Zum Verräter gemacht – Amos Oz „Judas“

„Wenn einer sich Tag und Nacht vor den Menschen in Acht nimmt, wenn er ununterbrochen darüber nachdenkt, wie er Anschlägen entgeht, wie er Intrigen abwehrt und welche List er in Gang setzen könnte, um von Weitem eine Falle zu erkennen, die ihm gestellt wird – wird er zwangsläufig beschädigt.“

Über diese Geschichte gibt es unendlich viele Bücher. Viel ist geschrieben worden über Jesus und seine Jünger, über den Verrat und die anschließende Kreuzigung und den qualvollen Tod des Propheten. Eine ganze Religion basiert auf der berühmtesten Geschichte der Menschheit, die sich tief in das historische, kulturelle und geistige Bewusstsein hineingepflanzt hat. Nicht unbedingt nur auf positive Weise, wie die Geschichte des Judentums mit all ihren traurigen Kapiteln beweist.

Ich muss ehrlich gestehen: Als während der Leipziger Buchmesse Mirjam Pressler für die Übersetzung des Romans „Judas“ von Amos Oz mit dem Preis der Buchmesse ausgezeichnet wurde, dachte ich, dass die Entscheidung der Jury auch eine „politische“ war – mit Blick auf den Schwerpunkt der Buchmesse, der die diplomatischen Beziehungen von Deutschland und Israel in den Fokus gerückt hatte. Als ich jedoch mit der Lektüre tief in die Geschichte des Romans eintauchte, begann ich die Wahl zu verstehen. Denn wie der Erfolg von Jan Wagners Gedichtband „Regentonnenvariationen“ der Lyrik Aufmerksamkeit schenkt, sollte jene fast mythische Geschichte über Jesus und Judas und vor allem ihr Einfluss auf die heutige Zeit mit diesem Roman einmal überdacht werden.

Das Leben ist ein vorübergehender Schatten. Auch der Tod ist ein vorübergehender Schatten. Nur der Schmerz geht nicht vorbei. Er dauert an, immer und ewig.

Erzählt wird in dem neuen Werk des israelischen Autors von dem jungen Mann Schmuel. Nachdem seine Eltern in finanzielle Nöte gekommen sind, er außerdem von seiner Freundin Freundin verlassen wurde, beendet er sein Studium in Jerusalem und nimmt eine Stelle im Haus von Atalja Abrabanel an. Seine Aufgabe ist es, sich um ihren gehbehinderten Schwiegervater Gerschom Wald zu kümmern: Ihm das Essen zu bringen, sich mit ihm zu unterhalten oder ihm vorzulesen. Dafür bekommt er ein geringes Taschengeld sowie Kost und Logis. Mit der Zeit entsteht zwischen den drei Bewohnern eine gewisse Vertrautheit, kommen die verschiedenen Schicksale und Lebensläufe ans Tageslicht. Atalja hat während des Unabhängigkeitskrieges im April 1948  ihren Mann Micha verloren. Sie ist die Tochter des Zionisten Schealtiel Abrabanel. Einst sowohl in der Jewish Agency als auch in der zionistischen Bewegung aktiv, wurde er später als Verräter bezeichnet. Rund um die Geburtsstunde des israelischen Staates pflegte er sehr gute Beziehungen zu Arabern und warnte vor der Gründung eines eigenen jüdischen Staates. Gerschom ist Michas Vater und ein eifriger Verfechter des israelischen Staates. Trotz dieser beider unterschiedlichen Positionen lebten Atalja, Gerschom und Schealtiel einige Zeit in dem Haus fast einträchtig zusammen, in das Gerschom nach dem Tod seine Sohnes auf Bitte des Zionisten gezogen war. Nach dem Tod von Ataljas Vater blieben Schwiegertochter und Schwiegervater allein im Haus zurück. Bis nach und nach junge Männer- Schmuel hatte in seinem „Amt“ einige Vorgänger – einziehen.

Schon jetzt wird deutlich: Die Geschichte des Romans rund um den einstigen Studenten, im Jahreswechsel 1959/60 auf vier Monate Handlungszeit angesiedelt, enthält viele andere, nicht minder größere Geschichten, die schon für sich allein mit den Biografien der Protagonisten symbolisch ein abwechlungsreiches und vielschichtiges Porträt des Landes zeigen. Doch Oz stellt den Leser vor eine weitere Herausforderung. Er blickt noch weiter zurück – in die Zeit des biblischen Mythos und wie er das Verhältnis der beiden Religionen geprägt hat. Judas gilt als Verräter, als Archetypus der Juden, über die ein ewiger Fluch liegt. Das sind die Themen über die sich Gerschom und Schmuel in ihren Gesprächen täglich auseinandersetzen – auch auf der Grundlage von Schmuels Forschung, in der er sich intensiv mit Judas und der Perspektive der Juden beschäftigt hat.

Er wollte keine Welt, die in Hunderte von Nationalstaaten aufgeteilt ist. Wie endlose Reihen von Käfigen im Tierpark.

In diesem Zusammenhang finden spannende Gedanken ihren Eingang in den Roman: Vor allem die Überzeugung Schealtiels, dass Völker auch ohne Ländergrenzen und Nationalstaaten zusammenleben könnten. Diese Idee hätte er sich für Juden und Araber gewünscht. Denn jener bis heute schwelende Nahost-Konflikt zwischen beiden Völkern hat ihren Ursprung in der Gründung Israels, eine Entwicklung, die der Zionist bereits vorhergesagt hatte. Weit nachdrücklicher ist jedoch ein anderer Blick auf Judas und die letzten Tage von Jesus. Judas sei kein Verräter, er war der treueste der Jünger. Und mit der Kreuzigung sei erst das Christentum entstanden, so die Gedanken von Schmuel.

In diesem Werk so voll gepackt mit den hochwichtigen wie ernsten Themen Religion, Politik und Geschichte finden sich jedoch auch leise, gefühlvolle und persönliche Töne. So in der kurzen Liebesbeziehung zwischen Schmuel und Atalja, in dem langsam entstehenden respektvollen Verhältnis zwischen dem Studenten und dem Alten, das einen Kontrast bildet zur schwierigen Beziehung, die Schmuel, seine Eltern und seine in Italien lebende Schwester trennt. Und in der tiefen Trauer Ataljas, die sowohl Mann und Vater in kürzester Zeit verloren hat und die wie ein Schatten über dem Zusammenleben im Haus liegt.

Das Webmaterial, das all jene Geschichten zusammenfügt, ist Oz‘ Sprache. Wie er die Personen und Orte mit Worten erschafft – ist hohe Kunst und unvergleichlich zu nennen. Man braucht keine Fotografie, um sich Ataljas Haus mit dem urigen Hof und den vielen Pflanzen vorzustellen, das sowohl Zuflucht wie Gefängnis für den jungen Mann bedeutet, nahezu als ein kleineres Abbild der Stadt Jerusalem erscheint, das durchzogen ist von Grenzen jeglicher Art. Auch im Haus kann sich Schmuel nicht frei bewegen, da einige Räume für ihn tabu sind und er strikten Regeln folgen muss.

Ohne Frage: „Judas“ von Amos Oz ist kein Buch, das man auf die Schnelle lesen sollte. Dieser Roman braucht eine gewisse Zurückgezogenheit und Stille, um sich den Geschichten und Gedanken voll und ganz widmen und sie auch innerlich verarbeiten zu können. Am Ende fühlt man kein Glück, keine Zufriedenheit. Vielmehr herrscht ein dumpfer Ton der Traurigkeit, weil so viele Menschen bis heute Opfer von jenem Religionskonflikt geworden sind und den weisen Träumern wie Schealtiel nie eine Stimme gegeben wird. Aber da ist auch noch eine große Dankbarkeit, dass dieses kluge und bereichernde Buch entstanden ist.

Der Roman „Judas“ von Amoz Oz erschien im Suhrkamp Verlag, in der Übersetzung aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler, für die sie den Preis der Leipziger Buchmesse 2015 in der Kategorie Übersetzung erhalten hat.

335 Seiten, 22,95 Euro