Joachim B. Schmidt – „In Küstennähe“

„Die Leute wissen einen Dreck.“

Ein Altersheim kann ja so ein wunderbares Versteck für einen Kleinkriminellen sein. Lárus ist die rechte Hand des Hausmeisters, seine illegalen Geschäfte betreibt er unauffällig. Er mäht zwar den Rasen, repariert dies und das, doch nebenbei scheffelt Lárus als umtriebiger Drogendealer kräftig Kohle. Das Altersheim Isafjörður ist das perfekte Alibi. Doch eine kaputte Heizung in Zimmer 37-A wird eines Tages sein Leben verändern. Er lernt Grimur, einen alten Fischer, kennen, der den furchteinflößenden Beinamen „Der Schlächter“ trägt. Er wird sein Freund – und unfreiwillig auch sein Mentor. In seinem Debüt „In Küstennähe“ beweist Joachim B. Schmidt seine Vorliebe für kauzige Figuren und ein Herz für ihre teils auch tragischen Lebensgeschichten.

Schlitzohr und Dealer

Schmidts Erstling erschien bereits 2013 im Schweizer Landverlag mit Sitz in Langnau. Nun hat der Diogenes Verlag den Roman neu als Taschenbuch aufgelegt. Gut zwei Jahre nach dem riesigen Erfolg von „Kalmann“, Schmidts viertem Roman, in dem die Titelfigur unfreiwillig zum Helden wird. Kalmann, der Außenseiter mit mehr Herz als Verstand, geht unfreiwillig auf Verbrecherjagd anstatt Grönland-Haie zu fangen. Auch mit „In Küstennähe“ wandelt der Schweizer Autor in kriminellen Sphären. Lárus ist ein Lügner und Schlitzohr, der im Netz der Drogenszene gar nicht so ein kleines Licht ist. Zwar klaut er auch benutzte Contalgin-Pflaster von den Patienten, doch Oli versorgt ihm mit allem, was geraucht, geschluckt und geschnieft werden kann. Klammheimlich gehen die Übergaben über die Bühne. Zwar trinkt Lárus ab und an über den Durst, doch das Teufelszeug rührt er nicht an. Er weiß, dass es genug Leute gibt, die sich an den harten Drogen bedienen, sie brauchen – selbst in einem kleinen Nest am Arsch (man möge mir den Ausdruck verzeihen…) der Welt wie Isafjörður, wo sich die Menschen wundern, dass sie es hier so lange ausgehalten haben. So zählen Stephan, ein Schulfreund, oder der Schriftsteller Kari zu Lárus‘ Stammkunden.

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Als Lárus mit seinem Chef Helmut die Heizung im Zimmer von Grimur repariert, sieht er jenen betagten Mann wieder, dem er einst mit Freunden böse Streiche gespielt hat. Nach und nach erfährt er von seiner Lebensgeschichte und seiner tragisch endenden Liebe, die zugleich gesellschaftlich geächtet war. Diesen schmerzliche Verlust, der sich einreiht in die zahlreichen Schicksalsschläge innerhalb seiner Familie, wovon der Prolog erzählt, hat Grimur nie verwunden. Aus ihm wurde ein wortkarger und verdrießlicher Mann, den alle meiden und fürchten. Nur Helmuts Gehilfe findet den richtigen Draht zu dem Alten, der wiederum seinen Schützling mit seinem letzten Wunsch konfrontiert. Denn Grimur spürt, der Tod ist nah.

„Was man nicht tut, ist manchmal viel schlimmer.“

Um Lárus und Grimur lässt Schmidt eine ganze Reihe interessanter Charaktere auf der Bühne seiner Geschichte auftreten. Da ist Hausmeister Helmut, ein Deutscher, der nach Island gekommen war, dessen Fleiß sein Gehilfe, der selbst für sein Leben kaum ernstzunehmende Pläne hat, verflucht. Da ist die Pflegerin Soffia, für die Lárus Gefühle entwickelt, deren Beziehung allerdings unter keinem guten Stern steht. Immer geht es Schmidt um den Alltag und das Leben der eher einfachen, auf den ersten Blick unspektakulären Menschen, die jedoch viel zu erzählen haben, wenn man ihnen zuhören würde…

Untergründige Melancholie

Den in Graubünden 1981 geborenen Autor, Sohn eines Bauern, zog es 2007 mit seiner Familie gänzlich nach Island, wo er unter anderem auch als Journalist und Reiseleiter arbeitet. Neben Romanen – zuletzt erschien „Tell“ – verfasste Schmidt auch Kurzgeschichten. Sein Debüt hat der Schweizer, der mittlerweile auch die isländische Staatsbürgerschaft hat, den Bewohnern von Ísafjarðarbær sowie Bolungarvik gewidmet. Und obwohl Humor und ein teils flapsiger Ton „In Küstennähe“ ausmachen, wird der Leser – sofern er es auch will – durchaus wohl auch untergründig eine Melancholie spüren. Denn Schmidt verhandelt in seinem Erstling, der auf verschiedenen Zeitebenen angesiedelt ist und von Rückblenden lebt, eine ganze Reihe ernster Themen: Es geht um Bleiben und Gehen, Freundschaft und Liebe, Abschied und Tod, vor allem aber um die drastischen Folgen, wenn die Gesellschaft über einen Menschen bereits ein Urteil gefällt hat, ihn durch Lästereien und Lügen in Misskredit bringt und damit sein Leben zerstört.

Darüber hinaus zeichnet sich Schmidts vielschichtiges Debüt durch eine besondere Eigenschaft aus: Menschlichkeit. Sein Roman, mit dem er seiner Wahlheimat in gewisser Weise ein spezielles Denkmal setzt, unterhält und lehrt obendrein so manches und macht in dieser Kombination aus diesem Buch etwas ganz Kostbares.


Joachim B. Schmidt: „In Küstennähe“, erschienen im Diogenes Verlag; 336 Seiten, 14 Euro

Foto von J Z auf Unsplash

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