Fremde Heimat – Ernst Lothar „Die Rückkehr“

„Die Wahrheit zu sagen ist immer eine Aufgabe.“

Im Vergleich zu Romanen über die Zeit des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkriegs ist die Zahl all jener Bücher über die Nachkriegsjahre spürbar geringer. In den letzten Monaten erschienen mit „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz (Klett & Cotta) und „Berlin, April 1993“ von Felix Jackson (Weidle Verlag) zwei Titel, die sich nicht nur mit den Anfängen der Nazidiktatur beschäftigen, sondern nunmehr in einer Neuauflage erschienen sind. Eine eindrückliche Wiederentdeckung ist auch der Roman „Die Rückkehr“ des österreichischen Schriftstellers und Juristen Ernst Lothar (1890 – 1974), der darüber erzählt, welche verheerenden und furchtbaren Folgen zwölf Jahre Schreckensherrschaft und sechs Jahre Krieg für Europa und Millionen von Menschen mit sich brachte.    

Mit einstigem Kriegsschiff zurück

Felix von Geldern ist der Spross einer angesehenen Juristen-Familie, er selbst hat sich der Rechtswissenschaft verschrieben. Als seine Heimat Österreich dem Dritten Reich angegliedert wird, flieht der Ministerialbeamte 1938 nach Übersee – samt dem Großteil seiner Familie. Von Geldern hat jüdische Vorfahren, fiel allerdings nicht unter die Nürnberger Gesetze. Er wollte einfach kein Deutscher sein. Acht Jahre sind vergangen, der Krieg ist zu Ende, von Geldern arbeitet in der Buchabteilung eines New Yorker Kaufhauses, steht vor einer ernsthaften Beziehung mit der jungen Amerikanerin Livia und ist mittlerweile amerikanischer Staatsbürger, als er im Mai 1946 mit seiner Großmutter Viktoria und deren Haushälterin das einstige Kriegsschiff „Brazil“ gen Europa besteigt. Die geliebte Heimat sowie die Geschäfte des von Gelderschen Unternehmens, die der Jurist im Auftrag seiner Familie unter Augenschein nehmen soll, rufen. Bereits mit der Ankunft im französischen Le Havre müssen Großmutter und Enkel erkennen, das Europa in Trümmern liegt. In Paris sind sie nicht gern gesehen, wenige Tage später in Wien ebenso nicht. Obwohl dessen Mutter Anita, die während des Krieges in Österreich wegen einer Liaison zurückgeblieben war und ihre insgesamt drei Kindern ziehen lassen hat, ihren Sohn sehnsüchtig erwartet.

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Doch auch jene einst enge Beziehung zwischen Mutter und Sohn ist nicht frei von  Vorwürfen und Unausgesprochenem. Die kühle und abweisende Distanz zwischen Anita und ihrer Schwiegermutter erschwert zudem das Wiedersehen. Ganz allgemein herrscht in Wien eine abweisende Stimmung gegen die Neuankömmlinge. Die Hauptstadt erscheint als beklemmendes und düsteres Sinnbild für deutsch-österreichische Städte in der Nachkriegszeit, in denen die Einwohner auf Besatzer treffen, Flüchtlinge aus den Ostgebieten stranden, die Insassen der zahlreichen Konzentrationslager innerlich wie äußerlich verwundet zurückgekehrt sind. Es herrscht Not und Hunger. Erheben die Opfer schwere Vorwürfe, versuchen all jene, die das Dritte Reich unterstützt oder nur „mitgeschwommen“ sind, die Geschehnisse zu vergessen. Und ihnen wird es auch leicht gemacht, die Entnazifizierung wird nur halbherzig betrieben. Schnell sind einstige Nazis wieder auf ihren Posten und machen Geschäfte mit den Besatzern. Auch die Opernsängerin Gertrud Wagner, Geliebte eines US-Offiziers, steht vor ihrer Rückkehr auf die Bühne. Sie war einst die große Liebe von Gelderns, der glaubte, sie habe den Krieg nicht überlebt. Beide finden wieder zueinander, obwohl Gertruds Vergangenheit als Nazi-Sympathisatin, die in Kontakt zum Propaganda-Chef Joseph Goebbels gestanden hat, Viktoria nicht behagt. Es braucht erst die Hochzeitsfeier mit Nazis am Tisch und ein Foto, das eine Signatur Goebbels trägt, um von Geldern, der selbst ins Visier der Behörden gerät, zum Nachdenken zu zwingen – mit tragischem Ausgang, der Felix von Geldern auch nach Amerika zurückkehren lässt.

„Um einzuwurzeln, durfte man nicht entwurzeln müssen. Emigration war eine Frage der Erinnerung; wer sie nicht hatte, konnte gedeihen; wer sie hatte, verdarb.“

Felix von Geldern ist eine getriebene und zerrissene Person, die zwischen zwei Ländern und zwei Frauen steht. Welche Auswirkungen die Emigration, die Flucht aus der Heimat und der Versuch der Sesshaftigkeit in einem völlig fremden Land hat, beschreibt Lothar an vielen Stellen: Nicht nur mit Blick auf das Innenleben des Helden, auch mit mehrfachen  Hinweisen, wie schwer angesehene Wissenschaftler oder Künstler es in Übersee hatten, beruflich wie privat Fuß zu fassen. Auch das Thema innere Migration, das Leben all jener Kritiker des Dritten Reiches und der unzähligen Verfolgten, die untergetaucht waren oder ausharrten, findet sich wieder. „Unterseeboote“ hießen sie – die Juden, die dank eines Versteckes überleben konnten.

Kein Erfolg nach Erscheinen

Lothars Werk basiert dabei weder auf dem Erleben anderer noch den Niederschriften derer. Der österreichische Jurist und Schriftsteller, der in Wien als Kulturschaffender Rang und Namen hatte, der unter anderem die Salzburger Festspiele mit ins Leben gerufen hatte sowie als Direktor des Wiener Theaters in der Josefstadt wirkte, war selbst – da Jude – vor den Nazis 1938 nach Amerika geflohen und kehrte nach Kriegsende zurück in seine Heimat. Auch er musste sich den Vorwürfen stellen, doch als Emigrant nichts ausgehalten haben zu müssen und ein ruhiges Leben geführt zu haben. Der Roman „Die Rückkehr“ erschien 1949 – ohne an den Erfolg seines früheren Werks „Der Engel mit der Posaune“, das 1944 im englischen Original mit dem Titel „The Angel With The Trumpet“ in den USA veröffentlicht wurde, anzuknüpfen. Allzu klar, real und vielschichtig ist das kritische Bild, das der Wiener mit seinem Buch als Spiegel seinen Landsleuten vorhält.

„Die Emigration ist unter Umständen ein tödliches Leiden.“

Dabei sollte sein meisterhafter Roman heute nicht nur als herausragende Wiederentdeckung gefeiert und im Bewusstsein bleiben, sondern auch als warnende Botschaft verstanden werden. In einer Szene wird auf ein Viertes Reich verwiesen, dass eben durch jene Nazis, deren Gedankengut auch nach der Katastrophe weiter gebilligt wird, entstehen könnte. Manch düstere Saat kann auch später keimen. Die letzten Zeilen im  Nachwort des österreichischen Schriftstellers und Historikers Doron Rabinovici könnte deshalb nicht nur mit Blick auf den Helden des Romans, sondern in einem weiteren Zusammenhang verstanden werden: „An Heilung war nicht zu denken. Die offenen Wunden wurden nicht einmal versorgt. Das Leid der Opfer sollte negiert werden, die Schuld der Täter wurde zumeist nicht verurteilt.“


Ernst Lothar: „Die Rückkehr“, erschienen im Paul Zsolnay Verlag, mit einem Nachwort von Doron Rabinovici; 432 Seiten, 26 Euro

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