„Wie die anderen in Winesburg war er verwirrt und wusste nicht, was er tun sollte.“
Am Anfang ist der Schriftsteller, ein alter Mann mit weißem Schnurrbart, am Ende der junge Mann, der vom Schreiben träumt, die Stadt hinter sich lässt und sich von einer möglichen Liebe verabschiedet. Dazwischen liegen gut 20 Geschichten, die miteinander verwoben sind, ein dichtes Netz bilden. In einer Kleinstadt wie Winesburg, und sei sie eben fiktiv, ist das wohl eben so, denn jeder kennt jeden, machen Ereignisse und Entscheidungen schnell die Runde.
Geschichten ergeben ein großes Ganzes
„Winesburg, Ohio“ zählt unbestritten zu den Klassikern der amerikanischen Literatur, sicherlich auch zu den eher unbekannten. Im Gegensatz beispielsweise zum weit später erschienenen Roman „Früchte des Zorns“ von John Steinbeck oder „Manhattan Transfer“ von John dos Passos. Sherwood Andersons Werk ist kein Roman, auch wenn er sich ein wenig wie ein Roman gibt. Denn aus den vielen kleinen Geschichten entsteht ein großes Ganzes. Mittendrin: eben jener eingangs erwähnte junge Mann namens George Willard, ein ehrgeiziger Reporter der lokalen Tageszeitung, der vielen bekannt ist, dem nahezu jeder seine Lebensgeschichte oder seine Probleme anvertrauen will.

Wie der verzagt wirkende Wing Biddlebaum, der seine Hände nicht stillhalten kann und den eine eigentümliche Freundschaft mit George verbindet. Einst hatte er wegen falscher Anschuldigen seine Stelle als Lehrer verloren. Wir lernen auch Georges Eltern Tom und Elizabeth kennen, die ein Hotel mehr schlecht als recht führen, und den Nachtwächter Hop Higgins, der einst im Bürgerkrieg gekämpft hat. Da sind auch der Pfarrer Curtis Hartmann, den es nach der rauchenden wie lesenden Lehrerin gelüstet, und die Verkäuferin Alice, die auf die Rückkehr ihres Geliebten hofft, währenddessen ihr Leben leise und allmählich verrinnt.
„Winesburg, Ohio“ vereint die unterschiedlichsten Charaktere beider Geschlechter, aus verschiedenen Generationen stammend und verschiedenen Berufe nachgehend. Wir treffen die gut Betuchten und die Armen, die Hiesigen und die in der Kleinstadt Gestrandeten. Die meisten sind gezeichnet von Schicksalsschlägen, falschen Entscheidungen. Ihr Leben enthält Brüche. Es gibt keine Figur, die ein rundum glückliches Leben führt, mit sich völlig im Reinen ist. Im Gegensatz zu Steinbecks Klassiker über das Leid einer Farmersfamilie während der Großen Depression fühlt man sich mit Andersons Buch eher aus der Zeit gefallen. Die Probleme der Protagonisten, ihre Eigenheiten können auch die heutiger Menschen sein.
„Der Mensch macht sich die Wahrheiten selbst, und jede Wahrheit setzte sich aus einer ganzen Menge vager Gedanken zusammen. Die Wahrheiten waren allenthalben auf der Welt und sie waren alle schön.“
Andersons „Reihe von Erzählungen“, wie das Buch mit dem Untertitel“ heißt, erschien 1919, ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Anderson war da 43 Jahre alt. Geboren 1876 in Camden, Ohio, wuchs er in ärmlichen Verhältnissen in Clyde auf. Im Verlauf seines Erwachsenenlebens übte er mehrere Berufe aus, war sowohl Zeitungsbote und Stallarbeiter als auch Tagelöhner und Werbetexter. Mit dem Schreiben literarischer Texte begann er heimlich. Es entstanden Roman, Erzählungen und Gedichte. In Chicago kam er in Kontakt mit der Literatengruppe „Chicago Literary Renaissance“.
„Winesburg, Ohio“ ist sein bekanntestes Werk, an dessen Erfolg er später allerdings nicht mehr anknüpfen konnte, wenngleich er für den nur wenig später erschienenen Band mit Erzählungen und Gedichten „The Triumph of the Egg“ 1921 mit dem „Dial Award“ geehrt wurde. Während einer Europareise lernte er den jungen Ernest Hemingway kennen. 1941 starb Anderson während einer Schiffsreise nach Südamerika unter höchst unglücklichen Umständen. Er verschluckte einen Zahnstocher und erkrankte in Folge an einer Bauchfellentzündung.
„Allerorten sind Geister, nicht der Toten, sondern von Lebenden.“
Daniel Kehlmann, der für die liebevoll gestaltete Manesse-Ausgabe ein Nachwort verfasst hat, nennt Andersons Buch eines „der schönsten Werke der amerikanischen Literatur“ und stellt es in die Nähe zu den Surrealisten und Modernisten des 20. Jahrhunderts. Es ist zugleich auch ein Buch voller Melancholie und Einsamkeit. So einige Figuren wollen ein anderes Leben führen, verzagen indes an ihrer Angst vor Veränderungen, an örtlichen Umständen, manche sind gefangen in ihrem gesellschaftlichen Stand. Anderson schreibt von all den universalen Themen – von Liebe und Hass, Abschied und Tod, von Träumen und Sehnsüchten und lässt seine Helden oft durch die Kleinstadt flanieren, vertieft in Gespräche oder sich gegenseitig beobachtend. So entstehen kunstvoll Brücken zwischen verschiedenen Szenen.
Liebe zum Detail und zur kleinen Geste
„Winesburg, Ohio“ – zuletzt 2012 in zwei verschiedenen deutschsprachigen Ausgaben erschienen – ist ein faszinierendes Werk, das die unterschiedlichsten Lebensformen und Charaktere mit Lakonie sowie einer Liebe zum Detail und zur kleinen Geste einfängt, die Verzagten und die Mutigen, rundum das große Leben in all seinen Facetten nicht in lauten Tönen, sondern in stiller und gesetzter Weise einfängt. Ein Buch voller Lebensgeschichten und kluger Gedanken, das in jede private Bibliothek gehört, nicht nur für all jene Fans der amerikanischen Literatur.
Sherwood Anderson: „Winesburg, Ohio – Eine Reihe von Erzählungen aus dem Kleinstadtleben Ohios“, erschienen im Manesse Verlag, in der Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Eike Schönfeld, mit einem Nachwort von Daniel Kehlmann; 384 Seiten, 24 Euro
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