit Hauser sind Hoffnungen verbunden, doch Hoffnungen sind Träume, die nie Wirklichkeit werden.

Gefängniswelt mit eigenen Gesetzen

Romy bekommt dies schmerzhaft zu spüren, vor allem mit Blick auf ihre enge emotionale Beziehung zu ihrem Sohn. Auch, dass die düstere Gefängniswelt ihre eigenen Gesetze hat, dass der, der oben ist, nach unten tritt. Die abgebrühten und scheinbar seelenlosen Wärter sind Teil davon. Die gesellschaftlichen Spielregeln finden hier ihre Fortsetzung – nur mit noch mehr Gewalt, Hass und Schmerz auf engstem Raum. Das erlebt vor allem Conan, ein Trans-Mann, zu dem die Heldin eine Freundschaft aufbaut. So unterschiedlich die Verbrechen sind, denen die Frauen angeklagt wurden, so verschieden sind auch ihre Charaktere. Einige neigen zu Verhaltensauffälligkeiten. Nicht nur die hohen Mauern, die bewaffneten Männer auf den Wachtürmen und die engen Räume, sondern auch die menschenunwürdigen Folgen der dortigen Hierarchie machen aus einem Leben ein Kampf ums Überleben.

„Das Für-immer-Gefühl auf dem Haupthof, von Tausenden Frauen in Blau, würde bleiben, und ich würde bleiben.“

„Ich bin ein Schicksal“ ist kein einfaches Buch. Viele Szenen erschüttern ob dieser Gewalt und dieser Unmenschlichkeit, gerade auch am Ende des Romans, der einen großen zeitlichen Bogen spannt und einige Kapitel braucht, um sprachlich und inhaltlich seine volle Wirkung zu entfalten. Der Leser muss sich vertraut machen mit den Zeitsprüngen, den Verbindungen, den grauenvollen Geschehnissen und Gedanken. Er benötigt eine gewisse Nervenstärke, er sollte gefasst sein auf grenzenlose Brutalität und innere Kälte.

Kushner, 1968 in Eugene (Oregon) geboren, gibt Einblicke in ein Geschehen, das sich abseits der Öffentlichkeit abspielt und in dieser Dramatik wohl noch nie erzählt wurde.  In einer Danksagung am Schluss des Bandes verweist sie auf die Unterstützung, die sie in Form einer redaktionellen Beratung erhalten hat. Erwähnt wird unter anderem Theresa Martinez, eine Freundin Kushners, die 2009 auf Bewährung entlassen wurde. Die Autorin hat selbst mehrere Gefängnisse in Kalifornien besucht, darunter New Folsom Prison. Dort sprach sie mit einem Häftling, einem ehemaligen Polizisten aus Los Angeles. Mit „Ich bin ein Schicksal“ stand die Amerikanerin auf der Shortlist des Man Booker Prizes. Eine drastische Lektüre, die aufwühlt.

Weitere Besprechungen gibt es zu lesen auf den Blogs „Literaturreich“ und „Piles to read“.


Rachel Kushner: „Ich bin ein Schicksal“, erschienen im Rowohlt Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Bettina Abarbanell; 400 Seiten, 24 Euro

Bild von kesie91 auf Pixabay

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