Was ist „MyPoolitzer“? – Gespräch mit Gründer Tilo Gehrke

Mit „MyPoolitzer“ hat sich in Berlin ein Unternehmen gegründet, das Autoren und Verlage zusammenbringen will. „Bist Du der nächste Jonathan Franzen?“ heißt es auf der Internetseite. Mit Gründer Tilo Gehrke sprach Zeichen & Zeiten über Ziele und die Rolle, die das Unternehmen innerhalb der Buchbranche einnehmen will.

Wie ist die Idee zur Plattform „MyPoolitzer“ entstanden?

Tilo Gehrke: Mein alter Schulfreund hatte Schwierigkeiten, sein Erstlingswerk bei einem Verlag zu platzieren. Zum einen war das ein Zugangsproblem, zum anderen lag es am mangelnden Selbstvermarktungstalent des Autors. Viele Autoren sind ja eher leise Menschen, die ihre Kraft dem Schreiben und nicht dem Marktwettstreit widmen möchten. Wenn aber die Leisen und Unbekannten nicht bemerkt werden, ist das eine Verschwendung von Kreativität und literarischem Angebot. Das Internet konnte das Zugangsproblem in vielen Branchen bereits lösen. Da ich selber Nutzer zahlreicher Plattformdienste bin, kam ich irgendwann auf die Idee, das Prinzip des digitalen Marktplatzes auf die traditionelle Buchbranche zu übertragen.

Der Name ist doch sicher eine Anspielung auf den Pulitzer-Preis? Warum?

MyPoolitzer_GehrkeDas Wortspiel führt zwei Dinge zusammen: Der Kerngedanke der Plattform ist das „Pooling“ also das Bündeln von Information beziehungsweise Marktteilnehmern. Der Autor lädt sein Exposé hoch und kann es sodann allen angeschlossenen Verlagen gebündelt präsentieren. Die mühsame Einzelvorstellung entfällt. Das spart Zeit, Geld und Nerven. Der Pulitzerpreis ist ein Qualitätsausweis im Bereich Medien und Literatur. Er steht für Befähigung, Sachkenntnis und Redlichkeit, sprich für Expertentum. Wir unterstützen mit unserem Geschäftsmodell den Verlag in seiner Funktion als professioneller Kurator, Entwickler und Vermarkter von Literatur. Wir glauben an die Notwendigkeit des Expertentums im Literaturbetrieb und wollen das auch im unserem Namen zum Ausdruck bringen. Aber ich möchte es mit der Überhöhung nicht übertreiben: Der Name ist vor allem ein nettes Spiel, das Aufmerksamkeit erzeugt.

Was ist Ihr Anliegen?

Wir möchten Autoren und Verlage schnell und einfach miteinander verbinden. Dabei wollen wir insbesondere jungen Autoren, die über kein belastbares Netzwerk verfügen, den Zugang zu Verlagen erleichtern. Gleichzeitig sorgen wir dafür, dass Verlagslektoren mit wenigen Mausklicks passende Texte und Autoren finden können.

Wen wollen Sie gezielt ansprechen?

Wir richten uns an alle passionierten Autorinnen und Autoren, die ihr unveröffentlichtes Werk bei einem Verlag unterbringen möchten. Verlagsseitig stehen die kleinen und mittelgroßen Häuser im Fokus, die mit Hilfe unseres zentralen Marktplatzes ihre akquisitorische Aktivität erweitern und vereinfachen können.

Mit welchen Verlagen stehen Sie in Kontakt?

Derzeit sind 39 Verlage bei uns angeschlossenen. Darunter sind kleine Digitalverlage genauso wie große Publikumsverlage.

Es erscheinen jedes Jahr unzählige neue Bücher, die Verlage erhalten zahlreiche
Manuskripte. Braucht es da „MyPoolitzer“ noch?

Im Jahr 2016 haben die Verlage in Deutschland knapp 73.000 Erstauflagen auf den Markt gebracht. Ein Großteil davon stammte allerdings von etablierten Autoren. Neue Autoren haben es dagegen schwer. Wir streben nicht nach Erhöhung der Titelanzahl, sondern wollen die Zugangschancen besser verteilen.

Welche Rolle soll die Plattform innerhalb der Literaturszene einnehmen?

Für Autoren sind wir ein Schaufenster. Für Verlage leuchten wir effizient den großen Bereich der Erstautoren aus und sind somit ein zusätzlicher Akquisitionskanal.

Haben Sie spezielle Genres im Fokus?

Nein, wir vermitteln Werke aus allen gängigen Genres.

Welche inhaltlichen Themen sind nach Ihrer Meinung in der Belletristik gerade
interessant für Verlage oder werden es noch sein?

Derzeit stehen Dystopie und Eskapismus in Vordergrund. Im Young Adult Bereich geht es häufig um Überforderung. Das sind Folgen einer einseitigen – nämlich konsumorientierten – Interpretation von Freiheit. Für die Verlage ergibt sich daraus die Chance, einen anderen Freiheitsbegriff zu thematisieren: Die Freiheit, mitzusprechen und unser Zusammenleben zu gestalten. Ich denke, es wird in Zukunft wieder mehr visionäre Texte geben.

Sie geben auch Schreibtipps. Weshalb?

Der Akt des Schreibens wird häufig aufgeladen und idealisiert. Mit unseren Schreibtipps fördern wir eine naive Herangehensweise, die die Aufgabe von ihrer Effektivität her betrachtet und sich nicht um Darstellung von Schriftstellerei bemüht. Aber unsere Kernaufgabe bleibt die Vermittlungsarbeit zwischen Autor und Verlag.

Sie sind selbst passionierter Leser. Was lesen Sie gern? Und was macht für Sie ein gutes Buch aus?

Am liebsten lese ich Gesellschaftsromane. Ein Buch ist gut, wenn mich die Charaktere über die Lesestunden hinaus begleiten.

 

Weitere Beiträge zum Unternehmen in der Online-Ausgabe des „Börsenblatt“, dem Wochenmagazin für den Deutschen Buchhandel, „boersenblatt.net“ und bei Deutschlandfunk Kultur. Zahlen zum Buch und Buchhandel in Deutschland gibt es auf der Seite des Magazins „Buchmarkt“.

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