Brief als Waffe – Kressmann Taylor „Adressat unbekannt“

Es ist ein kleiner leichter Band. Anthrazitfarbene Leinenoptik. Ein Briefumschlag ziert das Cover. Eine Gestaltung, die schlicht, aber wiederum markant erscheint. Gerade mal 67 Seiten umfasst „Adressat unbekannt“ von Kressmann Taylor. Doch der Roman ist ein Werk mit extremer Wirkung, das von einer besonderen Geschichte erzählt und selbst Geschichte geschrieben hat und viel länger wirkt als der Leser darin versunken ist. Die Neuausgabe des Verlags Hoffmann und Campe als Sammleredition des erstmals 1938 veröffentlichten Werkes könnte wohl zu keinem geeigneteren Zeitpunkt erscheinen.  

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Der Roman besteht aus insgesamt 19 Briefen. Die Verfasser sind Freunde und Geschäftspartner. Während Martin Schulse im Herbst 1932 die USA verlässt, um in seine deutsche Heimat zurückzukehren, bleibt sein jüdischer Kollege Max Eisenstein in San Francisco zurück, um die gemeinsame Galerie weiterzuführen. Der Briefwechsel setzt am 12. November 1932 ein. Beide tauschen sich zu Beginn über ihre Freundschaft, den Neubeginn, den Abschied aus; in einem warmen und liebevollen Ton. Doch mit jedem weiteren Schreiben entsteht eine spürbare Kluft zwischen beiden, die letztlich zum Bruch führen wird. Die Stimmung wird nahezu eisig. Denn im Januar 1933 kommt Adolf Hitler an die Macht, und Martin Schulse wird zu einem Mitläufer, einem treuen Nazi, der alles vergisst und hinter sich lässt: seine Toleranz, seine moralischen Vorstellungen, vor allem aber die enge Freundschaft zu Max, dem Juden.  Er spricht von der Wiedergeburt Deutschlands, von Hitler als Führer, von einer Zeit, in der sich das Volk reinigen muss.

Max reagiert entsetzt, appelliert an die liberale Gesinnung seines Freundes. Doch vergebens. Eines Tages wendet er sich in seiner schieren Not und emotionalen Verzweiflung an seinen einstigen Weggefährten, der nach seiner Rückkehr nach München nicht nur mit seiner Familie ein großes Anwesen bezogen, sondern eine steile politische Karriere gemacht hat. Griselle, Max‘ Schwester und Martins einstige Geliebte, ist als Schauspielerin von Wien nach Berlin gegangen, von einem noch sicheren Land direkt in die Höhle des Löwen. Ein Brief an Griselle, den Max mit dem Verweis „Adressat unbekannt“ aus Deutschland zurückbekommt, ist der Beginn der Tragödie. Es kommt, was kommen muss, das Entsetzliche geschieht, in dem sich Martin zum Mittäter macht. Doch Max weiß sich zu wehren, mit nichts geringerem als Briefen übt er Rache. Das Blatt wendet sich und Martin wird schließlich zum Gejagten.

„Diese Volksbewegung hat, so stark sie auch sein mag, etwas abgrundtief Schlechtes an sich.“

Es gibt wohl nur wenige schmale Bücher, die eine solch riesige emotionale Wirkung haben wie jenes Werk, dessen Verfasser erst Jahre später bekannt wurde. Denn hinter dem Briefroman mit seiner schlichten sprachlichen Form, aber einer ungeheuer ergreifenden Dramatik steht eine Frau: Katherine Kressmann Taylor (1903 – 1996). Ihr Vorname war damals auf dem Wunsch der Herausgeber gestrichen worden. Sie war zuerst als Werbetexterin tätig, um später als Dozentin für Kreatives Schreiben und Literatur am Gettysburg College (Pennsylvania) zu wirken. Mit ihrem Ruhestand fand sie in Italien eine zweite Heimat.

Mit „Adressat unbekannt“ schuf sie ihr bekanntestes Werk, das eine interessante Editionsgeschichte zu erzählen weiß. 1938 im Magazin „Story“ erstmals erschienen, fand der Briefroman sofort unzählige begeisterte Leser. Die Ausgabe war innerhalb von zehn Tagen komplett ausverkauft. Einige Jahre später erschien der Text in „Reader’s Digest“ sowie als Buch – sowohl in den USA als auch in England. 1945 wurde die Geschichte verfilmt. Erst Jahrzehnte später feierte „Adressat unbekannt“ Erfolge in Frankreich und Deutschland. 1992 druckte „Story“ den Text erneut ab – als Reaktion auf die Geschehnisse weltweit, den wachsenden Rassismus und Antisemitismus.

In ihrem Nachwort fordert Elke Heidenreich – der aktuelle Band umfasst zudem ein Nachwort der „Story“- Herausgeberin Lois Rosenthal, eine Laudatio auf Kathrine Kressman Taylor nach dem Ausscheiden aus dem Kollegium des Gettysburg-Colleges sowie Interviews mit der Verfasserin und deren Sohn -, dass der Roman Schul- sowie Pflichtlektüre für Studenten werden soll. Ein Wunsch, dem ich mich anschließen werde. Denn gerade in der aktuellen Zeit einer wachsenden Fremdenfeindlichkeit und Tendenz der Rückbesinnung auf „deutsche Tugenden und die abendländische Kultur“ hierzulande hält das Buch schlichtweg einen Spiegel vor. Es zeigt, wie ein gebildeter und angesehener Mann Teil einer Bewegung  wird, die letztlich mit ihrer Gewalt und Menschenverachtung zu unendlichem Leid geführt hat, und dass Worte zu Waffen werden können. Die Autorin hat für ihren Roman auf eigene Erlebnisse zurückgreifen können: Deutsche Freunde waren – eben wie der Protagonist Martin – in ihr Land zurückgekehrt, um ebenfalls zu Anhängern des Nationalsozialismus zu werden. „Adressat unbekannt“ sei aus dieser „Erschütterung“ entstanden, sie haben nicht begreifen können, wie das hätte geschehen können, erzählte Kressmann Taylor in jenem Interview. Dass es geschehen war, sollte jedem Mahnung sein. Und dieser schmale Band, der mit seiner puren Dramatik für Entsetzen und Beklemmung sorgt, trägt einen wichtigen Teil dazu bei.

Weitere Besprechungen gibt es bei „brasch & buch“, „Buchpost“, „aus.gelesen“ und „Sätze & Schätze“.


Kressmann Taylor: „Adressat unbekannt“, erschienen im Verlag Hoffmann und Campe, in der Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Dorothee Böhm; 112 Seiten, 18 Euro

Foto: Tabble/pixabay

15 Comments

  1. Ein wirklich beeindruckendes Buch, besonders vor dem Hintergrund, dass es von einer Amerikanerin in den 30er Jahren geschrieben wurde, die selbst nie in Deutschland war. Wer da noch immer glaubt, die Deutschen hätten nicht ahnen können, wohin das alles führt, will es einfach nicht besser wissen.

    Interessant ist, wenn man die Rezensionen zu dem Buch liest, wie viele Leser schreiben, der Jude Max Eisenstein und der Deutsche Martin Schulse. Es sind zwei deutsche Freunde. Einer Jude und der andere Nazi. Ich befürchte, für viele sind Juden auch heute noch eine eigene ethnische Gruppe, mit unterschiedlichen Pässen.

    Nicht zuletzt ist das Buch aber auch eines von vielen Beispielen, wie wirkungslos Literatur leider ist.

    Dazu schrieb ich hier: https://thomasbrasch.wordpress.com/2014/08/02/bucher-stumpfe-waffen-gegen-vorurteile-z-b-gegenuber-juden/

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    1. Dank auch für diese Besprechung – und den Hinweis, der offensichtlich immer noch nötig, mir persönlich aber ebenso unverständlich ist, dass der jüdische Glaube eben das ist, was er ist: eine Glaubensrichtung. Nicht mehr, nicht weniger. LG

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    2. vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar, Thomas. Mit Interesse habe ich Deinen Beitrag gelesen, schön, dass Du mit dem Link in Deinem Kommentar darauf verweist. Ich hätte auch nachträglich noch einen Link direkt im Beitrag gesetzt. Ja, es sind zwei deutsche Freunde, also mit einer gemeinsamen Herkunft, aber ich denke, es ist wichtig, in einer Besprechung daraufhin hinzuweisen, dass Max jüdischer Abstammung ist – als Grund, warum Martin schließlich mit ihm bricht. Letztlich haben Menschen kontrolliert Menschen vernichtet, das ist ja gerade dieses Unfassbare und Unbegreifiche. Viele Grüße

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      1. Da war ich wohl missverständlich. ich bezog mich nicht auf deine Besprechung, sondern auf Rezensionen auf amazon. Hier hat man ab und an den Eindruck, dass sich die Leser nicht im Klaren sind, dass beide Figuren Deutsche sind. Selbstverständlich muss man deutlich machen, dass Max auch Jude ist.

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    3. Der Begriff „Jude“ ist insofern nicht diskriminierend, als dass sich Angehörige des jüdischen Glaubens ja selber als „jüdisches Volk“ bezeichnen, im religiösen und biblischen Sinne als Gottes auserwähltes Volk. Jude ist demnach jeder, der von den Urvätern Abraham, Jakob und Isaak abstammt. Es ist also nicht falsch, jemanden als Jude zu bezeichnen, denn er macht das vermutlich auch selber, denn viele Juden begreifen das als mehr als eine bloße Religionszugehörigkeit. Zumindest

      Das Büchlein habe ich vor Jahren geschenkt bekommen und mit der gleichen Erschütterung gelesen wie du, Constanze.

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      1. Ich habe nicht ausdrücken wollen, das „Jude“ ein diskriminierender Begriff ist. Ich wollte darauf hinweisen, dass sich noch heute viele Leute schwertun, Juden damals und heute in Deutschland als deutsche Bevölkerungsgruppe zu verstehen. Und zwar auch die, die Antisemitismus bekämpfen. Das führt nicht selten zu einem sogenannten „positiven Antisemitismus“, in dem Juden pauschal bessere menschliche Charaktereigenschaften zugesprochen werden. Bitte nicht verwechseln mit Fähigkeiten, die durch Erziehung und Konditionierung erworben werden. Hier kann es Unterschiede geben, die vergleichbar mit Milieuunterschieden sind.

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  2. Adressat unbekannt habe ich vor langer Zeit gelesen. Ich erinnere mich noch an das schmale Bändchen, dass immer zwischen den dicken Romanen im Regal zu verschwinden drohte und wie ich mich freute, wenn jemand danach fragte. Es ist ein Buch, das bleibt!

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    1. Ich muss ehrlich gestehen, mir war der Titel bisher nicht bekannt und eine Entdeckung, aber daran erkennt man auch, dass es Literatur gibt, die immer wieder entdeckt werden kann. Deine letzte Bemerkung, liebe Marina, finde ich sehr passend und trifft es wahrlich: Ein Buch, das bleibt! Viele Grüße nach Berlin

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  3. ich kenne das Buch schon sehr lange (früher gab es das bei Rowohlt) und habe es schon oft verschenkt,weil ich es – genau wie du – für sehr stark halte. Wie man auf so wenigen Seiten eine so sehr im Gedächtnis bleibende Geschichte schreiben kann, das ist toll! Es spricht auch für das Buch, dass ich es nach vielen Jahren (ich glaube ich habe es vor etwa 15 Jahren gelesen) immer noch im Kopf habe. Aber dass der Vorname Katherine ist, wusste ich nicht, ich habe mich immer über den sonderbaren Vornamen Kressman gewundert;))

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