Begegnung – Marie Nimier „Der Strand“

„Von dem Augenblick, da sie versteht, dass sie existiert, allein, der Natur zugewandt.“

Das Meer – Sehnsuchtsziel, Ort der Erinnerungen. Es gibt wohl kaum einen Menschen, den die weite Wasserlandschaft mit ihren intensiven Zusammenwirken der Elemente nicht geprägt hat. In der Kindheit mit ihren Entdeckungen, mit immer wiederkehrenden Reisen und langen Spaziergängen am Strand. Auch die Protagonistin im neuen Roman der Französin Marie Nimier ist dem Meer zugewandt. Nach einer ersten Reise mit ihrem Partner fährt sie nach wenigen Jahren per Fähre abermals auf  jene Insel und mit dem Bus wieder an jenen Strand, an dem sie gemeinsam mit ihrer früheren Liebe einige Tage verbracht hat. Doch die erneute Tour an jenen Ort verläuft anders als gedacht.

Drei Menschen

Denn die Höhle, in der sich die Frau innerlich verwundet allein zurückziehen will, ist bereits besetzt. Ein Mann hat sich mit seiner Tochter niedergelassen. In der ersten Zeit beobachtet sie das Vater-Kind-Gespann aus der Ferne voller Neugierde und macht Notizen. Als sie von dem Mann schließlich jedoch beim Obstklau ertappt wird, wird die Reisende Teil der Gemeinschaft. Das ungleiche Trio verwandelt sich nach einer Zeit des Herantastens zum Sinnbild einer kleinen Familie – die Bindungen zwischen der Frau und dem Mann sowie zum Mädchen verstärken sich. Die Heldin wird zur Geliebten beziehungsweise zu einem Mutterersatz.

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In dem auf das Wesentliche konzentrierten, archaisch anmutenden Geschehen tragen die handelnden Personen keine Namen. Die Frau wird in einigen Szenen als Unbekannte bezeichnet, der Mann als Koloss, das Mädchen als Kleine.  Auch die Insel bleibt namenlos. Einzig der Hinweis, dass es sich um das Land der Götter handelt, verweist auf Griechenland. Der Ort wirkt nahezu ausgestorben, eine Taverne, welche die Frau auf ihrem Weg zur Höhle mit Neugierde erkundet hat, ist verlassen und leer. Nur ein Ziegenbock treibt hier sein Unwesen. Die gemeinsame Welt der drei Körper ist beschränkt, wirkt nahezu aus Raum und Zeit gefallen.

Der Erzähler wechselt dabei zwischen Außen- und Innenansichten, berichtet mit konzentriertem Blick von den Details der Umgebung und lässt den Leser teilhaben an den vielschichtigen Erinnerungen und Gedanken der Frau. Beide Ebenen, das Gestern und das Heute, fließen auf beeindruckende Weise ineinander, verschränken sich. Die Frau denkt an ihren Vater, den sie zurückgelassen hat, den frühen Tod der Mutter, das schnelle Ende ihrer damaligen Beziehung. Doch mit der Zeit verliert sich dieser Blick in die Vergangenheit, der zu einem hoffnungsvollen Vorausschauen in die Zukunft wird. Die Perspektive verändert sich. War die Heldin angesichts der Verluste in Melancholie und Einsamkeit versunken, werden nach und nach ihre Lebensgeister, psychisch wie physisch, wieder erweckt.

„Das Land ist überzogen mit Überbleibseln, Erinnerungen, Narben, hier schwarze, zu einem Totem aufgerichtete Steine, da eine langgestreckte Säule, weiter hinten am Hang des Hügels, eine Art Schornstein, der steil ins Tal abfällt (…).“

Die Magie dieses Romans liegt in seiner einfachen, aber trotzdem virtuosen Sprache, die Szenen und Handlung beschreibt, aber gleichzeitig Stimmungen in ihren feinsten Nuancen wiedergibt. „Der Strand“ ist dabei vor allem ein körperlicher wie sinnlicher Roman, der den Leser während der Lektüre an das Meer und einen menschenleeren Strand führen kann; wenn er denn will. Man hört förmlich das Meeresrauschen, das Zikadenzirpen, man vernimmt das Salz in der Luft und ein Flimmern, ausgelöst durch eine gewisse Unschärfe. Denn nicht alles wird erklärt, viele Fragen bleiben offen, vieles wird nur angedeutet. Der Leser kann mit seinen Gedanken die Leerstellen füllen, darüber hinaus während und nach der Lektüre sich dem Nachdenken hingeben, intensiver kann Literatur nicht wirken.

Brodeln unter der Oberfläche

Auf diese Weise ist der Roman der preisgekrönten Autorin, die früher als Schauspielerin und Chansonnière tätig war, bevor sie mit dem Schreiben begann, nur auf den ersten Blick eine berauschende Sommerlektüre. Vielmehr kann der Leser tief hinabtauchen in diese keineswegs seichte Geschichte, in der es unter der Oberfläche förmlich brodelt, es auch Szenen jäher Heftigkeit gibt, ein rauer Liebesakt, die grausame Szene, in der das Mädchen einen Krebs willkürlich und ohne Respekt vor dem Leben tötet. So plötzlich sich die ungewöhnliche Gemeinschaft auf Zeit gebildet hat, so schnell löst sich diese wieder auf. Doch dieser Abschied beschenkt die Frau. Welche Hoffnung und Energie in einer einzigen Begegnung liegen!

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Marie Nimier: „Der Strand“, erschienen im Dörlemann Verlag, in der Übersetzung aus dem Französischen von Rainer Moritz; 176 Seiten, 20 Euro

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