Álvaro Enrigue – „Jetzt ergebe ich mich, und das ist alles“

„Die Apachen besaßen nichts, und sie selbst nannten sich ndee, Menschen, Volk, Stamm.“ 

Selbst ohne viel Wissen über die Geschichte Nordamerikas und dessen Ureinwohner gibt es Namen, die wohl jeder kennt. Geronimo (1829 – 1909), eigentlich Gokhlayeh oder Goyathlay, gilt als eine der angesehensten historischen Persönlichkeiten. Als Kriegshäuptling und Schamane der Apachen leistete er gegen die Besetzung seines Stammeslandes sowohl gegen mexikanische als auch US-amerikanische Truppen erbittert Widerstand, um sich allerdings nach jahrelangen Kämpfen 1886 mit seinen nur noch wenigen Stammesangehörigen zu ergeben und bis an sein Lebensende in verschiedenen Forts gefangen gehalten zu werden. Bei seiner Festnahme soll er gesagt haben: „Einst war ich frei wie der Wind, jetzt ergebe ich mich … und das ist alles.“ Nach diesem berühmten Zitat hat der mexikanische Schriftsteller Álvaro Enrigue seinen Roman genannt, der nicht nur über die leidvolle Geschichte der Apachen berichtet. Er verbindet auf einzigartige Weise die Vergangenheit mit der Gegenwart der USA.

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Stephen Crane – „Die rote Tapferkeitsmedaille“

„Es war wohl der instinktive Impuls eines Lebenden, in den Augen des Todes die Antwort auf die Frage aller Fragen zu finden.“

Bei einer Passage denkt man unweigerlich an den Klassiker „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque. 1929 erschienen, werden in dem Antikriegsbuch die Schrecken des Ersten Weltkrieges aus der Sicht des jungen Soldaten Paul Bäumer geschildert . „Am Rappahannock nichts Neues“ heißt es im 16. Kapitel des Romans „Die rote Tapferkeitsmedaille“ aus der Feder des amerikanischen Autors Stephen Crane (1871 – 1900), dem für das Leben und sein literarisches Schaffen nur wenig Zeit vergönnt war. Bereits 1895 unter dem Originaltitel „The Red Badge of Courage“ veröffentlicht, kann der Roman über den amerikanischen Bürgerkrieg in einer Neuübersetzung wiederentdeckt werden.

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Im Duett #1: Sebastian Barry – „Tausend Monde“ & „Ein langer, langer Weg“

„Es war, als sei jedes Herz sprachlos.“ (Aus: „Tausend Monde“) 

Wenn mein Blick an meinen Bücherregalen entlangstreift, fällt mir auf, wie viele Autoren es in meinem Bestand gibt, von denen ich gleich mehrere Bücher besitze. Mit der Zeit entwickelt man ja bekanntlich so gewisse Lesevorlieben und sammelt die Werke von geschätzten Autoren. Dieser Beitrag soll Auftakt einer neuen Blogreihe sein, in der ich ein jüngeres sowie ein älteres Buch eines ausgesuchten Autors vorstellen will. Die Serie „Im Duett“ soll allerdings nicht die Reihe „Backlist lesen“ ersetzen. Den Auftakt macht der Ire Sebastian Barry. „Im Duett #1: Sebastian Barry – „Tausend Monde“ & „Ein langer, langer Weg““ weiterlesen

Gusel Jachina – „Wolgakinder“

„Ihr kleines Leben verlief nach eigenen Gesetzen. Auch die Zeit verging dort anders – langsam und kaum spürbar.“

Im 18. Jahrhundert verließen sie ihre Heimat. Sie folgten dem Ruf der russischen Zarin Katharina der Großen (1729 – 1796). Das große weite Reich im Osten und die Gestade des längsten Flusses der Welt sollten ihre neue Heimat werden: In den folgenden Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten erlebten die Wolgadeutschen eine wechselvolle Geschichte. Immer wieder trieb es sie in andere Gegenden der Erde, immer wieder waren sie Spielball der deutsch-russischen Politik und Repressalien ausgesetzt. Mit ihrem neuen Roman „Wolgakinder“ erinnert die russisch-tartarische Autorin und Filmemacherin Gusel Jachina auf literarische Weise an die Historie der Volksgruppe und die Nachfahren der einstigen Einwanderer.    „Gusel Jachina – „Wolgakinder““ weiterlesen

Andrej Kurkow – „Graue Bienen“

„Grau kann auch strahlend sein! Du weißt nicht viel vom Grau! Ich kann wohl zwanzig Schattierungen von Grau unterscheiden.“ 

Seit Februar 2014 wütet im Osten der Ukraine der Krieg. Die Armee des Landes, russische Truppen sowie Separatisten kämpfen gegeneinander. Die einen für den Erhalt der Ukraine in ihren jetzigen Grenzen, die anderen für die Abspaltung der Volksrepubliken Donezk und Luhansk. Mittendrin: die Zivilbevölkerung. Während der Krieg kaum auf das Interesse der breiten europäischen Öffentlichkeit stößt, scheint das Thema in der Literatur angekommen zu sein. Nach Serhij Zhadans Roman „Internat“ (Suhrkamp) widmet sich das neue Werk des auch hierzulande bekannten ukrainischen Schriftstellers Andrej Kurkow mit dem Titel „Graue Bienen“ dem Geschehen in Osteuropa, konkret in der Donbass-Region.     „Andrej Kurkow – „Graue Bienen““ weiterlesen

Carsten Jensen „Der erste Stein“

„(…) Afghanistan ist eine Erdbebenzone, eine Herausforderung für die menschliche Vernunft.“

Wer über ein Land schreiben will, muss es bereisen. Carsten Jensen besuchte in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten mehrfach Afghanistan. Ein Aufenthalt führte den dänischen Autor 2009 in das Militärcamp Price in Helmand, im Süden des Landes an der Grenze zu Pakistan gelegen, wenig später verfolgte er ein Training dänischer Soldaten, die später in das von Krieg und Krisen geschüttelte Land entsendet werden sollten. Seine umfangreichen Recherchen, seine Informationen und Beobachtungen, mündeten schließlich in den Roman „Der erste Stein“, der über einen Zug dänischer Soldaten und ihre schrecklichen Erlebnisse erzählt.

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Cesare Pavese „Der Mond und die Feuer“

„(…) die Welt hatte mich verändert.“

Nach mehr als 20 Jahren ist die Welt eine andere. Der furchtbare Krieg, in dem unzählige Menschen ihr Leben ließen, hat endlich ein Ende gefunden. Anguilla kehrt in seine Heimat zurück. War er noch ein junger Mann, als er in den 1920er-Jahren sein Dorf im Piemont verlassen und sich gen Amerika eingeschifft hat, ist er nun älter und erfahrener geworden. Seine neuen Erlebnisse mischen sich mit seinen Erinnerungen. Der letzte Roman des  preisgekrönten italienischen Schriftstellers Cesare Pavese ist ein stilles, von einer berührenden Melancholie umgebenes Buch, in dem es jedoch brodelt.

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Backlist #7 – John Wray „Die rechte Hand des Schlafes“

„Wie konnte das alles passieren?“

Obwohl ich allgemein sehr viel und sehr oft Literatur aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts oder Bücher über jene Zeit lese, ist es Zufall, dass ich für diese Reihe „Backlist lesen“ nach Robert Seethealers Werk „Der Trafikant“ erneut zu einem Roman gegriffen habe, der sich mit dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich beschäftigt (ich werde in den kommenden Folgen wieder für etwas Abwechslung sorgen). Doch mit John Wray und seinem Debüt „Die rechte Hand des Schlafs“ verhält es sich dann doch etwas anders, als es auf den ersten Blick erscheint. „Backlist #7 – John Wray „Die rechte Hand des Schlafes““ weiterlesen

Mutter mit Geheimnissen – Michael Ondaatje „Kriegslicht“

„Wir ordnen unser Leben dank kaum näher ausgeführter Geschichten.“

Was teilen Eltern mit ihren Kindern? Eine gemeinsam verbrachte Zeit, all das, was in dem eigenen Haus, in der Wohnung zu finden ist? Wenn es jedoch um die Vergangenheit der Älteren geht,  haben die Jüngeren bei einem Blick auf deren Leben oftmals den Eindruck, auch auf Geheimnisse, Unausgesprochenes zu stoßen. Egal welche Gründe sich hinter dieser Verschwiegenheit verbergen. In seinem neuen Roman mit dem Titel „Kriegslicht“ erzählt Michael Ondaatje von einer brüchigen Eltern-Kind-Beziehung infolge von Geheimnissen und wie sich Krieg auf die Menschen auswirkt.

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Goran Vojnović „Unter dem Feigenbaum“

„Und am meisten enttäuschen uns Menschen, von denen wir am meisten erwarten.“

Zugegeben: In meiner Lesebiografie gibt es einige weiße Flecken. Wenn man leidenschaftlich für Autoren und die Literatur einiger Länder brennt, werden andere schlichtweg vergessen oder überhaupt nicht wahrgenommen. Seitdem ich diesen Blog schreibe und damit auch vermehrt Mitteilungen der verschiedensten kleinen oder großen Verlage erhalte, lerne ich vor allem eins: zu entdecken – und stoße dabei auf literarische Perlen, die mir beim Stöbern in Buchhandlungen wohl nicht aufgefallen wären. Der neue Roman des slowenischen Autors Goran Vojnović „Unter dem Feigenbaum“ hätte ich ignoriert, weil Osteuropa, speziell der Balkan eben noch immer zu jenen weißen Flecken zählt und weil sicherlich nicht jede Buchhandlung diesen Titel führt. Doch wie im Fall des grandiosen Romans „Belladonna“ der Kroatin Daša Drndić wäre es ein großer Fehler, hätte ich nun dieses Buch nicht gelesen.

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