„Mit gutem Gewissen bestellen“ – Im Gespräch mit Angelika Siebrands

Wer Bücher kaufen möchte, kann dies auf verschiedenen Wegen tun. Eine Buchhandlung aufsuchen oder von zu Hause bequem per Internet bestellen. Viele greifen dabei auf die großen Anbieter und Plattformen zurück. Eine Entwicklung, die den lokalen Buchhandel seit Jahren vor einer großen Herausforderung stellt. Doch wie es geht, ohne schlechtes Gewissen online Bücher zu bestellen, erklärt Angelika Siebrands, Geschäftsführerin der genialokal GmbH, die den gleichnamigen Onlineshop genialokal betreibt. „Mit gutem Gewissen bestellen“ – Im Gespräch mit Angelika Siebrands weiterlesen

Was ist „MyPoolitzer“? – Gespräch mit Gründer Tilo Gehrke

Mit „MyPoolitzer“ hat sich in Berlin ein Unternehmen gegründet, das Autoren und Verlage zusammenbringen will. „Bist Du der nächste Jonathan Franzen?“ heißt es auf der Internetseite. Mit Gründer Tilo Gehrke sprach Zeichen & Zeiten über Ziele und die Rolle, die das Unternehmen innerhalb der Buchbranche einnehmen will.

Wie ist die Idee zur Plattform „MyPoolitzer“ entstanden?

Tilo Gehrke: Mein alter Schulfreund hatte Schwierigkeiten, sein Erstlingswerk bei einem Verlag zu platzieren. Zum einen war das ein Zugangsproblem, zum anderen lag es am mangelnden Selbstvermarktungstalent des Autors. Viele Autoren sind ja eher leise Menschen, die ihre Kraft dem Schreiben und nicht dem Marktwettstreit widmen möchten. Wenn aber die Leisen und Unbekannten nicht bemerkt werden, ist das eine Verschwendung von Kreativität und literarischem Angebot. Das Internet konnte das Zugangsproblem in vielen Branchen bereits lösen. Da ich selber Nutzer zahlreicher Plattformdienste bin, kam ich irgendwann auf die Idee, das Prinzip des digitalen Marktplatzes auf die traditionelle Buchbranche zu übertragen.

Der Name ist doch sicher eine Anspielung auf den Pulitzer-Preis? Warum?

MyPoolitzer_GehrkeDas Wortspiel führt zwei Dinge zusammen: Der Kerngedanke der Plattform ist das „Pooling“ also das Bündeln von Information beziehungsweise Marktteilnehmern. Der Autor lädt sein Exposé hoch und kann es sodann allen angeschlossenen Verlagen gebündelt präsentieren. Die mühsame Einzelvorstellung entfällt. Das spart Zeit, Geld und Nerven. Der Pulitzerpreis ist ein Qualitätsausweis im Bereich Medien und Literatur. Er steht für Befähigung, Sachkenntnis und Redlichkeit, sprich für Expertentum. Wir unterstützen mit unserem Geschäftsmodell den Verlag in seiner Funktion als professioneller Kurator, Entwickler und Vermarkter von Literatur. Wir glauben an die Notwendigkeit des Expertentums im Literaturbetrieb und wollen das auch im unserem Namen zum Ausdruck bringen. Aber ich möchte es mit der Überhöhung nicht übertreiben: Der Name ist vor allem ein nettes Spiel, das Aufmerksamkeit erzeugt.

Was ist Ihr Anliegen?

Wir möchten Autoren und Verlage schnell und einfach miteinander verbinden. Dabei wollen wir insbesondere jungen Autoren, die über kein belastbares Netzwerk verfügen, den Zugang zu Verlagen erleichtern. Gleichzeitig sorgen wir dafür, dass Verlagslektoren mit wenigen Mausklicks passende Texte und Autoren finden können.

Wen wollen Sie gezielt ansprechen?

Wir richten uns an alle passionierten Autorinnen und Autoren, die ihr unveröffentlichtes Werk bei einem Verlag unterbringen möchten. Verlagsseitig stehen die kleinen und mittelgroßen Häuser im Fokus, die mit Hilfe unseres zentralen Marktplatzes ihre akquisitorische Aktivität erweitern und vereinfachen können.

Mit welchen Verlagen stehen Sie in Kontakt?

Derzeit sind 39 Verlage bei uns angeschlossenen. Darunter sind kleine Digitalverlage genauso wie große Publikumsverlage.

Es erscheinen jedes Jahr unzählige neue Bücher, die Verlage erhalten zahlreiche
Manuskripte. Braucht es da „MyPoolitzer“ noch?

Im Jahr 2016 haben die Verlage in Deutschland knapp 73.000 Erstauflagen auf den Markt gebracht. Ein Großteil davon stammte allerdings von etablierten Autoren. Neue Autoren haben es dagegen schwer. Wir streben nicht nach Erhöhung der Titelanzahl, sondern wollen die Zugangschancen besser verteilen.

Welche Rolle soll die Plattform innerhalb der Literaturszene einnehmen?

Für Autoren sind wir ein Schaufenster. Für Verlage leuchten wir effizient den großen Bereich der Erstautoren aus und sind somit ein zusätzlicher Akquisitionskanal.

Haben Sie spezielle Genres im Fokus?

Nein, wir vermitteln Werke aus allen gängigen Genres.

Welche inhaltlichen Themen sind nach Ihrer Meinung in der Belletristik gerade
interessant für Verlage oder werden es noch sein?

Derzeit stehen Dystopie und Eskapismus in Vordergrund. Im Young Adult Bereich geht es häufig um Überforderung. Das sind Folgen einer einseitigen – nämlich konsumorientierten – Interpretation von Freiheit. Für die Verlage ergibt sich daraus die Chance, einen anderen Freiheitsbegriff zu thematisieren: Die Freiheit, mitzusprechen und unser Zusammenleben zu gestalten. Ich denke, es wird in Zukunft wieder mehr visionäre Texte geben.

Sie geben auch Schreibtipps. Weshalb?

Der Akt des Schreibens wird häufig aufgeladen und idealisiert. Mit unseren Schreibtipps fördern wir eine naive Herangehensweise, die die Aufgabe von ihrer Effektivität her betrachtet und sich nicht um Darstellung von Schriftstellerei bemüht. Aber unsere Kernaufgabe bleibt die Vermittlungsarbeit zwischen Autor und Verlag.

Sie sind selbst passionierter Leser. Was lesen Sie gern? Und was macht für Sie ein gutes Buch aus?

Am liebsten lese ich Gesellschaftsromane. Ein Buch ist gut, wenn mich die Charaktere über die Lesestunden hinaus begleiten.

 

Weitere Beiträge zum Unternehmen in der Online-Ausgabe des „Börsenblatt“, dem Wochenmagazin für den Deutschen Buchhandel, „boersenblatt.net“ und bei Deutschlandfunk Kultur. Zahlen zum Buch und Buchhandel in Deutschland gibt es auf der Seite des Magazins „Buchmarkt“.

Foto: pixabay

Von der Vergänglichkeit – Daniel Galera „So enden wir“

„Es war die diffuse Angst vor dem unabwendbaren langsamen Ersticken, nach dem nichts mehr übrig blieb.“

Was bleibt, wenn wir gegangen sind? Eine Frage, der sich wohl nur die wenigsten von uns stellen. Das Leben erfüllt uns, umgibt uns. Der Tod ist gefühlt und gedacht in weiter Ferne – glauben wir. Völlig überraschend und noch jung an Jahren stirbt Andrei Dukelsky, von allen nur Duke genannt, ein Nachfahre jüdischer Einwanderer. Er wird das Opfer eines Raubüberfalls in Porto Allegre. Seine Fangemeinde und seine drei Freunde Aurora, Emiliano und Antero trauern, die sozialen Netzwerke sind überfüllt mit floskelhaften Beileidsbekundungen. Denn Duke galt als Schriftstellertalent, auf dem die Hoffnungen vieler Generationen lagen. Der Star, der mit dem Internet berühmt geworden ist, und eine vergangene Zeit stehen im Mittelpunkt des neuen Romans „So enden wir“ von Daniel Galera.    Von der Vergänglichkeit – Daniel Galera „So enden wir“ weiterlesen

Intelligenz – Andreas Brandhorst „Das Erwachen“

„Würden sie die Menschen für eine intelligente Spezies halten? Wenn man bedenkt, welches Chaos wir auf der Erde anrichten?“

Wir kommunizieren via Internet.  Apps helfen uns, die Heizung zu regulieren, Bestellungen zu machen, Geld zu überweisen. Die Welt ist miteinander vernetzt und wir mit ihr. All das nehmen wir mittlerweile selbstverständlich hin. In einigen Jahrzehnten werden die digitalen Möglichkeiten wohl noch raumgreifender sein. Doch was geschieht, wenn der Mensch die Herrschaft über seine eigene Technik verliert, weil eine sogenannte Maschinenintelligenz entsteht? Andreas Brandhorst hat über dieses mögliche Zukunftsszenario einen beklemmenden und spannenden Roman geschrieben, der zugleich schildert, wie beängstigend abhängig die Menschheit bereits von der vernetzten digitalen Welt ist – in all nur erdenklichen Lebensbereichen.  Intelligenz – Andreas Brandhorst „Das Erwachen“ weiterlesen

Literatur im Netz: The Short Story Project

Eine Bibliothek im Netz für Erzählungen ist mit „The Short Story Project“ nun auch in Deutschland vor einigen Tagen an den Start gegangen. Ihren Ursprung hat die internationale Initiative in Israel, wo sie bereits 2014 ihren Anfang genommen hat. Ziel ist es, Literatur online allen kostenfrei zugänglich zu machen und Sprachbarrieren sowie Ländergrenzen zu überwinden und speziell das Interesse für das Genre der Erzählung zu fördern, wie auf der Internetseite nachzulesen ist. „Für die verschiedenen Sprachräume und Listen wie English, Hebräisch, Spanisch, Kinder- und Jugendbuch sowie Klassiker gibt es jeweils eine Lektorin oder einen Lektor. Getragen wird es von einer israelischen Non-Profit-Organisation, die sich über private Spenden und Zuwendungen finanziert“, erklärt Simon Lörsch, Lektor im Suhrkamp Verlag und verantwortlich für den deutschen Bereich von „Short Story Project“. Die Übersetzungen finanziert das Goethe-Institut.

ShortStory
Screenshot

Den Start machten auf deutscher Seite 15 Short Stories, die von sogenannten Empfehlern ausgesucht worden sind. „Jeden Sonntag wird eine weitere Erzählung folgen“, blickt Lörsch voraus. Die Bandbreite ist dabei groß, eine inhaltliche wie stilistische Einschränkung gibt es nicht: Autoren der jungen deutschen Gegenwartsliteratur zählen ebenso dazu wie bekannte und berühmte Schriftsteller, die bereits seit Jahren einen Stamm-Platz auf den Lektüre-Listen von Schülern und Studenten einnehmen. So finden sich unter anderem neben Karen Köhler, Saša Stanišić und Ralf Rothmann Hugo von Hofmannsthal, Arno Schmidt und Rainer Maria Rilke. Der Liste der Empfehler gehören Autoren, Verleger und Journalisten an; so beispielsweise Nora Bossong, David Wagner, Ijoma Mangold, Maxim Biller und Jo Lendle.

„Wir glauben, dass Lesen kein bloßer Zeitvertreib ist, sondern als Resonanzraum für Stimmen und Ideen fungiert und Brücken schlagen kann zwischen Menschen, zwischen Kulturen.“

Wer sich durch das Menü klickt, wird auch auf eine Liste von unterschiedlichen Themen stoßen, in denen die Texte inhaltlich eingeordnet werden. Vertreten sind unter anderem die Bereiche „Familie“, Das Absurde“, „Realismus“, „Reisen“ sowie „Tiere“ und viele mehr. Wer mag, kann sich natürlich auch mit den anderen Sprachräumen vertraut machen und Erzählungen in Englisch, Spanisch und Hebräisch lesen. Nebenbei kann man so auch seine Sprachkenntnisse auffrischen oder pflegen. Weit größer ist die Liste der Herkunftsländer der Erzählungen: Bisher werden 24 Sprachen beziehungsweise Länder genannt – vom Arabischen über das Griechische und Norwegische bis hin zum Ungarischen. Wer spezielle literarische Vorlieben, die in verschiedenen Kulturräumen oder Weltregionen verankert sind, hat, wird sicherlich da fündig. Zwar bleibt bei einem Klick auf einige Sprachbereiche die jeweilige Seite noch leer, allerdings finden sich bereits namhafte Autoren anderer Länder ins Deutsche übersetzt, wie der Amerikaner Jonathan Lethem und die Französin Irène Némirovsky. Praktisch nebenbei: Jeder Text zeigt die geschätzte Lesezeit an.  Die bisherige Resonanz auf das Angebot sei sehr gut, schätzt der Suhrkamp-Lektor ein. „Die Leute sind von der Auswahl angetan“, so Lörsch. Eine analoge Druck-Ausgabe der Erzählungen in Form eines Buches, begleitend zum virtuellen Projekt, sei jedoch nicht angedacht.

Wer diese internationale Initiative im Übrigen finanziell unterstützen möchte, kann dies auf verschiedene Weisen tun. Es gibt die Möglichkeiten, einmalig oder regelmäßig einmal im Monat Geld spenden, um so unter anderem zu einem „Helden“ (3 Dollar monatlich), „Beschützer“ (10 Dollar monatlich) oder sogar einem „Champion“ (20 Dollar monatlich) zu werden. Wer einen einmaligen Geldbetrag gibt, gilt als „Barmherziger Samariter“. Die Unterstützer werden Teil der literarischen Gemeinschaft und können selbst Texte vorschlagen. So können in Zukunft Literatur-Fans nicht nur auf die allseits bekannte Maxime „ein Gedicht am Tag“ beharren, sondern ihr Vorsatz könnte künftig „one short story per day“ lauten. Die Erzählung als besonderes Prosa-Genre und kleine Schwester des Romans, leider allzu sehr unterschätzt, hätte es allemal verdient.

 


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