Die Kunst und die Gewalt – Rachel Kushner „Flammenwerfer“

U1_978-3-498-03419-1.indd„…was Valera nie vergessen würde, die jugendliche Erkenntnis, dass das Wesen des Lebens in Veränderung und Schnelligkeit bestand und sich nur durch heftige Erschütterung offenbarte.“

Sie liebt die Geschwindigkeit – als Skiläuferin und als Motorradfahrerin. Mit Anfang 20 kommt Reno, wie sie später von Freunden aufgrund ihres Heimatortes genannt wird, nach ihrem Kunststudium aus der Provinz des Mittelwestens in die Metropole nach New York. Sie ist allein und auf sich gestellt. Ihr Ziel ist es, in der Kunstszene New Yorks Fuß zu fassen, mit ihrer Kreativität erfolgreich zu sein. Doch der Dschungel der Großstadt kennt meist nur die Anonymität. Die Stadt ist groß und schläft nie, die Menschen bilden eine einzige große Masse. Doch Reno findet Anschluss – in der Person von Sandro, einem erfolgreichen Konzeptkünstler und aus der legendären italienischen Motorrad-Dynastie Valera stammend.

Auf den ersten Blick erscheint die Verbindung zwischen Kunst und der Motorrad-Szene eine recht ungewöhnliche. Das ist sie für mich immer noch, aber Rachel Kushner bringt diese in ihrem Roman „Flammenwerfer“ auf beeindruckende Art und Weise in Einklang. Beide erzählerischen Themen führen dazu, dass der Roman sowohl für rasante Szenen als auch ruhige, nahezu kontemplative Momente sorgt. Adrenalin auf Papier preist der Rowohlt Verlag als Herausgeber das Buch an, das bei seiner Veröffentlichung in den USA für riesige Resonanz gesorgt und zahlreiche Lobeshymnen großer Autoren erhalten hat. Und das nicht zu Unrecht. Denn nicht nur wegen der ungewöhnlichen thematischen Kombination, zu der weitere Schwerpunkte hinzukommen, möchte ich das Buch wärmstens empfehlen.

Punkt eins: Kushner nimmt den Leser mit auf eine Reise zu besonderen Orten. In der Salzwüste nahe Reno (Nevada) will Reno mit ihrem Motorrad, im Übrigen vom Typ Valera, an einem Hochgeschwindigkeitsrennen teilnehmen. Hier beginnt die Handlung. Die junge Frau berichtet selbst von ihren Erlebnissen und blickt zudem zurück auf die ersten Monate in New York und die gemeinsame Zeit mit Sandro, mit dem sie trotz des hohen Altersunterschiedes nach dem Kennenlernen eine Beziehung beginnt. Während des Rennens stürzt sie schwer, erhält allerdings das Angebot, das Valera-Team, das selbst an den Start gegangen war, auf einer Tour in Italien zu begleiten. Reno lernt schließlich auf dem Stiefel die Familie ihres Freundes kennen – in einer ungewöhnlichen Phase. Man schreibt das Jahr 1977. In jener Zeit erleben die Aufstände, Streiks und Krawalle von Arbeitnehmern und Anarchisten ihren Höhepunkt. Es werden Anschläge auf Unternehmer verübt. Italien ist ein Schlachtfeld und wird auch die Beziehung zwischen Reno und Sandro auf eine harte Probe stellen.


Punkt zwei: Neben der Ich-Erzählung der jungen Heldin, die im Film ihr künstlerisches Medium entdeckt hat, setzt die Autorin einen zweiten Erzählstrang, mit der über das abwechslungsreiche Leben von Sandros Vater berichtet wird. Als Kind kommt er von Ägypten nach Italien, im Ersten Weltkrieg dient er als Soldat in einer Motorrad-Einheit. Später baut er als zweiten Wirtschaftszweig seines erfolgreichen Unternehmens die Reifen-Herstellung auf – ungeschminkt wird an dieser Stelle auch über die Ausbeutung der Amazonas-Indianer in Brasilien erzählt.

Punkt drei: Gerade in der Protagonistin baut Kushner eine besondere Identifikationsfigur auf. An ihr wird deutlich, welche Herausforderungen es braucht, um sich eine eigene Identität zu geben, einen für sich bestimmten Ort und Lebensweg zu finden. Reno scheitert oft. Weil vor allem die Menschen in ihrem Umfeld ein falsches Spiel mit ihr spielen, sie hintergehen. Reno ist ihnen ausgeliefert, bis sie einen eigenen Weg gehen kann, eigene Entscheidungen trifft. Auch wenn diese sie noch näher an die Gewalt rücken lassen, sie ein Teil der gewaltbereiten Anarchisten wird. Doch auch diese Erfahrung lässt sie reifen.

Über all diese inhaltlichen und gestalterischen Besonderheiten im Aufbau stülpt sich wie eine große Glocke die Sprache. Zwar habe ich in den ersten Seiten etwas Zeit gebraucht, um mich in die Geschichte zu bringen. Doch dann war es sprichwörtlich um mich geschehen. Ich war weg. Denn Kushner ist eine Meisterin der Atmosphäre. Wie dicht sie einzelnen Momente der Künstlerszene oder auch später die Aufstände beschreibt, verdient höchste Anerkennung und eine Verbeugung des Lesers. Vor dem Auge entstehen eindringliche Bilder, erschaffen aus poetischen Vergleichen, Wortschöpfungen und einer Vielzahl an Adjektiven. Für jeden Ort gestaltet die Autorin eine spezielle Szenerie mit einem ganz eigenen Flair. Quirlig, bunt und voller auch abgewrackter Typen erscheint das Künstlerviertel Soho in New York, wie ein Kammerspiel hingegen die schon bedrückende Atmosphäre in der Villa der Familie Valera, wo Reno auf Sandros Mutter und dessen Bruder Roberto trifft. Zu den detaillierten Beschreibungen von Orten und Menschen setzt Kushner das facettenreiche Innenleben ihrer Heldin, das in der Form eines inneren Bewusstseinsstroms vermittelt wird.

Am Ende führt die Amerikanerin beide Erzählstränge kunstreich zusammen und die Frage entsteht, wer zum Schluss als Gewinner die Geschichte verlässt. Denn sowohl Sandro als auch Reno haben „Federn gelassen“. Und eines wird darüber hinaus besonders deutlich: Die Gewalt hat viele schreckliche wie oft auch vorerst unsichtbare Gesichter. Sie wird später auch vor der Metropole New Yorks nicht Halt machen, als der Mob aufbegehrt, allerdings weniger aus politischen Ambitionen heraus.

Rachel Kushner, 1968 in Eugene (Oregon) geboren, hat in ihrer Heimat etwas vollbracht, was bisher keinem ihrer Schriftsteller-Kollegen bisher gelungen ist: Sie war zweimal für den renommierten National Book Award nominiert – für ihr Debüt und für ihr zweites Werk „Flammenwerfer“, ein Roman, der begeistert und einen beeindruckt zurücklässt.

Der Roman „Flammenwerfer“ von Rachel Kushner erschien im Rowohlt Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Bettina Abarbanell und mit einem Nachwort der Autorin.
560 Seiten, 22,95 Euro

6 Comments

  1. Titel und Buch-Outfit haben mich eigentlich überhaupt nicht angersprochen. Also habe ich ganz entspannt Deine Besprechung gelesen – die mich – wegen meines SuB – in tiefe Verzweiflung (:-)) stürzte: Geschichte und Art des Erzählens scheinen ja eine tolle Mischung zu ergeben. Du machst jedenfalls sehr neugierig auf den Roman.
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Danke für Deinen Kommentar, Claudia. Ja, das Cover spaltet sicherlich – die einen sagen, es ist womöglich dick aufgetragen, andere meinen, es weckt vielleicht das Interesse. Es war für mich jedenfalls eine sehr interessante wie packende Geschichte, die auch sprachlich mich sehr überzeugt hat. Viele Grüße

      Gefällt 1 Person

  2. Ja, das Cover ist schon etwas ungewöhnlich von der Gestaltung her. Aber der Roman hat eine sehr interessante Geschichte zu bieten, die auch verschiedene Themen auf ungewöhnliche Weise zusammenbringt: Kunst, Motorrad-Fahren und Rebellion, Italien und die New York Außerdem ist die Hauptperson eine ungewöhnliche Frau. Viele Grüße

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