Backlist #5 – Michela Murgia „Accabadora“

„(…) der Schmerz ist eine unangenehme Angelegenheit, wer ihn nicht empfindet, kann das nicht verstehen…“

Um dieses Buch habe ich, ehrlich gesagt, mehrmals einen großen Bogen gemacht. Immer wieder hatte ich es beim Stöbern in der Buchhandlung in der Hand, immer wieder habe ich es wieder ins Regal gestellt. Doch jedes Buch hat seine Zeit, in jenem Fall indes entschied der Lesekreis, den ich mit einer Naumburgerin kürzlich ins Leben gerufen habe,  „Accabadora“ der italienischen Schriftstellerin Michela Murgia zu lesen und zu diskutieren. Der Tod ist ein ungemein schweres Thema, zumal, wenn man ihm mehrfach begegnet ist, von geliebten Menschen Abschied nehmen musste. Der Schmerz liegt sowohl in dem Verlust als auch in der Endgültigkeit und Unwiderruflichkeit dieses einschneidenden Ereignisses. Backlist #5 – Michela Murgia „Accabadora“ weiterlesen

Das ganze Leben – Robert Seethaler „Das Feld“

„Du gewinnst ein paarmal. Dann verlierst du. Aber du machst weiter. Du machst immer weiter.“

Er sitzt auf einer Bank, über ihm der Himmel und die Krone einer Birke. Es könnte ein Park sein, vielleicht der große Garten eines Altersheims. Doch es ist ein Friedhof, zu den es den alten Mann immer wieder zieht. Es ist der Friedhof der kleinen Stadt Paulstädt, kurz das Feld genannt. Hier finden die verstorbenen Einwohner ihre letzte Ruhe. Was sie im Rückblick auf ihr Leben zu berichten haben, treibt den alten Mann um und bildet zugleich das Geschehen des neuen Romans von Robert Seethaler, der sich nach seinem vielgelobten Werk „Das ganze Leben“ wieder den großen Fragen des menschlichen Daseins stellt, aber auch den vielen kleinen.   Das ganze Leben – Robert Seethaler „Das Feld“ weiterlesen

Das Kind – Svenja Leiber „Staub“

„Sich zu verlieren ist doch wirklicher einfacher, als sich wiederzufinden.“

Erinnerungen aus der Kindheit prägen, sie folgen einem, haften wie ein Magnet, wollen nicht weichen. Sie sind unsichtbares Gepäck, das wohl jeder von uns mit sich trägt. Manchmal packen wir es aus, manchmal lassen wir es am besten geschlossen. Denn das Gute und Helle kann nicht ohne das Schlechte, das Dunkle sein.  Jonas Blaum, einem deutschen Arzt, holen die Erinnerungen an einen Aufenthalt in Saudi-Arabien ein, wo er als Kind mit seinen Eltern und den beiden Geschwistern David und Semjon lebte. Schon sein Vater praktizierte als Mediziner, der 1984 in den Nahen Osten gerufen wurde. Nach einem fehlgeschlagenen Krankenhaus-Projekt strandete er in Riad und wurde zu einem Untertanen des Scheichs. Die Familie konnte das Land nicht verlassen und lebte in einem goldenen Käfig. 20 Jahre später zieht es Blaum, nun selbst erwachsen, nach Jordanien, wo seine Gedanken ihn stets und ständig in die Vergangenheit führen.  Das Kind – Svenja Leiber „Staub“ weiterlesen

Backlist #4 – Agota Kristof „Das große Heft“

„Alle Welt ist in Schwierigkeiten.“

Manche Bücher begleiten einen, obwohl sie noch nicht gelesen worden sind, aber weil man sie unbedingt kennenlernen möchte. Egal aus welchem Grund. Der Roman „Das große Heft“ der ungarischen Schriftstellerin Agota Kristof ist solch ein Buch. Mich faszinierte das besondere Foto auf dem Cover, mich machten auch der Klappentext sowie die Aussagen zur Biografie der Autorin neugierig. Doch irgendwie fanden wir nicht zusammen. Eines Tages drückte mir jedoch die Leiterin einer Sekundarschule den schmalen Band in die Hand, als sie mir ein Buch zurückgab, das ich ihr zuvor ausgeliehen hatte. Tage, Wochen, ja Monate vergingen. Kristofs Roman blieb ungelesen im Regal liegen. Bis sie mich eines Tages daraufhin ansprach, mich auch ein schlechtes Gewissen quälte. Nun las ich es, und ich frage mich, warum dies nicht eher geschehen ist. Aber oft brauchen die gerade guten Dinge ihre Zeit.  Backlist #4 – Agota Kristof „Das große Heft“ weiterlesen

Allein – Emily Fridlund „Eine Geschichte der Wölfe“

„Was ist der Unterschied zwischen dem, woran man glauben will, und dem, was man tut?“

Ein Wald in Minnesota. Eine Hütte, eine Familie. Die nächste Stadt ist einige Kilometer entfernt, die nächste Familie wohnt am anderen Ufer des Sees. Linda sieht sie, die Zugezogenen, die Neuen im Wald. Frau und Kind, später kommt der Vater noch hinzu. Schnell findet die 14-Jährige Kontakt zu dem kleinen Paul und seinen Eltern, gewinnt ihr Vertrauen, wird die Babysitterin des kleinen Jungen. Doch genauso schnell bemerkt sie, dass mit der Familie etwas nichts stimmt, obwohl sie selbst nicht unbedingt „normal“ ist, in der Schule auch Freak genannt wird. Die Amerikanerin Emily Fridlund breitet in ihrem eindrucksvollen Debüt „Eine Geschichte der Wölfe“ eine Story aus, deren Inhalt noch immer brisant ist und psychologisch beklemmend erzählt wird.  Allein – Emily Fridlund „Eine Geschichte der Wölfe“ weiterlesen

Geschichte (n) – Bernd Wagner „Die Sintflut in Sachsen“

„Gerade der Rhythmus der Worte erzeugte in mir eine unbekannte Art von Rausch (…).“

Wurzen – die Stadt an der Mulde. Bekannt für Joachim Ringelnatz, Kekse und Kurzkoch-Reis; der Milchreis ist im Übrigen sehr empfehlenswert. Wurzen ist die Große Kreisstadt des Landkreises Leipzig, die Messestadt mit ihrem Trubel ist also sehr nah, sowie die Geburtsstadt des Schriftstellers Bernd Wagner. Hier kommt er 1948, drei Jahre nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg, zur Welt, hier wächst er auf und verbringt Kindheit und Jugend. Sowohl dieser sächsischen Stadt in der Provinz als auch der Geschichte seiner Familie widmet er sich auf sehr persönliche Weise in seinem aktuellen und autobiografischen Roman „Die Sintflut in Sachsen“. Geschichte (n) – Bernd Wagner „Die Sintflut in Sachsen“ weiterlesen

Vom Leben und Tod – Madame Nielsen „Der endlose Sommer“

„(…) dass nicht das Leben ein Traum ist, nein, die Sprache ist es, die Erzählung, diese ganze Geschichte (…).“

Der Mensch braucht die Dinge der Welt mit klaren Konturen, voneinander abgegrenzt. Unschärfe erschwert das Betrachten, das Verstehen. Ein verschwommenes Flimmern und Flirren hat etwas Faszinierendes, aber zugleich auch etwas Rätselhaftes an sich. Der schmale wie einzigartige Roman „Ein endloser Sommer“ der dänischen Künstlerin und Autorin Madame Nielsen verlangt Zeit für die Lektüre und Offenheit für Experimente. Wer dies geben kann, wird reich belohnt. Vom Leben und Tod – Madame Nielsen „Der endlose Sommer“ weiterlesen

Von der Vergänglichkeit – Daniel Galera „So enden wir“

„Es war die diffuse Angst vor dem unabwendbaren langsamen Ersticken, nach dem nichts mehr übrig blieb.“

Was bleibt, wenn wir gegangen sind? Eine Frage, der sich wohl nur die wenigsten von uns stellen. Das Leben erfüllt uns, umgibt uns. Der Tod ist gefühlt und gedacht in weiter Ferne – glauben wir. Völlig überraschend und noch jung an Jahren stirbt Andrei Dukelsky, von allen nur Duke genannt, ein Nachfahre jüdischer Einwanderer. Er wird das Opfer eines Raubüberfalls in Porto Allegre. Seine Fangemeinde und seine drei Freunde Aurora, Emiliano und Antero trauern, die sozialen Netzwerke sind überfüllt mit floskelhaften Beileidsbekundungen. Denn Duke galt als Schriftstellertalent, auf dem die Hoffnungen vieler Generationen lagen. Der Star, der mit dem Internet berühmt geworden ist, und eine vergangene Zeit stehen im Mittelpunkt des neuen Romans „So enden wir“ von Daniel Galera.    Von der Vergänglichkeit – Daniel Galera „So enden wir“ weiterlesen

Schmerz und Vergebung – Fernando Aramburu „Patria“

„Nichts wollte ich im Leben weniger als hassen.“

Es ist ein regnerischer Nachmittag, die Straßen sind leer. Keiner ahnt, dass es nur wenige Sekunden sind, die das Leben von zwei Familien für immer verändern werden. Der Fuhrunternehmer Txato wird in seinem baskischen Heimatdorf mit gezielten Schüssen getötet. Zeugen gibt es nicht. Doch schnell wird bekannt, wer hinter dem Mord steckt: die ETA. Verdächtigt wird Joxe Mari, Sohn von Miren und Joxian, die Freunde von Txato und seiner Frau Bittori sind. Beziehungsweise waren. Denn nach dem Attentat ist nichts mehr, wie es einmal war. Welche Folgen konkret diese Tat und allgemein der Terrorismus hat, erzählt der Spanier Fernando Aramburu in seinem meisterhaften Roman „Patria“.

Schmerz und Vergebung – Fernando Aramburu „Patria“ weiterlesen

Jesmyn Ward „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“

„Hier ist von Glück keine Spur.“

Ein Blick auf die Liste der Gewinner des National Book Awards macht eines deutlich: Es gibt nicht viele Schriftsteller, die diese neben dem Pulitzerpreis renommierteste literarische Auszeichnung in den USA gleich mehrfach erhalten haben. Dazu zählen Autoren mit Rang und Namen wie William Faulkner, Philip Roth, John Updike oder Saul Bellow, deren Werke heute zu den Klassikern der amerikanischen Literatur zählen. Doch nur eine Frau ist dies ebenfalls gelungen: Jesmyn Ward. Nach ihrem Roman „Vor dem Sturm“ (Verlag Antje Kunstmann)  bekam sie für ihr aktuelles Werk „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ erneut den Award. Und das zu Recht. Jesmyn Ward „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ weiterlesen

Bilder – Attila Bartis „Das Ende“

„Im Grunde gibt es nichts, das dem Tode näher wäre als das Fotografieren.“

Wir versuchen, uns der Welt nicht nur in Worten, sondern auch in Bildern zu nähern. Ein für uns bedeutenden Moment gilt es festzuhalten – mit dem Smartphone, der Kamera, dem Gedächtnis. Obwohl man sich sicherlich fragen kann und sollte, welche Beziehung die Fotografie und das Gedächtnis zueinander eingehen. András Szabad, Held und Ich-Erzähler in dem neuen Roman von Attila Bartis, ist Fotograf und zugleich Chronist seines eigenen Lebens, der von seinen vielen Leidenschaften, seinen Erlebnissen und seinen Schicksalsschlägen berichtet.  Bilder – Attila Bartis „Das Ende“ weiterlesen

Ketil Bjørnstad „Emma oder das Ende der Welt“

„Müßiggang ist der beste Freund der Trauer. Dann macht sie dich fertig.“

Der Roman beginnt bereits mit einer Tragödie, einem schmerzvollen wie unfassbaren Verlust, den Eltern nie erfahren sollten. Emma, die neunjährige Tochter von Aslak Timbereid und seiner Frau Hanne, stirbt nach einem Flugzeugunglück – als einziges Opfer. Zu Beginn von Vorahnungen gequält, sucht der Vater gemeinsam mit der Mutter seines Kindes nach einem Schuldigen des Unglücks. Der neue Roman „Emma oder das Ende der Welt“ des Norwegers Ketil Bjørnstad beschreibt allerdings nicht nur die Tragödie und ihre furchtbaren Folgen. Das Buch gibt einige Einblicke in die literarische Szene des skandinavischen Landes und versammelt zugleich zahlreiche interessante Gedanken von großen Namen.  Ketil Bjørnstad „Emma oder das Ende der Welt“ weiterlesen

Lebensläufe – Olivier Adam „Die Summe aller Möglichkeiten“

„So viele Jahre. Ein anderes Leben.“

Morgen ist ein neuer Tag. Morgen beginnt ein anderes Leben. All die Wünsche und Träume beginnen – morgen. Da wird der öde und schlecht bezahlte Job gekündigt, die noch ödere Partnerschaft beendet, endlich mal all jenen Mitmenschen die Meinung gegeigt, die man nicht ausstehen kann und doch jeden Tag ums Neue anlächelt. Doch es wird nicht so kommen. Alles sind nur Gedanken und bleiben es meistens auch. Aus den verschiedensten Gründen. Weil wir bequem sind, den Mut nicht haben, uns wirtschaftlich wie sozial in bereits eingefahrenen Bahnen bewegen. Vielleicht findet sich der eine oder andere  im neuen Roman von Olivier Adam „Die Summe aller Möglichkeiten“ erschreckenderweise wieder. Denn das Leben mit all seinen guten wie schlechten Zeiten, verpasste Chancen sowie falsche Entscheidungen sind das große Thema des Franzosen. Lebensläufe – Olivier Adam „Die Summe aller Möglichkeiten“ weiterlesen

Schmerz – Nicolas Clément „Nichts als Blüten und Wörter“

„Die Schmerzen sind reglose Weberschiffchen zwischen zwei Stoffbahnen mit zerfetzten Motiven.“

Wie soll man ein Buch beschreiben, das einen sprachlos macht? Der große Kontrast zwischen der Schönheit der Poesie und der dunklen, tieftraurigen Geschichte im Debüt des Franzosen Nicolas Clément „Nichts als Blüten und Wörter“ lässt um letztere ringen. Es ist nicht leicht, über dieses für einen Roman recht schmale Werk zu schreiben, weil der Band in einer sehr kunstvollen Sprache geschrieben ist, aber auch die Abgründe des Menschseins offenbart.  Schmerz – Nicolas Clément „Nichts als Blüten und Wörter“ weiterlesen

Entwurzelt – Lars Mytting „Die Birken wissen’s noch“

„Antwortlose Fragen. Zeugenlose Verwandlungen. So war es mit unserer Geschichte, immer wieder und wieder.“

Unsere Herkunft ist Teil unserer Identität und Selbstwahrnehmung. In der Familiengeschichte von Edvard klaffen indes Lücken. Als Waise wächst er bei seinem Großvater auf dem Hof in Gudbrandsdalen auf. Beide gelten im Dorf als Sonderlinge. Weil der Großvater im Krieg auf der Seite der Deutschen gekämpft hat, weil die Eltern von Edvard durch einen tragischen Unfall in Frankreich ums Leben gekommen sind, als der Junge gerade mal drei Jahre alt war.

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Verlorene – Atticus Lish „Vorbereitung auf das nächste Leben“

„Wenn du den Himmel wolltest, hieß es, hättest du vielleicht nicht hierhergekommen sollen. Aber wenn du glaubst, dass deine Füße dich tragen, dann gibt’s ja immer noch Amerika.“

Schätzungsweise zwölf Millionen illegale Einwanderer leben in den USA. Die meisten stammen aus dem Nachbarland Mexiko, viele aus Asien, allen voran aus China und Indien. Zou Lei ist halb Han-Chinesin, halb Uigurin. Als junge Frau und einige Jahre nach dem frühen Tod ihres Vaters als Soldat der Volksbefreiungsarmee verschlägt es sie nach New York. Sie jobbt in Schnellrestaurants, verkauft DVDs in der U-Bahn. Ihr Alltag ist bestimmt, das nötige Geld zu verdienen und nicht von der Polizei entdeckt zu werden. Der Roman „Vorbereitung auf das nächste Leben“ des Amerikaners Atticus Lish erzählt ihre Geschichte und von weiteren Schicksalen.  Verlorene – Atticus Lish „Vorbereitung auf das nächste Leben“ weiterlesen

Schatten – Christoph Hein „Glückskind mit Vater“

„Mit unseren Erinnerungen versuchen wir, ein missglücktes Leben zu korrigieren, nur darum erinnern wir uns. Es sind die Erinnerungen, mit denen wir uns gegen Ende des Lebens beruhigen.“

Der folgende Gedanke macht zugegeben recht traurig: Der Wunsch auf ein selbstbestimmtes Leben bleibt meist unerfüllt, erweist sich als Trugschluss, als Fantasie. Selbst wenn wir hoffen, wenn wir tapfer, wenn wir ehrgeizig sind. Unser Lebensweg wird oft in andere, nicht gewollte und erwünschte Richtungen gelenkt. Christoph Heins neuer Roman „Glückskind mit Vater“ erzählt davon und weckt ein melancholisches Gefühl wie er wiederum glücklich macht, einen besonderen Helden kennengelernt zu haben.  Schatten – Christoph Hein „Glückskind mit Vater“ weiterlesen

Schattenwelt – Mathias Énard „Zone“

„(…) ich weiß nicht warum ich bedauere man bedauert so vieles im Leben Erinnerungen die manchmal wieder zu brennen beginnen Schuld Reue Scham die schweren Lasten der westlichen Zivilisation.“

Seine Zugfahrt wird zu einer Reise in die Vergangenheit. Der Geheimagent Francis Mirkovic sitzt im Pendolino von Mailand nach Rom. Er ist ein Reisender erster Klasse mit fremder Identität. Er nennt sich nach einem früheren Schulkameraden und jetzigen Psychiatrie-Insassen Yves Deroy. In seinem Koffer befinden sich Dokumente und Fotos von Kriegsverbrechern, die er über mehrere Jahre gesammelt hat. Nicht nur deren Geschichte treibt ihn um. Auch seine eigene Vergangenheit lässt ihn nicht mehr los. Allen voran sein Einsatz im Balkan-Krieg und seine spätere Spionage-Tätigkeit in der „Kampfzone“ zwischen Algier und Damaskus. Schattenwelt – Mathias Énard „Zone“ weiterlesen