Backlist #11 – Richard Flanagan „Der schmale Pfad ins Hinterland“

„Denn wenn die Lebenden die Toten loslassen, zählt das Leben nichts mehr.“

Viel ist über den Zweiten Weltkrieg geschrieben worden, unzählige Bücher sind erschienen; Romane, Zeitzeugenberichte und wissenschaftliche Literatur. Doch immer wieder stößt man als Leser auf Ereignisse, von denen man wenig oder noch nichts weiß. War mir persönlich die Brücke am Kwai zwar vom Namen bekannt, auch durch den gleichnamigen Film, wurden mir die Geschehnisse beim Bau der sogenannten Todeseisenbahn in Thailand und Burma erst mit dem Roman „Der schmale Pfad durchs Hinterland“ umfassend nahe gebracht. Für sein Werk erhielt der Australier Richard Flanagan im Jahr 2014 den renommierten Man Booker PrizeBacklist #11 – Richard Flanagan „Der schmale Pfad ins Hinterland“ weiterlesen

Mathijs Deen „Über alte Wege“

„Veränderung beginnt damit, dass man einen neuen Weg geht, selbst wenn es nur eine Spur ist.“

Europastraßen: Sie bilden ein dichtes Netz, das sich über Europa und weite Teile Asiens legt. Sie führen von Norden nach Süden, von Westen nach Osten und machen nicht an Grenzen halt. Rund 250 von ihnen gibt es, mal mehr, mal weniger gut gekennzeichnet und ausgebaut. Diese Pisten für Fernfahrer und Touristen sind jedoch keine Erfindung der letzten Jahrzehnte. Ihre Geschichte reicht vielmehr sehr weit zurück. Und immer hatten sie eine besondere Bedeutung. Auf eine wundersame Reise in Raum und Zeit lädt der Niederländer Mathijs Deen mit seinem faszinierenden Buch „Über alte Wege“ ein. Mathijs Deen „Über alte Wege“ weiterlesen

Juan Gómez Bárcena „Kanada“

„Alle schuldig. Alle würden sie alles tun, um zu überleben (…).“

Man möge mir verzeihen, dass dieser Band, der innen wie außen so voller Trauer und Schmerz ist, nach meiner Lektüre mit bunten Fähnchen übersät ist. Es gibt viele Passagen, die sich einprägen, die neben der Handlung und der Botschaft des Buches unvergesslich bleiben. Sicher: Es gibt viele Bücher über das Leiden und die Verbrechen, schlichtweg das Unfassbare, im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Doch der neue Roman des Spaniers Juan Gómez Bárcena mit dem eigenartigen Titel „Kanada“ ist wohl eines der anspruchsvollsten.

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Jeroen Olyslaegers „Weil der Mensch erbärmlich ist“

„In jedem Mitläufer steckt ein Dreckskerl.“

Die Zeit teilt sich, in die des Schuldigseins und jene der Schuldbekenntnisse. Wobei nicht alle Menschen diesen Weg, diese Entwicklung vollziehen. Der Held in dem eindrucksvollen Roman des flämischen Autors Jeroen Olyslaegers mit dem markanten Titel „Weil der Mensch erbärmlich ist“ blickt zurück auf die Zeit der deutschen Besatzung, als er als Hilfspolizist auf beidenSeiten gestanden hat. Jahrzehnte nachdem er eine unwiderrufliche Schuld auf sich geladen hat, schreibt er seine Erlebnisse nieder. Jeroen Olyslaegers „Weil der Mensch erbärmlich ist“ weiterlesen

Alice Zeniter „Die Kunst zu verlieren“

„(…), dass ein Land nie nur einziges ist.“

1962 – Algerien erlangt die Unabhängigkeit von Frankreich. Nach acht Jahren Krieg, der Menschen das Leben nahm, Familien zerriss. Weil die einen in den Untergrund gingen und sich der Befreiungsarmee angeschlossen haben, weil die anderen auf der Seite der Besatzer standen, oder weil einige zwischen den Fronten zerrieben wurden. 1962 flieht Ali, der einst an der Seite der Franzosen im Zweiten Weltkrieg gekämpft hat und als „Harki“, als Kolloraboteur, gilt,  mit seinem ältesten Sohn Hamid über das Mittelmeer nach Frankreich, seine Frau Yema und die weiteren Kinder kommen später nach. Diese Zerrissenheit zwischen den Kulturen und der Verlust der Heimat spiegelt sich in der Familie wider. Sie führt zu Ängsten und Traumata, zu Konflikten zwischen den Generationen. Die Französin Alice Zeniter hat darüber mit „Die Kunst zu verlieren“ einen herausragenden Roman geschrieben.

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Steffen Mensching „Schermanns Augen“

„Der Mensch ist eine Bestie.“

Einige historische Persönlichkeiten lernt man zuerst mit Geschichtsbüchern kennen, andere mit der Lektüre von Literatur. Als ich „Schermanns Augen“, den neuen Roman von Steffen Mensching zu lesen begann, wusste ich nicht, dass der Titelheld auf den 1884 in Krakau geborenen Schriftendeuter und Hellseher Rafael Schermann, also eine überaus reale Person, zurückgeht. Doch auch ohne dieses Wissen erweist sich dieses umfangreiche Werk als großer Wurf; vielleicht gerade wegen seiner Eigenschaft, die historische Wirklichkeit mit der Fiktion verschmelzen zu lassen. Doch nicht nur deshalb. Steffen Mensching „Schermanns Augen“ weiterlesen

Von Leid und Hoffnung – Sebastian Barry „Tage ohne Ende“

„Schätze mal, letzten Endes ist das Land der Verheißung in Grautöne gehüllt.“

Der Wildwestroman hat es noch immer schwer, als anspruchsvolle Literatur wahrgenommen zu werden. Abgesehen von großen Namen wie James Fenimore Cooper und Jack London, und obwohl es in den vergangenen Jahren mit Antonin Varennes Roman „Äquator“ und die Wiederentdeckung von „Butchers Crossing“ von John Williams schon herausragende Titel gegeben hat, an die ich an dieser Stelle gern erinnern möchte. Denn allzu eng ist dieses Genre noch immer mit den dünnen Heftchen verknüpft, die in Bahnhofsbuchhandlungen, Supermärkten und am Kiosk verramscht werden. Der irische Schriftsteller und Dramatiker Sebastian Barry legt mit seinem neuen Werk „Tage ohne Ende“ Maßstäbe und beweist, dass eine große Geschichte im historischen Amerika und große Poesie durchaus zueinander finden können. Von Leid und Hoffnung – Sebastian Barry „Tage ohne Ende“ weiterlesen

Ketil Bjørnstad „Die Welt die meine war“

„Das ist mein Platz. Der des Betrachters.“

Als ich dieses Buch las, hatte ich oft diesen fetzigen Song im Kopf, einen Ohrwurm, der einfach nicht verschwinden wollte. Kurioserweise oder wie der Zufall es so wollte, stammt der Hit – wie auch dieses Buch  –  von einem Pianisten. „We Didn’t Start The Fire“ heißt der Hit des Amerikaners Billy Joel, in dem „The Piano Man“ herausragende Personen und Ereignisse der Geschichte in den Strophen aufzählt und aneinanderreiht, einer Chronik gleich. Zu einem Rückblick in eine vergangene Zeit, genauer gesagt in die 1960er-Jahre, lädt der Jazz-Pianist Ketil Bjørnstad mit dem ersten Band seiner Autobiografie ein. Auf eine ganz ähnliche Weise wie sein Kollege Joel.  Ketil Bjørnstad „Die Welt die meine war“ weiterlesen

Backlist #6 – Robert Seethaler „Der Trafikant“

„Es sind komische Zeiten gerade. Oder vielleicht waren die Zeiten immer schon so komisch.“

Die Zeit ist schon eine merkwürdige Erscheinung. Sie rast dahin, man möchte sie festhalten. Manchmal lässt sie Wunden in Narben verwandeln. Manchmal glaubt man,  meint man, hat es sie schon einmal gegeben.  In diesen Wochen, Monaten denkt man oft an eine Zeit zurück, die schließlich die Schwärze und das Grauen gebracht hat. Damals begann sich der Horizont dunkel zu verfärben. Wer den vierten Roman Robert Seethalers mit dem recht unscheinbaren Titel „Der Trafikant“ in die Hand nimmt und ihn liest, wird Parallelen zwischen dem historischen Geschehen, das dem Österreicher als Vorlage diente, und aktuellen Erscheinungen feststellen. Doch nicht nur deshalb sollte man dieses großartige Werk lesen und immer wieder weiter empfehlen. Backlist #6 – Robert Seethaler „Der Trafikant“ weiterlesen

Rocket Man – Michael Chabon „Moonglow“

„Für mich ist die Welt ganz verschwommen.“

Viele haben es gesungen, darunter die ganz Großen: Benny Goodman, Tony Bennett, Bing Crosby, Billy Holiday. Selbst der Engländer Rod Stewart zählt zu jenen, die das 1933 entstandene Lied „Moonglow“ über Mondschein und eine besondere Liebe interpretiert haben. Auch der neue Roman von Michael Chabon trägt diesen Titel und verweist an einer Stelle auf diesen legendären Song. Das Werk des amerikanischen Pulitzerpreisträgers, der zu den bedeutendsten Gegenwartsautoren seines Landes zählt, beschreibt das auf den ersten Blick recht unaufgeregte Leben eines Mannes, der jedoch zu einem Protagonisten in der Geschichte der Raumfahrt wird.

Rocket Man – Michael Chabon „Moonglow“ weiterlesen

Liebe mit Grenzen – Christoph Hein „Verwirrnis“

„Er musste schweigen, musste verschweigen, was keiner wissen durfte.“

So innerlich eingegraben, verkantet, nahezu festgesaugt haben sich bei mir in der letzten Zeit nur wenige Bücher. Christoph Heins neuer Roman „Verwirrnis“ hat dies geschafft. Dass so eine besondere, besonders auch traurige Geschichte zugleich so viel Begeisterung entfachen kann, lässt mich indes auch etwas ratlos zurück. Woran liegt es, dass wir die tragischen Romane oftmals mehr schätzen, als die unaufgeregteren mit dem Happy End? Ohne den Ausgang vorwegnehmen, ihn nur anzudeuten:  Etwas Hoffnung bleibt,  von der der Held der Geschichte nur eine, aber dafür umso bedeutende Entscheidung entfernt ist.  Liebe mit Grenzen – Christoph Hein „Verwirrnis“ weiterlesen

Fremde Heimat – Ernst Lothar „Die Rückkehr“

„Die Wahrheit zu sagen ist immer eine Aufgabe.“

Im Vergleich zu Romanen über die Zeit des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkriegs ist die Zahl all jener Bücher über die Nachkriegsjahre spürbar geringer. In den letzten Monaten erschienen mit „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz (Klett & Cotta) und „Berlin, April 1993“ von Felix Jackson (Weidle Verlag) zwei Titel, die sich nicht nur mit den Anfängen der Nazidiktatur beschäftigen, sondern nunmehr in einer Neuauflage erschienen sind. Eine eindrückliche Wiederentdeckung ist auch der Roman „Die Rückkehr“ des österreichischen Schriftstellers und Juristen Ernst Lothar (1890 – 1974), der darüber erzählt, welche verheerenden und furchtbaren Folgen zwölf Jahre Schreckensherrschaft und sechs Jahre Krieg für Europa und Millionen von Menschen mit sich brachte.     Fremde Heimat – Ernst Lothar „Die Rückkehr“ weiterlesen

Fratze des Krieges – Ralf Rothmann „Der Gott jenes Sommers“

„Die ahnen nicht, wofür man lebt! Wo andere Leute Träume haben, hängen bei denen Würste oder Ritterkreuze.“

Wie nur beginnen, wenn bereits so vieles geschrieben und gesprochen wurde – über jene Zeit, über jenes Buch, das einen bereits bekannten Zwilling kennt. Schrieb Ralf Rothmann in seinem erfolgreichen Roman „Im Frühling sterben“ über die Fronterfahrungen zweier Jugendlicher während des Zweiten Weltkriegs, rückt in seinem neuesten Werk „Der Gott jenes Sommers“ das Leben und Leid der Zivilbevökerung in den letzten Wochen und Monaten vor Kriegsende in den Mittelpunkt, wobei es mit dem jungen Melker Walter eine Wiederbegegnung mit einem Helden aus dem 2015 erschienenen Buch gibt. Fratze des Krieges – Ralf Rothmann „Der Gott jenes Sommers“ weiterlesen

Vom Schmerz – Stefan Hertmans „Krieg und Terpentin“

„Orte sind nicht nur Raum, sondern auch Zeit.“

Es ist Krieg, der erste der Welt, der erste, der mit Maschinen ausgetragen wurde und zu unfassbar hohen Opferzahlen und Leid geführt hat. Mittendrin in diesem Gemetzel: Urbain Martien. Er dient als Soldat in der belgischen Armee. In den kommenden vier Jahren wird er mehrmals verwundet. Für seine Aufopferungsbereitschaft und seinen Mut wird er mit zahlreichen Orden geehrt, die ihn nur wenig interessieren. Als Erinnerung bleiben Szenen der Gewalt und Zerstörung sowie der Schmerz, den er in seinem Notizbuch in Worte zu fassen versuchte. Sein Enkel Stefan Hertmans hat die Erinnerungen seines Großvaters in seinem berührenden wie erschütternden Buch „Krieg und Terpentin“ verarbeitet.  Vom Schmerz – Stefan Hertmans „Krieg und Terpentin“ weiterlesen

Backlist #4 – Agota Kristof „Das große Heft“

„Alle Welt ist in Schwierigkeiten.“

Manche Bücher begleiten einen, obwohl sie noch nicht gelesen worden sind, aber weil man sie unbedingt kennenlernen möchte. Egal aus welchem Grund. Der Roman „Das große Heft“ der ungarischen Schriftstellerin Agota Kristof ist solch ein Buch. Mich faszinierte das besondere Foto auf dem Cover, mich machten auch der Klappentext sowie die Aussagen zur Biografie der Autorin neugierig. Doch irgendwie fanden wir nicht zusammen. Eines Tages drückte mir jedoch die Leiterin einer Sekundarschule den schmalen Band in die Hand, als sie mir ein Buch zurückgab, das ich ihr zuvor ausgeliehen hatte. Tage, Wochen, ja Monate vergingen. Kristofs Roman blieb ungelesen im Regal liegen. Bis sie mich eines Tages daraufhin ansprach, mich auch ein schlechtes Gewissen quälte. Nun las ich es, und ich frage mich, warum dies nicht eher geschehen ist. Aber oft brauchen die gerade guten Dinge ihre Zeit.  Backlist #4 – Agota Kristof „Das große Heft“ weiterlesen

Was uns der Herbst so bringt – Einblick in die Vorschauen

Während der Mai sich als heißer Frühsommer offenbarte, wird bereits im Juli der Herbst eingeläutet – der Leseherbst. Denn zahlreiche Verlage bringen die ersten neuen Titel ihres kommenden Programms auf den Markt. Obwohl auch ich noch nicht das Frühjahrsprogramm „abgearbeitet“ habe und mir zudem vornehme, weiterhin mehr Titel aus den Backlisten zu lesen, konnte ich es mir nicht verkneifen, in die Vorschauen der kleinen und großen Vorlage zu lunschen. In den letzten Tagen und Wochen ist eine ansehnliche Liste aus Titeln entstanden, die ich sicherlich nicht gänzlich alle lesen kann und werde. Aber kein Buchnerd kann bekanntlich ohne seine Wunschliste leben, und vielleicht findet Ihr auch das eine oder andere Buch für Euch selbst. Was uns der Herbst so bringt – Einblick in die Vorschauen weiterlesen

Flucht – Ulrich Alexander Boschwitz „Der Reisende“

„Das Leben ist uns verboten.“

Es gibt nur sehr wenige Bücher, die sich auf zweifache Weise in uns graben, an uns rütteln, uns aufwühlen, uns innerlich in Bewegung setzen: mit ihrer Handlung sowie der komplexen Geschichte, die sich um die Entstehung, ihren Autor und ihre Veröffentlichung ranken. Der Roman „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz (1915 – 1942) ist eines dieser wertvollen und eindrücklichen Bücher. Als ich dessen Lektüre samt Nachwort beendet habe, ging mir eine Frage immer wieder durch den Kopf: Welche Bücher hätte Boschwitz noch schreiben können, hätte er diesen furchtbaren Krieg überlebt? Welchen Platz in der Literaturgeschichte hätte er eingenommen? Doch diese Sätze im Konjunktiv bleiben unbeantwortet. Es gibt nur die Hoffnung, dass Boschwitz und sein Werk nie mehr vergessen und bekannter werden.

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Geschichte (n) – Bernd Wagner „Die Sintflut in Sachsen“

„Gerade der Rhythmus der Worte erzeugte in mir eine unbekannte Art von Rausch (…).“

Wurzen – die Stadt an der Mulde. Bekannt für Joachim Ringelnatz, Kekse und Kurzkoch-Reis; der Milchreis ist im Übrigen sehr empfehlenswert. Wurzen ist die Große Kreisstadt des Landkreises Leipzig, die Messestadt mit ihrem Trubel ist also sehr nah, sowie die Geburtsstadt des Schriftstellers Bernd Wagner. Hier kommt er 1948, drei Jahre nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg, zur Welt, hier wächst er auf und verbringt Kindheit und Jugend. Sowohl dieser sächsischen Stadt in der Provinz als auch der Geschichte seiner Familie widmet er sich auf sehr persönliche Weise in seinem aktuellen und autobiografischen Roman „Die Sintflut in Sachsen“. Geschichte (n) – Bernd Wagner „Die Sintflut in Sachsen“ weiterlesen