Einfach nur weg – Christian Torkler „Der Platz an der Sonne“

„Was ist so falsch daran, wenn einer rauswill aus’m Dreck?“

Dieser letzte Satz. Nur sechs Wörter. Fassungslosigkeit macht sich breit. Ich schlage das Buch zu und fühle mich wie erstarrt. Ich schaue, ohne etwas zu fokussieren. Der Blick geht nach innen. Ich  möchte die letzten Seiten vergessen, die Geschichte anders schreiben. Für Josua, für diesen Helden! Doch nein! Dann würde Christian Torklers Roman „Der Platz an der Sonne“ seine Wirkung, seine Botschaft verlieren. Sein mutiges Debüt führt uns deutlich vor Augen, dass die Geschichte und damit unser Leben auch anders verlaufen hätten können, und das haben die meisten von uns (scheinbar) schon vergessen. Einfach nur weg – Christian Torkler „Der Platz an der Sonne“ weiterlesen

Flucht – Ulrich Alexander Boschwitz „Der Reisende“

„Das Leben ist uns verboten.“

Es gibt nur sehr wenige Bücher, die sich auf zweifache Weise in uns graben, an uns rütteln, uns aufwühlen, uns innerlich in Bewegung setzen: mit ihrer Handlung sowie der komplexen Geschichte, die sich um die Entstehung, ihren Autor und ihre Veröffentlichung ranken. Der Roman „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz (1915 – 1942) ist eines dieser wertvollen und eindrücklichen Bücher. Als ich dessen Lektüre samt Nachwort beendet habe, ging mir eine Frage immer wieder durch den Kopf: Welche Bücher hätte Boschwitz noch schreiben können, hätte er diesen furchtbaren Krieg überlebt? Welchen Platz in der Literaturgeschichte hätte er eingenommen? Doch diese Sätze im Konjunktiv bleiben unbeantwortet. Es gibt nur die Hoffnung, dass Boschwitz und sein Werk nie mehr vergessen und bekannter werden.

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Held Nelson – Nickolas Butler „Die Herzen der Männer“

„Die Helden haben sich immer von ihrem Herzen leiten lassen und die Feiglinge von ihrem Verstand.“

Es ist eine besondere Gemeinschaft mit besonderen Regeln: die Bewegung der Pfadfinder. Abseits vom gewohnten Zuhause und mitten in der wilden Natur kommen Kinder und Jugendliche zusammen, um praktische wie soziale Fähigkeiten zu erlernen. Für viele ist diese Gemeinschaft prägend für das weitere Leben. Der amerikanische Schriftstellerin Nickolas Butler, hierzulande bekannt geworden mit seinem Buch „Shotgun Lovesongs“, stellt diese in den Mittelpunkt seines neuen Romans „Die Herzen der Männer“ und erzählt von Jungen, die zu Männern werden und sich bewähren müssen, und von Frauen, die ihnen stets zur Seite stehen. Held Nelson – Nickolas Butler „Die Herzen der Männer“ weiterlesen

Schuld – Pierre Lemaitre „Drei Tage und ein Leben“

„Die beiden Bilder passen nicht zusammen, man kann nicht zwölf Jahre alt und ein Mörder sein …“

Der Tatort: der Wald von Saint-Eustache, das Opfer: der kleine Rémi, der Täter:  der gerade mal zwölfjährige Antoine. Seine Tatwaffe: ein Stock.  Keine Angst, hier wird nicht alles verraten, wovon der Roman von Pierre Lemaitre „Drei Tage und ein Leben“ handelt. Denn dieser grausame wie tragische Akt der Gewalt ist schon auf Seite 23 zu lesen, das neue Werk des Franzosen kein Krimi und der Gewinner des renommierten Prix Goncourt ein meisterhafter Erzähler, der Überraschungen mag.     Schuld – Pierre Lemaitre „Drei Tage und ein Leben“ weiterlesen

Brüder – Kris Van Steenberge „Verlangen“

„Vögel im Käfig verlieren das Fliegen.“

Ypern, die Stadt in Westflandern mit ihren heute rund 35.000 Einwohnern, hat sich in die Geschichtsbücher eingeschrieben. Wenngleich auch in düsterer Weise. Während des Ersten Weltkriegs fanden hier vier große Schlachten statt, testeten die deutschen Truppen zum ersten Mal Senfgas aus. Einen kleinen realen Ort namens Woesten nahe Ypern setzt Kris Van Steenberge in den Mittelpunkt seines Debütromans „Verlangen“, der neben dem Krieg auch vom Dorfleben und einer besonderen Familie erzählt.  Brüder – Kris Van Steenberge „Verlangen“ weiterlesen

Lebensläufe – Olivier Adam „Die Summe aller Möglichkeiten“

„So viele Jahre. Ein anderes Leben.“

Morgen ist ein neuer Tag. Morgen beginnt ein anderes Leben. All die Wünsche und Träume beginnen – morgen. Da wird der öde und schlecht bezahlte Job gekündigt, die noch ödere Partnerschaft beendet, endlich mal all jenen Mitmenschen die Meinung gegeigt, die man nicht ausstehen kann und doch jeden Tag ums Neue anlächelt. Doch es wird nicht so kommen. Alles sind nur Gedanken und bleiben es meistens auch. Aus den verschiedensten Gründen. Weil wir bequem sind, den Mut nicht haben, uns wirtschaftlich wie sozial in bereits eingefahrenen Bahnen bewegen. Vielleicht findet sich der eine oder andere  im neuen Roman von Olivier Adam „Die Summe aller Möglichkeiten“ erschreckenderweise wieder. Denn das Leben mit all seinen guten wie schlechten Zeiten, verpasste Chancen sowie falsche Entscheidungen sind das große Thema des Franzosen. Lebensläufe – Olivier Adam „Die Summe aller Möglichkeiten“ weiterlesen

Wenn Krieg ist – Hugo Claus „Der Kummer von Belgien“

„Der Kern unseres Wesens ist nicht anderes als die Anstrengung, die wir unternehmen, um Mensch zu bleiben, nicht zu sterben.“

Belgien ist kein Land, sondern ein Zustand, sagt der Vater von Louis, der jugendliche Held im Roman „Der Kummer von Belgien“. Das Werk von Hugo Claus (1929 – 2008) scheint vieles zugleich zu sein: Entwicklungs-, Familien- wie auch Kriegsroman. Denn obwohl das Land, eingerahmt von Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und Luxemburg, für viele mit Blick auf seine Geschichte wohl recht unscheinbar wirkt, hat es auf dem Boden des Königreichs verheerende Schlachten gegeben. Man denke an Waterloo, man denke an Ypern. Im Mai 1940 besetzt die Deutsche Wehrmacht das kleine Land. Und einige deutschfreundliche Belgier machen mit dem Feind gemeinsame Sache.   Wenn Krieg ist – Hugo Claus „Der Kummer von Belgien“ weiterlesen

Parallelwelten – Florian Scheibe „Kollisionen“

„Denn die eigentlichen Missverständnisse im Leben fingen bei dem Versuch, einem anderen ein Gefühl zu beschreiben, überhaupt erst an.“

Was geschieht, wenn im normalen Lebenspfad ein Abschnitt fehlt, wie die nötige Brücke über den Fluss, weil eine der größten Hoffnungen nur eine Hoffnung bleibt? Sucht man sich eine andere Möglichkeit des Übersetzens wie ein Boot oder läuft man den Strom entlang, bis man eine nächste Brücke erreicht? Für Tom und Carina, er Redakteur für ein Stadtmagazin, sie Architektin, könnte es nicht besser laufen. Sie lieben sich, sie haben eine wunderschöne Wohnung in Berlin-Kreuzberg mit Dachterrasse und sensationellem Blick auf die Stadt, sie sind im Beruf erfolgreich, verdienen gutes Geld. Doch etwas fehlt für das große Glück: ein gemeinsames Kind. Nach einer Zeit der Versuche, auf natürlichem Wege ein Kind zu zeugen, legen sie all ihre Hoffnungen in die Möglichkeiten der modernen Medizin. Währenddessen macht Carina die zufällige Begegnung mit einem jungen Mädchen: Mona ist gerade mal 16, Junkie und schwanger.  Parallelwelten – Florian Scheibe „Kollisionen“ weiterlesen

„Blogbuster“ – Literaturblogger vergeben Preis

Es gibt unzählige namhafte Preise für erfolgreiche Autoren und ihre herausragenden Werke, aber noch keine öffentliche Würdigung für einen Schriftsteller, dessen Werk noch keiner kennt. Das soll und wird sich ändern. 16 Literaturblogger, die Literaturagentur Elisabeth Ruge, der Verlag Klett-Cotta, die Frankfurter Buchmesse und der bekannte ARD-Literaturkritiker Denis Scheck suchen die literarische Entdeckung und den Debüt-Roman des Jahres. Das Ganze nennt sich Blogbuster – Preis der Literaturblogger und ist die Chance für alle, die ein Manuskript in der Schublade, aber bis noch keinen Verlag gefunden haben. Der Gewinner erhält einen Agentur- und Verlagsvertrag und wird bereits im kommenden Jahr auf der Frankfurter Buchmesse seinen Roman vorstellen können.

blogbuster

Um am Wettbewerb teilzunehmen, sollten sich die Autoren bei einem der beteiligten Literaturblogs bewerben. Erst wenn der Blogger vom literarischen Potenzial des Autors überzeugt ist, wird das Manuskript der Jury vorgestellt. Neben dem Jury-Vorsitzenden Denis Scheck, entscheiden Elisabeth Ruge, Klett-Cotta Verleger Tom Kraushaar, Lars Birken-Bertsch von der Frankfurter Buchmesse sowie der „Buchrevier“-Blogger und Initiator der Aktion, Tobias Nazemi, über den Blogbuster-Gewinner.

„Wir wollen damit zeigen, dass Blogs nicht nur Literatur gut vermitteln, sondern auch gute Literatur entdecken können“, sagt Tobias Nazemi, der für das Projekt 15 qualitativ hochwertige und reichweitenstarke Literaturblogs ausgewählt hat. Der Wettbewerb startet am 21. Oktober mit einer Auftaktveranstaltung im Orbanism-Space (Halle 4.1/D 88) auf der Frankfurter Buchmesse. Die Preisverleihung findet Anfang Mai 2017 im Literaturhaus Hamburg statt.

Neben „Zeichen & Zeiten“ nehmen folgende Blogs teil: „Sätze & Schätze“, „Sounds & Books“, „Pinkfisch“, „Literaturen“, „Kaffeehaussitzer“, „54books“, „Muromez“, „LustzuLesen“, „Bücherwurmloch“, „lustauflesen“, „Zeilensprünge“, „Kulturgeschwätz“, „novelero“ und „Die Liebe zu den Büchern“.

Ich freue mich sehr, dabei sein zu dürfen und bin gespannt auf die Aktion, auf die Texte der Autoren und freue mich auf ein Wiedersehen sowie die Begegnungen und den Austausch mit den Bloggern. Dass Literaturbegeisterte aus den verschiedensten Bereichen zusammenzufinden, schätze ich daran besonders. Den Autoren würde ich einen kleinen Wunsch, Rat, Gedanken mit auf den Weg geben: Vergesst Vorbilder, seid vielmehr individuell und eigenwillig und liebt eure Charaktere – ein Buch lebt von den Menschen; und habt Mut, Euren Text an die Öffentlichkeit zu bringen. Vielleicht habt Ihr auf diese Chance nur gewartet.

Weitere Informationen unter: www.blogbuster-preis.de

 


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Mann mit den Masken – Pierre Lemaitre „Wir sehen uns dort oben“

„Das Geschäft des Jahrhunderts. Der Wirtschaft brachte ein Krieg viele Vorteile ein, sogar noch hinterher.“

Zwei Männer ziehen in den Krieg – und überleben. Der eine ist Bankmitarbeiter, der andere stammt aus gutem Hause und ist künstlerisch begabt. Bei einem Angriff in den letzten Kriegstagen im November 1918 wird Albert verschüttet. Sein Kamerad Edouard rettet ihn und wird bei einem Granaten-Einschlag jedoch schwer am Kopf verletzt. Nach ihrem Fronteinsatz sind beide miteinander verschweißt, wie Pech und Schwefel, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein können.   Mann mit den Masken – Pierre Lemaitre „Wir sehen uns dort oben“ weiterlesen