Anne Holt – „In Staub und Asche“

„Eine Gesellschaft ist verletzlich. Sie ist auf Vertrauen aufgebaut.“ 

Sie hießen Ida, Maria, Espen, Andreas. Vier der insgesamt 77 Menschen, die am 22. Juli 2011 während des Anschlags des rechtsextremen Terroristen Anders Behring Breivik in Oslo und auf der Insel Utøya getötet wurden. Unter den Opfern befanden sich zahlreiche Kinder und Jugendliche eines Zeltlagers der sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Das Attentat hat eine Wunde in die Seele des Landes gerissen. Des Landes, das so sicher und friedvoll galt, dessen Einwohner glücklich und zufrieden schienen. Der Anschlag hat gezeigt, dass Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit ein Teil der Gesellschaft sind. Mittlerweile sind dieser Tag und seine Folgen auch in der norwegischen Literatur angekommen. In ihrem Roman „In Staub und Asche“ widmet sich die Krimi-Autorin Anne Holt diesem anspruchsvollen Thema – und das meisterhaft. Anne Holt – „In Staub und Asche“ weiterlesen

Herbstlese(n) – Blick in die Vorschauen

Mit Blick in die im Frühjahr nach und nach veröffentlichten Vorschauen der verschiedenen Verlage ist ja schon seit einigen Wochen gefühlt wieder Herbst. Was uns die bunte Jahreszeit so bringt, stelle ich nach dem Durchstöbern der künftigen Programme an dieser Stelle vor. Welche kommenden Titel mein Interesse geweckt haben? Ich kann nur soviel sagen, es sind nicht wenige. Besonders auffällig: die Vielzahl an historischen Stoffen. Allgemein sollte nicht vergessen werden, dass durch die Absage der Leipziger Buchmesse und wegen einer Vielzahl fehlender Lesungen, die Frühjahrsbücher weniger Aufmerksamkeit erhalten haben, die sie allerdings vollauf verdient hätten. Deshalb lohnt sich ein bewusster Blick in die Vorschauen gleich doppelt.

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Familie mal zwei – Bücher von Hanne Ørstavik und Helga Flatland

„Irgendwas ist in jeder Familie.“ 

Keine Familie ist wie die andere. In ihr herrschen Gesetze und Geheimnisse sowie Bindungen und Emotionen unterschiedlicher Stärke. Sie kann wachsen und über Generationen hinweg bestehen oder sich auflösen. Die beiden norwegischen Autorinnen Helga Flatland und Hanne Ørstavik haben mit „Eine moderne Familie“ und „Die Zeit, die es dauert“ zwei besondere, sehr verschiedene Geschichten über dieses Thema geschrieben. Beide Titel ergänzen sich wunderbar und geben zugleich einen spannenden Einblick in die Gegenwartsliteratur des nordischen Landes.

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Stig Sæterbakken – „Durch die Nacht“

„Menschen, die am Rand eines Abgrunds stehen, kennen sich nicht.“

Es liegen nur wenige Monate zwischen der Veröffentlichung seines Romans „Gjennom natten“ und seiner letzten Entscheidung. Am 24. Januar 2012 nahm sich der norwegische Schriftsteller Stig Sæterbakken das Leben. Er zählte in seinem Heimatland zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart, Karl Ove Knausgård schätzte ihn. Sein literarisches Schaffen weist eine große Bandbreite auf, es reicht von Romanen über Lyrik bis zu Essays und Erzählungen. Zudem übersetzte er erfolgreich aus dem Englischen. Mit acht Jahren Zeitunterschied erschien mit „Durch die Nacht“ nun Sæterbakkens letztes Werk in deutscher Übersetung. Ein erschütternder und beklemmender Roman, der lange nachhallt.

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Tommi Kinnunen – „Das Licht in deinen Augen“

„Jeder Mensch muss entscheiden, ob er sich vor der Welt fürchten will oder nicht.“ 

Von einem Dorf im Norden Finnlands hat das Leben sie in die Stadt geführt. Schon in der Jugend verlassen Helena und ihr Neffe Tuomas ihren Heimatort. Sie wird bereits als Kind von ihren Eltern auf die Blindenschule geschickt, er entflieht der Familie als Student. Lange hat Tuomas seine Homosexualität verheimlicht. Beide gehen ihre Lebenswege – nicht ohne Schicksalsschläge zu erfahren. Beide sind mit ihrer Familie verbunden – mehr oder minder. Nach „Wege, die sich kreuzen“ hat der Finne Tommi Kinnunen einen zweiten, ebenfalls beeindruckenden Band über die Familie Löytövaara geschrieben – erneut mit Geschichten und Personen aus der eigenen Familie als Grundlage.

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Roy Jacobsen – „Die Unsichtbaren“

„Der Gegensatz zwischen Meer und Land war immer schon da, in Gestalt einer Unruhe oder einer Sehnsucht.“

Barrøy – eine kleine Insel, die auf keiner realen Karte Norwegens eingezeichnet, sondern „nur“ auf einer literarischen Karte des nordischen Landes zu finden ist. Das von Wind und Meer umtoste, abgelegene wie karge Eiland, einige Ruderstunden vom Festland entfernt, ist Schauplatz der beeindruckenden Romantrilogie „Die Unsichtbaren“ des norwegischen Schriftstellers Roy Jacobsen – und die Heimat von Ingrid, die auf der Insel geboren wird und hier aufwächst, die hier die Zeit des Krieges erlebt, um später ihr Zuhause zu verlassen und sich auf die Spuren eines Mannes zu begeben.

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Jørn Lier Horst – „Wisting und der Tag der Vermissten“

„Wir sind nicht entweder-oder, sondern sowohl-als-auch.“

Zwei Frauen sind verschwunden. Nie wurden ihre Leichen gefunden, nie ein Tatort ermittelt. Noch immer ist unklar, ob sie tot sind oder mittlerweile an einem unbekannten Ort leben, ob ein Zusammenhang zwischen ihnen besteht. Mehr als 20 Jahre sind ins Land gegangen. Vor allem der Fall um Katharina Haugen beschäftigt William Wisting noch immer. Regelmäßig holt der erfahrene Ermittler die Fallakten aus seinem Schrank und liest darin. Jedes Jahr am Tag ihres Verschwindens besucht er deren Ehemann Martin. Schließlich nimmt Adam Stiller von der Einheit für ungeklärte Fälle Kontakt zu Wisting auf. Der Grund: Neue Erkenntnisse im Zusammenhang mit der vermissten 17-jährigen Nadia Krogh, die bereits zwei Jahre vor Katharina spurlos verschwunden war, machen Martin Haugen zum Verdächtigen. Jørn Lier Horst – „Wisting und der Tag der Vermissten“ weiterlesen

Knut Ødegård – „Die Zeit ist gekommen“

„(…) und mich zu den Stimmen im Eis und Schnee hinauszuschicken.“

Warum erst jetzt? Warum musste so viel Zeit verstreichen, ins Land gehen? Knut Ødegård schrieb in den vergangenen mehr als 50 Jahren zahlreiche Gedichtbände, auch Prosawerke sowie Kinder- und Jugendbücher. Die Liste der Preise, die der norwegische Lyriker erhalten hat, ist lang. Seine Werke sind in bisher 42 Sprachen übersetzt worden. Doch erst im vergangenen Jahr erschien mit „Die Zeit ist gekommen“ („Tida er inne“, 2017, Cappellen Damm ) ein Band Ødegårds in deutscher Übertragung im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse mit Norwegen als Gastland. Eine längst überfällige Veröffentlichung, zumal es sich um den jüngsten Band des Schriftstellers handelt. Für die Entscheidung des Elif Verlags sollte man sehr dankbar sein. Knut Ødegård – „Die Zeit ist gekommen“ weiterlesen

Øistein Borge – „Kreuzschnitt“

„Wieso sollten auch Werke von einigen der anerkanntesten Künstlern Europas an der Wand dieses unansehnlichen Bauernhauses hängen?“

Geld schützt nicht vor Mord. Der Immobilienmogul Axel Krogh, einer der reichsten Männer Norwegens, wird in seiner Villa an der Côte d’Azur tot aufgefunden. Sein Leichnam wurde geschändet, im Rücken des bereits betagten Mannes hat der Mörder ein blutiges Kreuz hinterlassen. Kroghs Tochter Ella und Erik Jacobsen, Konzernchef der Krogh-Gruppe, finden den Toten und entdecken, dass auch ein Gemälde eines unbekannten Künstlers aus dem Anwesen gestohlen wurde. Der Osloer Kommissar Bogart Bull wird für die Ermittlungen nach Frankreich entsendet, wo er auf ein dunkles Geheimnis der Familie stößt und dass der Maler des Bildes nicht wirklich unbekannt ist. Øistein Borge – „Kreuzschnitt“ weiterlesen

Lars Saabye Christensen – „Die Spuren der Stadt“

„Das ganze Leben ist eine Frist.“

Es gibt Schriftsteller, die füllen mit ihren Werken mit der Zeit nicht nur die Regale ihrer Leser. Sie sind Begleiter – über Jahre, Jahrzehnte. Für mich ist der Norweger Lars Saabye Christensen ein solcher Autor. Ich lernte ihn mit seinem Roman „Yesterday“ kennen, in dem vier Jungen im Mittelpunkt stehen, die in Oslo der 1960er-Jahre die Beatlesmania hautnah erleben. Ich verschlang vor einigen Jahren Christensens preisgekröntes Werk „Der Halbbruder“, zuletzt verschaffte mir der dicke Wälzer „Magnet“ eine eindrückliche Lektüre. Vor einigen Monaten erschien in deutscher Übersetzung sein Roman „Die Spuren der Stadt“ – sein nicht ohne Grund vermutlich bisher persönlichstes Buch.

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Gøhril Gabrielsen – „Die Einsamkeit der Seevögel“

„Die eigene Verwundbarkeit analysieren, das ist es, was dieser Ort und ich brauchen (…).“

Dunkelheit und Kälte herrschen. Es ist Winter im äußersten Norden Norwegens. Eine Fischerhütte ist für die kommenden Wochen und Monate das Zuhause einer Wissenschaftlerin. Der nächste Ort ist 100 Kilometer entfernt. Sie will forschen, erfahren, wie sich die Klimaveränderungen auf die Populationen der Seevögel auswirken. Doch die Zeit als Einsiedlerin, ausgeliefert der kargen und weiten Landschaft und den Witterungsbedingungen, wird für die junge Frau zu einer intensiven körperlichen wie mentalen Herausforderung, weil auch ihre eigenen Erwartungen an diesen Forschungsaufenthalt anders sind als die Realität und sie überrollt wird von der Vergangenheit. Gøhril Gabrielsen – „Die Einsamkeit der Seevögel“ weiterlesen

Andreas Tjernshaugen – „Von Walen und Menschen“

„Unter den Wellen manövriert das größte Tier der Welt wie ein Kunstflugpilot oder ein verspielter Rabe in einer Windböe.“

Andreas Tjernshaugen hat bereits über die nur wenige Gramm schweren und nicht einmal Handteller großen Meisen geschrieben. Sein Buch „Das verborgene Leben der Meisen“ (Insel Verlag) wurde ein Erfolg, ein Bestseller, auch in Deutschland. In seinem neuesten Werk wendet sich der Norweger dem ganzen Gegenteil zu: den größten Tieren auf unserem Planeten –  den tonnenschweren Walen, wobei besonders der Blauwal im Mittelpunkt steht. Der Soziologe und Sachbuch-Autor scheint die Kontraste zu lieben. Sein Buch ist eine Liebeserklärung an die einzigartigen Säuger, aber auch eine Abrechnung mit dem gefährlichsten und gewissenlosesten Raubtier, uns Menschen.

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Jón Kalman Stefánsson – „Ástas Geschichte“

„Und das Leben kann ein so schrecklich kurzer Atemzug sein.“

Was ist ein Leben anderes als ein Wollknäuel aus Fäden verschiedener Farben, die sowohl für die eigenen Erlebnisse, Gedanken und Erinnerungen als auch für die Gedanken und Erinnerungen anderer, die uns all die Jahre über begleiten, stehen. An ein solches Wollknäuel erinnert der neue Roman des Isländers Jón Kalman Stefánsson, denn in „Ástas Geschichte“ findet sich ein Chor aus Stimmen, die zusammengefügt ein eindrückliches Bild einer besonderen Frau erschaffen.

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Jan Kjærstad – „Berge“

„Norwegen braucht Glückskekse, wenn das Erdölzeitalter dem Ende zugeht.“

Für dieses Buch schrumpft mein Vorrat an bunten Post-its erheblich. Zahlreiche gelbe und rote Fähnchen zieren nunmehr diesen Band mit dem dunklen Umschlag. Die Farben sollen bitte nicht politisch verstanden werden. Obwohl der neue Roman mit dem kurzen Titel „Berge“ des norwegischen Schriftstellers Jan Kjærstad vor allem ein politischer ist und mit dem er nach zuletzt „Das Norman-Areal“ wieder eindrucksvoll seine Klasse beweist.

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Erik Fosnes Hansen – „Ein Hummerleben“

„Hier sitzt ihr, als ob nichts passiert wäre. Aber es ist etwas passiert. Jawohl!“

Bekanntlich begleitet Hitze das Lebensende zahlloser Hummer. Aus dem Wasser des unendlichen Meeres gefischt, führt ihr Weg unweigerlich in einen Kochtopf, um später für den Hochgenuss von Feinschmeckern zu sorgen.  Das Krustentier spielt eine wesentliche Rolle im neuen Roman des norwegischen Schriftstellers Erik Fosnes Hansen und findet sich deshalb auch im Titel des Buches wieder. 29 Jahre nach seinem vielbeachteten Bestseller „Choral am Ende der Reise“ und dem darin erzählten Untergang der Titanic widmet sich Hansen erneut dem Thema Vergänglichkeit und Endlichkeit – am Beispiel eines mondänen Berghotels, das schon bessere Tage erlebt hat. Erik Fosnes Hansen – „Ein Hummerleben“ weiterlesen

Norwegen, Frankfurt og Signe – ein etwas anderer Blick auf die Buchmesse

Wenn ich über Norwegen und die diesjährige Frankfurter Buchmesse schreibe, komme ich nicht herum, über die Fotos zu erzählen, die in meiner Wohnung an einer Wand hängen und vor denen ich oft stehe, um die Gesichter der Personen zu betrachten. Es sind Bilder in unterschiedlicher Größe und mit verschiedenen Rahmen, aber stets in Schwarz-Weiß. Einige zeigen Signe. Eine Frau, über die ich mehr und mehr nachdenke, deren Leben ein Teil von mir geworden ist, wie auch ihr Heimatland ein Teil von mir ist. Norwegen, Frankfurt og Signe – ein etwas anderer Blick auf die Buchmesse weiterlesen

Johan Harstad „Max, Mischa & die Tet-Offensive“

„Und wer waren wir geworden? Erinnerten wir uns überhaupt noch an uns selbst? Und wenn ja, wie lange noch?“ 

Schon als ich die norwegische Originalausgabe während einer der früheren Frankfurter Buchmessen in der Hand gehalten habe, war da dieses Gefühl, ein besonderes Buch vor sich zu haben. Dieser Name, dieses Gewicht, dieser Umfang… Sechs Jahre hat der Norweger Johan Harstad an seinem bereits 2015 in seinem Heimatland erschienenen Roman mit dem ungewöhnlichen Titel „Max, Mischa & die Tet-Offensive“ geschrieben. Johan Harstad „Max, Mischa & die Tet-Offensive“ weiterlesen

Simon Stranger – „Vergesst unsere Namen nicht“

„M wie das Monster, das in jedem von uns ruht.“ 

Ihre Spur zieht sich durch ganz Europa. Es gibt wohl keine größere Stadt, in der sie nicht zu finden sind. Die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig sind Kunstwerk und Mahnmal zugleich. Sie erinnern in nunmehr bereits 24 Ländern an Menschen, die während des Nationalsozialismus verhaftet, deportiert und ermordet oder in den Freitod getrieben worden sind. Auch in der norwegischen Stadt Trondheim gibt es jene Messingtafeln mit den Lebensdaten der Opfer. In eine ist der Name Hirsch Komissar eingraviert. Die Geschichte des jüdischen Ingenieurs, der seine Ausbildung im sächsischen Mittweida absolviert und später als Geschäftsmann und Inhaber eines Modegeschäfts gewirkt hat, ist Teil der Familienhistorie des norwegischen Autors Simon Stranger, der darüber einen preisgekrönten Roman geschrieben hat.

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