Constantin Lieb – „Wildboden“

„Alle Landschaften haben sich mit Blau gefüllt.“

Mehrfach hat Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) sein letztes Zuhause in seiner unnachahmlich expressiven Art und in leuchtenden Farben festgehalten: das Haus Wildboden unweit von Davos in den malerischen Schweizer Alpen. Eines dieser Bilder, ein Aquarell auf etwa 1924 datiert, befindet sich heute im Bestand des Städel Museums in Frankfurt/Main. Viele seiner Bilder sind über die ganze Welt verstreut. Kirchner zählt zu den bedeutendsten Malern des Expressionismus. Der Wert seiner Bilder geht jeweils in die Millionen.

Zufluchtsort nach 1933

Von seinen letzten Lebensjahren in Frauenkirch nahe Davos, einer Zeit des intensiven Schaffensdrangs und seinem tragischen Ende erzählt Constantin Liebs Debüt. Bereits 1917 war Kirchner kurzzeitig in die Schweiz gezogen, um Lähmungserscheinungen auszukurieren. Später folgte ihm seine Muse, wichtigste Vertraute und Lebensgefährtin Erna Schilling (1884-1945). Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wird das Land für beide zu einem Zufluchtsort. Zahlreiche seiner Werke – die Liste ist lang – werden von den Nazis als entartet bezeichnet und in der gleichnamigen Propagandaausstellung gezeigt. Meisterwerke der Moderne, mit denen die Nazis gleichzeitig Geschäfte machte. Und auch in der Schweiz und bei Begegnungen mit der Familie muss das Paar erfahren, dass nicht wenige die menschenverachtende Politik Hitlers gutheißen. Nicht nur aus diesem Grund erzeugt der Roman eine beklemmende Atmosphäre.

Denn Kirchner ist süchtig nach Morphium, seine Psyche und auch Ernas Seelenleben ist angeschlagen. Er fühlt sich nicht wahrgenommen, spürt seine innere Rastlosigkeit. Sie hat hingegen mit Schwermut zu kämpfen, vermisst das trubelige Berlin, das Wasser und die Strände der Ostsee und ihre Schwester Gerda, eine Tänzerin, in die sich Kirchner, vernarrt in die Welt des Varieté, zuvor verguckt hatte. Zwischen Ernst und Erna kracht es oft. Doch beide können nicht ohne den anderen sein. Sie ist seine wichtigste Stütze. Immer wieder ermutigt sie ihn, bringt ihm seine Bedeutung als Künstler ins Bewusstsein. Darüber hinaus kümmert sie sich um seine Bilder und Ausstellungsmöglichkeiten. Beide gelten als Außenseiter, wenngleich der Name Kirchner einen besonderen Stellenwert hat.

Tragischer Tod bis heute ungeklärt

Nach seinem Tod nimmt Erna sich der Aufgabe als Nachlassverwalterin, als Archivarin seines Schaffens, an. Dass sie im Roman einen gleichberechtigten Platz erhält, die Handlung auch nicht nach Kirchners Lebensende endet, ist nicht nur sehr begrüßenswert, sondern letztlich folgerichtig. Bis heute bleibt der tragische Tod des Malers ungeklärt. An der Freitod-Theorie gibt es einige Zweifel, die ebenfalls im Roman angedeutet werden. Sogar Erna gerät in den Fokus der Ermittlungen. Wie können zwei Schüsse abgegeben werden, wenn schon einer direkt ins Herz tödlich ist?

„Die Fläche wird zur Basis ekstatischer Form. Eine Dynamik der Übertragung der Wahrnehmung der Gegenwart, auf das Papier.“

Kirchner, 1880 in Aschaffenburg geboren, wuchs nach einem weiteren Umzug der Familie teils in Chemnitz auf, wo er auch sein Abitur ablegt. Er studierte Architektur in Dresden, wo er Karl Schmidt-Rottluff und Erich Heckel kennenlernte. 1905 gründeten sie mit ihrem Mitstudenten Fritz Bleyl die Künstlergruppe „Die Brücke“. 1911 zog es Kirchner nach Berlin, wo er ein Wohn-Atelier in Wilmersdorf bezog. Ein Jahr später wurden er und Erna Schilling ein Paar. 1913 stellte Kirchner Werke in der „Armory Show“, die in mehreren Städten der USA gezeigt wurde, aus.

Bereits während der Militärausbildung in Halle/Saale wurde er wegen seiner körperlichen wie psychischen Leiden als dienstuntauglich geschrieben und damit offiziell vom Einsatz in den menschenfressenden Schützengräben des Ersten Weltkriegs freigestellt. Er litt unter nervösen Angstzuständen und übermässigem Alkoholkonsum. Nach mehreren Aufenthalten in der Schweiz bezogen die Kirchners im Herbst 1923 das Wildboden-Haus in Frauenkirch.

Ernst Ludwig Kirchner, Selbstporträt zwischen 1923 und 1928.
Ernst Ludwig Kirchner – Porträt der Erna Schilling, 1913

Lieb versucht, das Malen und den expressiven Stil Kirchners in Sprache zu verwandeln. „Wildboden“ ist ein virtuoses Buch der Bilder, das auch den besonderen Ort, das Haus und seine Bedeutung für die Kirchners in den Mittelpunkt rückt. Man ist mittendrin und Teil einer Künstlerwelt – inmitten einer eindrücklichen Berglandschaft. Zugleich enthält der Roman skizzenhaft angedeutet wichtige Stationen im Leben der Kirchners sowie Ereignisse ihrer Zeit auf „nur“ etwas mehr als 230 Seiten verdichtet.

Grimme-Preis für Serie „Eden“

Lieb, 1987 in Lichtenfels geboren, studierte Philosophie und Deutsche Literatur sowie Angewandte Literaturwissenschaft in Berlin. Er war Stipendiat der Villa Aurora in Los Angeles und ist Mitglied der Deutschen sowie Europäischen Filmakademie. Für seine Arbeit an der TV-Serie „Eden“ wurde er 2020 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Für die Erich Kästner-Adaption „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ war Lieb ein Jahr später als Drehbuchautor für den Deutschen Filmpreis nominiert. Er arbeitet als Autor und Dramaturg.

„In diesem Haus ist niemals jemand allein, im Gegenteil, und man wird hier immer das sein, was man einen Eindringling nennt oder einen Geist.“

Sein einnehmendes wie eindrucksvoll recherchiertes Debüt „Wildboden“, in dem man ganz wunderbar in das Leben und Wirken des berühmten Künstlers eintauchen kann und sein Kunstverständnis erfährt, weckt zudem das Interesse, Museen mit Kirchners Werken und dessen Lebensorte aufzusuchen – wie eben der Erzähler, der das Wildboden-Haus erkundet und auf die „von Farbklecksen überzogenen Dielen“ trifft. Das Gemälde „Schafherde“, an dem Kirchner zuletzt arbeitete, gehört im Übrigen heute zur Sammlung des Brücke-Museums in Berlin-Dahlem.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „literaturleuchtet“.


Constantin Lieb: „Wildboden“, erschienen im Insel Verlag; 240 Seiten, 25 Euro

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Gun-Britt Sundström – „Die beste aller Beziehungen“

„Es ist so schwierig, dieses Zusammengehören.“

Alles beginnt mit einem Anruf. Oder besser gesagt mit einem Zettel, auf dem geschrieben steht: „Gustav hat angerufen.“ Gustav ist Student in Stockholm. Sein Versuch, Martina zu erreichen, ist der erste Schritt. Beide werden schließlich ein Paar. Doch ihre Ansprüche an eine Beziehung gehen mit der Zeit auseinander. Mit ihrem Roman „Die beste aller Beziehungen“ verarbeitete die schwedische Schriftstellerin, Übersetzerin und Kritikerin Gun-Britt Sundström eigene Erfahrungen.

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Erika Fatland – „Seefahrer“

„Im portugiesischen Imperium ist die Sonne niemals untergegangen.“

Sie hat die Himalaya-Region bereist und eine Handvoll einstige südliche Sowjetrepubliken. Sie hat die unendlich lange Grenze Russlands erkundet. Und immer hat sie auch darüber geschrieben: Erika Fatlands Bücher verbinden auf einzigartige Weise Geschichte mit Gegenwart, erzählen von nahen wie fernen Ländern, ihrer Kultur und ihren Menschen. Zwischen Januar 2022 und Januar 2024 reiste die norwegische Sozialanthropologin und mehrfach preisgekrönte Autorin auf den Spuren des einstigen portugiesischen Imperiums – und nahezu um die ganze Welt. „Erika Fatland – „Seefahrer““ weiterlesen →

Andreas Tjernshaugen – „Das verborgene Leben der Füchse“

„Der Fuchs ist ein geheimnisvolles Tier.“

Was ihm nicht alles nachgesagt wird. Er sei ein hinterlistiger Hühner- und Gänsedieb, ein Schlauberger. Zu seinem Leidwesen wurde er einst wegen seines kostbaren Pelzes gejagt und wird heute noch in Pelz-Farmen gehalten. Dabei sind Begegnungen mit einem Fuchs in freier Natur wahre Glücksmomente. Von solchen berichtet der Norweger Andreas Tjernshaugen in seinem Buch „Das verborgene Leben der Füchse“, das eine erkenntnisreiche Lektüre dank einer Mischung aus Reportage und Sachbuch bereitet.

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Auður Ava Ólafsdóttir – „Hotel Silence“

„Die Stille rettet die Welt.“

Seine Frau Gudrun hat ihn verlassen, die gemeinsame Tochter geht eigene Wege, seine Mutter leidet unter Demenz. Jonas Ebeneser hat seinen Lebensmut verloren. Er will seinem Leben ein Ende setzen. Doch nicht zu Hause, in der vertrauten Umgebung, sondern irgendwo in der Fremde. Still und leise verreist er an einen Ort, wo die meisten Menschen ganz andere Sorgen haben. Denn hier herrscht Krieg. Die isländische Schriftstellerin Auður Ava Ólafsdóttir legt mit ihrem Roman „Hotel Silence“ ein stilles melancholisches Werk vor, das allerdings auch Funken von Hoffnung in sich trägt. „Auður Ava Ólafsdóttir – „Hotel Silence““ weiterlesen →

Alba de Céspedes – „Das verbotene Notizbuch“

„Wann sind wir wahrhaftig wir selbst?“

Bereits mit dem Kauf überschreitet sie ganz bewusst eine Grenze. An einem Sonntag im November entdeckt Valeria beim Tabakhändler ein Notizbuch. Mit all ihren Überredungskünsten überzeugt sie ihn, ihr schließlich doch den schlichten Band auszuhändigen, obwohl er sonntags nur Tabak verkaufen darf, der letztlich in Form von Zigaretten auch das eigentliche Ansinnen Valerias war, das Haus an jenem Morgen zu verlassen. Das Notizbuch und das Schreiben verändern fortan das Leben der Ehefrau und zweifachen Mutter. Mit „Das verbotene Notizbuch“ hat die kubanisch-italienische Schriftstellerin Alba de Céspedes (1911-1997) einen zeitlosen Klassiker über eine Frau und das verzweifelte Ringen um Selbstbestimmung geschrieben, der in einer Neuübersetzung von Verena von Koskull nun wieder entdeckt werden kann.

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