„Die Bar war wie ein Zirkus mit tausend verschiedenen Manegen, die alle gleichzeitig bespielt wurden.“
Hier treffen sich die Fremden und die Einheimischen, die Sieger und Besiegten, die Soldaten und die Zivilisten, die Offiziere und die Prostituierten. Die prächtige Galleria Umberto in Neapels Altstadt ist ein turbulenter Magnet und zugleich ein Mikrokosmos der Gesellschaft. In John Horne Burns‘ (1916-1953) gleichnamigen Debüt ist sie als Schauplatz zugleich eine besondere Heldin, vom Krieg versehrt.
„Noatun ist unser Ort, dort wohnen wir, dort werden wir leben und sterben.“
Dødmansdal – von Gott verlassen, von den Menschen gemieden, ein fast verrufener Ort auf einem der Eilande der Färoer. Dennoch wagt hier eine Gruppe Frauen und Männer einen Neuanfang. Sie pachten Land, roden es, um es urbar zu machen. Die Männer ziehen monatelang auf Fischfang mit mal mehr mal weniger Erfolg. Aus Dødmansdal wird Noatun. Ein Name, der auf den Palast des nordischen Meeresgottes Njörðr aus der Edda verweist.
1926 überquerte der norwegische Polarforscher Roald Amundsen (1872-1928) mit dem Luftschiff „Norge“ den Nordpol. Drei Jahre später wird er auf einer Rettungsmission für den Italiener Umberto Nobile, dessen Luftschiff in der Arktis abgestürzt war, ums Leben kommen. Die eisige menschenleere Welt und besondere Reisen haben die Menschen seit jeher fasziniert. Ob real oder nur in unserer Fantasie. Jules Vernes Roman „In 80 Tagen um die Welt“ gilt heute als Klassiker – genauso seine Bücher „20.000 Meilen unter dem Meer“ und „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“.
Wie sieht intelligentes Leben aus?
Im Jahr als Verne stirbt, nämlich 1905, spielt der zwei Jahre später erschienene Roman „Le Peuple du Pole“ seines Landsmanns Charles Derennes (1882-1930). Nicht nur wiederentdeckt, sondern erstmals ins Deutsche übersetzt hat ihn nun der in Heidelberg ansässige Flur Verlag. Ein faszinierender Roman, der zwei spannende Fragen aufwirft: Welche Formen, welches Aussehen kann intelligentes Leben annehmen? Und wie würde der Mensch mit einem intelligenten und ebenbürtigen Vertreter einer anderen Spezies wohl umgehen?
Nur soviel: Derennes stellt in Bezug auf Frage zwei der Menschheit kein gutes Zeugnis aus. Das Ende ist erschreckend, so dass man für die Opfer wenngleich in grausiger Gestalt nahezu Mitleid haben kann. Keine geringeren Geschöpfe als Saurier, die vor etwa 60 Millionen Jahren neben einem Großteil der Flora und Fauna durch einen verheerenden Meteoriten-Einschlag ausgelöscht worden sind, lässt Derennes auferstehen. Mittlerweile bevölkern sie ein Gebiet am Nordpol, in dem die Temperaturen angenehmer sind, sogar einige Vegetation sprießt. Die Saurier leben nicht nur in einer sozialen Gemeinschaft, sie sind zudem intelligent und erbauen Maschinen.
Angst und Zweifel
Im Jahr 1905 also fahren der Abenteurer Jean-Louis de Vénasque und sein einstiger Schulfreund und Ingenieur Jacques Ceintras mit einem Heißluftballon in Richtung Norden. Sie wollen zum Pol. Erste Vorbereitungen ihrer anspruchsvollen Reise führten sie in den Weiten Sibiriens durch. Doch statt eisiger Gefilde finden sie vor Ort eben jene Oase mit ihren ungewöhnlichen Bewohnern vor, die in unterirdischen Gängen leben. Die Reise und auch der Aufenthalt wird zu einer Belastungsprobe, denn beide Männer geraten mehrfach in Streit. Angst und Zweifel beherrschen vor allem Ceintras, schreibt jedenfalls sein Kompagnon in seinem Bericht, den später ein Wissenschaftler einem Verleger in die Hände drückt. Die Lage eskaliert, als beide Männer das Reich der Ungeheuer verlassen wollen. Ceintras fühlt sich von den intelligenten „Ungeheuern“ überrumpelt und richtet ein Blutbad an.
„Doch in dem Augenblick wandte sich eines der Ungeheuer zu uns her, und in seinem Blick lag etwas derart Menschliches, dass ich plötzlich ganz ernst wurde.“
Derennes kam am 4. August 1882 in Villeneuve-sur-Lot, im Südwesten Frankreichs nahe Bordeaux, zur Welt. Seine Vorfahren waren Lehrer. Er selbst begann schon als Kind zu schreiben – mit sieben Jahren einen ersten Roman, später auch Gedichte. Berühmt wurde er vor allem für seine Tiergeschichten. Die Liste seiner Werke umfasst etwa 50 Bücher. Zudem arbeitete er für mehrere Zeitschriften. 1924 bekam er den renommierten Prix Femina verliehen. Im Alter von nur 47 Jahren starb er am 27. April 1939 in Paris. Sein Grab befindet sich in seinem Geburtsort.
„Nichts hat, seit unvordenklichen Zeiten, die Stille, die sich über diese Ödnis breitet, je gestört, und zum ersten Mal wird diese Natur vom hochmütigen Eindringen des Menschen belästigt (…).“
„Ungeheuer am Nordpol“ wird zum sogenannten Steampunk gezählt, der als Begriff auf den US-amerikanischen Science-Fiction-Autor Kevin Wayne Jeter zurückgeht. Bücher dieses Genres setzen sich mit einer technisch hochentwickelten Zukunft auseinander. Jules Verne gilt als Begründer, H.G. Wells als weiterer bekannter Vertreter. Häufige Elemente sind dampf- und zahnradgetriebene Mechanik, ein viktorianischer Kleidungsstil nebst Wertemodell dieser Zeit und eine gewisse Abenteuerromantik.
Maßlose Selbstüberschätzung des Menschen
Der Reiz des Romans „Ungeheuer am Nordpol“ lässt sich auf vielen Ebenen finden. Es ist die ästhetische Sprache, die nicht nur die Orte bildhaft und die Gefühle der Helden detailreich einfängt, als auch der raffinierte Aufbau, was ungemein fasziniert. Zugleich verbindet Derennes‘ Buch Fiktion mit realen Fakten wie historische Expeditionen sowie wirkliche Saurierarten wie Pterodactylus und Iguanodon. Und der Roman lässt sinnieren über die Frage nach der Existenz anderen intelligenten Lebens und den Folgen für uns Menschen. Allerdings nicht nur mit Blick auf außerirdisches Leben, sondern angesichts von Existenzen auf unserer Erde. Denn wer weiß, was oder wer sich noch finden lässt. So gilt bisher nur ein winziger Bruchteil des Meeresbodens vor allem der der Tiefsee als erforscht.
„Ungeheuer am Nordpol“ ist nicht nur eine große Entdeckung für alle Fans der phantastischen Literatur und kommt in einer ansprechenden Ausstattung nebst Karte, Illustrationen und Nachwort daher. Letztlich bringt uns das Buch dazu, sich generell mit philosophischen Fragen auseinanderzusetzen. Vor allem auch mit jener, was macht uns Menschen aus. Die Hybris, die maßlose Selbstüberschätzung, ist ebenfalls eines der großen Themen dieses wunderbaren Buches, für deren Entdeckung man sehr dankbar sein sollte.
Charles Derennes: „Ungeheuer am Nordpol“, erschienen im Flur Verlag, in der Übersetzung aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Dieter Meier; 256 Seiten, 22 Euro
„(…) die Grausamkeit der Menschen erfüllt mich mit Entsetzen.“
Rückzug, Masken, Lockdown. Alles gehabt, alles bekannt. Die englische Autorin Claire Fuller arbeitete gerade an ihrem neuen Roman, als der Corona-Virus seine Reise um den Erdball antrat und eine weltweite Pandemie auslöste, die noch immer nachwirkt, allerdings auch weitaus schlimmere Folgen hätte haben können. Ihr Szenario ist indes weit drastischer, und ihr jüngstes Buch „Das Gedächtnis der Tiere“ reiht sich ein in eine Vielzahl von dystopischen Werken, die sich auch mit dem Verhältnis Mensch und Natur auseinandersetzt.
„Es gibt Wahrheiten, die man nur durch Fiktion vermitteln kann.“
Im Speisesaal einer Pension wird der Schriftsteller Johan Oskarsson erhängt aufgefunden. Die Polizei geht von Selbstmord aus, nur ein einstiger Freund, ebenfalls Autor, glaubt nicht daran und zweifelt an der Theorie. Er bekommt einen Anruf des Ermittlers Vidar Jörgensson, denn er war der letzte, den Oskarsson vor seinem Tod kontaktiert hatte. Der Autor macht seine eigenen Recherchen über seinen Freund, der zuletzt an einer Biografie der bekannten Schriftstellerin Ingrid Klinga gearbeitet hat.
„Alles schien klamm in diesem Land zu sein, selbst das Essen.“
Lausitz: Ganz im Osten, das sind Kohleabbau, Riesenbagger und verschwundene Dörfer, Spreewald und Zittauer Gebirge. Mittendrin: Sanditz, eine fiktive Kleinstadt nahe der deutsch-polnischen Grenze, wobei im neuen, gleichnamigen Roman von Lukas Rietzschel nicht ein hübsches Zentrum, sondern die Siedlung am Rande und ihre Menschen im Mittelpunkt stehen.