Von der Vergänglichkeit – Daniel Galera „So enden wir“

„Es war die diffuse Angst vor dem unabwendbaren langsamen Ersticken, nach dem nichts mehr übrig blieb.“

Was bleibt, wenn wir gegangen sind? Eine Frage, der sich wohl nur die wenigsten von uns stellen. Das Leben erfüllt uns, umgibt uns. Der Tod ist gefühlt und gedacht in weiter Ferne – glauben wir. Völlig überraschend und noch jung an Jahren stirbt Andrei Dukelsky, von allen nur Duke genannt, ein Nachfahre jüdischer Einwanderer. Er wird das Opfer eines Raubüberfalls in Porto Allegre. Seine Fangemeinde und seine drei Freunde Aurora, Emiliano und Antero trauern, die sozialen Netzwerke sind überfüllt mit floskelhaften Beileidsbekundungen. Denn Duke galt als Schriftstellertalent, auf dem die Hoffnungen vieler Generationen lagen. Der Star, der mit dem Internet berühmt geworden ist, und eine vergangene Zeit stehen im Mittelpunkt des neuen Romans „So enden wir“ von Daniel Galera.   

Hierzulande ist der Brasilianer bekannt geworden mit seinem wunderbaren Roman „Flut“, der mich damals begeistert hat. Geht es darin um einen namenlosen Helden und seine Familiengeschichte, versucht Galera nun in seinem neuesten Werk, sich dem Lebensgefühl, den Hoffnungen und Ängsten, einer besonderen Generation zu nähern. Es ist jene, die vom Aufschwung des Internets vor der Jahrtausendwende geprägt wurde und von diesem profitiert hat. Duke und seine drei Freunde waren einst unzertrennlich und Schöpfer des Online-Magazins „Orangotango“. Gemeinsam erlebten sie eine unvergessliche Zeit, in der Sex und Drogen, das Überschreiten von Grenzen dazu gehörten. Doch 15 Jahre später sind alle eigene Wege gegangen, in alle Windrichtungen verstreut, der Kontakt nahezu abgebrochen. Einzig und allein Emiliano gehört als Journalist weiterhin der schreibenden Zunft an. Antero verdient hingegen Millionen mit einer erfolgreichen wie legendären Werbeagentur. Aurora hat völlig das Feld gewechselt: Sie forscht als Biologie-Doktorandin zum Biorhythmus des Zuckerrohrs.  Zu Dukes Beerdigung kommen die drei Freunde nach langer Zeit wieder zusammen.

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Das Geschehen wird aus den Perspektiven der drei Freunde geschildert. Sie werden zu Ich-Erzählern, die sich erinnern, gemeinsame Erlebnisse Revue passieren, das nun Erlebte, der Schock und die Trauer, verarbeiten, wobei Aurora und Emiliano die größten Erzählanteile erhalten. Er hatte einst eine Nacht mit Duke verbracht, wollte mehr als nur ein Freund sein und erhält nunmehr den Auftrag, eine Biografie über Duke zu schreiben. Sie reflektiert hingegen die Gegenwart, die sie melancholisch stimmt und an einer Zukunft von Welt und Menschheit zweifeln lässt. Klimawandel und Globalisierung, die Zerstörung der Umwelt reiben den Planeten auf. Und auch die Verhältnisse in Porto Allegre verstärken ihr Gefühl der Hilflosigkeit. Die Metropole ist im Ausnahmezustand. Der Strom fällt aus, das Wasser wird knapp, es gibt Streiks. Über der Stadt liegen Hitze und Gestank. Mit der Vergänglichkeit kommt Aurora allerdings nicht erst mit Duke Tod in Berührung. Ihr Vater erleidet einen lebensgefährlichen Herzinfarkt.

„Die Moral von der Geschichte war, dass man hochhalten müsse, was uns zu Menschen machte, und dazu gehörte auch die Angst vor dem Tod und vor der Apokalypse.“

Im 21. Jahrhundert angekommen, ist das Internet Alltag, die digitale Welt prägt das Leben. Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter oder auch Chats sind gewöhnlich geworden, werden von den meisten viele Male täglich genutzt, was auch im Roman immer wieder anklingt. Doch die Eroberer-Stimmung, als junge Menschen als Einzelkämpfer erfolgreich und bekannt wurden, ist längst vorbei. Es regieren die große Firmen wie Amazon, die das Leben nahezu jedes Einzelnen beeinflussen und vor allem den grenzenlosen Konsum befeuern. Ist das auch der Grund, warum Duke in seinem Vermächtnis bestimmt hatte, dass seine Werke vernichtet werden sollen, dass er sich den sozialen Netzwerken, der virtuellen Welt komplett entzogen hat? Sind seine Entscheidungen auch als Gesellschaftskritik zu werten?

„So enden wir“ trägt deutlich melancholische Züge. Der Roman beschäftigt sich intensiv und eindringlich mit Vergänglichkeit und Tod, mit den Lebensentwürfen, die nur im Rückblick in der Erinnerung existieren, mit den Zukunftsängsten einer Generation, die einst jung und voller Tatendrang und Eifer die Welt verbessern wollte, aber darin letztlich gescheitert ist. Sehr komplex widmet sich Galeras Werk zudem Themen, die man in einem solch schmalen Band von 230 Seiten nicht zu finden geglaubt hätte, wie die das Feld der Kryptozoologie oder die extreme und abstoßende Gedankenwelt des Marquis de Sade. Auch die sexuelle Belästigung von Frauen wird behandelt. Trotz dieser Komplexität hat es der Leser mit einem Buch zu tun, das nur funktioniert, wenn er seinen eigenen Anteil gibt, er weiße Flecken mit eigenen Gedanken füllt, über das normale Kopfkino hinaus die Handlung weiterspinnt. Ich hätte mir unter anderem mehr über die Person von Duke gewünscht, allgemein mehr Seiten, mehr Kapitel. Denn ich empfand diesen Roman großartig erzählt und spannend wie herausfordernd – mit Blick sowohl auf die Handlung und die Charaktere als auch auf das große Thema des Romans, der die jüngste Vergangenheit, die sehr unserer heutigen schnelllebigen, haltlosen und oft auch unpersönlichen Gegenwart ähnelt, so präzise und so nachdenklich stimmend beschreibt wie wohl kaum ein Buch der jüngsten Zeit.

Weitere Besprechungen gibt es auf der Seite von Frank O. Rudkoffsky und auf den Blogs „Gedankenecke“ sowie „letteratura“.


Daniel Galera: „So enden wir“ erschienen im Suhrkamp Verlag, in der Übersetzung aus dem brasilianischen Portugiesisch von Nicolai von Schweder-Schreiner; 231 Seiten, 22 Euro

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