30 Jahre sind mittlerweile vergangen, nachdem die 15-jährige Lara spurlos verschwunden ist. Sie hat in den Sommerferien 1956 als Haushaltshilfe bei einem vermögenden Ehepaar auf einer kleinen Insel in der Bucht vor Reykjavik gearbeitet. Der Fall beschäftigte das Land – auch Jahrzehnte später. Nie war er völlig aus dem Gedächtnis des Landes verschwunden. Der junge ehrgeizige Reporter Valur nimmt sich schließlich des Cold Case an und verfolgt eine heiße Spur. Die Polizei legte den Fall damals zu den Akten, während der damalige Ermittler Kristjan Kristjansson von ihm nicht loskam.
Zeitreise in die 80er-Jahre
Das überaus prominente Autorenduo Ragnar Jónasson und Katrín Jakobsdóttir – zu ihnen später mehr – führt mit ihrem Gemeinschaftswerk „Reykjavik“ in eine Zeit, in der vieles noch anders war, was diesen Krimi so interessant macht. Mitte der 80er-Jahren gab es keine Handys, kein Internet. Valur nutzt für seine Texte noch die Schreibmaschine und schreibt vieles noch mit der Hand. In Island herrscht gerade Inflation, das isländische Fernsehen erlebt seine Geburtsstunde, und die Hauptstadt wandelt sich angesichts großer Bauprojekte schnell.

„Reykjavik“ wird als Thriller bezeichnet, was der Roman allerdings nicht ist. Der Plot wartet zwar mit der einen oder anderen Überraschung, Wendung und auch einigen Schockmomenten auf, allerdings wird die Handlung eher bedächtig erzählt, was angenehm ist. Das liegt wohl auch daran, dass der Fokus vor allem auf der Recherche liegt, in die sich Valur mit Feuereifer stürzt. Aus einer anonymen Quelle erhält er nach einem ersten Artikel über den historischen Fall einen entscheidenden Tipp, der letztlich zum Ermittlungserfolg führen wird. Er recherchiert mit Hingabe und ist auf den Erfolg der Zeitung bedacht, die laut ihrem Verleger Dagbjartur in finanziellen Schwierigkeiten steckt.
„Die Isländer können von Kriminalgeschichten einfach nicht genug bekommen, dachte Sunna.“
Das Blatt braucht gute Storys, um mehr Leser anzuziehen. Da kommt im Übrigen auch ein später historisches Datum ganz recht: das Treffen zwischen dem US-Präsidenten Ronald Reagan und dem sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow, das seine Schatten vorauswirft. Später wird Sunna, Valurs Schwester, die Suche nach dem/die Täter aufnehmen. Warum – das soll an dieser Stelle verschwiegen werden, um nicht allzu viel zu verraten. Letztlich wird der eine oder andere Leser indes schon ahnen, wohin die Reise gehen wird. Nur so viel: Polizist Kristjan hatte bei seinen Ermittlungen in den 50er-Jahren bereits einen guten Riecher, und einflussreiche Männer aus unterschiedlichen Branchen werden aufgescheucht, als an den Fall durch Valur und seine Artikel wieder erinnert wird. Es geht um Vertuschung, Lügen und Macht.
Bestseller-Autor trifft auf Politikerin
Ragnar Jónasson und Katrín Jakobsdóttir haben ihr Buch der britischen Crime-Queen Agatha Christie (1890-1976) gewidmet, die ihre Begeisterung für Kriminalromane einst geweckt hat, wie sie in der vorangestellten Widmung schreiben. Jónasson ist hierzulande vor allem durch seine erfolgreiche Reihe über die Kommissarin Hulda Hermannsdóttir bekannt geworden und zählt zu den Mitbegründern des isländischen Krimifestivals „Iceland Noir“,
Jakobsdóttir war sechseinhalb Jahre Premierministerin des Landes, hatte zuvor isländische Literatur studiert. Ihre Masterarbeit verfasste sie über den erfolgreichen Krimiautor Arnaldur Indriðason. Menschen, die schreibende Politiker abschätzig verlachen, sollten da vielleicht nach Island schauen, das als Literaturland gilt und wo bis zu 100 Island-Krimis pro Jahr erscheinen. Beide saßen in der Jury für den Isländischen Krimipreis, der alljährlich seit 2007 vergeben wird und den zuletzt Margrét Höskuldsdóttir für ihren an den Westfjorden angesiedelten Roman „Lokar augum blám“ erhielt.
„Reykjavik“ war 2022 das meist verkaufte Buch in dem nordeuropäischen Land. Das Gemeinschaftswerk von Jónasson und Jakobsdottir bietet solide und ruhig erzählte Krimikost, die neben einem spannenden Cold-Case auch reichlich faszinierende Zeit- und Lokalkolorit sowie interessante Charaktere bietet.
Ragnar Jónasson & Katrín Jakobsdóttir: „Reykjavik“, erschienen im btb Verlag, aus dem Englischen übersetzt von Andreas Jäger, mittlerweile auch als Taschenbuch-Ausgabe erhältlich; 352 Seiten, 14 Euro
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