Christiane Hoffmann – „Alles, was wir nicht erinnern“

„Ich gehe den Weg Deiner Entwurzelung, unser aller Entwurzelung.“

Zu Fuß. Allein. 558 Kilometer weit. Begleitet von Erinnerungen und der Familiengeschichte. Am 22. Januar 2020 begibt sich die Journalistin und Autorin Christiane Hoffmann auf eine monatelange Tour. Der Startpunkt: der kleine schlesische Ort Rózyna, der früher Rosenthal hieß. Hier wuchs ihr Vater auf, der noch Kind war, als seine Familie die Flucht antrat – an einem 22. Januar 1945. Mit „Alles, was wir nicht erinnern“ erzählt sie ihre Erlebnisse auf den Spuren ihres Vaters und der Familie, die wenige Monate vor Kriegsende ihre Heimat verloren hat und nie wirklich angekommen ist. Ein Buch, das über die berührende Familiengeschichte hinaus auch auf die Folgen von Krieg und Flucht hinweist.

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Andreas Pflüger – „Ritchie Girl“

„Ich weiß, es gibt Erinnerungen, bei denen man schreien will.“

Obwohl so unendlich viel über den Zweiten Weltkrieg schon in der Vergangenheit berichtet, erzählt, geschildert worden ist, gibt es noch immer Geschehnisse, die erst jüngst ans Licht der Öffentlichkeit gekommen sind – weiße Flecken, die nun ausgefüllt werden und Konturen erhalten. Mehrere Jahre war ein Bericht des US-Justizministeriums unter Verschluss, der sich mit der engen Zusammenarbeit der USA mit hochrangigen Nazis auseinandersetzt. Ein brisantes Thema, mit dem sich Andreas Pflüger in seinem aktuellen Roman „Ritchie Girl“ auf herausragende Weise beschäftigt.

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Anatoli Pristawkin – „Schlief ein goldnes Wölkchen“

„Die Kinder, das war was anderes, sie waren wie Kollerdisteln, die der Wind trieb, wohin er wollte.“ 

Sie heißen Kolka und Saschka. Die meisten kennen sie als Kusmin-Zwillinge. Keiner kann sie ob ihrer verblüffenden Ähnlichkeit auseinanderhalten. Sie sind unzertrennlich und klammern sich an sich in einer Zeit des Krieges, des Leids, des stetigen Hungers. Sie leben in einem Waisenhaus, wissen nicht, was Familie und elterliche Liebe bedeuten. Mit 500 weiteren Kindern werden sie eines Tages in den fernen Osten, in den Kaukasus, geschickt. Doch hier geraten sie zwischen die Fronten. Mit seinem Roman „Schlief ein goldnes Wölkchen“ hat der russische Schriftsteller Anatoli Pristawkin (1931 – 2008) ein erschütterndes literarisches autobiografisches Zeitdokument verfasst, das nun in einer neuen Ausgabe wiederentdeckt werden kann – und sollte. „Anatoli Pristawkin – „Schlief ein goldnes Wölkchen““ weiterlesen

Helga Schubert – „Vom Aufstehen“

„Ich lebte in vielen Rollen.“

Aufstehen – sich erheben, sich aus liegender Stellung aufrichten, das Bett verlassen, sich auflehnen, Widerstand leisten, rebellieren. Viele Bedeutungen enthält der Duden zu diesem mehrsilbigen Verb. Bedeutungen, die durchaus auch auf den preisgekrönten Erzählband der Schriftstellerin Helga Schubert zutreffen. Ein Band, der in 29 Texten von ihrem wechselvollen Leben, ihren Erinnerungen und Gedanken erzählt. Ein Buch der Bilder, der Lebenskraft und Weisheit.

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Faszination Sehnsuchtsort – Ein Interview mit Alexander Häusser

Eine Familiengeschichte, eine Großmutter, die ich nur von alten Fotos kenne, Reisen in den hohen Norden zu einen Teil meiner Wurzeln und zehn Monate auf der kleinen Insel Runde verbinden mich mit Norwegen. Anlässlich der Frankfurter Buchmesse im vergangenen Jahr habe ich bereits über dieses sehr enge, sehr  emotionale Verhältnis, das mich prägt, geschrieben. Von einer ähnlich persönlichen Geschichte erzählt der Hamburger Schriftsteller Alexander Häusser in seinem leisen, indes sehr nachdrücklichen Roman „Noch alle Zeit“ (Pendragon), in dem der Held sich auf die Spuren seines Vaters begibt, der eines Tages verschwand, als der Held selbst noch ein Kind war. Ein Interview über den besonderen Hintergrund des Romans, über zwei ungleiche Protagonisten und die Faszination eines Sehnsuchtsorts. „Faszination Sehnsuchtsort – Ein Interview mit Alexander Häusser“ weiterlesen

Ulrike Draesner – „Schwitters“

„Es gibt keinen Ort, der ein Zuhause ist. Man musste ein Zuhause immer erfinden.“

Wenn die Heimat das eigene Leben bedroht, wird die fremde Ferne zum rettenden Land. Doch Kurt will nicht gehen. Hier sind seine Heimat, seine Frau, seine Kunst. Doch sie reden auf ihn ein: Freunde, Kollegen, sogar Helma. In den ersten Tagen des Jahres 1937 setzt er seinen Zweifeln ein Ende. Der Mann, der Künstler, verlässt Frau und Haus und reist dem Sohn Ernst gen Norden hinterher. Es sollte eine Reise ohne Wiederkehr werden. Ulrike Draesner widmet sich in ihrem meisterhaften Roman Kurt Schwitters (1887 – 1948), dem eigenwilligen Künstler der Moderne und Mitbegründer der internationalen Dada-Bewegung, sowie seinen letzten elf Lebensjahren. Ein Buch, das weit mehr erzählt als von einem berühmten Mann, der die Kunst zur Lebensform erhoben hat.

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Øistein Borge – „Kreuzschnitt“

„Wieso sollten auch Werke von einigen der anerkanntesten Künstlern Europas an der Wand dieses unansehnlichen Bauernhauses hängen?“

Geld schützt nicht vor Mord. Der Immobilienmogul Axel Krogh, einer der reichsten Männer Norwegens, wird in seiner Villa an der Côte d’Azur tot aufgefunden. Sein Leichnam wurde geschändet, im Rücken des bereits betagten Mannes hat der Mörder ein blutiges Kreuz hinterlassen. Kroghs Tochter Ella und Erik Jacobsen, Konzernchef der Krogh-Gruppe, finden den Toten und entdecken, dass auch ein Gemälde eines unbekannten Künstlers aus dem Anwesen gestohlen wurde. Der Osloer Kommissar Bogart Bull wird für die Ermittlungen nach Frankreich entsendet, wo er auf ein dunkles Geheimnis der Familie stößt und dass der Maler des Bildes nicht wirklich unbekannt ist. „Øistein Borge – „Kreuzschnitt““ weiterlesen

Simon Stranger – „Vergesst unsere Namen nicht“

„M wie das Monster, das in jedem von uns ruht.“ 

Ihre Spur zieht sich durch ganz Europa. Es gibt wohl keine größere Stadt, in der sie nicht zu finden sind. Die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig sind Kunstwerk und Mahnmal zugleich. Sie erinnern in nunmehr bereits 24 Ländern an Menschen, die während des Nationalsozialismus verhaftet, deportiert und ermordet oder in den Freitod getrieben worden sind. Auch in der norwegischen Stadt Trondheim gibt es jene Messingtafeln mit den Lebensdaten der Opfer. In eine ist der Name Hirsch Komissar eingraviert. Die Geschichte des jüdischen Ingenieurs, der seine Ausbildung im sächsischen Mittweida absolviert und später als Geschäftsmann und Inhaber eines Modegeschäfts gewirkt hat, ist Teil der Familienhistorie des norwegischen Autors Simon Stranger, der darüber einen preisgekrönten Roman geschrieben hat.

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Norbert Scheuer – „Winterbienen“

„Ich habe Angst vor dem, was uns erwartet.“

Bienen sind gefühlt zu einem beliebten Thema in der Literatur geworden. Meist jedoch in Verbindung mit Ökologie und Umweltschutz, allgemein mit Fragen der Natur. Der Zweite Weltkrieg mit all seinen verheerenden Zerstörungen und Grausamkeiten bildet hingegen die bedrohliche Kulisse des besonderen Helden im neuen Roman Norbert Scheuers. „Winterbienen“ erzählt neben dem dunklen Kapitel deutscher Geschichte von einer realen Figur, dem Lehrer und Imker Egidius Arimond, der in dem Eifel-Städtchen Kall im Urftland nahe der belgischen Grenze gelebt hat.

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Backlist #11 – Richard Flanagan „Der schmale Pfad ins Hinterland“

„Denn wenn die Lebenden die Toten loslassen, zählt das Leben nichts mehr.“

Viel ist über den Zweiten Weltkrieg geschrieben worden, unzählige Bücher sind erschienen; Romane, Zeitzeugenberichte und wissenschaftliche Literatur. Doch immer wieder stößt man als Leser auf Ereignisse, von denen man wenig oder noch nichts weiß. War mir persönlich die Brücke am Kwai zwar vom Namen bekannt, auch durch den gleichnamigen Film, wurden mir die Geschehnisse beim Bau der sogenannten Todeseisenbahn in Thailand und Burma erst mit dem Roman „Der schmale Pfad durchs Hinterland“ umfassend nahe gebracht. Für sein Werk erhielt der Australier Richard Flanagan im Jahr 2014 den renommierten Man Booker Prize„Backlist #11 – Richard Flanagan „Der schmale Pfad ins Hinterland““ weiterlesen