„Det er den draumen me ber på“ – Norwegen Gastland 2019

Nur 5,2 Millionen Einwohner, dafür zwei Sprachen, drei Literaturnobelpreisträger und 438 Verlage: Norwegen ist das Gastland auf der Frankfurter Buchmesse im kommenden Jahr. Als Leser, der sehr eng mit dem Land und seiner Kultur verbunden ist, war es damals für mich eine große Freude zu erfahren, dass „Norge“ den Zuschlag erhält. Dabei soll nicht nur die vielfältige und reiche Literatur des skandinavischen Landes im Fokus stehen. Das Land der Fjorde kommt mit einer wichtigen politischen Botschaft auf die weltgrößte Buchmesse. „Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse zu sein, ist eine herausragende Chance für Norwegen. Unsere Autoren und Künstler können an einer globalen Diskussion über Kunst, Redefreiheit und unsere gemeinsame Zukunft teilnehmen, wofür die Frankfurter Buchmesse schon immer eine ausgezeichnete Plattform bot“, sagte Norwegens Kulturministerin Trine Skei Grande zur Präsentation; auch mit Blick auf die politischen Entwicklung in mehreren Ländern Europas. „Det er den draumen me ber på“ – Norwegen Gastland 2019 weiterlesen

Tierische Helden – Zwei Bücher für den Gabentisch

Sie sind überall, um uns herum. Sie laufen, sie kriechen, sie schwimmen, ja, sie fliegen auch. Sie haben ein Fell, Gefieder, Schuppen oder eine aalglatte Haut. Die Natur ist voller wundersamer tierischer Wesen, denen es vermutlich ohne uns Menschen besser gehen würde. Zwei Bücher möchte ich an dieser Stelle vorstellen, denen ich mich in den vergangenen Tagen mit Begeisterung gewidmet habe und die sich wunderbar als Geschenk eignen für all jene, die Freude an der Tierwelt haben, über sie noch immer staunen und gerne lesen.

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Der Vielleser – Jan Kjærstad „Das Norman-Areal“

„Das Lesen öffnete mich, das Lesen öffnete die Welt etwas weiter.“

Lange ist es her, dass eine so simple Fernsehshow wie „Was bin ich?“ die TV-Zuschauer an die Bildschirme zu holen vermochte und sie dabei auch noch prächtig unterhalten hat. Müsste John Richard Norman seinen Beruf in nur einer Geste erklären, sehe sie ungefähr so aus: leicht nach vorn gebeugter Oberkörper, die Hände halten einen Gegenstand, die gesamte Gestalt macht den Eindruck von Versunkenheit. Norman ist der Held in dem neuesten Roman des norwegischen Autors Jan Kjærstad und einer der bekanntesten Verlagslektoren. „Das Norman-Areal“ erzählt von der Leidenschaft für das Lesen und die Bücher, die Faszination, die sie auslösen, sowie einer Liebe, die ein tragisches Ende findet.   Der Vielleser – Jan Kjærstad „Das Norman-Areal“ weiterlesen

Schatten – Connie Palmen „Du sagst es“

„Alles, was man nicht wahrhaben will und verdrängt, jeder Konflikt, der geleugnet und nicht offen ausgesprochen wird – in einer Kultur genauso wie im Leben jedes Einzelnen -, sucht sich ein Ventil und kehrt sich schließlich in teuflischer Verkleidung gegen das Leben, gewaltsam und vernichtend.“

Die Literaturszene hat bekannte Paare zusammengeführt. Doch nicht immer ist eine Beziehung zwischen kreativen, begabten und sensiblen Menschen von Glück und einem langen gemeinsamen Leben gesegnet. Die Liebe und spätere Ehe zwischen Sylvia Plath und Ted Hughes zählt zu den tragischen Beziehungen. Die amerikanische Autorin schied am 11. Februar 1963 freiwillig aus dem Leben. Nach ihrem Freitod war Hughes Schmähungen und Anfeindungen, gleich eines heutigen Shitstorms, ausgesetzt. Connie Palmen gibt in ihrem neuen Roman „Du sagst es“ Hughes nun eine Stimme.  Schatten – Connie Palmen „Du sagst es“ weiterlesen

„Fünf.Zwei.Vier.Neun“ – Zeitschrift zur Literatur der Weimarer Republik geplant

Hans Fallada „Kleiner Mann – was nun?“, Jakob Wassermann „Faber oder Die verlorenen Jahre“, Georg Fink „Mich hungert“, Ernst Haffner „Blutsbrüder“. Die Literatur der Weimarer Republik, der 20er und 30er Jahre in Deutschland, wird zunehmend wiederentdeckt – von Verlagen und Lesern. Der Bonner Verleger und Buchhändler Jörg Mielczarek plant, mit „Fünf.Zwei.Vier.Neun“ eine Zeitschrift zur Literatur jener Zeit herauszugeben.

jmragal-360x640Wie ist die Idee für diese Zeitschrift entstanden?

Jörg Mielczarek: Bereits seit Jahren beschäftige ich mich mit der Literatur der Weimarer Republik, 2011 ist mein Buch „Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften“ erschienen, das auf 50 Autoren der damaligen Zeit und ihre Werke eingeht. Seit zwei Jahren betreibe ich eine Facebook-Seite zum Thema, die immer mehr Fans gewinnt. 2014 habe ich begonnen, Tageszeitungen und Zeitschriften der Weimarer Republik systematisch nach literarischen Texten sowie Rezensionen zu durchsuchen. Die gefundenen Dokumente wurden ausgedruckt, in Ordnern gesammelt sowie in einer Datenbank erfasst. Auf diese Art und Weise habe ich bereits über 20.000 Dokumente zusammengetragen.

Vor knapp einem Jahr stellte ich mir dann die Frage: Was machst du damit? Ich habe zunächst einzelne Buchprojekte erstellt und sie ausgewählten Verlagen angeboten. Auch wenn die Antworten sehr nett ausfielen, so waren es doch Absagen. Tenor: das „universitäre Umfeld“ fehle. Klar, ich habe keine akademische Ausbildung, nie studiert, sondern bin „nur“ gelernter Buchhändler. Die Absagen konnte ich akzeptieren,  aber sie haben mich auch angestachelt. Literatur und der Austausch darüber ist für mich nicht nur einem bestimmten elitären Kreis vorbehalten. So stand ich wieder an meiner Ausgangsfrage. Die Lösung, eine monatlich erscheinende Zeitschrift herauszugeben, die jeweils ein Schwerpunktthema hat, gefiel mir am besten. Bei der Nullnummer wird dieses Schwerpunktthema die Weltwirtschaftskrise sein, aus diesem Grund ist Hans Falladas Roman „Kleiner Mann, was nun?“ die Titelgeschichte dieser Ausgabe. Die Nullnummer ist bereits fertig gestellt, weitere Ausgaben bereits sehr weit fortgeschritten, wie beispielsweise Irmgard Keuns „Gilgi, eine von uns“, die sich mit der Stellung der Frau in der Weimarer Republik auseinandersetzt oder Erich Remarques „Im Westen nichts Neues“ über die (literarische) Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg. Mit dem originalgetreuen Abdruck von Zeitungsartikeln können diese Werke in einen historischen Kontext gebracht werden. Wenn ich mir die Nullnummer betrachte – gesetzt ist sie, sie muss nur noch in Druck gegeben werden –, so bin ich stolz auf das Ergebnis. Das kann sich sehen lassen.

Warum nutzt Du eine Crowd-Funding-Plattform?

Mielczarek: Crowdfunding ist eine hervorragende Möglichkeit, das Projekt auf Marktfähigkeit zu testen. Verläuft die Aktion erfolgreich, so sehe ich gute Chancen, die Zeitschrift auch langfristig zu etablieren. Schließlich muss „Fünf.Zwei.Vier.Neun.“ wirtschaftlich Sinn machen und schließlich sind nicht unerhebliche Kosten mit dem Projekt verbunden. Führt die Aktion nicht zum Erfolg, so muss ich das akzeptieren. Ich habe es dann aber auf jeden Fall versucht.

coverfallada-489x640Wann soll das Vorhaben starten und was ist konkret geplant?

Mielczarek: „Fünf.Zwei.Vier.Neun“ wird voraussichtlich am 26. September in die Finanzierungsphase gehen. Auf www.startnext.com/literaturweimar kann man dann bis zum 6. November das Projekt unterstützen. Mir ist es wichtig, dass jeder Unterstützer auch einen direkten Gegenwert für sein Geld erhält: Abhängig vom Förderbetrag reicht die Palette von einem Exemplar der Nullnummer bis hin zum Paket aus zwölf Ausgaben plus zwölf Begleitbüchern. Erscheinungstermin der Nullnummer ist der 9. November, ab Januar soll „Fünf.Zwei.Vier.Neun“ monatlich, jeweils zum 9., erscheinen.

Welche besonderen Lese-Erfahrungen verbindest Du mit der Literatur der Weimarer Republik?

Mielczarek: Mit Büchern fühlte ich mich schon immer verbunden. Sie waren meine Türen in Welten, die ich nicht kannte und auf diese Art und Weise kennenlernen durfte. Vor allem Bücher aus der Zeit der Weimarer Republik haben mich bereits in der Jugend fasziniert, denn erstmals trat die deutsche Literatur in einer ungeheuren Vielfalt hervor, große gesellschaftliche Veränderungen wurden literarisch verarbeitet. Und da die Vielfalt seinerzeit so groß war, so habe ich auch viele besondere Lese-Erfahrungen mit diesen Werken gemacht. Einige dieser Bücher sind mir ständige Begleiter, ja Freunde geworden; so habe ich meiner Freundin bei der Geburt unseres Sohnes im Kreißsaal aus Thomas Manns „Zauberberg“ vorgelesen (hätte sich die Geburt weiter verzögert, so hätte sie wohl das komplette Buch kennengelernt). Menschen, denen ich begegne und die ich auf Anhieb mag, halten spätestens beim dritten Treffen Leonhard Franks „Karl und Anna“ in den Händen. Es sind Begleiter, Freunde, aber auch Ratgeber in gewissen Lebenssituationen. Das näher auszuführen, ist mir aber zu persönlich. Auf jeden Fall haben viele Werke mein Weltbild, meine innere Landkarte gestalten geholfen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Gibt es vergessene Autoren, die Du besonders empfehlen kannst und die entdeckt werden sollten?

Mielczarek: Es gibt sehr, sehr viele Autoren, die entdeckt oder wiederentdeckt werden sollten. Nennen möchte ich Lessie Sachs, eine jüdische Schriftstellerin, die 1939 mit ihrem Mann in die Vereinigten Staaten emigrierte. Dort verstarb sie 1942. Zwei Jahre später veröffentlichte ihr Mann den Gedichtband „Tag und Nacht“, den man – dank eines Online-Projektes – problemlos im Internet findet. Ich bin in zahlreichen Zeitungen, vor allem in der „Vossischen Zeitung“, auf ihre Erzählungen gestoßen. Frisch, unbekümmert, von der Leber weg geschrieben, wie von einer Berliner Göre verfasst, so mein Eindruck, und doch mit einer ungeheuren Tiefe. Großartig. Oder die Novellen und Erzählungen von Mala Laaser, die ich in den Verbandsblättern des „Central Vereins für deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens“ fand. Das sind nicht nur spannende, packende, dichterische Werke, sie haben mir auch sehr viel Wissen über die jüdische Religion und Kultur vermittelt.

Genau aus diesem Grund ist „Fünf.Zwei.Vier.Neun.“ auch kein reines Zeitschriften-Projekt. Zu jeder Ausgabe erscheint ein Taschenbuch mit weiteren Texten zum Schwerpunktthema des Monats. Der Fokus liegt dabei auf Erzählungen und Werken von Autoren, die heute leider kaum jemand mehr kennt. Eine echte Fundgrube für Literaturliebhaber, meine ich. Da gibt es viel Neues zu entdecken!

Woher erhältst Du Deine Lese-Empfehlungen?

Mielczarek: (schmunzelt) Aus den üblichen Quellen; wenn man möchte, wird man täglich davon überrollt. So folge ich ausgewählten Literaturblogs, bin einigen Facebook-Gruppen beigetreten, drehe das Radio lauter, wenn Bücher besprochen werden, verpasse nur ganz selten entsprechende Sendungen im Fernsehen, und wenn mich eine Buchbesprechung interessiert, so kaufe ich mir auch mal eine Tages-, Wochen- oder Sonntagszeitung. Nicht zu vergessen – das Stöbern in Buchhandlungen. Da verlasse ich mich ganz auf meine eigene Nase. Meine Lieblingsempfehlungen ziehe ich aus den Originalquellen der damaligen Zeit. So habe ich beispielsweise die Autorin Agnes Smedley kennengelernt. So schrieb schrieb die dänische Schriftstellerin Karin Michaelis im Februar 1930 über Smedleys Autobiographie im „Berliner Tageblatt: „Wenn ich etwas zu sagen hätte, so müßte Agnes Smedley für dieses Buch den Nobelpreis bekommen. Noch nie hat ihn eine Frau mit einem einzigen Werk mehr verdient als sie. Ich getraue mich zu behaupten, daß Smedleys Lebensroman sowohl in der gegenwärtigen wie in der vergangenen Frauenliteratur einzig dasteht.“ Mein Lieblingsratgeber ist Kurt Tucholsky. Was habe ich für wunderbare Autoren und Werke aufgrund seiner Empfehlungen in der „Weltbühne“ entdeckt! „Es ist immer wieder bewun­dernswert, wie diese Frau gese­hen, gelebt, studiert und ge­schaffen hat. Es ist ein Wunder. Wenn das ein Mann geschrie­ben hätte, müßte man ihn krö­nen – um wieviel mehr eine Frau!“ Aufgrund dieser Aussage habe ich mir über ein Antiquariat Larissa Reissners Buch „Oktober“ gekauft. Ganz, ganz große Klasse!

Einige der Autoren der Weimarer Republik haben oft besondere Schicksale erlebt. Welches berührt Dich besonders?

Mielczarek: Joseph Roth, Ernst Toller, Stefan Zweig und viele andere. Die Liste ist leider viel zu lang. Berührt hat mich vor allem eine Rede von Erich Kästner, in der er am 10. Mai 1958 – zum 25. Jahrestag der Bücherverbrennung – beschreibt, wie er als Augenzeuge ansehen musste, eingekeilt von Studenten in SA-Uniformen, wie seine Bücher in die Flammen geworfen wurden.

Was können uns die Werke dieser Zeit heute noch sagen?

Mielczarek: Als ich vor wenigen Wochen in den Ausdrucken von Joseph Roths „Spinnennetz“ blätterte (der Roman wurde 1923 vorab in der Wiener „Arbeiterzeitung“ abgedruckt – im Übrigen endete der Abdruck drei Tage, bevor Hitler und Ludendorff in München ihren Putschversuch unternahmen), flimmerte die erste Hochrechnung der Mecklenburg-Vorpommerschen Landtagswahl über den Bildschirm. Da wird einem schon schmerzlich bewusst, wie aktuell die Werke der damaligen Zeit noch sind und sein können. Oder nehmen wir die Resolution des Bundestags, der im Juni dieses Jahres die Verbrechen der Türkei an den Armeniern zum Völkermord erklärte; kurze Zeit später stuft die Regierung diese Resolution als für sich nicht rechtlich bindend ein. Da möchte man jedem Kabinettsmitglied umgehend Franz Werfels „Die 40 Tage des Musa Dagh“ schenken. Angst vor Veränderungen, Umgang mit Minderheiten, Rassismus, um nur einige Dinge zu nennen, gab es früher und gibt es auch noch heute. Werke der Weimarer Zeit können helfen, uns mit ihnen auseinanderzusetzen.

Zuflucht und Zuhause – Bettina Baltschev „Hölle und Paradies“

„Es klingt fast, als lasse man sich auch im Exil die gute Laune nicht verderben, doch wie viel davon ist Fassade?“ 

Die Reihe der Romane im Anhang des Buches erinnert an eine Lektüre-Liste aus dem Germanistik-Studium, vielleicht aus einem Seminar zur deutschen Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Große Namen werden aufgezählt: Joseph Roth, Klaus Mann, Irmgard Keun, Lion Feuchtwanger, Jakob Wassermann, Arnold Zweig, Alfred Döblin. Sie alle haben nach Hitlers Machtergreifung im Jahr 1933 Deutschland verlassen. Überall auf der Welt verstreut, haben ihre Bücher indes ein gemeinsames Zuhause gefunden: den in Amsterdam ansässigen Querido Verlag, dessen Geschichte und Verdienste Bettina Baltschev in ihrem Band „Hölle und Paradies. Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur“ erzählt. Zuflucht und Zuhause – Bettina Baltschev „Hölle und Paradies“ weiterlesen

Von Kreuzberg bis Prenzlauer Berg – Literarische Tour durch Berlin

Am Morgen fällt mein Blick auf die Wand meines Hotelzimmers. In großen geschwungenen Lettern steht ein Zitat aus dem Märchen „Hans im Glück“ geschrieben: „Hans ging mit vergnügtem Herzen weiter; seine Augen leuchteten vor Freude, ich muss in einer Glückshaut geboren sein, rief er aus.“ In der Lounge grüßen mich am Frühstücksbüfett schließlich Worte aus „Tischlein deck ich“. Rundum literarisch gestaltete sich mein Wochenende in Berlin, nicht nur mit der Auswahl meiner Herberge für zwei Nächte, dem Grimms Hotel in der Alten Jakobsstraße. Die Agentur Kirchner Kommunikation hatte zum Bloggertag „Spreepartie“ geladen.  Und alles begann in den Räumen der Agentur in der Gneisenaustraße im Stadtteil Kreuzberg.  Tatjana Kirchner, Stephanie Haerdle, Judith Polte, Judith Tings und Katrin Ritte begrüßten mit Jochen Kienbaum („lustauflesen.de“), Marina Büttner („literaturleuchtet“), Gérard Otremba („Sounds & Books“), Mareike Dietzel („Herzpotenzial“), Jacqueline Masuck („masuko13“) und Elina Penner („Schnitzel & Schminke“) sechs weitere Blogger.

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Vier Stationen, vier Neuerscheinungen aus vier Verlagen standen auf dem abwechslungsreichen Programm. Den Anfang machte die Leipziger Illustratorin Christina Röckl. Die Absolventin der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle/Saale im Fach Illustration hatte nicht nur ihr Notebook und Fotos mitgebracht, um über ihr aktuelles Projekt, die Gestaltung des Buches „Liegender Akt“ von Nathalie Chaix (Kunstanstifter Verlag, Oktober 2016), zu sprechen. In Papier umhüllt war eines ihrer Arbeiten, die sie, wie sie erzählte, mit Farbe auf Holzplatten bringt. Die Auseinandersetzung mit der Lebens- und Liebesgeschichte des Künstlers Nicolas de Staël (1914-1955)  sei sehr intensiv, wie Christina Röckl erzählte. So besuchte sie die Lebensstationen des französischen Malers, sprach mit der Autorin und mit Übersetzerin Lydia Dimitrow. „Für jedes Kapitel führe ich ein Heft. Ich erstelle Skizzen und Listen, versuche, die Struktur zu erfassen“, sagte die Leipzigerin, die mit der Gestaltung des Bandes „Und dann platzt der Kopf“ – er wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis gewürdigt – ihr Studium abschloss und gleichzeitig ihr Debüt beging. Christina Röckl zeichnet nicht nur verantwortlich für die Illustrationen des kommenden Bandes, sie übernimmt vielmehr die komplette Gestaltung des Werkes – von der Auswahl der Typografie über Format und Papier. „Es ist mir wichtig, alles zu konzipieren“, bemerkte sie.

Mit U- und S-Bahn ging es schließlich in die Kantstraße 76 im Stadtteil Charlottenburg; in eine besondere Buchhandlung. „Hedayat“ ist die größte persische Buchhandlung in Europa. Die Tische sind übersät mit Büchern, hoch ragen hier die Regale auf. Zwischendrin ein Stuhl, ein Sessel, um gemütlich Platz zu nehmen. Abbas Maroufi und seine Tochter begrüßten ihre Gäste. Der Iraner lebt seit nunmehr 1996 in Deutschland. Er war mit Hilfe des Deutschen PEN-Verbandes aus seinem Heimatland geflohen, nachdem er wegen „Beleidigung der islamischen Grundwerte“ verurteilt wurde. Maroufi berichtete von der aktuellen Lage in seinem Heimatland, seiner Arbeit, die weit über das Schaffen als Autor, Buchhändler und Verleger reicht: Der 59-Jährige unterrichtet in Online-Kursen zu verschiedenen literarischen Themen. „In Deutschland habe ich viel gelernt, die deutsche Literatur hat mich sehr geprägt“, sagte er. Gemeinsam mit Lisa Schöttler, Lektorin der Edition Büchergilde, sprach er zudem über seinen künftigen Roman: „Fereydun hatte drei Söhne“ (Edition Büchergilde, Oktober 2016).  Am Beispiel von vier Brüdern erzählt Maroufi darin von unterschiedlichsten politischen Wegen, die bis nach Deutschland und bis in den Tod führen.

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Der Berenberg Verlag in der Sophienstraße in Berlin-Mitte bildete die dritte Station. Im Mittelpunkt stand diesmal ein literarisches Sachbuch, das von Lektorin Beatrice Faßbender und Autorin Bettina Baltschev vorgestellt wurde. Mit „Hölle und Paradies“ erscheint im September ein Band, der sich der Geschichte des renommierten Amsterdamer Querido-Verlages beschäftigt. Nach der Machtergreifung Hitlers 1933, der Bücherverbrennung sowie des Verbotes namhafter Autoren wie Irmgard Keun, Arnold Zweig, Joseph Roth, Anna Seghers und Klaus Mann bekamen die Werke der ins Exil gegangenen Schriftsteller in diesem Verlag ein neues Zuhause. Die Autorin und MDR-Redakteurin ist schon seit Jahren in Amsterdam heimisch. Für ihre intensive Recherche suchte sie  nicht nur Schauplätze auf. Sie studierte zudem Quellen und führte Gespräche. Besonders die Biografie des Verlegers Emanuel Querido (1871–1943) habe sie fasziniert, wie Bettina Baltschev erzählte: „Je mehr ich über ihn erfahren habe, desto wichtiger wurde mir die Geschichte.“ Für deutsche Leser werde es so manche Überraschung geben, versprach die Autorin. Lektorin Beatrice Faßbender stellte zudem in Aussicht: „Das Buch überzeugt durch seine Lebhaftigkeit.“

Den besonderen Abschluss bildete am frühen Abend das Verlagshaus Berlin im Stadtteil Prenzlauer Berg. Ein Trio – die beiden Verleger Andrea Schmidt und Dominik Zille sowie Lyrikerin, Übersetzerin und Sinologin Lea Schneider – begrüßte die Gruppe. Im Oktober wird mit dem Band „Chinabox. Neue Lyrik aus der Volksrepublik“ die erste Anthologie chinesischer Lyrik in Deutschland seit rund 20 Jahren erscheinen. Sie habe mehrere Ziele verfolgt, berichtete Herausgeberin Lea Schneider. Zum einen sollen in diesem Werk Gedichte von zeitgenössischen Autoren erscheinen, die noch nicht im deutschen Sprachraum präsent sind. Zum anderen wollte sie den Prozess des Übersetzens abbilden. Die Autoren habe sie auf Lesungen kennengelernt. Manche habe sie während ihrer Eigenrecherche gefunden, andere seien ihr durch Empfehlungen zugetragen worden.  „Der Band hat allerdings nicht den Anspruch, ein vollständiges Abbild der zeitgenössischen Lyrik in China zu vermitteln“, betonte Lea Schneider, die für „Invasion rückwärts“ 2014 mit dem Lyrikpreis der Stadt Dresden geehrt wurde.  Bei der Übersetzung verfolgte sie eine besondere Strategie: „Ich wollte stets den richtigen Sound des Textes finden.“

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Doch auch außerhalb des reichhaltigen wie erlebnisreichen Bloggertages begegnete ich Literatur und Kultur auf Schritt und Tritt: So auch während eines Besuches der Buchhandlung in Thaer im Stadtteil Schöneberg-Friedenau – Buchhändlerin Elvira Zellner-Hanemann, die das Geschäft gemeinsam mit ihrem Mann Walter Hanemann führt – kenne ich seit einigen Jahren. Bei Begegnungen, ob in Berlin oder zuletzt auch auf der Buchmesse Leipzig, sprechen wir natürlich vor allem über Bücher.  Zudem besuchte ich die aktuelle Ausstellung im Martin-Gropius-Bau mit Fotografien der legendären amerikanischen Fotografin Berenice Abbott (1898 – 1991). Für Freunde der Fotografie ist diese Schau ein Muss! Und dann trifft man in einer Großstadt wie Berlin auf unzählige Zitate an Wänden, dem Boden oder eben auch an der Wand des Hotelzimmers.

Weitere Berichte zum  Bloggertag gibt es auf „Literatur leuchtet“„Sounds & Books“, „masuko13“, „Herzpotenzial“, und „lustauflesen.de“.

Warum ich lese

Mit seinem Beitrag „Warum ich lese“ hat Sandro Abbate auf seinem Blog „novelero“ ein Thema berührt, das nachfolgend viele weitere Blogger beschäftigt hat. Unterschiedliche Einblicke in Lesebiografien und persönliche Gedanken sind so entstanden. Dies ist nun meine Geschichte. Warum ich lese weiterlesen

Von Ost nach Ost – Christa Wolf „Moskauer Tagebücher“

„Vielleicht leben wir zwischen diesen Bergen, beginnen zu ahnen, daß wir immer im Tal sein werden, beginnen darunter zu leiden, können uns aber aus eigener Kraft nicht aufschwingen.“

Das  Land und ihre Menschen ließen sie zeitlebens nicht los. Zehnmal reiste Christa Wolf (1929 – 2011) in die Sowjetunion; zuerst 1957 als junge Journalistin und Autorin, zuletzt 1989 als die Wende dem Sozialismus ein Ende setzte. Über ihre Reisen geben ihre Tagebücher Auskunft, die mehr sind als nur Einträge ihres eigenen Tuns. In ihren Texten, die sie nie als literarisch empfand und nun  von ihrem Mann Gerhard Wolf herausgegeben wurden, beschreibt sie das Land und das Leben, die Sorgen und Nöte der Menschen.  Von Ost nach Ost – Christa Wolf „Moskauer Tagebücher“ weiterlesen

Amerika – Matthias Engels „Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun“

„Siehe nun zu, daß du in der Komödie deines eigenen Lebens eine Rolle zu spielen anfängst. Gut, antworte ich mir. Und dann nahm ich hier Platz.“ Knut Hamsun „Mysterien“

Mit einem ersten Blick in ihre Lebensgeschichten unterscheiden sie sich mehr, als dass sie sich ähneln. Der eine stammt aus Irland, der andere aus Norwegen. Der eine mag die Romantik, der andere den Naturalismus. Doch Oscar Wilde (1854-1900) und Knut Hamsun  (1859-1952) verbinden zwei besondere Erfahrungen: Beide sind als junge Männer nahezu zur selben Zeit nach Amerika gereist, beide standen später vor Gericht. Der homosexuelle Wilde wegen Unzuchts, Hamsun wegen Landesverrats. Er hatte im hohen Alter deutliche Sympathien gegenüber dem Dritten Reich gezeigt, seine Nobelpreismedaille sogar Reichspropagandaminister Joseph Goebbels geschenkt. Danach ist ihr Leben nicht mehr das, was es einmal war. Matthias Engels bringt beide großen Autoren in einem wunderbaren Roman zusammen.  Amerika – Matthias Engels „Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun“ weiterlesen

Bewegte Zeiten – Ein auch literarischer Rückblick auf 25 Jahre Deutsche Einheit

Alles begann mit den Nachrichten. Meine Eltern baten mich unisono und mit etwas Strenge in der Stimme, doch endlich mal still zu sein. Ich war zwölf Jahre und plapperte. Wie es halt Mädchen in diesem Alter tun. Im Fernsehen lief die „Aktuelle Kamera“, die Nachrichtensendung der DDR. Auf der Mattscheibe: Szenen, die noch heute für Gänsehaut und ein Kribbeln im Bauch sorgen. In Berlin fällt die Mauer, der „antifaschistische Schutzwall“, wie er auch genannt wurde. Es war der erste Schritt zur Wiedervereinigung Deutschlands, deren 25-jähriges Jubiläum heute feierlich landauf und landab begangen wird.  Bewegte Zeiten – Ein auch literarischer Rückblick auf 25 Jahre Deutsche Einheit weiterlesen

Erlebnisse mit Elefant und Schweinchen – Mo Willems „Das Buch über uns“

Zu einem Elefanten passt nicht nur eine Maus. Ein Dickhäuter kann sich ebenfalls prima mit einem Schweinchen verstehen. Tierische Freundschaften haben bekanntlich sowohl etwas Herzerwärmendes als auch etwas Lustiges an sich. Sie erfreuen uns Menschen. Wer nun das Bilderbuch „Das Buch über uns“ von Mo Willems in die Hand nimmt, wird diese Freude über die Freundschaft zwischen dem Elefanten Gerald und dem Schweinchen spüren. Doch vor allem wird der Leser das Gefühl bekommen, zu einem besonderen Teil des Buches zu werden. Und das ist gerade der Reiz dieses wunderbaren Bilderbuches für Erstleser sowie erfahrene Leser.  Erlebnisse mit Elefant und Schweinchen – Mo Willems „Das Buch über uns“ weiterlesen

Pate für ein Buch – Wie und warum ich Bloggerin wurde!

Wie lassen sich akustische Lautäußerungen am besten mit Worten beschreiben? Klar, es gibt Verben wie „schreien“, „juchzen“ und „in die Hände klatschen“. Aber so richtig fassen sie nicht, wie ich mich am vergangenen Freitagnachmittag verhalten und staunende Mienen bei meinen Kollegen hervorgerufen habe. Vor allem beschreiben sie nicht diese innere Freude, die einen ausfüllt und schier überwältigt. Was war passiert? Auf der Internetseite der Leipziger Buchmesse  unter der Rubrik „Blogger“ stand mein Blog „Zeichen und Zeiten“. Ich war zu einem Blogger-Paten ernannt worden – von insgesamt 15. Mit dieser erstmaligen Initiative will die Buchmesse den Bloggern einen größeren Raum geben. Und ich denke, ohne anmaßend sein zu wollen und im Namen aller Blogger, wir alle haben diese besondere Würdigung verdient. Wir alle sind leidenschaftliche Botschafter der Bücher und Literatur und stehen oftmals näher zu den anderen Lesern und Bücherfreunden als so mancher Kritiker. Weil wir womöglich klarer schreiben, wenn uns ein Buch gefällt oder nicht gefällt? Weil wir weit unabhängiger sind?  Pate für ein Buch – Wie und warum ich Bloggerin wurde! weiterlesen