Marco Balzano – „Bambino“

„Ich habe immer versucht, auf der Seite des Stärkeren zu stehen, und bin immer auf der falschen Seite gelandet.“

Wie wird einer zum Faschist? Wie lässt er jegliche ethische und moralische Prinzipien hinter sich? Wird zu einem gewalttätigen Menschenfeind, der Andersdenkende hasst? Der italienische Autor Marco Balzano lässt in seinem neuen Roman „Bambino“ einen Mann zu Wort kommen, der sich schon in jungen Jahren auf eben jene Seite geschlagen hat. Es ist zugleich die Lebensgeschichte eines Antihelden.

Eigenbrötlerischer Einzelgänger

Seinen für einen jungen Mann eher boshaften Spitznamen hat Matti schnell weg. Dem Sohn des Triester Uhrmachers Gregori wachsen keine Barthaare, er ist zwar gutaussehend, aber nur von schmächtiger Gestalt. Doch schon als Jugendlicher neigt er zur Gewalt. Matti gilt als eigenbrötlerischer Einzelgänger. Sein Bruder hat Italien verlassen, war nach Amerika ausgewandert, seine Mutter verstirbt früh, die ihm vor ihren Tod noch gesteht, dass sie nicht seine leibliche Mutter ist. 1920 schließt er sich den faschistischen Schwarzhemden an – wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, nachdem das Kaiserreich Österreich-Ungarn zerfallen ist. Auf den Straßen Triests kämpfen Faschisten gegen Kommunisten. Mittendrin: Matti, den viele ob seines Aussehens zuerst unterschätzen.

Er schließt sich einer Miliz an, geht auf Raubzüge, streift mit dem Motorrad durch das Land. Der Zweite Weltkrieg bricht aus, Matti kämpft in Griechenland an der Front und befehligt als Leutnant eine Einheit. Er sieht junge Männer sterben. Später bricht er mit den Faschisten, die das Geschäft seines Vaters, der sich nicht beugen will, überfallen und zerstört haben. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass Matti im Verlauf der Kriegsjahre und auch später die Seiten wechselt. Die Suche nach seiner richtigen Mutter frisst ihn auf. Das einzige Mal, dass er wirklich innerlich zur Ruhe kommt, erlebt er als Almhirte mit falschen Papieren und falscher Identität auf einem Bauernhof in den Bergen. Der letzte Versuch seines Vaters, der seinen Sohn trotz seiner Verbrechen und seines Hangs zur Gewalt nie aufgegeben hat und ihn stets warnen und retten wollte.

Stetiger Wandel eines Antihelden

Für seine Brutalität, seine Verbrechen, seinen folgenreichen Verrat als Denunziant wird Matti später büßen. Das kann an dieser Stelle schon verraten werden, ohne die Spannung des Buches vorwegzunehmen, die vor allem im stetigen Wandel des Antihelden liegt. Der nicht weiß, wo er hingehört, ziellos die Extreme sucht, von einer dunklen Todessehnsucht verfolgt wird.

„Es gibt Dinge und Menschen, mit denen man sein Leben verbringt und die man erst wirklich sieht, wenn sie schon in Flammen stehen.“

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht Mattis, der die Rolle des Ich-Erzählers einnimmt, der sowohl seine Erlebnisse schildert, als auch die große Geschichte vermittelt – auch die der Hafen- und Handelsstadt Triest, die irgendwie mittendrin zwischen Ost und West liegt, erbitterte Kämpfe zwischen Italienern und Slowenen erlebte, von der deutschen Wehrmacht eingenommen, später von den Partisanen des späteren jugoslawischen Präsidenten Tito beansprucht wurde. Beide Ländern stritten sich um die geschichtsträchtige Stadt an der Adria.

„Spürt man beim Sterben den Flug, die Dunkelheit, das Zerschmettertwerden.“

Trotz seines geringen Umfangs von knapp 250 Seiten kann Balzanos neuester Streich dem Leser viel vermitteln. Sowohl erdrückende Einsichten in eine Zeit der stetigen Gewalt des 20. Jahrhunderts, in dem der Faschismus und der Kommunismus millionenfaches Leid verursachte, als auch düstere und unbehagliche Einblicke in die Seele eines Täters. Und dass in einer Sprache, die nichts beschönigt, nichts klein redet, klar und nüchtern ist. „Bambino“ hat weder den Umfang noch die Wucht des preisgekrönten Skandalromans „Die Wohlgesinnten“ des französischen Schriftstellers Jonathan Littell, ist aber trotzdem ein beeindruckender Roman, der einen packt und lange nachhallt.


Marco Balzano: „Bambino“, erschienen im Diogenes Verlag, in der Übersetzung aus dem Italienischen von Peter Klöss; 256 Seiten, 25 Euro

Foto von Uriel Miskas auf Unsplash

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