Fast Familie – Tommi Kinnunen „Wege, die sich kreuzen“

„Möchtest du anders sein?  Oder möchtest du genau so sein, wie du bist, nur irgendwo anders?“

Finnland – das sind der hohe Norden, Seen, Wälder, zwischen den Bäumen vielleicht ein Elch, die trolligen wie legendären Figuren der Mumins. Finnland – das sind aber auch eine gelebte Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau sowie eine Literatur, die immer wieder die Rolle der Frau beziehungsweise starke Frauenfiguren in den Fokus rückt und von besonderen Familiengeschichten, geprägt von der wechselvollen Geschichte des Landes und der Europas, zu erzählen weiß. Ich denke da an die Romane von Sofi Oksanen und Katja Kettu. Mit Tommi Kinnunen betritt nun ein Mann die literarische Bühne, der in seinem Debüt „Wege, die sich kreuzen“ sich ebenfalls jenem Thema verschreibt. Und das auf beeindruckende Weise. 

In seinem Heimatland hat er mit seinem Erstling für einen Bestseller gesorgt. Das muss in einem lesefreudigen Land wie Finnland nicht unbedingt viel heißen. Doch auch die Kritiker waren voll des Lobes. Kinnunen wurde vielfach ausgezeichnet, war für den renommierten Finlandia-Preis und den Europäischen Literaturpreis nominiert. Doch wer die ersten Seiten und die ersten Kapitel gelesen hat, wird wissen, warum sehr viele Leser sich für dieses Buch begeistern. Und das hat mehrere Gründe.

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Zum einen erschafft Kinnunen facettenreiche Figuren, allen voran Frauen. Der über 100 Jahre umfasssende Handlungsbogen beginnt nach einer kurzen einführenden Szene, die im Jahr 1995 angesiedelt ist, mit dem Leben von Maria, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Hebamme tätig ist, vor allem zu schwierigen Geburten gerufen wird, bei denen das Leben der Mutter oder des Kindes gefährdet ist. Sie ist eine sehr selbstständige Frau, die selbstbewusst und freiheitsliebend durchs Leben geht und ihre Tochter Lahja, ein uneheliches Kind, allein erzieht. Lahja ist ebenfalls eine eigenwillige Person. Mit Selbstbewusstsein und einigem Trotz findet sie eine Ausbildung, wird Fotografin. Auch sie bringt mit Anna eine Tochter zur Welt. Wenig später lernt sie den adretten Onni kennen. Sie heiraten, denn im Gegensatz zu ihrer Mutter braucht sie eine Familie um sich. Dabei ahnt Lahja, dass ihr Mann ganz andere Sehnsüchte hat, sie auch auslebt. Mit einem Koffer verlässt er dann und wann für kurze Zeit in der nahe gelegenen Stadt das Dorf, in dem die Familie aus drei Generationen unter einem Dach wohnt. Erst im Haus von Maria, später in dem von Lajha. Denn das erste Eigenheim wird im Krieg zerstört, nachdem der Ort zwangsevakiert wurde, später dem Flammen zum Opfer fällt. Trotz seines „geheimen Lebens“ zeigt sich Onni als liebevoller und umsichtiger Mann und Vater, der sich sowohl um seine eigenen beiden Kinder als auch um seine Stieftochter Anna kümmert. Dabei wird er indes innerlich zerrieben von seinem Begehren und der gleichzeitigen Abscheu vor seinen Gefühlen. In der Familie herrschen tiefe Spannungen, brechen Konflikte auf, existieren Risse in den verschiedenen Beziehungen: nicht nur zwischen Lahja und Onni, sondern später auch zwischen Lajha und ihrer Schwiegertochter, die mit dem Sohn Johannes verheiratet ist. Er ist als einziger im Ort, bei der Familie geblieben. Anna und die blinde Helena haben sehr früh eigene Wege fernab der Heimat bestritten und kommen nur sporadisch zu Besuch, als ob sie der Kühle und Fremdheit aus dem Weg gehen wollen.

„Maria öffnet den Mund, schließt ihn aber wieder. Wie sollte sie dem Kind erklären, dass man niemanden brauchen sollte, weil er für irgendetwas gebraucht wird, sondern um seiner selbst willen?“

Neben den Lebensgeschichten, geprägt von historischen Ereignissen und den damaligen gesellschaftlichen Verhältnissen, überrascht der Roman vor allem auch durch seine kluge Konstruktion. Kinnunen verwebt die Lebensgeschichten eng miteinander und lässt die Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven der verschiedenen Generationen erzählen, so dass die Handlung mit ihren Details nach und nach vervollständigt wird. Ein großes Bild entsteht. Und nicht nur das: Ans Licht kommen Geheimnisse, die das Leben der Familienmitglieder wesentlich geprägt haben.

Die Grundlage für seinen Roman hat Kinnunen in seiner eigenen Familie, konkret in einer Sammlung alter Fotos gefunden. Eine Großmutter arbeitete als Hebamme und war wie Maria mit einem Fahrrad unterwegs, eine andere gründete das erste Fotogeschäft im nordfinnischen Kussamo. Ein Bild zeigt auch seinen Großvater, der am Wiederbau der zerstörten Kirche im Ort beteiligt war. „Wege, dich kreuzen“ erzählt eindrucksvoll von selbstbewussten Frauen in einer von Männer dominierenden Welt, aber auch von verantwortungsbewussten liebevollen Männern sowie von Schuld und Geheimnissen, die das Leben einer Familie nicht nur in eine andere Richtung führen, sondern auch belasten. Der zutiefst menschliche Roman berührt vielseitig und besticht durch vielschichtige Charaktere und ihre Schicksale, die im Gedächtnis bleiben.

Eine weitere Besprechung gibt es bereits auf dem Blog „astrolibrium“.


Tommi Kinnunen: „Wege, die sich kreuzen“, erschienen bei DVA, in der Übersetzung aus dem Finnischen von Angela Plöger; 336 Seiten, 20 Euro

Foto: Pixabay