Schein und Sein – Richard Russo „Diese gottverdammten Träume“

„Die Menschen waren nun mal, wie sie waren, mochten sie sich auch noch so bemühen, anders zu sein.“

In einer Kleinstadt lebt bekanntlich eine überschaubare Anzahl an Menschen. Man kennt sich und das Leben der anderen, ihre Familien, ihr Glück und ihr Leid. Ob gute oder schlechte Nachrichten, sie machen schnell die Runde. Und meist liegt das Wohl und das Wehe der Stadt in den Händen nur weniger. Empire Falls, im amerikanischen Bundesstaat Maine gelegen, macht da sicher keine Ausnahme. Nur sollte an dieser Stelle schon einmal erwähnt werden, dass die Stadt und ihre Einwohner fiktiv und Schöpfung des amerikanischen Schriftstellers Richard Russo sind, der für sein literarisches Porträt von Empire Falls 2002 den renommierten Pulitzerpreis erhalten hat. 

20160929_215923

Wer einmal den Fuß in diese Stadt gesetzt beziehungsweise die ersten Seiten des umfangreichen Romans gelesen hat, wird so schnell nicht das Weite suchen oder von der Geschichte loslassen können. Ganz im Gegenteil. Man ist einfach drin – eine einfache Wendung, die in Sachen Literatur, allen voran der erzählenden Prosa ein großes Kompliment sein kann und in diesem besonderen Fall auch ist -, und richtet sich ein – als ein stiller, aber interessierter Beobachter.

Der Leser lernt eine überschaubare Menge an Charakteren kennen. Im Mittelpunkt steht Miles Roby, der in Empire Falls das Diner „Empire Grill“ betreibt; unterstützt von seinem einstigen Jugend-Schwarm Candace und seinem Bruder David, der bei einem schweren wie einzigartigen Unfall zwar dem Tod von der Schippe gesprungen ist, allerdings schwer verletzt einen Arm eingebüßt hat. Miles Frau lässt sich scheiden, um sich Walt Comeau, dem Fitness-Guru der Stadt, an den Hals zu werfen, trotz der gemeinsamen Tochter Christina, die von allen nur Tick genannt wird. Das Diner ist Treffpunkt und zugleich „letzte Bastion“ des Imperiums der Withings, die einst, in den noch glorreichen Jahren der Stadt, zudem Eigentümer zweier großer Fabriken war, die mittlerweile stillgelegt und nur noch leere Gebäudehüllen sind. Die Familien der Robys und der Withings sind trotz der Standesunterschiede indes eng verknüpft. So besitzt Francine Withing nicht nur das Diner, ist Miles damit ihr Angestellter. Ihre Tochter Cindy, die nach einem schweren Unfall seit der Kindheit gehbehindert ist, ist seit der Jugend Miles verfallen. Auch der Polizist Jimmy Minty und dessen Sohn Zack spielen eine nicht unwesentliche Rolle im Geschehen: So besuchte der Senior einst gemeinsam mit Miles die Highschool, hatte der Junior hingegen eine kurze Beziehung mit Miles Tochter.

Allgemein ist der Roman ein Buch der Generationen, in dem neben den Familiengeschichten die Konflikte zwischen Eltern und Kindern erzählt werden. So hat die Trennung von Miles und Janine Auswirkungen auf Tick, während Miles selbst von der Geschichte seiner Eltern nicht unwesentlich geprägt ist. Sein Vater Max, ein Hallodri reinster Güte, hat sich regelmäßig verdrückt, war mal hier mal dort, um Häuser anzustreichen oder sich einfach herumzutreiben. Kurzzeitig landete er im Gefängnis, dem Alkohol sprach er ebenfalls gut zu. Die schwere Erkrankung seiner Mutter Grace war schließlich der Anlass, dass Miles die Hoffnung auf ein erfolgreiches wie angesehenes Akademiker-Leben – er zählte im College zu den großen literarischen Hoffnungen – sausen ließ, noch vor dem Studien-Ende nach Empire Falls zurückgekehrte, um das Diner zu übernehmen.

„Und genau das machte das Erwachsensein aus – dass man die Fähigkeit erlangte, die Dinge, die einen berührten, tiefer in sich zu verbergen. Außer Sichtweite und, wann immer möglich, aus den Gedanken verbannt.“

Doch Russos preisgekröntes und bereits verfilmtes Werk (mit großartigen Schauspielern wie Ed Harris, Helen Hunt und Paul Newman) ist nicht nur konfliktreich und voller eindrucksvoller Charakterschilderungen sowie lebendiger Dialoge meisterlich erzählt. Der Amerikaner webt in nahezu jede Familiengeschichte ein Geheimnis ein, so die korrupten Machenschaften der Mintys, die mysteriöse Geschichte von Ticks Mitschüler John, die am Ende des Buches zu einem entsetzlichen Vorfall führen soll, und die Scheinwelt des Walt Comeau. Miles erfährt hingegen erst spät und durch einen Zufall, mit welchem Mann seine Mutter einst eine Affäre hatte. Jene Erinnerungen – in Form von Rückblenden erzählt – gehen zurück in seine Kindheit, zu einer Reise ans Meer, wo sie gemeinsam einen eindrucksvollen und gut situierten Herrn kennenlernen. Diese heimliche Beziehung soll fortan und auch über ihr Ende hinaus das Leben der Robys bestimmen. Bis Miles dies durch die Hilfe seines Bruders erkennt und sich daraus auch lösen kann, vergeht Zeit und einige Lebensjahre.

Doch trotz dieser leiser Melancholie und der ernüchternden Gewissheit, dass das Leben oftmals andere Bahnen als die erhofften, als die erträumten einschlägt, zeigt sich der Roman von seiner heiteren Seite. Sehr viel Humor, verrückte Ereignisse und Helden, doch vor allem viel Menschlichkeit zeichnen den Roman aus, der einen schmunzeln, aber auch einen Hauch Wehmut spüren lässt. „Diese gottverdammten Träume“ erzählt nicht mehr und nicht weniger vom Leben in seinem großen Ganzen, von Glück und Verlust, von Liebe und Freundschaft, von Hass und Gewalt, vom eigenen Weg und von Verantwortung für andere. Letztlich nimmt er uns mit in eine Kleinstadt und in Familien, die es wohl überall geben könnte.

 

 


Richard Russo: „Die gottverdammten Träume“ erschien im Dumont Verlag. in der Übersetzung aus dem Englischen von Monika Köpfer; 752 Seiten, 24,99 Euro