Schuld – Pierre Lemaitre „Drei Tage und ein Leben“

„Die beiden Bilder passen nicht zusammen, man kann nicht zwölf Jahre alt und ein Mörder sein …“

Der Tatort: der Wald von Saint-Eustache, das Opfer: der kleine Rémi, der Täter:  der gerade mal zwölfjährige Antoine. Seine Tatwaffe: ein Stock.  Keine Angst, hier wird nicht alles verraten, wovon der Roman von Pierre Lemaitre „Drei Tage und ein Leben“ handelt. Denn dieser grausame wie tragische Akt der Gewalt ist schon auf Seite 23 zu lesen, das neue Werk des Franzosen kein Krimi und der Gewinner des renommierten Prix Goncourt ein meisterhafter Erzähler, der Überraschungen mag.    

Trauer mit fatalen Folgen

Lemaitre erhielt diese höchste literarische Auszeichnung seines Landes im Jahr 2013 für seinen Roman „Au revoir là-haut“ („Wir sehen uns dort oben“, Klett-Cotta), mit dem er auch in Deutschland bekannt wurde, hierzulande viel Lob erhielt und mir ebenfalls eine wunderbare Lektüre bereitete. Erzählt er darin auf oft tragikomische Weise von zwei Männern, die den Ersten Weltkrieg überstehen wollen, findet sich der Leser in seinem neuen Werk in der jüngsten Vergangenheit, kurz vor der Jahrtausendwende in dem kleinen Ort Beauval wieder, in dem jeder jeden kennt, es neben Freundschaften und Nachbarschaftshilfe allerdings auch Missgunst und Neid gibt. Ein Sägewerk ist der einzige größte Arbeitgeber.

Antoine lebt mit seiner Mutter in einem Haus, der Vater hat Frau und Sohn verlassen und ist nach Deutschland gezogen. Als der Nachbar, Monsieur Desmedt, den von Antoine heiß geliebten Hund Odysseus nach einem Unfall kurzerhand erschießt anstatt ihn zum Tierarzt zu bringen, lässt der Zwölfjährige am Vorabend des Heiligabend an dem  jüngeren Nachbarsohn Rémi seine Trauer und seinen Frust aus. Mit fatalen Folgen. Der Sechsjährige steht nach einem heftigen Stock-Hieb auf seinen Kopf nicht mehr auf. Und wird es auch nicht mehr. Antoine lässt die Leiche verschwinden. Kurze Zeit später wird der Wald und die Kleinstadt von einem heftigen Sturm heimgesucht, der verheerende Verwüstungen mit sich bringt.

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Schon an dieser Stelle kann und muss der Leser die erste Aufregung überwinden. Im Verlauf des mit seinen knapp 270 Seiten umfassenden und damit recht schmalen Romans wird er noch weitere Überraschungen „überstehen“, besser gesagt erleben. Keineswegs findet der erste leicht zweifelnde Gedanke „Was soll denn nun nach dem Höhepunkt des Geschehens noch kommen?“ seine Bestätigung. Vielmehr erweist sich das Buch, das nur an wenigen Stellen verrät, dass es in der jüngsten Vergangenheit spielt,  als ein raffiniertes Meisterwerk der Erzählkunst, von einer extremen Spannung und psychologischen Tiefe getragen, so dass man den Band nur schwer aus der Hand legen kann, obwohl der Täter bereits bekannt ist. 

 Lemaitre richtet dabei den Blick des Erzählers vor allem auf die Psyche des jungen Täters. Viel Raum erhalten seine Gefühle und Gedanken, seine Schuld, seine Angst, dass die Leiche entdeckt und er als Täter überführt wird, seine Tricks und Kniffe, um nicht aufzufallen.  Es ist eindrucksvoll zu lesen, wie er das Innenleben des Jungen sprachlich präzis und vielschichtig beschreibt, es geradezu hin und her wendet und es ausleuchtet; ohne allerdings den Blick für die Geschehnisse im Dorf und den weiteren Verlauf der Handlung zu verlieren. Denn das Leben geht weiter in Beauval, die Jahre ziehen dahin, die auch entscheidende Veränderungen mit sich bringen.

„Er muss eine Entscheidung treffen, aber etwas sagt ihm, dass er das schon getan hat: Er wird nach Hause gehen, nichts sagen, in sein Zimmer hinaufgehen, als hätte er es nie verlassen, wer wird verraten, dass er es war?“

Im letzten Drittel des Romans findet sich der Leser im Jahr 2011 wieder. Antoine ist erwachsen, Student der Medizin, mit Plänen für seine private wie berufliche Zukunft. Doch noch immer lässt ihn die Tat vor gut zwölf Jahren nicht los, obwohl er schon nach der Schulzeit zur Enttäuschung seiner Mutter das Weite gesucht, er seinen Heimatort verlassen hat. Und auch weiterhin bleibt er in gewisser Weise ein Opfer seiner früheren Tat und gewissermaßen ein Gefangener, der nicht mehr frei entscheiden kann.

Selbst Schlussszene überraschend

So viel sei an dieser Stelle bereits verraten: Seine Abbitte wird er auf eine spezielle Weise leisten. Ein besonderer Einfall des Autors, mit dem der Leser sich noch nicht gleich von der Geschichte lösen wird, die furchtbare und brutale Tat eines Kindes erneut überdenkt und wohl auch die immer wieder gleiche Frage stellen könnte: Was wäre wenn?  Am Ende schließt sich der Kreis, wird Antoine erneut mit seiner Tat konfrontiert. Selbst die  Schlussszene birgt eine Überraschung, die den Leser ein weiteres Mal verblüfft und nachdenklich stimmt.

Besprechungen auf den Blogs „LiteraturReich“, „Die Buchbloggerin“ und „readpack“.


Pierre Lemaitre: „Drei Tage und ein Leben“, erschienen im Verlag Klett-Cotta, in der Übersetzung aus dem Französischen von Tobias Scheffel; 270 Seiten, 20 Euro

Foto: pixabay

4 Gedanken zu „Schuld – Pierre Lemaitre „Drei Tage und ein Leben““

    1. Ja, „Wir sehen uns dort oben“ hat mir auch einen Tick besser gefallen, vor allem was die Geschichte betrifft. Ich stimme Dir voll und ganz zu, man gespannt auf weitere Bücher Lemaitres sein. Ich glaube, im Januar erscheint in Frankreich ein neuer Roman. Viele Grüße

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