„Es ist so schwierig, dieses Zusammengehören.“
Alles beginnt mit einem Anruf. Oder besser gesagt mit einem Zettel, auf dem geschrieben steht: „Gustav hat angerufen.“ Gustav ist Student in Stockholm. Sein Versuch, Martina zu erreichen, ist der erste Schritt. Beide werden schließlich ein Paar. Doch ihre Ansprüche an eine Beziehung gehen mit der Zeit auseinander. Mit ihrem Roman „Die beste aller Beziehungen“ verarbeitete die schwedische Schriftstellerin, Übersetzerin und Kritikerin Gun-Britt Sundström eigene Erfahrungen.
Zeit der Briefe und Telefonanrufe
1976 in Schweden erschienen, avancierte der Roman zu einem Kultbuch, das von den Kritikern gelobt – und über das aber auch heftig diskutiert wurde. 50 Jahre später gibt es nun eine deutsche Neuübersetzung, ins Englische wurde das Werk im vergangenen Jahr sogar erstmals übersetzt. Sundströms Roman führt in die 70er-Jahre. Es ist noch die Zeit der Anrufe und Briefe, eine Zeit, in der es keine Handys und keine E-Mails und keine Kurznachrichten gibt, in der die Kommunikation zwischen den Menschen und vor allem Liebenden anders verläuft, einige Anstrengungen mehr verlangt.

Gustav und Martina studieren beide in Stockholm. Sie Anglistik, er Philosophie und Literaturgeschichte. Gustav schickt Blumen mit Bibelsprüchen, beide gehen zusammen ins Kino, diskutieren über Kierkegaard, von dem zwei Zitate dem Roman vorangestellt sind. Man könnte glauben, ein Traumpaar hat sich da gefunden. Beide fühlen sich zueinander hingezogen und eine große Vertrautheit. Doch mit der Zeit werden die Unterschiede deutlich, vor allem die Ansichten über eine gemeinsame Beziehung und die Erwartungen an den Partner. Gustav drängt, verlangt vor allem mehr Nähe und regelmäßigen Sex ein, während Martina hingegen einen gewissen Abstand und ihre persönliche Freiheit einfordert.
Streitgespräche und Vorwürfe
Sie fürchtet sich vor einem konventionellen bürgerlichen Leben, obwohl sie das Verhältnis mit Gustav bereits ohne eine offizielle Trauung schon als Ehepaar definiert, eine Trennung als Scheidung bezeichnet. Streitgespräche über das Verhältnis und reich gefüllt mit gegenseitigen Vorwürfen lassen nicht lange auf sich warten. Auf Trennungen folgen Versöhnungen, was letztlich allerdings die Beziehung und die Gefühle immer wieder auf harte Proben stellt. Gustav zieht es zu anderen Frauen, während Martina ihren Ex Aron aus ihrer Zeit in England wieder trifft.
„Vielleicht ist es tatsächlich so schwierig selbstlos zu sein, dass es einen entscheidenden Unterschied macht, ob man für sich lebt oder für jemand anderen, selbst wenn es nur ein einziger anderer ist.“
Dieses stetige Auf und Ab, dieses Zusammen und Auseinander wird allein aus der Sicht von Martina erzählt. Sundströms Roman ist ein einziger Gedankenstrom, der passagenweise auch an ein Tagebuch erinnert. Eine heutige Fassung würde wohl Gustavs Blick einbinden. So erfahren wir nur, was sie denkt und fühlt, was er zu ihr sagt oder ihr schreibt, wobei die Ich-Erzählerin auch mit sich selbst ins Gericht geht, selbstkritisch über sich schreibt. Martina ist eine selbstbewusste, intelligente und wissbegierige Frau, die ein authentisches Leben führen will, allerdings auch in ihren Ansichten teils wankelmütig erscheint.
„Warum kann man nicht so sein wie eine Figur in einem Roman.“
Mehrere Jahre begleitet der Leser Martina und Gustav. Ihre Beziehung und die daraus entstehenden Konflikte ermüden im Lauf des Romans jedoch ab und an, weil die Entwicklung beider Figuren letztlich nur über ihre beruflichen Werdegang sichtbar wird. Doch Sundströms Roman trägt noch weitere Ebenen in sich, die wiederum den Leser wieder einfangen. Das Buch beschreibt sehr eindrücklich die damalige Zeit, die geprägt ist von einer politischen wie gesellschaftlichen Anspannung. Es gibt Proteste gegen den Vietnam-Krieg, Studentenunruhen in Stockholm. Letztlich verarbeitet der Roman auch die Rollenklischees von Frau und Mann, die sich wohl so sehr nicht verändert haben.
Buch über das Fundament der Liebe
Sundström, 1945 in Stockholm geboren, studierte an der Journalistenschule, um daraufhin bei der schwedischen Tageszeitung „Dagens Nyheter“ tätig zu sein. Sie debütierte 1966 mit ihrem Roman „Student-64“. Zu ihrem schriftstellerischen Schaffen zählen auch Kinderbücher. Seit den 90er-Jahren gilt sie als eine der führenden Übersetzerinnen von Kinderbüchern und Belletristik. Für ihre »sprachliche Sensibilität, Selbstdistanz, ihren schwarzen Humor und ihre Scharfsinnigkeit« wurde sie 2019 mit dem Helga-Preis geehrt. Kurze Zeit gehörte sie dem Literaturnobelpreis-Komitee an.
Was ihren 1976 erschienenen Roman so besonders macht, sind die Balance zwischen Ernst und Humor sowie kluge, witzige wie wendungsreiche Dialoge. Der schwedische Schriftsteller Steve Sem-Sandberg („Die Erwählten“, „Die Elenden von Lodz“ etc.) hebt in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe hervor, dass „Die beste aller Beziehungen“ nicht ein Roman über die Ausdrucksformen der Liebe, sondern über deren Fundament ist.
Was macht eine gute Beziehung aus – genau diese Frage stellt die Schwedin ins Zentrum ihres Buches. Haben viele Romane eine Art musikalische Playlist, enthält Sundströms Kultbuch eine ganze andere spannende Liste: einen literarischen „Soundtrack“ mit zahlreichen Verweisen auf Autoren und ihren Werken.
Gun-Britt Sundström: „Die beste aller Beziehungen“, erschienen im Insel Verlag, in der Übersetzung aus dem Schwedischen von Nina Hoyer; 638 Seiten, 28 Euro
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