Eine Suche – Florian Wacker „Stromland“

„Alle suchen sie hier draußen nach etwas, (…).“

Würden wir für einen geliebten Menschen, um die sprichwörtliche halbe Welt reisen, in ein Land, das sich vom eigenen, vertrauten so grundsätzlich unterscheidet wie der Norden vom Süden? Würden wir es wirklich tun – in die Fremde ziehen, in eine unbekannte Welt? Irina wagt es, wobei die junge Frau nicht einmal weiß oder nur ahnen kann, wo sie suchen soll. Sie macht sich auf nach Peru, in das weite wilde Gebiet des Amazonas, um ihren Zwillingsbruder Thomas zu finden. Über diese Reise nach Südamerika, über Eroberer und Entdecker, die schon weit vor ihr das Land erreicht haben, erzählt Florian Wacker in seinem Roman „Stromland“, der auf wunderbare Weise verschiedene Zeiten zusammenführt.   

Eintauchen in den Regenwald

Thomas war voller Tatendrang nach Peru aufgebrochen, um das Filmteam des bekannten Regisseurs Werner Herzog als Kamera-Assistent zu begleiten. In exotischer Kulisse soll der Streifen „Fitzcarraldo“ mit Klaus Kinski in der Hauptrolle entstehen. Doch Thomas kehrt nicht zurück. Nur an sie adressierte Briefe sind Irina und ihren Eltern geblieben, denen sie verspricht, ihren Bruder und den Sohn der Familie nach Hause zu holen; vor allem als der Vater schwer erkrankt. Sie reist mit ihrem Freund Hilmar nach Iquitos, wo sie die ersten Spuren ihrer Suche aufnimmt, die zu Beginn von Begegnungen unterschiedlichster Art geprägt sind, beispielsweise mit Pater Zola, einem Dolmetscher, der das Drehteam unterstützt hatte, sowie einem Schamanen. Die spärlichen Hinweise veranlassen sie schließlich, mit dem Boot den Strom entlangzureisen und in den Regenwald hineinzutauchen. Doch dort lauern Gefahren.

„Kleine Schwester, glaubst du, wir haben eine Seele? Ich meine nicht die Vorstellung davon, ich meine: Glaubst du wirklich, wir haben etwas in uns, das mit allem anderen in Verbindung steht, ich meine nicht das Sichtbare, ich meine Art Gedankenwelt, eine Welt der Ideen, verstehst?“

Denn dieses Land ist nicht frei von Konflikten, deren Ursachen weit in der Vergangenheit liegen und bereits in einer Zeit entstanden waren, als die ersten Entdecker und Eroberer das reiche Land einnehmen und die Ureinwohner ausbeuten. Später verbreiten Missionare den Glauben, suchen Menschen aus anderen Ländern, ja von anderen Kontinenten hier eine neue Heimat und machen das Land für sich urbar, ohne indes Rücksicht auf das fragile Lebensystems des kostenbaren Regenwalds zu nehmen. All diese Kapitel südamerikanischer Geschichte fließen wie verschiedene Zuflüsse in einen großen Strom zusammen, weil Personen und Familien, deren folgende Generationen über die Jahre ein Netz gebildet haben. So lernt Irina eine Gemeinschaft der Wilhelmis kennen, deren Vorfahren aus Deutschland, konkret aus dem Hunsrück stammen, die Landwirtschaft betreiben, unter anderem Soja, Kakao und Manjok anbauen. Und mehr noch – in kriminellen Handlungen verstrickt sind.

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Doch „Stromland“ erzählt auch auf sehr berührende Weise die Familiengeschichte um Irina, Thomas und deren Eltern, von der engen Bindung zwischen den Zwillingen, die intensiver nicht sein könnte. Irina kam mehrere Minuten eher auf die Welt, wird trotzdem als kleine Schwester bezeichnet. Waren die beiden Geschwister bis zur Jugendzeit unzertrenntlich, gehen sie später jeder für sich eigene Wege. Einer führt zur Entscheidung von Thomas, Deutschland zu verlassen, um nach Südamerika zu reisen, um seiner Leidenschaft für Filme und Bilder nachzugehen, während Irina zurückbleibt, um ihr Lehramtsstudium zu absolvieren. Die teils sehr poetischen, aber auch rätselhaften Briefe sind ihre einzige Verbindung zu ihrem Bruder und geben zudem Hinweise auf seinen Verbleib.

Teils historischer Hintergrund

Wacker hat sowohl eine etwas ungewöhnliche Zeit als auch einen ungewöhnlichen Ort für seine Handlung gewählt. Der Roman mit seinen Zeitsprüngen umfasst mehrere Jahrhunderte. Der Hauptstrang – die Suche im Amazonas-Becken – führt in die 1980er-Jahre, als in jener Zeit der Film gedreht wurde. Wie eine Reihe historischer Figuren von Eroberern und Entdeckern wie Francisco Pizarro oder Francisco de Orellana bildet auch das filmische Werk Herzogs, das 1982 in die deutschen Kinos kam, einen realen Hintergrund des Buches. An manchen Stellen wird auf den exzentrischen und cholerischen Charakter Kinskis verwiesen. Carlos Sommervogel, ein französischer Jesuit, könnte Namenspate für die Figur des Jesuiten Georg Sommervogel sein.

Mit einer sehr bilderreichen, dichten und sinnlichen Sprache lässt Wacker, der am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert und zuletzt mit „Dahlenberger“ (Verlagshaus Jacoby & Stuart) einen Jugendroman vorgelegt hat, den Sehnsuchtsort auf der anderen Seite des Atlantiks im Kopf des Lesers entstehen. Irina kommt mit ihrem Freund in eine artenreiche Natur sowie in eine fremde, von Mythen geprägte Welt, die allerdings weit entfernt ist, ein Paradies für alle zu sein. Allzu hart sind die Entbehrungen, das zeigt auch die Gemeinschaft der Wilhelmis. Erstaunlich ist es, dass in kürzester Zeit mehrere Titel sich in der Form des Abenteuerromans Südamerika, teilweise speziell auch Peru widmen: Ich denke da unter anderem an „Die goldene Stadt“ von Sabrina Janesch (Rowohlt) oder auch „Äquator“ von Antonin Varenne (C. Bertelsmann). „Stromland“ bereitet eine spannende wie intensive Lektüre und erzählt in berührender Weise von Geschwisterliebe, von Fernweh und der Faszination des Fremden sowie über den schmerzlichen Moment des Loslassens und kommt zum Abschluss mit einem überraschenden Ende daher.


Florian Wacker: „Stromland“, erschienen im Berlin Verlag bei Piper; 352 Seiten, 20 Euro

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