Maggie Shipstead – „Kreiseziehen“

„Die Antarktis ist eine Trickbetrügerin.“ 

In einer roten Lockheed Vega 5B überquert sie 1932 im Alleinflug den Atlantik. Bei dem Versuch, die Welt zu umrunden, verunglückt sie 1937 auf einer der letzten Etappen im Pazifik. Die US-Amerikanerin Amelia Earhart zählt zu den großen Flugpionierinnen ihrer Zeit. Wie auch ihre Landsmänninnen Harriet Quimby und Jacqueline Cochran sowie die deutschen Pilotinnen Elly Beinhorn, Amelie Beese und Marga von Etzdorf. In ihrem Roman „Kreiseziehen“ erzählt die US-amerikanische Autorin Maggie Shipstead von einer Frau, die schon als Kind den Traum hatte zu fliegen, die letztlich sich zwischen den Wolken sicherer fühlte, als mit den Beinen auf der Erde, wo sie stets nach Anerkennung, Liebe und ihren Lebensweg suchte.

Der Traum vom Fliegen

Marian Graves wächst mit ihrem Zwillingsbruder Jamie in der Obhut von Onkel Wallace in Missoula/Montana auf. Die Geschwister haben als Kleinkinder kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs ein tragisches Schiffsunglück überlebt. Während ihre Mutter ums Leben kam, wurde ihr Vater zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Statt als Schiffskapitän der Josephina als letzter von Bord zu gehen, rettet er seine beiden Kinder. Als das Ehepaar Brayfogles mit ihrem Flugzeug nahe Missoula landet, die Medien die Atlantik-Überquerung Charles Lindberghs feiern, ist es um Marian geschehen: Sie will nichts anderes als Pilotin werden. Der gefürchtete Viehbaron und Gangster Barclay McQueen macht ihren unmöglichen Wunsch möglich. Im Gegenzug wird sie Alkohol über die Grenze schmuggeln und später seine Frau werden. Marian erlebt in dieser Zeit sowohl die Freiheit des Fliegens als auch die Fesseln der Ehe, von denen sie sich letztlich mit einer Flucht nach Alaska lösen kann. Ihr Bruder Jamie und ihr Jugendfreund Caleb bleiben zurück, um im Verlauf der Jahre nur noch wenige Male aufeinanderzutreffen. Mit dem Zweiten Weltkrieg verschlägt es die Drei in alle Himmelsrichtungen: Jamie kommt als Kriegsmaler unter anderem in Alaska und auf den Aleuten zum Einsatz, Caleb erlebt den D-Day in Europa und Marian stellt sich als Pilotin in die Dienste der Organisation Air Transport Auxiliary (ATA), die in Großbritannien Flugzeuge überführt.

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Zeitsprung: Mehr als ein halbes Jahrhundert später soll die bekannte Schauspielerin Hadley Baxter in einem Film Marian Graves verkörpern. Hadley, die ihren Erfolg einer Fantasy-Reihe verdankt, fällt in Ungnade, als sie ihren Partner und Kollegen hintergeht. Der neue Film soll ihr zu neuem Glanz verhelfen. Als sie das Drehbuch, das auf Graves Logbuch basiert, erhält, kann sie noch nicht ahnen, wie intensiv sie sich mit dem Leben der Pilotin beschäftigen wird und dass sie über Umwege auf die Spur von Graves‘ wahrem Schicksal kommt. Marian soll bei dem Versuch, die Welt auf ihrer Längsachse zu umrunden, in der Antarktis verunglückt sein, heißt es. Nie wurde jedoch das Flugzeug, eine Dakota, sowie sie und ihr Navigator Eddie gefunden.

„Sie wollte das Flugzeug an den Himmel drücken, Blau an Blau. Fünftausend Höhenmeter. Aufpassen, nicht übermütig werden. Aber noch hatte sie das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben. Unter ihr schmiegte sich Großbritannien an die Wölbung der Erdoberfläche, von schillernden Hecken und Feldern durchsetzt. Weiter nach oben.“

Shipstead verbindet die Geschichten beider Heldinnen auf großartige Weise, wobei das Schicksal der Marian Graves von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod im Roman deutlich mehr Raum einnimmt. Sie ist ein Frau, die nach dem richtigen Platz im Leben sucht, sowohl Männer als auch Frauen begehrt, ohne sie allerdings lange an sich binden zu können, die mehrfach in die Rolle eines Mannes schlüpft, um gesellschaftlichen Konventionen und Vorstellungen zu entfliehen. Ihr ganzes Leben wird dabei von schmerzlichen Verlusten geprägt. Zwischen Marian und Hadley stellt die Autorin Jamies Lebensweg, der als Künstler auf den Spuren seines Onkels wandelt und seine große Liebe Sarah, deren Vater mit Fleischhandel zu Geld gekommen ist, nie vergessen kann. Während Marian eher draufgängerischer Natur ist, Grenzen überwindet, gilt ihr Zwillingsbruder als sensibler Mensch.

Nominiert für Booker Prize

Mit ihrem Roman stand die US-Amerikanerin, 1983 in Kalifornien geboren, auf der Shortlist für den renommierten Booker Prize 2021 und war nominiert für den Women’s Prize for Fiction 2022. Für ihr Debüt „Leichte Turbulenzen bei erhöhter Strömungsgeschwindigkeit“ erhielt sie 2012 den Dylan Thomas Prize. Sie studierte von 2002 bis 2005 Amerikanische Literatur an der Harvard University, um im Anschluss den Iowa Writers‘ Workshop an der University of Iowa zu absolvieren. Zu ihren Mentorinnen zählte Zadie Smith. Für ihren ungemein lehrreichen weil vielschichtigen Roman hat Shipstead ausführlich recherchiert, der Leser erfährt einiges über die Geschichte der Luftfahrt, das Fliegen sowie die Besonderheiten von einzelnen Flugzeugen. Neben der fiktiven Geschichte der Heldin finden sich eine Reihe realer Bezüge. Anhand Jamies Figur wird zudem von der Kunst erzählt, wobei Hadleys Story für Hollywood und die verlogene Filmindustrie steht.

„Kreiseziehen“ ist ein opulenter bewegender Schmöker, den man trotz seines Umfangs von mehr als 860 Seiten so leicht nicht aus der Hand legt. Denn Shipstead beweist vor allem eine Hingabe zu ihren Figuren, die sich auf den Leser überträgt und Emotionen weckt. Man lebt und leidet mit den Helden. Darüber hinaus besticht der Roman durch wundervolle Landschaftsbeschreibungen, vor allem die Faszination für die Arktis und Antarktis wird deutlich spürbar. Einzig und allein die Schilderungen der recht häufigen Sexszenen wirken etwas ungelenk angesichts der Häufigkeit des eher unpoetischen „F“-Wortes. „Kreiseziehen“ erzählt von der stetigen und selbstbestimmten Suche nach dem Weg des Lebens, geht auch der Frage nach, wie viele Leben sich in einem Leben befinden können und was ein starker Wille bewirkt.

Immer wieder widmet sich Shipstead der Rolle der Geschlechter, vor allem der Ungleichbehandlung von Frauen, die als Pilotinnen einst kaum den Respekt erhielten, den sie verdient hätten. Dieser Roman setzt ihnen ein Denkmal. Doch vor allem das Trio Marian, Jamie und Caleb, deren schwere Kindheit und Jugend das Fundament für die tiefe Verbundenheit legt, wird wohl bei einigen unvergesslich bleiben.


Maggie Shipstead: „Kreiseziehen“, erschienen im dtv Verlag, in der Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Harriet Fricke, Susanne Goga-Klinkenberg und Sylvia Spatz; 864 Seiten, 28 Euro

Foto von Richard Rohrdanz auf Unsplash

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