Turbulenzen – Richard Russo „Ein Mann der Tat“

„Schlimm genug, dass alle Beziehungen zwischen den Lebenden unentwegt von Angst, Bestechlichkeit, Narzissmus und Hunderten anderen Dingen untergraben wurden (…).“ 

Ein Unglück kommt selten allein. Douglas Raymer, Leiter der Polizei in North Bath im Bundesstaat New York, fällt nicht nur in Ohnmacht und während der Beerdigung des von ihm wenig geschätzten Richters Flatt in dessen Grab. Raymer verliert zudem dabei ein wichtiges Beweisstück in einer sehr privaten Ermittlung: Ein Garagen-Öffner könnte ihn zu dem Liebhaber seiner Frau Becka führen, der er seit ihrem schrecklichen Tod vor gut einem Jahr trotz alledem nachtrauert. Der unfreiwillige Sturz des Chiefs ist Auftakt einer ganzen Serie von sowohl skurrilen Vorfällen als auch entsetzlichen Gewalttaten in der Kleinstadt. Dabei steht mit dem Memorial-Day ein Wochenende der Ruhe und der Besinnung und mit der Umbenennung der örtlichen Schule nach einer beliebten Lehrerin ein denkwürdiges Ereignis an. 

Skurrile Begebenheiten

Richard Russo führt in seinem neuesten Roman „Ein Mann der Tat“ seine Figuren durch eine bewegte Zeit, an deren Ende nichts mehr ist, wie es einmal war. Für Leser breitet er indes eine Geschichte aus, die zeitlich nur wenige Tage umfasst, doch mit Blick auf den Umfang des Buches mit seinen nahezu 700 Seiten den Bereich der dicken Wälzer ankratzt. Schon hier zeigt sich die erzählerische Klasse des Amerikaners, der für „Diese gottverdammten Träume“ (Dumont) 2002 den renommierten Pulitzerpreis erhalten hat. Nie hat man den Eindruck, er sagt mehr, als er muss oder verirrt sich in den Geschichten und Schicksalen seiner Helden. Alles fügt sich am Ende zusammen, und North Bath kann wieder etwas zur Ruhe kommen – nachdem vieles geschehen ist, was im Gedächtnis der Einwohner bleiben wird. Da stürzt die Mauer einer alten Fabrik ein, stinkt es wegen Abwässer aus einem einstigen Abdecker-Betrieb zum Himmel, sorgt eine giftige Schlange für Angst und Aufregung. Zudem wird das geliebte Auto von Jerome, dem Bruder von Raymers Kollegin Charice, von einem Unbekannten demoliert, büxt die psychisch labile Ehefrau des Bürgermeisters regelmäßig aus.

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Und in diesem turbulenten Zeiten mittendrin: Roy, ein unberechenbarer und gewalttätiger Exsträfling, der seine Exfrau vermöbelt hat und nach dem Knast auf Rache sinnt. Doch keiner kann ahnen, auf wen er es abgesehen hat, denn seine wahren Pläne verbirgt er hinter einer Maske aus Heuchelei und Verlogenheit. Nach einer Nacht mit seiner Exfrau Janey schlägt er auf deren Mutter Ruth ein. Sie führt ein Diner in der Stadt und hatte einst ein Verhältnis mit Sully, der mit einer geglückten Dreierwette und einer Erbschaft zu viel Geld gekommen ist, aber von den Ärzten eine schlechte Diagnose erfahren hat.

„Wir vergeben anderen nicht, weil sie es verdienen, sagte sie. Wir vergeben ihnen, weil wir es verdienen.“

Ist die erste Hälfte in einem ironischen, humorvollen Ton gehalten, der mich immer wieder erheitert und zu einigen Schmunzel-Attacken gebracht hat, hängt über dem zweiten Part eine etwas düstere, aufgeladene und ja auch morbide Stimmung. Gemeinsam mit Sully und dem erfolglosen Unternehmer plant Raymer, das Grab des Richters zu öffnen, um an den Garagen-Öffner zu kommen, entgeht der Chef der Polizei während eines Abends mit seiner Kollegin Charice nur knapp einem Blitzschlag; um  aber fortan eine zweite Stimme in seinem Kopf zu hören. Tragen diese skurrilen Begebenheiten zur Unterhaltung bei, vergißt Russo nicht, dem Geschehen Ernsthaftigkeit zu verleihen. In einigen seiner Figuren, die in einer trostlosen Provinzstadt, „Zwillingsschwester“ der nahe gelegenen Boom-Stadt Schuyler Springs, zu Hause sind, spiegelt sich das scheinbar Vergebliche ihres Tuns, obwohl jede Handlung früher oder später eine Wirkung, ein Ergebnis erzielt: Zack, der Ehemann von Ruth, repariert alte Geräte, um sie gewinnbringend zu verkaufen – nicht ohne Erfolg, auch Raymers Gefühlswelt wird schließlich mit der Zeit auf die richtige Bahn gelenkt.

Von Vergebung und Loslassen

„Ein Mann der Tat“ erzählt über die Tiefen des Lebens, das scheinbare Scheitern, das nur im Kopf desjenigen existiert, der im Selbstmitleid schwimmt, statt seine Wünsche und Hoffnungen zu verwirklichen. Zugleich ist der Roman ein Buch über Vergebung, Abschied und Loslassen. Besonders berührend: die kurze, aber umso in Erinnerung bleibende Vorgeschichte von Sully, der als junger Mann freiwillig in den Krieg zieht. Der Erzähler wirkt wie ein Vertrauter der Protagonisten, die er regelmäßig an verschiedenen Plätzen und Orten aufsucht und sie dadurch nie aus dem Blickfeld verliert. Russos neuestes Werk ist sowohl ein Roman zum Wegschmökern als auch ein sehr nachhaltiges Werk, weil es sich dank seiner Lebensweisheit und markanter Helden einprägt in den Leser; und dafür sollte man sehr dankbar sein.


Richard Russo: „Ein Mann der Tat“, erschienen im Dumont Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Monika Köpfer; 688 Seiten, 26 Euro

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