Lebensauftrag – Barbara Beuys „Helene Schjerfbeck“

„Es ist, als ob die Kunst die Materie aufhebt und alle Dinge, an denen der Mensch haftet, aus dem Blick schafft.“ 

Wirft man einen Blick auf die Namen der Künstler, die die moderne Kunst zur Jahrhundertwende und darüber hinaus geprägt haben, fällt wohl eines auf: Es sind meist nur Männer. In einer Biografie wendet sich die Autorin Barbara Beuys mit Helene Schjerfbeck (1862 – 1946) einer Frau zu, die mit ihren Bildern und Ausstellungen über ihr Heimatland Finnland hinaus und europaweit für Erstaunen gesorgt hat und mit ihrem Selbstverständnis als Frau und Künstlerin viele bis heute inspirieren könnte.     Lebensauftrag – Barbara Beuys „Helene Schjerfbeck“ weiterlesen

Amerika – Matthias Engels „Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun“

„Siehe nun zu, daß du in der Komödie deines eigenen Lebens eine Rolle zu spielen anfängst. Gut, antworte ich mir. Und dann nahm ich hier Platz.“ Knut Hamsun „Mysterien“

Mit einem ersten Blick in ihre Lebensgeschichten unterscheiden sie sich mehr, als dass sie sich ähneln. Der eine stammt aus Irland, der andere aus Norwegen. Der eine mag die Romantik, der andere den Naturalismus. Doch Oscar Wilde (1854-1900) und Knut Hamsun  (1859-1952) verbinden zwei besondere Erfahrungen: Beide sind als junge Männer nahezu zur selben Zeit nach Amerika gereist, beide standen später vor Gericht. Der homosexuelle Wilde wegen Unzuchts, Hamsun wegen Landesverrats. Er hatte im hohen Alter deutliche Sympathien gegenüber dem Dritten Reich gezeigt, seine Nobelpreismedaille sogar Reichspropagandaminister Joseph Goebbels geschenkt. Danach ist ihr Leben nicht mehr das, was es einmal war. Matthias Engels bringt beide großen Autoren in einem wunderbaren Roman zusammen.  Amerika – Matthias Engels „Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun“ weiterlesen

Zurückgezogen – David Shields und Shane Salerno „Salinger. Ein Leben“

„Ich glaube, irgendwann musst du herausfinden müssen, wo du hin willst. Und dann musst du auch da hingehen. Aber sofort. Du kannst es dir nicht leisten, auch nur einen Augenblick zu verlieren. Du nicht.“ („Der Fänger im Roggen“)

Salinger. Da war doch was. Englischunterricht bei Herrn Polke und dann diese Lektüre. „Der Fänger im Roggen“, besser gesagt. „The Catcher in the rye“. Und ist es nicht so, dass neben den guten und den schlechten Lehrern vor allem die Bücher, die man lesen musste, sich in das Gedächtnis eingeprägt haben? Der 1951 erschienene Roman „Der Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger (1919 – 2010) zählt da ganz gewiss dazu. Millionen von Jugendlichen haben ihn gelesen und geliebt. Seine Popularität besteht bis heute. Damit hat er einen Kultstatus erreicht, der nahezu ungebrochen ist und seinesgleichen sucht. Doch was wissen wir über den Autor selbst und die Entstehung des Romans? Sicherlich wenig. Wenn nicht in der derzeitigen Salinger-Begeisterung und unter den aktuellen Publikationen – so den beiden Romanen „Oona und Salinger“ von Frederic Beigbeder und „Lieber Mr. Salinger“ von Joanna Rakoff – auch eine bemerkenswerte Biografie heraussticht, die sich zum Ziel gesetzt hat, mit den Mythen und falschen Überlieferungen rund um die Person des Kultautors aufzuräumen. Zurückgezogen – David Shields und Shane Salerno „Salinger. Ein Leben“ weiterlesen

Leben, um zu schreiben – Reiner Stach "Kafka. Die frühen Jahre"

„Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Das glaube ich.“ Franz Kafka

Er war ein leidenschaftlicher Schwimmer, liebte das Kino, mochte Indianergeschichten. Er hat auch nicht das Nachtleben in seiner Heimatstadt Prag verschmäht. Ganz im Gegenteil. Manchmal ging er auch zu den „leichten Mädchen“. Viele sehen womöglich, wenn sie den Namen Franz Kafka hören, einen schmalen Mann vor sich, der Tag und Nacht, über den Schreibtisch gebeugt, schreibt – ohne Unterlass. Zugegeben, Kafka war wirklich recht dünn. Das beweisen die historischen Fotografien, die ihn zeigen. Doch der am 3. Juli 1883, an einem schönen Sommertag in Prag zur Welt gekommene Schriftsteller liebte trotz einer nicht gerade fröhlichen Kindheit und gesundheitlichen Problemen sowohl das Leben als auch das Schreiben. Nur hatte er tragischerweise nur 40 Jahre Lebenszeit. Leben, um zu schreiben – Reiner Stach "Kafka. Die frühen Jahre" weiterlesen

Ein Paar auf Augenhöhe – Ingeborg Gleichauf "Ingeborg Bachmann und Max Frisch"

„Beide inszenieren sich in verschiedenen Rollen hinein, sind ihre eigenen Regisseure in selbst erfundenen Stücken, die sich schließlich als erschütternd real enthüllen.“

Sie war die dichtende Diva, von einer geheimnisvollen Aura und unzähligen Bewunderern umgeben, er der berühmte Schriftsteller, der sich eher in einer familiären Bürgerlichkeit wohlfühlte. Zusammen galten Ingeborg Bachmann (1926-1973) und Max Frisch (1911-1991) als das Traumpaar der deutschsprachigen Literaturszene. Obwohl von ihrer gemeinsamen Zeit nicht ein Foto existieren soll. Diesem besonderen Kapitel im Leben beider und nicht minder der deutschen Literaturgeschichte widmet sich die Germanistin Ingeborg Gleichauf in ihrem Band, der als Titel den Namen beider berühmter Autoren und die Unterzeile „Eine Liebe zwischen Intimität und Öffentlichkeit“ trägt. Die Autorin ist sehr vertraut mit dem Leben und Schaffen beider Schriftsteller. Gleichauf promovierte über Ingeborg Bachmann, verfasste eine Biografie über Max Frisch. Und dieses umfangreiche Wissen trägt auch dazu bei, dass ihr neuestes Werk herausragend ist.  Ein Paar auf Augenhöhe – Ingeborg Gleichauf "Ingeborg Bachmann und Max Frisch" weiterlesen

Familiengeschichte(n) – Katja Petrowskaja "Vielleicht Esther"

„(…) ich wollte so sehr erhört werden, erprobte meine Zunge, meine Sprache, ich versuchte, die Geschichten zu erzählen, sie in mein fremdes Deutsch zu übertragen, ich erzählte die Geschichten, eine nach der anderen, aber ich hörte selbst nicht, was ich sagte.“

Unser Leben ist nichts ohne die Geschichte der eigenen Familie. Wir sind, was wir waren. Uns formen frühere Ereignisse früherer Generationen genauso wie eigene Erfahrungen. Und wenn wir in jungen Jahren nur Zuhörer sind, werden wir später selbst zu Erzählern. Katja Petrowskaja, 1970 in Kiew geboren, nach ihrem Studium in Tartu (Estland) und Moskau als Journalistin in Berlin tätig, hat diese Rolle sehr früh übernommen. Es ist eine Rolle, die man nicht leichtfertig überstreift wie einen Lieblingspullover, der einem passt und der sich bequem anfühlt. Sie ist vielmehr eine Schlangenhaut, die mit uns wächst und die man nach einiger Zeit abstreift, weil eine neue entstanden ist. Familiengeschichte(n) – Katja Petrowskaja "Vielleicht Esther" weiterlesen

Alleskünstler – Thomas Föhl: "Henry van de Velde"


Mitteldeutschland erinnert sich an ihn: Anlässlich seines 150. Geburtstages  widmen sich zahlreiche Veranstaltungen dem belgischen Architekten und Designer Henry van de Velde(1863-1957), der von 1902 bis 1917 in Weimar lebte und wirkte. Das Jubiläumsjahr ist mit dem Titel „Alleskünstler“ überschrieben. Und diese Bezeichnung findet sich auch wieder in einer Biografie, mit der  sich die Weimarer Verlagsgesellschaft  dem  Gedenken anschließt. Geschrieben hat sie Thomas Föhl, der sich seit 2001 als Leiter eines Projektes   der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit der Erarbeitung eines Werkverzeichnisses der kunstgewerblichen und raumkünstlerischen Arbeiten van de Veldes beschäftigt. Föhl hält sich nicht mit großen Vorreden zur Kindheit und Jugend des Künstlers auf, sondern konzentriert sich auf die Schaffensjahre, die sowohl Erfolge als auch herbe Niederlagen brachten.
Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Schaffenszeit in Weimar, die Zusammenarbeit mit seinem Protegé Harry GrafKessler und die extensiven Bestrebungen um ein neues Weimar. Beide  Verfechter der Moderne waren dabei einem teils heftigen Gegenwind ausgesetzt. Die gegen van de Velde und Kessler gesponnenen, kleinstädtischen Intrigen  und die Hetze aus Künstlerkreisen vertrieben erst Kessler, schließlich auch den Belgier. Mit welchem Elan und welcher Energie der Architekt und Designer trotz alledem gewirkt hat,  ob bei der Errichtung der Kunstgewerbeschule, dem Bau der Kunstschule  sowie seinen zahlreichen privaten Aufträgen nebenher,    erzeugt Bewunderung. Um das Leben und das Wirken des Universalgenies umfassend nachzubilden, greift der Autor auf meist unveröffentlichte Primärquellen wie Briefe, Akten  und Tagebucheinträge zurück. Gerade diese geben Einblicke in die Familie, Freundschaften und die Person van de Velde, die unermüdlich arbeitete, aber auch von  Selbstzweifeln und Melancholie  ergriffen wurde, Auszeiten  in abgelegenen Gegenden benötigte.
Ein weiteres spannendes  Thema, das man immer wieder in Künstlerbiografien entdecken kann und so auch in diesem Werk, ist die Vernetzung jener Kreise  mit Freundschaften und Gruppen über Landesgrenzen hinweg, die erst damit die Moderne zu einer internationalen Bewegung werden ließen.  Den letzten Kapiteln zu den Nach-Weimar-Jahren in der Schweiz, in Holland und später in seinem Heimatland Belgien schließt sich der umfangreiche wissenschaftliche Apparat aus Quellen- und Literaturnachweisen sowie einem Personenregister mit Kurzbiografien an.  Föhl verzichtet indes gänzlich auf Fußnoten. Auch auf diese Weise erscheint  das  mehr als 400-seitige Buch mit einer Vielzahl an Fotografien leserfreundlich.
Der Autor hofft, wie er im Vorwort bemerkt, auf eine besondere Wirkung seines Werkes. Er schreibt: „Dass  aber Henry van de Velde als einer der bedeutendsten europäischen Künstler bis heute in Weimar unterrepräsentiert ist, befremdet zusehends. Ob der vorliegende biografische Abriss hier für Abhilfe sorgen kann, bleibt dem geneigten Leser überlassen.“ Eine Erfüllung dieser Hoffnung  ist  Thomas Föhl  für seine bemerkenswerte Arbeit  sehr zu wünschen.
Die Autobiografie „Henry van de Velde“ von Thomas Föhl erschien in der Weimarer Verlagsgesellschaft
424 Seiten, 34 Euro

Das Märchen eines Märchendichters – Jens Andersen: "Hans Christian Andersen"

Er hat mehr als 150 Märchen geschrieben und wurde zum Nationaldichter seines Heimatlandes Dänemark. Dabei erscheint schon die Erzählung seines  Lebens wie ein klassisches Märchen mit seinem guten Ausgang.
Als Sohn eines Schuhmachers, 1805 geboren, verlässt Hans-Christian Andersen mit gerade mal 14 Jahren seine Heimatstadt Odense auf Fünen und geht in die große Stadt Kopenhagen. Er vertraut allein seinen Talenten, seiner Begabung für das Theaterspiel und der Hingabe zur Sprache und Fantasie. Noch in den ersten Jahren als kleiner Poet und Laiendarsteller auf der Opernbühne verschrien, erringt er in den kommenden Jahren und Jahrzehnten Respekt und Anerkennung.  Das Märchen eines Märchendichters – Jens Andersen: "Hans Christian Andersen" weiterlesen