Entdeckung der Einsamkeit – Thomas Glavinic „Das größere Wunder“

„Liebe ist: den leuchtenden Punkt der Seele des anderen zu erkennen und anzunehmen und in die Arme zu schließen, vielleicht gar über sich selbst hinaus.“

Suchende sind nicht immer Findende. Nur wenigen ist es vergönnt, etwas Großes für sich zu entdecken wie die wirkliche Liebe für das ganze Leben. Für sie ist Jonas um die ganze Welt gereist. Hundert Länder hat er besucht, auf nahezu allen Kontinenten ist er gewesen, selbst in Australien und in der Antarktis. Doch dann geht Marie weg, und Jonas auf den höchsten Berg der Welt. In mehreren Tausend Metern Höhe zieht sein Leben vorbei, das der Erzähler in dem Roman „Das größere Wunder“ von Thomas Glavinic beschreibt. 

Ich könnte jetzt mit dieser Besprechung aufhören und nur noch einen Satz hinzufügen: Lest unbedingt dieses Buch. Und eine ganze Reihe Ausrufezeichen dahinter setzen, damit diese Wörter etwas mehr wirken. Doch dann werde ich diesem bezaubernden Roman und seinem Schöpfer nicht wirklich gerecht. Denn man sollte auf Erzähler wie Glavinic immer wieder aufmerksam machen. Weil sie unterhalten, berühren und auf die Seele wirken.

Wir sind so wenig, dass es eigentlich zum Totlachen ist. Aber genau darum ist das Leben vielleicht so kostbar. Und das soll ich mir nehmen lassen? Von ihnen nicht. Das sagt mir nämlich die Sonne, wenn sie verschwindet und wiederkehrt.

Jonas hat kein einfaches Leben. Sein Zwillingsbruder ist geistig behindert, der Vater tot, die Mutter Alkoholikerin. Ihr Partner lässt seinen Frust an den beiden Brüdern aus. Nach einem Zwischenfall nimmt der Großvater von Jonas Freund Werner die beiden Kinder zu sich. Jonas und Mike leben fortan bei Picco, der Geld wie Heu und ein großes Anwesen hat. Werner und Jonas gehen nicht in eine Schule, sie werden von Privatlehrern unterrichtet. Wie Zach, der als Sportlehrer den Jungen  auch Selbstverteidigung beibringt. Regelmäßig schickt Picco die Jungen in die Welt hinaus. Grenzen erfahren sie kaum, nicht einmal die der Gesetze. Sie lassen einen Schweinestall in die Luft fliegen oder klauen einen Traktor. Doch diese scheinbare Idylle findet ein Ende. Jonas wird mit tragischen Schicksalsschlägen und Schmerz konfrontiert, die ihn schließlich nur einen Weg zeigen. Er wird die Heimat verlassen – auf der Suche nach der Liebe,

Neben dieser Geschichte des Erwachsenwerdens und einer besonderen Freundschaft schickt Glavinic Jonas in einer zweiten Nebenhandlung auf den Mount Everest. Zuvor hat er zwei Jahre allein in einer Wohnung in Roman gelebt. Nahe Oslo lässt er sich von einer Freundin ein mehrstöckiges Baumhaus bauen. Außerdem kauft er sich eine einsame Insel im Pazifik. Seine Wünsche sind merkwürdig, ja märchenhaft und erinnern ein wenig an die Geschichte vom Fischer und seiner Frau. Doch an Geld und tatkräftigen wie einflussreichen Helfern wie einem japanischen Anwalt mangelt es dem jungen Mann nicht. Zudem hat Picco ihm per Testament ein Vermögen vermacht, das er auch in verschiedene Hilfsprojekte fließen lässt. Auf dem Berg der Berge blickt er nun zurück auf sein Leben, das trotz der Menschen immer wieder von Einsamkeit geprägt ist. Früh hat Jonas erkannt, dass er anders ist. Nicht viele Freunde, sondern den Menschen fürs Leben braucht er. Auf dem höchsten Berg kommt er schließlich an die Grenzen seiner physischen wie psychischen Kräfte.


Glavinic, 1972 geboren und einer der erfolgreichsten Autoren Österreichs, muss gerade für diese Berg-Passagen sehr viel recherchiert haben. Nur so ist es zu erklären, dass er die Erlebnisse und tragischen Geschehnisse der Bergsteiger so detailreich, plastisch und packend schildern kann. Für viele sind die Meter von Lager zu Lager der letzte Weg, den sie zurücklegen. Einige sterben – weil der Körper wegen der Strapazen versagt, riesige Eisbrocken und Gletscherspalten das Leben kurzerhand beenden. Leichen säumen den Weg. Ehrfurcht und Respekt lässt der Autor gegenüber den Sherpas erkennen, die mit ihrem großen Wissen und einer riesigen Portion Zähigkeit und Willen die Bergsteiger begleiten und schwere Ausrüstungsgegenstände tragen. Mittlerweile sind es viele Wagemutige, die den Mount Everest erklimmen wollen. Trotz der Gefahr in einem Land der Extreme. Ein richtiger Tourismus, eine Industrie hat sich mit den Jahren gebildet. Leise Kritik lässt Glavinic daran erklingen.

Und obwohl er weiß, was er weiß, sieht er seine bald starren Finger und hört seine bald vergehende Stimme, und diese Welt ist eine einzige Unfassbarkeit.

Spannung erzeugt Glavinic nicht nur durch seine atmosphärisch dichten Schilderungen. Immer wieder setzt er geschickt Verweise, die die kommende Handlung des jeweiligen Handlungsstranges andeuten und einem wirklich zwingen, weiter zu lesen. Seine Sprache ist poetisch, sein Protagonist ein Held, der dem Leser unheimlich nahe kommt. Es mutet nahezu an, als sei man ein stiller Beobachter, der nicht aus der Ferne das Geschehen betrachtet, sondern nur eine Handbreit entfernt steht, im Flieger sitzt oder im Zelt bei eisiger Kälte ausharrt.

Der ganze Roman ist ein Kosmos aus Themen. Es geht um Liebe und Freundschaft, um die Trauer nach dem Tod eines geliebten Menschen, aber auch um die Bedeutung von Grenzen und den vielen Möglichkeiten im Leben. Die Welt ist groß und weit, auch das sagt das Buch aus, das ein riesiger Schatz, ja ein Wunder ist und gerade durch seine verrückten und unrealistischen Szenen bezaubert. Schon jetzt zählt „Das größere Wunder“, das für den Deutschen Buchpreis nominiert war, zu meinen besonderen Entdeckungen des Jahres, das eigentlich noch eine Menge Lesezeit bereithält.

Der Roman „Das größere Wunder“ von Thomas Glavinic ist kürzlich als Taschenbuch-Ausgabe beim dtv-Verlag erschienen. 528 Seiten, 11,90 Euro

3 Comments

  1. Danke für diese spannende Rezension, die mir ein Buch in Erinnerung ruft, das ich auch gerne gelesen habe, mit dem ich aber auch meine Schwierigkeiten hatte. Gut gefallen haben mir die Passagen über den Berg und das Bergsteigen, Schwierigkeiten hatte ich mit dem Ende, das mir dann doch etwas too much gewesen ist. 🙂

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    1. Danke für Deinen Kommentar, liebe Mara. Ein Rezensent meinte, es wäre auch Kitsch dabei, aber trotzdem ein großes Buch. Ich denke, Glavinic hat damit gespielt, Formen und Stimmungen gegeneinander gesetzt. Das Ende war schon etwas diplomatisch, aber ich denke, darin liegt bei vielen auch eine gewisse Sehnsucht, ein solches Glück selbst zu erleben. Über was ich immer noch etwas grübele, warum Jonas seinen Berg-Erfolg verheimlicht. Viele Grüße .

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