Flucht – Ulrich Alexander Boschwitz „Der Reisende“

„Das Leben ist uns verboten.“

Es gibt nur sehr wenige Bücher, die sich auf zweifache Weise in uns graben, an uns rütteln, uns aufwühlen, uns innerlich in Bewegung setzen: mit ihrer Handlung sowie der komplexen Geschichte, die sich um die Entstehung, ihren Autor und ihre Veröffentlichung ranken. Der Roman „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz (1915 – 1942) ist eines dieser wertvollen und eindrücklichen Bücher. Als ich dessen Lektüre samt Nachwort beendet habe, ging mir eine Frage immer wieder durch den Kopf: Welche Bücher hätte Boschwitz noch schreiben können, hätte er diesen furchtbaren Krieg überlebt? Welchen Platz in der Literaturgeschichte hätte er eingenommen? Doch diese Sätze im Konjunktiv bleiben unbeantwortet. Es gibt nur die Hoffnung, dass Boschwitz und sein Werk nie mehr vergessen und bekannter werden.

Held wie Autor auf der Flucht

Boschwitz starb im Alter von gerade mal 27 Jahren, als das Schiff „M.V. Abosso“ von einem deutschen U-Boot torpediert wurde und im Atlantik sank. Sein letztes Manuskript hatte er bei sich. Mehr als 360 Passagiere und Besatzungsmitglieder verloren dabei das Leben. Boschwitz war auf der Rückfahrt nach Europa, nachdem er nahezu zwei Jahre lang in Australien interniert war. Der gebürtige Berliner war Jude – wie der Held seines Romans; und wie Otto Silbermann zugleich auf der Flucht. Während der Autor durch halb Europa unterwegs ist, über Skandinavien und Paris nach England kam, fährt Silbermann Zug – von Stadt zu Stadt, von Norden nach Süden, von Ost nach West.

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Denn das Klima in Deutschland ist nach der Machtergreifung Hitlers rauer geworden. Zu und nach den Novemberpogromen 1938 werden im ganzen Reich Juden drangsaliert, verfolgt, verhaftet. Fühlte sich Silbermann die erste Zeit danach noch sicher, weil er mit einer Nichtjüdin verheiratet ist, im Ersten Weltkrieg heldenhaft in der Armee des Deutschen Kaiserreiches gekämpft hat und auch nicht das klischeehafte Erscheinen eines Juden besitzt, erlebt er auf seiner Flucht, wie die Judenfeindlichkeit um sich greift. Nur knapp kann er sich seiner eigenen Verhaftung entziehen. Im Gegensatz zum Mann seiner Schwester. Hotels verweigern jüdischen Gästen den Zutritt. In Gesprächen, dessen Zeuge Silbermann wird, wird ein judenfreies Großdeutschland heraufbeschworen. Sein einstiger Freund und Geschäftsmann hintergeht ihn, beim Versuch, das Haus zu verkaufen, wird Silbermann über den Tisch gezogen. Ihm bleibt nur noch, das wenige Geld zu nehmen und zu flüchten. Der Held klammert sich an die große Hoffnung, dass sein bereits in Paris lebender Sohn Eduard ein Visum erwirken kann. Der gesellschaftliche wie finanzielle Abstieg von einem erfolgreichen Kaufmann zu einer persona non grata geschieht in wenigen Tagen. Die Züge der Reichsbahn und die Bahnhöfe verschiedener Städte wie Berlin, Hamburg, Aachen und Dresden werden gleichermaßen zu einem Exil und Gefängnis.

„Reisen, dachte er, immer weiter reisen, und dabei bin ich so hundemüde. Hin und her und her und hin. Wie satt ich das habe.“

Mehr und mehr steht Silbermann unter Druck. Die Hoffnungschancen werden geringer. Wer wissen will, warum die Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland und Europa geschehen konnte, sollte dieses Buch lesen. Denn hinter diesem grauenhaften noch immer unfassbaren Völkermord stehen nicht nur politische Pläne der politischen Elite. Ein großer Teil der Bevölkerung hat diesen Hass mitgetragen und unterstützt. Nur wenige stellten sich dagegen, indem sie nicht das menschenfeindliche Treiben wie weiterer vieler passiv verfolgt haben, sondern aktiv Juden mithalfen zu fliehen, zu überleben. „Seien Sie froh, dass Sie nicht zu der neuen Gemeinschaft gehören! Eine schlechtere, dümmere und brutalere lässt sich nicht denken. Eine gute Minderheit ist noch immer besser als eine schlechte Mehrheit“, heißt es da an einer Stelle.

Düstere Prophezeiungen

So ist „Der Reisende“ in zweifacher Hinsicht ein großer psychologischer Roman, zeigt er doch, wie der Held, zunehmend in Bedrängnis geraten, auf jede gescheiterte Zufluchtsstation mit einem wachsenden Maß an Nervosität und Verzweiflung reagiert. Zugleich erzählt er davon, wie die Menschen die politische Entwicklung in Deutschland und den zunehmenden Judenhass annehmen, nicht hinterfragen, sondern vielmehr mittragen. Boschwitz hält damit der Bevölkerung einen Spiegel vor. Als Leser sehe ich an vielen Stellen, in vielen Szenen Prophezeiungen auf den kommenden Holocaust, fühle ich selbst zunehmend Entsetzen und Fassungslosigkeit. Angesichts herausragender Dialoge und einem sehr intensiv wirkenden Gedankenstrom des Helden kam auch der Gedanke, inwieweit dieser Roman die Vorlage für ein Bühnenstück sein könnte. Bei der Lektüre hatte ich immer wieder Theater- oder Filmszenen im Kopf.

Boschwitz hat diesen Roman in nur vier Wochen – damals 23-jährig – niedergeschrieben. Darüber berichtet Verleger Peter Graf, der bereits vor einigen Jahren mit dem Roman „Blutsbrüder“ von Ernst Haffner eine besondere Entdeckung machen konnte, in seinem Nachwort, das diesen Band komplettiert. Darin schildert Graf zudem, wie er auf das 1938 entstandene Manuskript, das bereits in England und Amerika, doch noch nie in deutscher Sprache erschienen war, gestoßen ist. Vor seinem Roman „Der Reisende“ hatte Boschwitz mit „Menschen neben dem Leben“ sein Debüt als Romanautor, allerdings unter dem Pseudonym John Crane, feiern können. Der Grund, weshalb seine literarische Antwort auf die Novemberpogrome nie den Weg in deutsche Buchläden gefunden hat, bleibt im Dunkeln. Dabei gab es damals einen besonderen Fürsprecher: Heinrich Böll. So ziehen sich die Fäden durch die jüngste Literaturgeschichte, die hoffentlich Boschwitz nun posthum einen Platz zuerkannt, den er auch verdient. Denn sein glücklicherweise wiederentdecktes Werk sollte nun niemals mehr vergessen werden. Nicht nur mit Blick auf aktuelle Ereignisse, sondern auch bezüglich seines Vermächtnisses, auch darüber hinaus in der kommenden Zeit zu mahnen und zu erinnern.

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „literaturleuchtet“,„Peter liest“ und „kaffeehaussitzer“.


Ulrich Alexander Boschwitz: „Der Reisende“, erschienen im Verlag Klett-Cotta, mit einem Vorwort von Peter Graf; 303 Seiten, 20 Euro

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