Das Böse – Ian McGuire „Nordwasser“

„Wunder geschehen. Wenn das große Böse existiert, warum nicht auch das große Gute.“

Zu Beginn ein Geständnis. Ich bin kein Freund von Horrorfilmen. Wenn ein solcher zur Sneak Preview im Kino läuft, verlasse ich trotz der Vorfreude hastig den Saal. Es bringt bekanntlich nichts, sich hinter dem Sessel der Vorreihe zu verstecken, um die blutig-grausigen Szenen nicht sehen zu müssen. Kinobesuch bedeutet nunmal, auf die Leinwand zu schauen. Und auch in drastischen Krimis blende ich für mich so manche Bilder der Gewalt aus, in dem ich die Augen schließe oder auf der Couch sitzend mir ein Kissen vor’s Gesicht halte. Wenigstens vorübergehend. Und dann kommt „Nordwasser“. Ein Buch in Blau und Weiß gehalten mit der Schwanzflosse eines Wals auf dem Cover als Blickfang, für dessen Lektüre man starke Nerven braucht und man nicht gar so ängstlich sein sollte.  Doch obwohl furchtsam gegenüber exzessiven Gewaltszenen habe ich trotzdem den Roman des britischen Schriftstellers Ian McGuire gelesen, weil es sich einem speziellen Thema widmet, das mich seit einigen Jahren ungemein fasziniert: dem ewigen Eis.

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Kälte – Tor Even Svanes „Ins Westeis“

„Und Entfernung ist auch nicht das Wort, das sie gesucht hat. Dieses Wort ist Kälte.“

Als im Dezember 2014 das norwegische Parlament beschloss, die staatlichen Subventionen für die kommerzielle Robbenjagd in Höhe von jährlich 12 Millionen Kronen (etwa 1,3 Millionen Euro) komplett zu streichen, atmeten Tierschützer erleichtert auf, bildete die Förderung doch einen beträchtlichen Hauptteil der Einnahmen der Jäger. Wenige Jahre zuvor hatte die EU ein generelles Einfuhr-Verbot für Robben-Produkte aus Norwegen und Kanada verhängt. Wie blutig die Jagd im europäischen Nordmeer ist, beschreibt der Norweger Tor Even Svanes in seinem herausragenden, spannenden wie eindringlichen Roman „Ins Westeis“. Doch nicht nur das Verhältnis zwischen Mensch und Tier steht in dem schmalen Band im Mittelpunkt, jenes zwischen den Menschen, konkret zwischen der männlichen Besatzung eines Robbenjagd-Schiffes und einer jungen Tierärztin spielt eine nicht unwesentliche Rolle. Kälte – Tor Even Svanes „Ins Westeis“ weiterlesen

Spurensuche im ewigen Eis – Stephan Orth "Opas Eisberg"

„Es ist ein seltsames Gefühl, wenn man in eine menschenfeindlichen Wildnis reist, weit weg von der Zivilisation, und dann plötzlich der kargste Ort der Welt etwas Vertrautes gewinnt.“

Das besondere Vermächtnis zeigt sich als „unscheinbares Büchlein“. Gezeichnet vom Zahn der Zeit und Aufenthalten in fremden Ländern erzählt es als Tagebuch die Geschichte einer gefährlichen Abenteuerreise. 1912 gehörte der spätere Architekt Roderich Fick, damals nur 25 Jahre alt, der Schweizer Grönland-Expedition unter der Regie des Expeditionsleiters Alfred de Quervain an. 100 Jahre später wandelt dessen Enkel Stephan Orth auf den Spuren seines Großvaters. Der „Spiegel-Online“-Redakteur wagt sich nach einer ersten Tour zur größten Insel der Welt gemeinsam mit einigen Familienmitgliedern wenig später erneut in die Arktis. Sein Plan: die Überquerung des grönländischen Inlandeises von Ost nach West. Seinen „Opa“ hat Orth nie gekannt, der viele Jahre vor seiner Geburt infolge eines Herzinfarkts verstorben war. Obwohl das Grönland-Kapitel aus dem Leben des Vorfahren der Familie wohlbekannt ist, zählten doch Andenken wie Walross-Elfenbein und Kajak-Paddel zu den besonderen Erbstücken, wird erst dieses Tagebuch zum Auslöser der herausfordernden Jubiläums-Tour im Vier-Mann-Team. Spurensuche im ewigen Eis – Stephan Orth "Opas Eisberg" weiterlesen

Kampf der Kulturen – Kim Leine "Ewigkeitsfjord"

„In diesem Land verstreicht die Zeit nur langsam, und die Jahre vergehen schnell. Dies ist ein Land, das viel nimmt, stimmt er zu. Mehr, als es gibt, erwidert sie.“

Sein Ziel ist das Land des Eises, auch wenn der legendäre Wikinger Erik der Rote der großen Insel hoch oben im Norden den Namen „grünes Land“ gegeben hat. Auf Grönland herrschen nicht nur die Kälte und die Dunkelheit in der langen Winterzeit. Die Sitten sind andere als in seiner Heimat Dänemark. Das wird dem angehenden Pfarrer und Sohn eines norwegischen Schulleiters Morten Falck schnell bewusst, als er nach einer mehrwöchigen strapaziösen Schifffahrt den Westen der Insel erreicht. Doch es sind nicht die rauen Sitten der Ureinwohner Grönlands, die den jungen Missionar bei seiner Ankunft erschüttern. Vielmehr wird in den kommenden Jahren der Geistliche, der eigentlich den Beruf eines Mediziners erlernen wollte, mit den unmenschlichen Verhalten der dänischen Kolonialherren gegenüber den Ureinwohnern konfrontiert. Kampf der Kulturen – Kim Leine "Ewigkeitsfjord" weiterlesen