Kälte – Tor Even Svanes „Ins Westeis“

„Und Entfernung ist auch nicht das Wort, das sie gesucht hat. Dieses Wort ist Kälte.“

Als im Dezember 2014 das norwegische Parlament beschloss, die staatlichen Subventionen für die kommerzielle Robbenjagd in Höhe von jährlich 12 Millionen Kronen (etwa 1,3 Millionen Euro) komplett zu streichen, atmeten Tierschützer erleichtert auf, bildete die Förderung doch einen beträchtlichen Hauptteil der Einnahmen der Jäger. Wenige Jahre zuvor hatte die EU ein generelles Einfuhr-Verbot für Robben-Produkte aus Norwegen und Kanada verhängt. Wie blutig die Jagd im europäischen Nordmeer ist, beschreibt der Norweger Tor Even Svanes in seinem herausragenden, spannenden wie eindringlichen Roman „Ins Westeis“. Doch nicht nur das Verhältnis zwischen Mensch und Tier steht in dem schmalen Band im Mittelpunkt, jenes zwischen den Menschen, konkret zwischen der männlichen Besatzung eines Robbenjagd-Schiffes und einer jungen Tierärztin spielt eine nicht unwesentliche Rolle.

Die junge Veterinärmedizinerin Mari erhält von der Fischerei-Aufsichtsbehörde den Auftrag, die Fahrt der M/S Kvalfjord zu begleiten. Die Besatzung aus einer Handvoll Männer ist überschaubar. Die Tour vom nordnorwegischen Tromsø in das Eismeer vor Grönland soll mehrere Wochen dauern, Mari ist die einzige Frau an Bord, und es ist ihre erste See-Fahrt dieser Art. Was mit kleinen Neckereien gegen sie beginnt, entwickelt sich zu einem Psychoterror mit beispielloser Skrupellosigkeit. Zuerst ist die Kleidung vor dem Duschraum verschwunden, wird vor ihrer Kajüte geraucht, das Telefon als einziger Kontakt zur Außenwelt gekappt. Später wird sie beschimpft, bedroht, sexuell belästigt. Vor allem, als sie im Fanggebiet angekommen die Arbeitsweise des ersten Schützen Erik kritisiert, nimmt die Besatzung, darunter auch der Kapitän, die Tierärztin kräftig in die Mangel und beweist ihre Macht. Jeder Tag wird für die Frau zu einem einzigen Spießruten-Lauf, der sie verängstigt, zerrüttet und mit den Nerven am Boden zurücklässt.

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Und es sind auch jene rücksichtslosen, gegen Gesetze verstoßenden Jagd-Methoden, die die junge Frau entsetzen. Mari hat zwar den Jagdschein, kennt sich damit mit jenen Gepflogenheiten aus, doch wie die Männer mit den wehrlosen Tieren, darunter auch jungen Robben, umgehen, lässt sie verzweifeln. Den Robben wird das Leid nicht erspart, sie werden abgeschlachtet, mit mehreren ungenauen Schüssen niedergestreckt, mit eisernen Pickeln und Teleskop-Stangen gequält. Bis sie sterben, vergeht eine lange Zeit. Als eine dänische Schiffskontrolle die M/S Kvalfjord schließlich erreicht, schöpft Mari neuen Mut. Doch ihre Hoffnung wird zerstört, so dass sie nur mit einer lebensgefährlichen Aktion einen Ausweg aus ihrer gefährlichen und ungewissen Lage weiß.

Sind seine Charaktere Geschöpfe seiner Einbildungskraft, greift Svanes bei den Schilderungen des Robbenfanges auf reale Berichte von Inspektoren zurück. Die Erzählweise des 38-jährigen Norwegers erinnert an zerklüftete Eisschollen. Nicht nur rein optisch wegen der kurzen Passagen, die manchmal auch einzeln für sich stehend eine ganze Buchseite füllen. Der Leser findet sich in verschiedenen Zeiten und thematischen Ebenen wieder. Jeder wird deshalb seinen ganz persönlichen Fokus wählen, sich mehr mit der Robbenjagd und das Verhältnis Mensch – Tier oder wiederum mit dem Verhältnis zwischen Mann und Frau beschäftigen wollen. Die Ereignisse im Westeis sind umgeben von Maris Erinnerungen an ihren Vater, der eines Tages einen tragischen Herzinfarkt erlitten hatte, sowie an die der Fahrt nachfolgenden Verhandlung, die landesweit Aufsehen erregen soll. Zudem ist ihr unsortierter, fetzenartiger Gedankenstrom auch Ausdruck für ihren inneren Gemütszustand. Nach den traumatischen Erlebnissen soll sie psychologisch untersucht werden. Svanes literarische Bilder sind wie in Eis gemeißelt, klar und sehr genau. Man gewinnt den Eindruck, er erschafft mit Worten Standaufnahmen, auf die der Blick lange verharren kann. Das kann im Fall der blutigen Robbenjagd unerträglich und schmerzvoll sein, im Fall der wunderschönen Landschaftsbeschreibungen jedoch als eine Art Erholung erscheinen; vorausgesetzt man mag eisige Regionen mit ihren Extremen und ihrer Kargheit.

„Nur Fragmente. Ihre Erinnerung an diese Zeit ist eine kahle Ebene, über die der Wind die Schneeschauer fegt und von einem Tag auf den anderen alles unkenntlich macht.“

Svanes, der neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller an der Universität Oslo im Bereich medizinische Forschungsethik arbeitet, hat bereits mit seinem Debüt „Den andre sønnen“ viel Lob von den Kritikern seines Heimatlandes erfahren. Mit seinem neuesten, nunmehr dritten Werk beweist er, dass die norwegische Gegenwartsliteratur einmal mehr reich an bemerkenswerten Geschichten und eigenen literarischen Stilen ist. Am Ende des Buches wird einem gewiss, dass die Jagd-Erlebnisse die Heldin weiterhin begleiten werden: Die Plastik-Stühle am Flughafen in Grönland sind mit Robbenfell überzogen. In einer nachfolgenden Szene wird Mari Zeuge, wie ein Ureinwohner der Insel in einer kleinen Jolle ein Tier erlegt hat: fachmännisch, ohne dass das Tier lange Schmerzen erleiden musste.

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „leseschatz“, „Ankes Blog“ und „Bücherwurmloch“.


Tor Even Svanes: „Ins Westeis“, erschienen im Osburg Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann; 180 Seiten, 18 Euro

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