Tom Rachman „Die Gesichter“

„Ein Künstler, Charlie, sieht die Welt anders als normale Menschen (…).“

Der Vater – ein berühmter und gefeierter Künstler, die Mutter – nicht minder begabt, aber erfolglos. Mittendrin – der Sohn. Charles, von allen meist nur Pinch genannt, steht zwischen beiden, blickt zu seinem Vater hinauf, während er seiner Mutter, die ihm die meiste Liebe gibt, weitaus weniger Beachtung schenkt. Tom Rachman hat mit seinem neuen Roman „Die Gesichter“ ein bewegendes und kluges Buch geschrieben, in dem jeder Leser seine Geschichte findet und eine besondere Seite mögen wird.

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Daan Heerma van Voss „Abels letzter Krieg“

„Die Welt war von einer nie dagewesenen Schwere.“

Manche meinen, die Atmosphäre in einigen Ländern Europas erinnert an die einst dunkle Zeit und die Vorboten dieses Unheils. Rassismus, Antisemitismus und Homophobie treten offen und vermehrt zutage. In seinem neuen Roman zieht der Niederländer Daan Heerma van Voss ebenfalls Parallelen zwischen der Gegenwart und der einstigen Geschichte und verkündet mit Hilfe des markanten wie sympathisch wirkenden Romanhelden zwei wichtige Botschaften. Daan Heerma van Voss „Abels letzter Krieg“ weiterlesen

Backlist #5 – Michela Murgia „Accabadora“

„(…) der Schmerz ist eine unangenehme Angelegenheit, wer ihn nicht empfindet, kann das nicht verstehen…“

Um dieses Buch habe ich, ehrlich gesagt, mehrmals einen großen Bogen gemacht. Immer wieder hatte ich es beim Stöbern in der Buchhandlung in der Hand, immer wieder habe ich es wieder ins Regal gestellt. Doch jedes Buch hat seine Zeit, in jenem Fall indes entschied der Lesekreis, den ich mit einer Naumburgerin kürzlich ins Leben gerufen habe,  „Accabadora“ der italienischen Schriftstellerin Michela Murgia zu lesen und zu diskutieren. Der Tod ist ein ungemein schweres Thema, zumal, wenn man ihm mehrfach begegnet ist, von geliebten Menschen Abschied nehmen musste. Der Schmerz liegt sowohl in dem Verlust als auch in der Endgültigkeit und Unwiderruflichkeit dieses einschneidenden Ereignisses. Backlist #5 – Michela Murgia „Accabadora“ weiterlesen

Vom Feuer – Nicol Ljubić „Ein Mensch brennt“

„Die Wirklichkeit aber ist ein Wechselspiel zwischen Erbanlagen und Erlebtem.“

Jan Palach, Oskar Brüsewitz, Hartmut Gründler. Drei verschiedene Männer aus unterschiedlichen Städten, die doch auf die selbe Art und Weise ihrem Leben ein Ende und zugleich ein letztes Zeichen ihres Protestes gesetzt haben. Sie übergossen sich mit Benzin und zündeten sich selbst an. Ein unvorstellbar grausamer Tod. Während der Prager Student Palach und der Zeitzer Pfarrer Brüsewitz gegen das Diktat der Sowjetunion beziehungsweise die Unterdrückung der Kirche in der DDR protestierten, gehörte Gründler in den 1970er-Jahren zu den Gegnern der Atomkraft. In seinem neuen Roman „Ein Mensch brennt“ erinnert Nicol Ljubić an den einstigen Lehrer und Umweltaktivisten und erzählt zugleich eine berührende Familiengeschichte.  Vom Feuer – Nicol Ljubić „Ein Mensch brennt“ weiterlesen

Im Blutrausch – Wajdi Mouawad „Anima“

„Die Welt ist groß und weit, doch die Menschen gehen immer ausgerechnet dorthin, wo es ihnen die Seele zerreißt“

Sie wissen ganz genau, was wir tun. Selbst wenn wir uns unbeobachtet fühlen. Sie riechen unseren Schmerz, unsere Furcht. Obwohl wir womöglich weit entfernt von ihnen sind. Tier und Mensch vereint zwar der gleiche Ursprung in grauer Urzeit, doch mit den Jahrmillionen der Evolution haben wir uns voneinander getrennt: Wir sind zu Herrschern und zur Bestie geworden. Weil gewalttätig gegen die Natur und gegen uns selbst. Der kanadische Autor mit libanesischen Wurzeln, Wajdi Mouawad, erzählt darüber in seinem erschütternden und einzigartigen Roman „Anima“.

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Gewalten – D.W. Wilson „Als alles begann“

„Und es gab kein Bedürfnis, keine Sorge mehr – nicht in jenem Augenblick. Alles würde neu werden. Alle müden Wanderer würden ihr Ziel der Ruhe und Versöhnung erreichen. Das war immer die einzige Art, in der es enden würde.“

Es ist der letzte Wunsch seines Großvaters, der Alans Rückkehr in seine Heimatstadt Invermere bewirkt. Der Philosophie-Student lässt seine Doktorarbeit und seine Freundin Darby in der gemeinsamen Beziehungskrise zurück. Sein Großvater Cecil glaubt, nach einem Herzanfall vor dem baldigen Lebensende zu stehen.  Seine Bitte: Alan soll seinen Vater Jack, Cecils Sohn, ausfindig machen. Doch dies ist alles andere als eine leichte Aufgabe. Nicht nur machen schwere Waldbrände in den Rocky Mountains die Fahrt in den Westen zu einem mehr als beschwerlichen Trip. Zwischen Jack und Cecil herrscht seit knapp 28 Jahren Funkstille – genauer gesagt: seit Alan auf der Welt ist. Gewalten – D.W. Wilson „Als alles begann“ weiterlesen

Zwischen den Seiten – Norbert Gstrein „Eine Ahnung vom Anfang“

„Ich hatte tatsächlich gesagt, dass es manchmal gerade die Sehnsucht nach Unschuld und Reinheit sei, die einen dazu bringe, Schuld auf sich zu nehmen.“ 

Es ist ein Rückzugsort, abgeschieden und ruhig gelegen: die Hütte am Fluss. Dorthin flüchtet der Deutschlehrer Anton, wenn er die hektische Welt hinter sich lassen will. Gemeinsam mit seinem Lieblingsschüler Daniel verbringt er hier Stunden, Tage, ganze Wochen; skeptisch beobachtet von Wanderern oder Schaulustigen, die sich dem Gelände nähern. Jahre später erschrecken eine Bombenattrappe auf dem Bahnhof sowie zwei Bombendrohungen die Einwohner der nahe gelegenen Provinzstadt. Auf einem Fahndungsfoto glaubt Anton, seinen Schüler wieder zu erkennen. Zwischen den Seiten – Norbert Gstrein „Eine Ahnung vom Anfang“ weiterlesen

Into the wild – David Guterson „Der Andere“

„Du tust, was du tun musst, aber mich kriegen sie nicht. Das Leben ist kurz. Die Ewigkeit ist lang. Ich schmuggle mich an Gott vorbei – auch er kriegt mich nicht.“

Der Gedanke, dem modernen Leben den Rücken zuzudrehen, sich in die wilde Natur zurückziehen und alle Brücken hinter sich abzubrechen, hat etwas faszinierendes wie beängstigendes. Einige sind dem Ruf der Wildnis gefolgt, manche waren erfolgreich, mit sich im Einklang und der schwierigen Herausforderung gewachsen, andere sind gescheitert. Die reale Historie des amerikanischen Studenten Christopher McCandless, unter dem Titel „Into the Wild“ von Jon Krakauer niedergeschrieben und verfilmt von Sean Penn, ist womöglich die bekannteste der tragischen Geschichten, in denen ein Mensch selbst gewählt das moderne und bequeme Leben verlässt. Als ich „Der Andere“ von David Guterson nun las, erinnerte mich an jenen beeindruckenden Film.  Und der Roman des Amerikaners, der mit seinem Buch „Schnee, der auf Zedern fällt“ berühmt wurde, ist nicht minder ergreifend.  Into the wild – David Guterson „Der Andere“ weiterlesen

Töten in Trance – John Williams „Butcher’s Crossing“

„Was er suchte, war das, was seine Welt nährte und sie erhielt, eine Welt, die sich stets ängstlich von ihrer Quelle abzuwenden schien, statt danach zu suchen, so wie das Präriegras um ihn herum faserige Wurzeln in die satte, dunkle Feuchte schickte, in die Wildnis, und sich so erneuerte.“

Einst streiften sie in schier unermesslichen Herden über die weite Landschaft Nordamerikas. Doch der Mensch machte dem Bison, auch Indianer-Büffel genannt, nahezu den Garaus. Ende des 19. Jahrhunderts lebten nur noch rund 800 Tiere auf dem Kontinent. Wie es dazu kommen konnte, erzählt auf beeindruckende Weise John Williams, der in den vergangenen Jahren mit seinem wiederentdeckten Roman „Stoner“  Berühmtheit erlang. Der mit dem National Book Award geehrte Amerikaner erlebte diesen späten Ruhm nicht mehr. Er starb 1994, neun Jahre nachdem er als Hochschullehrer für englische Sprache emeritiert worden war.   Töten in Trance – John Williams „Butcher’s Crossing“ weiterlesen

Die Macht der Bücher – Almudena Grandes „Der Feind meines Vaters“

„Die Wahrheit ist das, was passiert ist und uns gefällt, aber auch das, was passiert ist und uns so abscheulich vorkommt, dass wir alles darum geben würden, es ungeschehen zu machen.“

Nichts ist, wie es scheint. Das merkt Antonio Perez, von allen nur Nino oder wegen seiner Körpergröße auch Knirps genannt, schnell. Er ist zehn und lebt mit seinen Eltern und den beiden Schwestern Dulce und Pepe in der Kaserne des kleinen andalusischen Dorfes Fuensante de Martos. Ninos Vater ist Beamter in der Guardia Civil, der paramilitärischen Polizei, deren Aufgabe es ist, gegen politisch Andersdenkende vorzugehen. Denn man schreibt das Jahr 1947 und Diktator Franco ist an der Macht. Die Macht der Bücher – Almudena Grandes „Der Feind meines Vaters“ weiterlesen

Lektionen des Lebens – Michael Ondaatje "Katzentisch"

Drei Wochen auf hoher See, drei Wochen unterwegs zwischen den Kontinenten, drei Wochen, um die Kindheit hinter sich lassen. Allein und im Alter von elf Jahren geht Michael im Jahr 1954 auf große Reise. Mit dem Luxus-Dampfer „Oronsay“ soll er seine Heimat Sri Lanka verlassen, um seine Mutter, die bereits seit einigen Jahren in England lebt, wiederzu sehen und gemeinsam mit ihr ein neues Leben zu beginnen. An Bord schließt Michael nicht nur mit den Gleichaltrigen Ramadhin und Cassius Freundschaft. Das Trio erkundet das riesige Schiff und stiehlt in der ersten Klasse gutes Essen und aus den Rettungsbooten Schokoladenriegel. Den Turbinenraum haben sie zu ihrem Hauptquartier erkoren. Doch bei all den irrwitzigen Streichen und Erkundungen lernen die drei Jungs vor allem die Welt der Erwachsenen kennen – denn dafür gibt es keine bessere Gelegenheit als eine lange Fahrt auf engstem Raum umgeben von den Weiten des Meeres.

Doch in Michael  Ondaatje, Autor des weltbekannten Romans „Der englische Patient“, neuestem Werk „Katzentisch“ tauchen noch eine ganze Reihe weiterer schrulliger Protagonisten auf:  ein Pianist, der plötzlich von Bord verschwindet, eine Frau, die missliebige Krimi-Romane kurzerhand über die Reling wirft und Tauben in ihrem Mantel versteckt, ein Botaniker, der im Bauch des Schiffes seinen kleinen Garten pflegt, ein an Tollwut erkrankter Millionär, für den eine Prophezeiung schreckliche Wirklichkeit wird. Sie alle und weitere recht merkwürdige Personen – allen voran ein Gefangener, der nur ab und an während seiner Rundgänge auf dem Deck für die weiteren Passagiere sichtbar wird – sind Teil dieses bunten Kammerspiels, das seine Helden wie das Leben auch in normale und wichtige Gestalten einteilt. Die einen sitzen eben am Katzentisch, am weitesten entfernt von der renommierten Tafel des Kapitäns, die anderen genießen die Sonderbehandlung als Gäste der ersten Klasse. Was sie jedoch vereint, sind Geheimnisse, die sich um ihre Person ranken. Michael, Ramadhin und Cassius erfahren im Beisein dieser illustren Gesellschaft die ersten Lektionen mit den unbeschriebenen Gesetzen des Lebens. Sie lernen die Klassentrennung genauso kennen wie den Tod, erfahren auf der Reise vor allem aber auch verschiedene Sitten der Völker kennen.

 „Was interessant und wichtig ist, ereignet sich in der Regel im Verborgenen, an machtfernen Orten. Nichts von bleibenden Wert ereignet sich je am Tisch der Mächtigen, wo altvertraute Phrasen Kontinuität garantieren. Diejenigen die Macht besitzen, bleiben in der vertrauten Fahrrinne, die sie sich ausgebaggert haben.“

Die thematische Tiefe und seinen Anspruch erfährt dieser bezaubernde und weise Roman mit seinen wunderbaren Episoden und kleinen Geschichten indes durch die Verbindung und die Verschränkung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Michael erzählt von den damaligen Erlebnissen und aus der Sicht eines Jungen, um im zweiten Teil des Buches zudem von den Auswirkungen der einstigen Geschehnisse zu berichten. Da ist die kurze, indes intensive Beziehung zu Massi, der Schwester von Ramadhin, der als junger Mann seinem langjährigen Herzleiden erliegt, da ist das besondere Verhältnis Michaels zu seiner Cousine Emily, die er schließlich auf einer kleinen Insel an der kanadischen Westküste wiederfindet. Zudem wird ein prägendes Erlebnis jener „Taubenfrau“ erzählt, die als junge Frau dem Bann eines herrschsüchtigen Mannes verfällt. Und immer wieder schimmert als Thema jene immense Herausforderung, die Heimat zu verlassen und in einem anderen Land einen Neubeginn zu wagen, durch.

Am Ende bleibt ein Leser zurück, der als Erwachsener durch die wunderbar, mit sehr viel Liebe für die Protagonisten erzählte Geschichte berührt wird, aber mit dem Kind im Herzen zugleich eine unbändige Freude an den Abenteuern und Entdeckungen von Michael und seinen beiden Freunden verspürt. So begleiten die widersprüchlichen Gefühle die Lektüre dieses Romans, mit dem Ondaatje wieder einmal ein Meisterwerk geschaffen hat, das einen so schnell nicht loslässt.

Der Roman „Der Katzentisch“ von Michael Ondaatje erschien gerade als Taschenbuch im dtv-Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Melanie Walz.
304 Seiten, 9,99 Euro