Saša Stanišić – „Herkunft“

„Jedes Zuhause ist ein Zufälliges.“

Wo, mit wem oder was beginnen, wenn diese Geschichte aus einem breiten Strom vieler Erinnerungen gespeist wird und sie viele Protagonisten kennt? Vielleicht mit etwas Mächtigem, das die Zeiten überdauert hat, das so bedeutsam ist, dass es in einem Brief an die Einwanderungsbehörde unbedingt erwähnt werden sollte. Das können nur Drachen sein, die das Leben des in Jugoslawien geborenen Jungen genauso geprägt haben wie das des späteren deutschsprachigen Schriftstellers, dessen Heimatland es auf der Landkarte nicht mehr gibt. Das mystische Wesen findet sich denn auch auf dem sonst sehr schlichten Umschlag des autobiografischen Romans aus der Feder jenes Autors:  Saša Stanišić hat „Herkunft“ geschrieben – ein auf den ersten Blick simpler Titel, der allerdings eine komplexe Bedeutung besitzt. Das Werk ist für den Deutschen Buchpreis nominiert und mein „Patenbuch“ als eine von insgesamt 20 Buchpreis-Bloggerinnen und -Bloggern.

Romandebüt aus dem Jahr 2004

Der in der bosnischen Kleinstadt Višegrad geborene Stanišić begleitete mich mal mehr mal weniger intensiv durch meine Lesezeit der vergangenen Jahre. Sein 2004 erschienenes Romandebüt „Wie das Soldat das Grammofon repariert“ habe ich mit sehr viel Begeisterung und Aufmerksamkeit „verschlungen“. Sein Buch „Vor dem Fest“ (2014) habe ich begonnen – und wieder zur Seite gelegt, obwohl Stanišić dafür den Preis der Leipziger Buchmesse verliehen bekam. Der Band mit Erzählungen „Fallensteller“ (2016) ging irgendwie komplett an mir vorbei. Aber nun „Herkunft“, das bisher wohl persönlichste Buch des 41-Jährigen. Das erheitert, das aber auch schmerzt, und nicht nur jenen, die ein ähnliches Schicksal, die Flucht aus der ersten Heimat, ankommen in einer zweiten und eine geteilte Familie, erleben mussten. Denn Stanišić hält sowohl sich als auch uns allen einen Spiegel vor, um sich selbst zu betrachten und um schonungslos sowie ehrlich mit unserem Land abzurechnen – mit Ausgrenzung, Demütigung, Empathielosigkeit und dem Fremdenhass. Erscheinungen, die wieder und allzu oft hierzulande zu beobachten sind.  Es ist erschreckend, wie die Zeiten wiederkehren. Oder waren sie niemals weg?

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„Herkunft“ beginnt mit Kristina, der 87-jährigen Großmutter, die plötzlich und völlig verwirrt auf die Straße läuft, dort ein für andere Passanten unsichtbares Mädchen sieht. Sie ruft nach ihm – mit ihrem eigenen Namen. Mit dem Abschied von der Großmutter endet schließlich dieses Buch. Mittendrin als kleinteiliges Mosaik zahlreiche Szenen, Erinnerungen und Gedanken, die zusammen ein eindrucksvolles Bild der bisherigen Biografie des Autors und seiner vielschichtigen Familiengeschichte erschaffen, in der eine Reihe charismatischer und liebenswürdiger Personen erscheinen und in der die Drachen sowie der heilige Georg eine besondere Rolle spielen. Stanišić erzählt von seiner Kindheit, von seiner Vorliebe für die Kicker von Roter Stern Belgrad, für das Schreiben von Geschichten, fürs Fabulieren, für Fantasie und Fiktion. Die zweite Großmutter namens Nena prophezeit aus Nierenbohnen, die er nicht ausstehen kann, dass er sich im Leben am besten „an Worte halten soll“. Es kommt, wie es kommen muss: Er wird sich mit Wörtern und Literatur beschäftigen. Seine Werke schreibt er indes in einer anderen Sprache, die er mit viel Einsatz und dank der Hilfe seines Deutschlehrers erlernt, nachdem er als 14-Jähriger mit den Eltern und Großeltern mütterlicherseits vor dem verheerenden Bürgerkrieg, vor Gewalt und Gräuel, geflohen war. Mit der Flucht und der Zeit in der Fremde hat die Familie ihr unbeschwertes Lebensgefühl verloren.

„Der Koffer aus Sprache ist mit mehr Gepäck leichter geworden. Die vielen Vokabeln und Regeln und Fertigkeiten schicken dich auf eine neue Reise. Du beginnst Geschichten zu schreiben.“

Dieses Buch hat keine stringente Handlung, keine eindeutige Erzählperspektive. So wie der Autor zwischen Ich-, Wir- und Du-Perspektive wechselt, so springt der Leser zwischen den Orten und den Zeiten, findet er sich in dessen Kindheit in einem sozialistischen Land wieder, um wenig später den Schriftsteller als Erwachsenen und Vater eines kleinen Sohnes zu begegnen. Stanišić berichtet vom Ankommen und Einleben in Heidelberg, von der schweren körperlichen Arbeit seiner Eltern, seinem Besuch der Förderklasse an der Seite weiterer Kinder aus anderen Ländern, den späteren Jahren in der Schule und der ersten Liebe. Der Verlust seiner vertrauten Heimat, die er erst nach dem Krieg wiedersehen wird, begleitet ihn fortan. 2009 sucht er ein kleines, uriges und nahe seiner Geburtsstadt gelegenes Bergdorf, in dem die Gräber seiner Vorfahren zu finden sind, an der Seite seiner Großmutter auf. 

Leser wird herausgefordert

Das Schreiben ist ein Versuch des eigenen Verortens und der Persönlichkeitsbildung, die Literatur wird zu einem Fluchtort. Als 13-Jähriger macht Stanišić die Bekanntschaft mit dem Genre „Choose your own adventure“, bei dem der Leser über den Fortgang der Geschichte entscheidet. Dass er nun diesem Genre einen Platz in seinem Roman gibt, wird für Heiterkeit und einige Herausforderungen während der Lektüre des nunmehr fiktiven Parts sorgen, obwohl gerade da die Geschichte zu einer voller Melancholie und Trauer ob der Demenz-Erkrankung der Großmutter wird.

„Herkunft“ ist ein Buch über die Zufälligkeit der familiären Wurzeln, die für manche bei der Beurteilung eines Menschen wichtiger sind als Wesen und Charakter; statt der Frage „Wer bist du und was kannst du?“ ist für viele die Frage „Wo kommst du her?“ entscheidender. Stanišić blickt sowohl auf seine eigenen Erfahrungen als auch auf die aktuelle gesellschaftliche wie politische Entwicklung. Der klug-humorige wie zutiefst berührende Roman erzählt zudem von Abschied, Vergänglichkeit und Verlust. Weil Menschen verschwinden, ein Land verschwindet, individuelle Bezugspunkte verschwinden. Was bleibt sind Erinnerungen und Geschichten, die weitergegeben werden. Darin liegt ein gewisser Trost. Auch „Herkunft“ bleibt und bleibt für viele Leser unvergessen. In meiner Lesebiografie möchte ich dieses Buch, mit dem man lachen, mit dem man weinen kann, nicht mehr missen.

PS: Leider bin ich des Nierenbohnen-Lesens nicht mächtig, um zu erkennen, ob dieses Buch einen Platz auf der Shortlist oder am Ende sein Schöpfer sogar mit dem Deutschen Buchpreis gewürdigt wird.  Aber einem „Patenkind“ wünscht man doch das Beste…


Saša Stanišić: „Herkunft“, erschienen im Luchterhand Literaturverlag; 368 Seiten, 22 Euro

Bild von Devanath auf Pixabay

 

9 Gedanken zu „Saša Stanišić – „Herkunft““

  1. Mir ging es ähnlich wie Dir. Sein erster Roman hatte mich auch unendlich berührt und ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben, nochzumal ich derselbe Jahrgang wie Stanisic bin und mich der Zerfall Jugoslawiens und der folgende Krieg damals schon allein deshalb sehr beschäftigte, weil meine Schulfreundin Belgraderin war und mit Kriegsbeginn zurück musste.
    Mit „Das Fest“ aber konnte ich nicht wirklich warm werden, an den Erzählingen habe ich mich gar nicht erst versucht.
    Deine interessante Besprechung hat mir nun aber große Lust gemacht, sein neues Buch „Herkunft“ unbedingt zu lesen. Ich bin gespannt.
    Herzliche Grüße
    Ines

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank für Deinen Kommentar, liebe Ines. Ich denke, Du solltest dieses Buch nicht verpassen, es unbedingt lesen. Es ist ein wundervolles Buch. Ich bin immer beeindruckt, wenn Melancholie und Humor zusammenkommen, aber so dass das Thema nicht an Ernst und Anspruch verliert. Solltest Du es lesen, würde ich mich sehr über Deine Meinung freuen. Viele Grüße

      Gefällt 1 Person

  2. Auch ich fand seinen Erstling besser als „Das Fest“ – obwohl das durchaus seine Qualitäten hatte. Aber mit „Herkunft“ hat er sich wieder absolut in mein literarisches Herz (gibt es das?) geschrieben. Ich fand das Buch großartig, Schön, dass er zumindest auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis steht, hoffe er kommt auch auf die Shortlist.
    Jedenfalls verkaufen wir das Buch zu meiner Freude sehr gut!
    schöne Grüße, Elvira

    Gefällt 1 Person

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